Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, ist eine Tatsache, auch wenn viele es in diesem Land nicht wahrhaben wollen. Migration gab es schon seit der Gründung eines deutschen Nationalstaats, aber auch seit der Gründung von BRD und DDR. Max Czollek kämpft um die Anerkennung dieser Tatsache, da sie eine Vielzahl von Konsequenzen birgt: die Anerkennung der vielfältigen deutschen Gesellschaft, ein Wille zur Bekämpfung von Rassismus, grundsätzlich ein besseres Zusammenleben aller Menschen in diesem Land. Gelingt ihm dieser Kampf in seinem neuen Buch? Zugegeben: Am Anfang des Buches habe ich einen unbestimmten inneren Widerstand verspürt. Wieso konnte und kann ich nicht sagen – ich musste das Buch ja nicht lesen. Ich entschied mich dazu, es zu bestellen, im Buchladen abzuholen und zu bezahlen. Daran liegt es nicht. Max Czollek promovierter Politikwissenschaftler, Lyriker, Autor und Aktivist hat mit *Gegenwartsbewältigung* seine zweite politische Streitschrift vorgelegt. Sie ist 2020 erschienen und befasst sich in insgesamt 10 Kapiteln auf knapp 200 Seiten mit der deutschen Gegenwart. Bei der Lektüre ist mir allerdings der Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapiteln nicht ganz klar geworden. Um etwas Kritik gleich am Anfang unterzubringen: Das Buch wirkte stellenweise etwas schnell gestrickt auf mich, vielleicht wegen der vielen Bezüge zu Corona. Möglicherweise wurden sie für die Aktualität noch kurz vor Veröffentlichung eingefügt. Dass mir der innere Zusammenhang der Kapitel nicht ganz deutlich wurde, habe ich zumindest genau darauf geschoben. Der Faden, der alles zusammenhält könnte allerdings die vielfältige Gesellschaft sein. So scheint mir das Buch eine Vermessung oder ein Durchschreiten der jüngsten *deutschen* Gegenwart zu sein, an denen Czolleks Reflexionen anknüpfen. Thematisch sind sie in meinen Augen aus einer [postmigrantischen Perspektive](https://de.wikipedia.org/wiki/Postmigrantische\_Gesellschaft) auf den Zustand der Gesellschaft gerichtet. Im Zentrum des Buches steht die Vielfalt der Gesellschaft und Czolleks Drängen auf die Anerkennung dieser Tatsache. Diese Anerkennung bringt Konsequenzen mit sich. Genau diese Konsequenzen spielt er an Ereignissen der jüngeren Vergangenheit bzw. Gegenwart durch. Czolleks Plädoyer: Neben der Anerkennung der vielfältigen Gegenwart in Deutschland, sollte besonders die Politik endlich ihr normatives Bild sogenannter *deutscher* Kultur und deren gewaltförmige Durchsetzung ablegen. Denn das Resultat dieser Dominanzkultur, wie er diese in Rückgriff auf Birgit Rommelspacher nennt, sind auch die Terroranschläge auf Walter Lübcke in Halle und in Hanau. Es gehört zusammen, es gehört dazu. Und es muss aufhören. Damit hat Czollek vollkommen recht. Czollek ruft dies nicht irgendwem zu, sondern v.a. Vertreter:innen der Macht und der Dominanzkultur, die ihre (bürgerliche) Vorstellung wie *Deutschsein* auszusehen hat und wie man sich zu verhalten habe, durchsetzen wollen. Er zielt gleichzeitig auf die erstarkte völkische Rechte von Kubitschek zur AfD. Das Buch ruft in mir zwar immer etwas Widerwillen hervor, aber eigentlich gefällt es mir sehr gut. Nur mit einigen seiner Bilder, wie dem des Wrestling-Matches, kann ich nicht viel anfangen. Dabei lässt er Theodor W. Adorno gegen die Leitkultur und andere antreten. Mir ist klar, warum er sie einsetzt; schön finde ich sie oftmals nicht. Abgesehen davon ist Wrestling ein Schaukampf, die Siegerin steht von vornherein fest. Das passt für mich nicht ganz mit seinem Anliegen zusammen, auch wenn klar ist, dass seine Position in seinem Buch gewinnt. Insofern kommt es mit dem verwendeten Bild hin, doch bleibt eine Leerstelle. Im Wrestling vereinbaren die beteiligten Parteien vorher wer gewinnt, das ist bei Czolleks inszeniertem Match von Leitkultur, Adorno, Gedächtnistheater und Integrationsparadigma nicht der Fall. Entscheidend ist das für mich nicht, aber das schiefe Bild hinterlässt ein kleines *Geschmäckle*. Grundsätzlich machen diese Bilder das Lesen für mich anstrengender. Czollek hat mich in gewisser Hinsicht mit seinem ersten Buch beeindruckt und auch im aktuellen Buch finden sich Begriffe und Motti, die mir nicht nur gefallen, sondern auch etwas Wesentliches enthalten. So zum Beispiel sein Diktum: Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden (87). Auf dem Buchrücken prangt dieses Zitat auch, allerdings wirkt es erst in seinem Kontext und als Abschluss des Kapitels. Es knallt sozusagen hier erst richtig und trägt eine Tiefe und Wahrheit in sich, die nun stets in meinem Kopf ist, wenn ich selbst schreibe. ## Irritationen Eine Anlehnung an Gershom Scholem fand ich dann aber doch sehr unpassend. In seinem Kapitel *Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Heimat* spricht Czollek über gestrige Heimatdiskurse, völkisches Denken und eine deutsche Leitkultur. Schon sein Titel ist eine historische Anspielung. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs versuche der Kaiser die deutsche Gesellschaft auf Krieg einzuschwören und suchte mit seiner Formel *Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche* die großen Spannungen und Brüche innerhalb der Gesellschaft zu überbrücken. Dies gelang ihm zum Teil für einen kurzen Zeitraum. Aber zurück zu Czollek, der diese Anspielung gekonnt und subtil gesetzt hat. Im Rahmen seines Kapitels schreibt er auch über den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands durch Parteien wie der AfD oder unterschiedlichen Akteuren in der Öffentlichkeit. Dabei kommt er darauf zu sprechen, dass in seinen Augen die deutsche Erinnerungskultur darauf abzielt, sich politisch zu immunisieren, um wieder ungehindert nostalgisch zu werden. Indem man also ritualisiert gedenkt (im konkreten Fall der Shoah bzw. dem Holocaust) entledigt sich die Gesellschaft politisch weiterer Verantwortung. Damit ist es möglich, zeitgleich zu erinnern und Politik zu betreiben oder zu fordern, als ob es die zu erinnernden Ereignisse nicht gegeben hätte. Czollek bezieht dies explizit nicht nur auf die AfD, sondern auch sämtliche politischen Milieus. Dafür rekurriert er auf einen Begriff von [Gershom Scholem](https://de.wikipedia.org/wiki/Gershom\_Scholem) >Die Immunisierung durch die Erinnerungskultur ist die Voraussetzung für ein nostalgisches Denken, das in der Gegenwart realisieren möchte, was in der Vergangenheit nie existiert hat. Ich möchte ein solches Denken in Anlehnung an den Kabbalaforscher Gershom Scholem als *regressive Utopie* bezeichnen,… (S. 33) Czollek verweist auf ein Buch Scholems, in dem unterschiedliche Texte gesammelt wurden. Er bezieht sich hier auf *Zum Verständnis der messianischen Idee im Judentum*. Hier schreibt Scholem, wie der Titel verrät, über Messianismus und beschreibt, dass der jüdische Messianismus seiner Meinung nach im Spannungsfeld von drei Kräften stünde: konservative, restaurative und utopische. Dabei, darauf bezieht sich Czollek, drängt die restaurative Kraft auf eine Wiedereinführung eines gedachten ursprünglichen Zustandes. Man könnte hier von einer Art Fundamentalismus sprechen, der sehr ähnlichen Mustern folgt. Die vorwärtsdrängenden Kräfte werden bei Scholem als utopisch beschrieben. Die messianische Idee entspringt aus der Verquickung der restaurativen und der utopischen Kraft, in beiden liegt beides: in der Utopie etwas Regressives und in der Regression etwas Utopisches. Was das alles mit Czolleks Buch zu tun hat? Genau das fragte ich mich auch. Der Begriff passt für mich nicht so gut, gerade weil er mir zu sehr entkontextualisiert wurde. Scholem schrieb über jüdischen Messianismus und nicht über die deutsche Post-Shoah Gesellschaft. Darüber hinaus habe ich mich gefragt, wieso Czollek sich nicht auf den Begriff der *regressiven Moderne* von Oliver Nachtwey bezieht. Hier hätte er sein Anliegen deutlich machen und auch kritisch mit Nachtweys Begriff umgehen können, ohne den Bogen zum Messianismus. Fairerweise sollte ich wohl anfügen, dass eine solche Irritation nur sehr wenige Menschen verspüren dürften. Vielleicht verstehe ich Czollek auch nicht richtig, kann sein, aber sein Buch sollte selbsterklärend sein. Andere Beobachtungen im Folgenden legen den Finger in die Wunde. Der Zynismus und die Bigotterie von Staat und Mehrheitsgesellschaft werden in den unterschiedlichen Reaktionen deutlich, die Corona hervorgerufen haben und die HIV/AIDS-Epidemie und rassistischer Terror in Deutschland. Diese pointierten Beispiele nutzt er, um aufzuzeigen, wie weit her es mit der Solidarität in der Gesellschaft ist. Besonders durch den historischen Rückblick auf die HIV / AIDS-Epidemie, die vor allem in den 1980er/90er Jahren präsent war und der rassistische Terror der die Geschichte der Bundesrepublik begleitete, auch wenn er sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich verstärkte. ## Vielfalt Ein zentrales, wenn nicht das zentrale Thema des Buches – es war auch schon das Thema des ersten Buches von Czollek (*Desintegration*) – ist Vielfalt. Er schreibt: >Die Vielfalt ist die Basis, auf er diese Gesellschaft ruht, aus der sie ihre Stärke und Widerstandskraft gewinnt. Sie muss um jeden Preis verteidigt werden. (S.118) Es wird deutlich, wie wichtig ihm diese Vielfalt ist. Sie ist nicht nur gesellschaftliche Realität, die es anzuerkennen, sondern auch ein Gut, dass es zu verteidigen gilt. Für ihn ist sie eine Art *Gegengift* für die Dominanzkultur. Dazu bedarf es einer weiteren Vielfältigkeit, nämlich radikale Vielfalt in Solidarität. Diese vielfältige Solidarität und solidarische Vielfalt gehört zum Kernstück des Buches und zu seiner Idee einer besseren Gesellschaft. Mit Bezug auf das *Institut für Social Justice und Radical Diversity* (Czollek gehört zu diesem *Institut*) formuliert er: >Wir definieren Verbündet-Sein als Art der ‚politischen Freundschaft, bei der die Anliegen der Anderen zu den je eigenen Anliegen werden‘. Eine solche Form des Verbündet-Seins [sic!] setzt eine Bewusstwerdung der eigenen Privilegien sowie das Wissen um Diskriminierungsformen voraus. … Verbündete sind nicht gegen Diskriminierung, weil diese sie persönlich trifft. Sie sind gegen Diskriminierung, weil Diskriminierung für sie nicht hinnehmbar ist. (161) Eine vielfältige Gesellschaft, die in diesem Sinne verbündet ist, ist auch eine starke Zivilgesellschaft, die Widerstand leisten kann gegen Diskriminierung. Auch gegen staatliche Diskriminierung. Radikale Vielfalt ist für ihn ein Garant für eine wehrhafte Demokratie und Voraussetzung für ein gutes Zusammenleben. Er setzt damit einen deutlichen Kontrapunkt zu jenen politischen und gesellschaftlichen Gruppen, die u. a. öffentlich meinen, Vielfalt sei eine Gefahr. Czollek zeigt was für ein Blödsinn das ist. ## Gefahren der Homogenitätsideologie In der Tat offenbart sich hinter einer solchen Meinung eher die Abwehr von Ungewolltem als eine realistische Einschätzung. Eine große Gefahr ging historisch in der Regel von den Gesellschaften aus, die nach größtmöglicher Homogenität strebten oder wenn Gesellschaften die Homogenität der Bevölkerung mit Vorstellungen von körperlicher bzw. geistiger Reinheit verbanden. NS-Deutschland bietet ein klares Beispiel dafür, aber auch Japans Handeln im Zweiten Weltkrieg. Den Völkermorden in Ruanda, Kambodscha und an den vielen anderen Orten der Welt in der Menschheitsgeschichte legen darüber Zeugnis ab. Sogenannte Vielvölkerstaaten gibt es schon tausenden von Jahren, dabei muss man nur an das griechische oder Römische Reich denken, aber auch schon früher gab es Reiche mit einer vielfältigen Gesellschaft beispielsweise das byzantinische oder persische Reich vor einigen tausend Jahren. Auch vor kurzen gab es diese Staaten: Die kuk-Monarchie Österreich-Ungarn, das ehemalige Jugoslawien oder auch die USA. Das bedeutet natürlich nicht, dass alles gut war in diesen Ländern oder dass es dort keine Probleme gab. Aber die Probleme resultierten nicht aus der Vielfalt der Menschen, sondern eher aus Abgrenzungen zwischen unterschiedlichen Gruppen, einem sich radikalisierenden Nationalismus und wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gründen. Widerspricht sich das jetzt nicht? Ich denke nicht. Denn betrachtet man die Beispiele näher, war es meistens eine Politisierung der Unterschiede, die zu Brüchen führte, nicht die Differenz selbst. Veranschaulichen ließe sich das durch einen Blick auf die Umstände des nun ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren. Das Land war ein Vielvölkerstaat und – zugegeben recht verkürzt – wurden im Laufe der Konflikte vor Ort zunehmend die Unterschiede zwischen den Gruppen betont und sukzessive verstärkt. Im Rahmen der, mit dem Zerfall Jugoslawien zusammenhängenden Kriege, kam es schließlich auch zu ethnischen Säuberungen und Kriegsverbrechen. [Erste Orientierung zu Jugoslawien](https://de.wikipedia.org/wiki/Jugoslawien) Mir scheint es, dass in den letzten Jahrzehnten vielleicht auch Jahrhunderten, der Wunsch nach Vereindeutigung stetig zugenommen hat und es daher einen stärker werdenden Wunsch nach Einheitlichkeit auf allen Ebenen gibt. Diese These werden wir am 08. Mai in unserem [Podcast](https://anchor.fm/undogmatisch) diskutieren und dabei auch auf Kenan Malik und Thomas Bauer eingehen, die mit ihren Büchern zu Multikulturalismus und Ambiguität schon interessante Überlegungen dazu angestellt haben. Kurzrezensionen zu den beiden Büchern wird es auch in unserem nächsten Newsletter geben, den könnt ihr hier [abonnieren](https://undogmatisch.net/Website/2+Newsletter). ## Fazit Es gäbe zwar noch einiges zu diesem Buch zu sagen, aber besser wäre es, die Menschen läsen und diskutierten es. Czolleks *Gegenwartsbewältigung* erscheint als Selbstreflexion, als Therapiesitzung, als Aufschrei und Kampfansage. Es verdichtet sich am Ende: >Seit dem Erstarken der Rechten im Parlament und auf der Straße werde ich oft gefragt, ob ich mich schon nach einem anderen Ort umschaue, ob ich von hier weggehen würde, wenn es hart auf hart kommt. Meine Antwort lautet damals wie heute: Ich schaue mich nicht um. Gegenwartsbewältigung heißt, dass man uns mit den Füßen zuerst aus Shishabars und Synagogen, Spätis und Darkrooms wird tragen müssen. Wir räumen nicht das Feld, auch wenn nichts wieder gut wird. Nicht mit der Heimat, nicht mit der Leitkultur, nicht im Kapitalismus. Aber wenn wir verlieren, dann verlieren wir zusammen. (184/185) Dieser Kampfansage schließen wir uns an! Kaufen. Lesen. Handeln. --- tags: [[@undogmatisch]] [[@literature]] [[racism]]