## 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland? In diesem Jahr wird ein Jubiläum gefeiert: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Der Titel spricht Bände, da – das ist nämlich das zweite Jubiläum im Jahr 2021 – _Deutschland_, oder das was sich dafür hält, erst vor 150 Jahren gegründet wurde. Klingt komisch, ist aber so. Gehen wir es also systematisch an, von hinten oder nein, doch lieber von vorne: Nach verschiedenen Kriegen seit Mitte des 19. Jahrhunderts konnte das Königreich Preußen seine Vormachtstellung unter den deutschsprachigen Staaten so weit ausbauen, dass es am 18. Januar 1871 zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches kam. Gegründet wurde Deutschland, folgt man diesem symbolischen Datum, aber nicht mal _in_ _Deutschland,_ sondern in Frankreich. Deutschland entstand als Siegerposse. Ist hier der Grund zu suchen für den Drang der Deutschen, immer siegen zu wollen? Oder ist das nur Ausdruck eines schon damals verspürten Minderwertigkeitskomplexes? Wie auch immer. Seit 1871 wurde der gegründete Staat immer mehr vereinheitlicht. Wir können erst seit dieser Zeit von einem _Deutschland_ im engeren und weiteren Sinne sprechen. Die Weimarer Republik, das nationalsozialistische Deutsche Reich, die Bundesrepublik Deutschland (alt), die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland (neu, ab ca. 1990) sind die Nachfolgestaaten und konstituieren die Geschichte Deutschlands jenseits nationalistischer Wunschvorstellungen (überlieferte Traditionsbestände, alle möglichen Arten von Mythen bleiben davon erstmal unberührt). Daraus resultiert die berechtigte Frage wie das 150 Jahre alte Deutschland das Jubiläum von 1700 Jahren jüdischen Lebens in _Deutschland_ feiern kann. Kann es streng genommen nicht. Vor 1700 Jahren gab es kein Deutschland. Und das Judentum vor 1700 Jahren sah auch ganz anders aus als heute. Aber immerhin, damals gab es Menschen, die verstanden sich als Juden, aber keine Menschen, die sich als Deutsche verstanden. Das sind ziemlich eindeutige Fakten, auf die schon andere hingewiesen haben (siehe dazu weiter unten), aber in Deutschland feiert man trotzdem. Um nochmal konkreter zu werden: Das Jubiläum stützt sich auf eine Quelle aus dem Jahre 321 aus Köln, darin wird es Juden _erlaubt_ in den Stadtrat berufen zu werden. Juden werden erwähnt. Der Haken: Diese Juden waren römische Bürger:innen und Köln war eine römische Stadt. Nix Deutschland. Naja. In Thüringen wird übrigens zusätzlich noch 900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen gefeiert, aber belassen wir es dabei… Dieses Jubiläum hat, gar keine Frage, positive Aspekte: Es generiert Aufmerksamkeit für jüdisches Leben in Deutschland und auch für den alltäglichen Antisemitismus, den Juden jeden Tag aushalten müssen. Der Antisemitismus ist allerdings, das sollte hier deutlich gesagt werden, ein Problem der Mehrheitsgesellschaft, _unser_ Problem, das heißt, die deutsche Mehrheitsgesellschaft sollte sich damit auseinandersetzen und entschieden handeln und nicht nur Bekenntnisse abgeben. Die Aufmerksamkeit drückt sich aus in Konzerten, Lesungen, Ausstellungen, Vorträgen, Projekten und so weiter. Das ist etwas Gutes, denn es kann die jüdischen Gemeinschaften stärken und ihnen zeigen, dass Teile der Mehrheitsgesellschaft sie nicht vergessen. Gleichzeitig ist das Jubiläum ein Problem. Oft genug können wir die Veranstaltungen als Entlastung verstehen. Als Versuch eine 1700-jährige mehr oder weniger friedliche Koexistenz zu suggerieren, natürlich und selbstverständlich, mit dieser einen großen Ausnahme. Damit ist der Bruch des Holocaust und im spezifisch jüdischen Fall, der Shoa, gemeint. Diese von Deutschen geliebte Kontinuität mit _einer_ Ausnahme, wie das Gerede von der christlich-jüdischen Tradition oder der Tradition der deutsch-jüdischen Geschichte (ich meine damit explizit die deutsche Vorstellung einer symbiotischen Geschichte deutscher und jüdischer Traditionen, die, wenn, eher eine Einbahnstraße war) hat allzu sehr ein geschichtsvergessenes Geschmäckle. Schauen wir in die 1700-jährige Geschichte von Juden auf dem Gebiet, dass wir heute Deutschland nennen oder mit Auswirkungen auf Juden in diesem Gebiet bzw. dem Verhältnis zwischen Christ:innen und Jüdinnen:Juden, gibt es eine Menge Brüche und nicht nur kleine. Ich nenne mal nur einige Jahreszahlen, Sie können dann selbst entscheiden, ob Sie recherchieren oder nicht: 1096, 1236, 1261, 1287, 1298, 1348–1350, 1492, 1493, 1510, 1543–1562, 1595, 1649, 1699, 1851, 1878, 1881, 1892, 1893, 1916, 1933–1945, 1946, 1949, 1955, 1959, 1960 usw. usf. Die Reihe ließe sich bis in die jüngste Gegenwart weiterschreiben bis zu den Ereignissen in Halle und Hamburg, auf den Anti-Corona-Demonstrationen, im Mai 2021 vor Synagogen in ganz Deutschland und die Reihe bricht nicht ab. Es gibt also keine ungebrochene _deutsch-jüdische_ Geschichte, egal wie sehr sich, besonders Deutsche dies wünschen und einbilden. Michal Bodemann und, auf ihn bezogen, zuletzt Max Czollek haben auf das Gedächtnistheater in Deutschland hingewiesen. Juden wird in der Gesellschaft eine bestimmte Rolle zugeschrieben, die sie erfüllen müssen: nett sein, die Vergangenheit verzeihen und in dieser Rolle der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft zeigen wie fortschrittlich, anti-anti-semitisch, zivilisiert und schuldfrei sie doch sei. Ja, das ist grob zusammengefasst, lesen Sie Bodemann und Czollek, wenn es Sie interessiert, an dieser Stelle ist für die Pointe nur dieser grobe Umriss gebraucht. Es geht darum, die Entlastungsfunktion des Gedenkens und Erinnerns für die deutsche Gesellschaft aufzuzeigen und daran zu mahnen, sich dessen bewusst zu sein. Zum Schluss noch zwei Dinge: Erstens bin ich selbstverständlich nicht von allein und ganz allein auf diesen Gedanken gekommen. Besonders von jüdischer Seite ist dies oft formuliert worden, beispielsweise vom Autor-Aktivisten Max Czollek oder Michael Strassmann von BR2, aber auch vielen anderen Jüdinnen und Juden. Zweitens: In der Diskussion und auch in meinem Text gibt es ein grundsätzliches Problem (auch das haben schon andere gesagt): Die Rede von Deutschen und Juden als ob es Ausschließlichkeiten wären, das Sprechen von Deutschen und Juden im Kontext eines gesellschaftlichen Bestimmungsversuches von Verhältnissen bzw. Zugehörigkeiten. Immerhin vermeidet dieser Text von _den_ Deutschen und _den_ Juden zu sprechen. Um noch deutlicher zu werden: Es gibt kein deutsches Wesen, keine deutsche Essenz, die zu einer jüdischen Essenz – die es auch nicht gibt – in irgendeinem Verhältnis stehen könnte. Was es gibt sind Zuschreibungen und Selbstverständnisse, die sich dieser Adjektive bedienen, um bestimmte Aussagen zu treffen. Manchmal wollen wir ausschließen, manchmal einschließen, mal definieren, mal uns selbst oder anderen etwas erklären und so weiter. Ich setze hier beim Alltagsverständnis der Begriffe an, das ist selbst nicht unproblematisch, denn diese Art der Verständnisse sind diffus und von Person zu Person unterschieden und doch, die Begriffe werden mit einem gewissen _Common Sense_ in der Debatte benutzt, dem ich mich hier bediente und sie zugleich infrage stellen wollte. Was bleibt am Ende einer solchen Beobachtung? Es bleibt die Frage wie wir gedenken könnten, wie wir das Zusammenleben gestalten könnten, wie wir über die Geschichte reden könnten und wie wir die Gegenwart verhandeln und bewältigen könnten – gemeinsam. Dazu muss man zuhören und miteinander reden: Hören wir also und reden wir mit denjenigen, die es am ehesten betrifft: Jüdinnen und Juden im heutigen Deutschland.