Ernährung und Politik?

Eine politische Rezension zu Bas Kasts "Der Ernährungskompass"

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Was hat ein Ernährungsratgeber mit Politik zu tun? Gute Frage. Wir haben den Bestseller „Der Ernährungskompass“ aus einer politischen Perspektive gelesen und interessante Erkenntnisse gewonnen. Eine Rezension von Sebastian Kunze.

Esst richtiges Essen. Das scheint die Quintessenz aus Bas Kasts „Der Ernährungskompass“ zu sein. Selbstverständlich gibt es viel mehr zu beachten. Es ist wie immer komplizierter als es scheint, doch gibt das Buch einen erfrischenden Einblick in die Welt der Ernährung. Dabei ist dem Buch zugute zu halten, dass es den tausenden Diäten nicht noch eine hinzufügen will. 

Die Meta-Meta-Studie

Der Wissenschaftsautor Bas Kast studierte Psychologie und Biologe. Er analysierte über Jahre hinweg Studien zum Thema Ernährung. Es ist kaum hinterherzukommen, deshalb schaute er sich viele „Metaanalysen“ an, also Studien, die selbst die Erkenntnisse mehrerer Studien auswerten. Sein 2018 erschienenes Buch versteht sich in gewisser Hinsicht auch als eine Metastudie; mit knapp 300 Seiten ist sie zwar ganz schön umfänglich, aber so geschrieben, dass sie sich sehr gut liest.

Die Themen reichen von Proteinen über Kohlenhydrate bis hin zu Fetten. Bas Kast scheut nicht, Molekülketten in seinem Buch abzudrucken, um zu zeigen, worin der Unterschied zwischen gesättigten und ungesättigten sowie einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren besteht. Selbstverständlich fasst er alles knapp zusammen und gibt am Ende 12 Tipps für eine gute Ernährung. Der erste ist: Esst echtes Essen. Heißt: So wenig verarbeitete Lebensmittel wie möglich. Es gibt noch reichlich weitere, aber wir schreiben hier ja nicht in einem Ernährungsblog. 

Mythen und Aufklärung

Die Frage ist nun, was ist daran politisch? Auf den ersten Blick gar nichts. Auf den zweiten aber dann doch einiges. Das Buch gibt Menschen – und ich schätze in dieser Art erstmalig – die Möglichkeit sich relativ einfach einen Überblick über den derzeitigen Stand der Ernährungsforschung zu verschaffen. Wir sind nicht mehr darauf angewiesen, auf Publikationen der Regierung zurückzugreifen oder Bücher zu dieser oder jener Diät zu lesen. Auch unsere Schulbücher sind hier nicht auf dem aktuellen Stand der Forschung, nicht mal auf dem von vor 10 Jahren. Das ist mir bei der Lektüre vor allem aufgefallen, wie viele Mythen rund um Ernährung in meinem Kopf fest verankert waren. Überzeugungen aus dem eigenen Schulwissen und aufgeschnappten Informationshappen. Der Ernährungskompass klärt auf, es ist ein emanzipatorisches Buch, denn es ermöglicht uns, evidenzbasiert Entscheidungen zu treffen. Was wollen wir Essen, wie wirkt sich welches Essen oder Lebensmittel auf mich auf. Wir wissen zwar viel, aber wir wissen oft das Falsche. 

Das beste Beispiel ist Milch. Milchwirtschaft, Einzelhandel und Politik haben uns weis gemacht, dass Milch bedingungslos gut ist. Milch enthält Calcium, das ist wichtig für den Knochenbau und vor allem für das Wachstum! Außerdem gibt es sehr viele Studien, die zeigen, dass Milch gesund ist. Es gibt diese Studien, die meisten positiven Forschungsberichte legen eine Verbindung zur Milchwirtschaft offen (weil sie es müssen) – die unabhängigen Studien zeichnen ein viel ambivalenteres Bild. Für Kinder mag Milch noch ganz gut sein, nicht unbedingt wegen des Calciums (da gibt es bessere Quellen), aber wegen der Aktivierung des Wachstumshormons mTOR. Dies führt dazu, dass die Zellen wachsen und wachsen. Wenn wir dies aber im Erwachsenenalter fleißig weiter befeuern, werden wir nicht größer, aber unsere Zellen produzieren fleißig weiter – sie „verstopfen“. Außerdem kann dieser stete Wachstumstrieb in uns die Krebsbildung begünstigen (!) (Nein, das heißt nicht, dass Milch Krebs verursacht! Es lässt sich bisher kein kausaler Zusammenhang herstellen, aber es ist womöglich ein Faktor unter weiteren).

Ernährungssouveränität

Mit der falschen Ernährung fühlen wir uns schlecht und schlapp. Falsch ernährt befördern wir auch oft schwere Krankheiten – gut, das ist nichts neues. Aber mit welchen Lebensmitteln wir welche positiven Effekte erleben, hat bisher niemand so gebündelt präsentiert. Der Ernährungskompass ermöglicht uns eine Souveränität, die wir im Bereich der Ernährung selten hatten. Das ist politisch. Und die Konsequenzen erst recht: Wo gehe ich nun einkaufen, welche Produkte kaufe ich? Ernährung ist eng verbunden mit Tierwohl und Klimaschutz. Zwei in der Politik heftig debattierte Themen. Gerade auf die gesellschaftlichen Auswirkungen geht das Buch kaum ein, doch musste ich immer wieder genau darüber nachdenken. Das hat mir gefallen. Ich las das Buch gerne, auch wenn ich öfter Einwände in diesem Bereich hatte oder mich ärgerte, dass er die politische Dimension nicht so würdigte, wie ich es mir gewünscht hätte.

Mittlerweile veröffentlichte Bas Kast auch ein Kochbuch mit Rezepten, die auf seinen Erkenntnissen basieren. In diesem Kochbuch fasst er nicht nur seine 12 Regeln zu 10 Regeln zusammen, sondern adressiert auch die hier aufgeworfene Frage nach der politischen Dimension. Sie soll zukünftig eine Rolle bei ihm spielen. Das ist schön. Wir sollten darauf aber nicht warten und uns unsere eigenen Gedanken machen, wie wir gut essen können ohne dabei eine Schneise der Zerstörung zu hinterlassen. 

Der Ernährungskompass ist politisch, weil er uns ermöglicht, souveräne Entscheidungen in Bezug auf Ernährung zu treffen. Dazu gehören zwangsläufig die Themen Klimaschutz, Tierwohl, Gesundheit, Biopolitik und letztendlich auch die Frage, welche politische Partei was befördert. Und nach der alten Devise: „Ein gesunder Geist braucht einen gesunden Körper“ (worüber sich gut streiten ließe!) hoffe ich, dass viele Menschen dieses Buch lesen und nicht nur über das Essen nachdenken sondern über seine politische Dimension.

Bas Kast: Der Ernährungskompass. Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung. C. Bertelsmann. ISBN: 978 357 010 319 7, 20,00€.
Wir danken dem Verlag für das Überlassen eines Rezensionsexemplars.

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P.S. Eine eher kritische Rezension, die gerade auf eine fragwürdige Quelle bei einem Aspekt in Kasts Buch eingeht, wollen wir nicht ignorieren: Quarkundso.


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