Was es heißt, ein Mensch zu sein

Eine Rezension

0

Was bedeutet es ein Mensch zu sein? Diese Frage ist eine der großen Fragen, die sich Menschen seit jeher stellen. In der Biografie Martin Buber. Was es heißt ein Mensch zu sein des französischen Religionswissenschaftler Dominique Bourel wird dieser Frage nur implizit nachgegangen, nämlich im Leben Bubers. Wir haben das 1000 Seiten starke Buch rezensiert.

Dominique Bourel ist Religionswissenschaftler und Kenner der deutschen jüdischen Geschichte insbesondere der Kulturgeschichte. Er war Leiter des Centre national de la recherche scientifique(CNRS) in Paris und war im letzten Wintersemester Gastprofessor für Israelstudien am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdisch Studienin Potsdam. 

Schaut man genauer in Bourels Buch, so findet man präzise und knappe Angaben. Bei dem Versuch einer chronologischen Biografie über Buber und dem Anspruch, so viele Aspekte wie möglich anzusprechen, ist eine tiefergehende Analyse kaum machbar. Doch eine solche Analyse ist gar nicht Bourels Anliegen, es scheint vielmehr so, dass er mit der Erzählung des Lebens von Martin Buber, zeigen möchte, wie sich Denken entwickelt und vor allem, dass sich Humanismus im Leben eines Menschen zeigt. Dieser Sitz im Leben ist viel entscheidender als die viele Schriften Bubers. Dessen Texte untermauern zwar, was Buber dachte, doch zeigt es sich ebenso in seinem Handeln. Und das zeigt Dominique Bourelin seiner Biografie.

Die Biografie Martin Buber. Was es heißt ein Mensch zu seinist wirklich eine monumentale Arbeit, die nur auf jahrzehntelanger Erfahrung und Recherche beruhen kann. In der Tat, es wirkt gewaltig. Doch wird am Anfang nicht die Idee gestanden haben, eine Martin Buber Biografie zu schreiben. Einerseits, so thematisiert es Bourel selbst in seiner Einleitung, könnte zu fast jedem Jahr Bubers ein eigenes Buch entstehen. Er war nicht nur ein vielseitiger Denker, sondern auch ein umtriebiger Intellektueller. Allein sein Briefnachlass umfasst mehr als 50.000 Briefe – schon allein einige Tausend davon zu lesen bedeutet Jahre der Arbeit. Deshalb ist es kein Wunder, dass ein Gelehrter wie Dominique Bourel sich erst recht spät dieser Arbeit widmete. 

Die Gelehrsamkeit, mit der das Buch geschrieben ist, schlägt sich auch schon in seinem äußeren Erscheinen nieder. Das Buch umfasst knapp 1000 Seiten, davon allein 200 Seiten Anmerkungen in Form von Endnoten und ein gut 85 Seiten umfassendes Literaturverzeichnis. Es sind tatsächlich monumentale Ausmaße. 

In diesem umfangreichen Buch finden alle etwas Interessantes. Geistes- und Kulturgeschichte ist ebenso Thema wie Politik. Buber war zu Beginn des 20. Jahrhunderts aktiv in der kulturzionistischen Szene; mit seinen Vorträgen über das Judentum gewann er eine hohe Bekanntheit und seine studentischen Zuhörer in Prag wurden zu seinem Gefolge. Große Namen wie Hugo Bergmann, Robert Weltsch und Hans Kohn waren darunter. Franz Kafka hörte auch einen Vortrag Bubers und war nicht so begeistert. Doch das Verhältnis zwischen den Prager zionistischen Studenten und Martin Buber war kein reines Schüler-Lehrer-Verhältnis bei dem die Schüler alles für wahr halten, was der Meister spricht. Die Rezension von Hans Kohn zu den ersten drei Reden, die 1911 veröffentlicht wurden, kritisiert diejenigen Aspekte bei Buber, die nicht Kohns eigenem Verständnis von Judentum und Zionismus entsprechen. Buber veränderte auch die Vorträge nach der Aussprache mit dem Prager Publikum, er ging also zum Teil auf ihre Wünsche und Kritik ein. So zeigt sich, dass das Verhältnis zwar nicht ohne Widerspruch oder Konflikt, aber immer in gegenseitigem Respekt verankert war. 

Insgesamt lässt sich das Buch nicht nur gut lesen, sondern auch empfehlen. Insbesondere Interessierte können viel aus Bourels gelehrtem Buch mitnehmen. Für eine vertiefte akademische Auseinandersetzung mit bestimmten Aspekten in Bubers Denken oder aus seinem Leben, lohnt es sich nur bedingt. Allerdings hat diese Biografie dazu nicht Anspruch, denn dafür gibt es genug Detailstudien. Als großes Manko ist hingegen der Preis anzusehen: stolze 50€ kostet das Werk. 

Bevor nun alle aufschreien: Ich verstehe es. Das Buch musste übersetzt, lektoriert, hergestellt und vermarktet werden. Und das mit 1000 Seiten. Für Menschen, die sich für Martin Buber interessieren, wird dies eine lohnende Investition sein. 

Dominique Bourels Biografie ist momentan die aktuellste, die wir auf Deutsch haben. Im Mai erscheint die neue Buber Biografie eines weiteren großen Buber Experten: Paul Mendes-Flohr. Es sei analytischer, sagte mir Paul Mendes-Flohr – ich bin gespannt. Das Buch erscheint zunächst auf Englisch, aber über einer deutschen Ausgabe wird wohl gerade verhandelt. Vielleicht haben wir dann bald eine weitere deutsche Buber-Biografie. Dann lohnt sich wahrscheinlich ein vergleichender Blick. Bis dahin heißt es: lest die Buber Biografie von Dominique Bourel.

Dominique Bourel: Martin Buber. Was es heißt, ein Mensch zu sein. Biografie. München: Gütersloher Verlagshaus 2017. ISBN: 978-3-579-08537-1
https://www.randomhouse.de/Buch/Martin-Buber/Dominique-Bourel/Guetersloher-Verlagshaus/e507520.rhd

Wir danken dem Verlag herzlich für die Überlassung eines Rezensionsexemplares.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here