Smart Cities – Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung der Städte (Rezension)

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Nach Smartphones sind jetzt Smart Cities dran. Immer mehr Städte weltweit starten Pilotprojekte zur schlauen Vernetzung öffentlicher Infrastruktur. Im Transcript-Verlag ist nun ein Sammelband zum Thema erschienen. Eine Rezension von Jan Schaller

Eine Initiative Googles erregte vor kurzem Aufsehen. Man wollte in Berlin-Kreuzberg einen Campus eröffnen, der Platz für Tech-Startups bietet und Berlins Rolle im weltweiten Tech-Hype nach vorne bringen sollte. Nach viel Protest entschied sich Google letztlich gegen das Projekt und ermöglicht nun zwei sozialen Unternehmen die Nutzung für fünf Jahre. Was danach kommt? Niemand weiß es. Es wird allerdings immer deutlicher, IT-Riesen wie Microsoft, IBM, oder eben Google drängen in die physische Welt. Vielerorts ist nun die Rede von der Smart City, der klugen Stadt, die mit allerlei Sensorik, Kameras und Automatisierung die großen Probleme der Städte löst: Staus, Abwasser, Strom, Kriminalität… die Liste der Versprechungen ließe sich fortsetzen.

Man muss dabei kein Miesepeter sein, um gesellschaftlichen Wandel kritisch zu beäugen, wenn dieser von gewinnorientierten Unternehmen ausgeht, die darüber hinaus, nicht im Verdacht stehen, den Datenschutz erfunden zu haben. Wie gerufen kommt da der Sammelband Smart Citites – Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Städten aus dem Hause transcript.

Und den Herausgeberinnen Sybille Bauriedl und Anke Strüver gelingt hiermit ein großer Wurf. Auf über 350 Seiten liefert das Buch nicht nur einen Überblick über aktuelle theoretische Debatten in der kritischen Stadtforschung, sondern mischt grundlegende Beiträge immer wieder mit sehr konkreten, stark auf die Empirie bezogene Fallstudien. 

Nach einer Einleitung der zwei Herausgeberinnen schließt sich der erste Teil an, der verschiedene Debatten aufmacht und den Ton des Bandes bestimmt. Hier geht es um den Einfluss und die Legitimation von Algorithmen, der Vision von Großunternehmen für die Städte von morgen, verschiedene Konzepte des Urbanen, oder auch die Frage was Gerechtigkeit eigentlich in einer smarten Stadt bedeutet soll. Natürlich sind das alles nur theoretische Fragmente und keine tief gehenden Auseinandersetzungen. Das ist nun einmal der Natur eines Sammelbandes geschuldet. Nichtsdestotrotz werden fundamentale Punkte angesprochen, die das Marketingsprech der Unternehmen sezieren.

Die folgenden drei Teile (Neue Verbindungen digitaler und anderer Technologien, Digitale Governance und Interventionen, sowie Digitale Urbanisierung und soziale Transformation) fallen in ihrer Qualität kein Stück ab. Ich muss aber anmerken, dass auch dieser Sammelband in die Abgrenzungsfalle tritt. Es ist nicht immer intuitiv, wieso ein Beitrag nun zu diesem Teil des Buches zugeordnet ist, ein anderer aber nicht. Das artifizielle Zusammenbinden sehr heterogener Artikel unter einem irgendwie zurecht gebogenen Begriff ist mir bei vielen Sammelbänden ein Dorn im Auge. Letztendlich ist das aber natürlich nicht sonderlich dramatisch und tut der Qualität erst recht keinen Abbruch.

Die Bandbreite der abgedeckten Themen ist enorm. Beiträge über RFID-Chips stehen neben solchen, die sich mit Selbstoptimierung und dem Quantified Self befassen. Open Source als Gegenstrategie zur Dominanz der IT-Giganten finden ebenso Eingang, wie ein Beitrag zu Predictive Policing. Bei dieser Themenvielfalt verzeihe ich dem Band auch einen fehlenden roten Faden. Das ist wohl auch nicht leistbar, wenn man sich einem Thema wie smarten Städten widmet, verbindet sich hier doch auf exemplarische Weise Sozialforschung mit konkretem Protest und alltäglichen Erfahrungen. Nicht unterschlagen werden soll der Umstand, dass sich hier auch noch Sozialwissenschaften und IT kreuzen, was das Ganze nochmals komplexer, aber eben auch spannender werden lässt. In meinen Augen kranken unsere Gesellschaften ja gerade u.a. daran, dass Sozialwissenschaftler*innen oft zu wenig von der sie umgebenden Technik verstehen und Programmierer*innen selten überhaupt für soziale Zusammenhänge sensibilisiert sind. Ich vereinfache hier grob und tue sicher vielen unrecht, aber der Kern der Aussage dürfte dennoch zutreffen. 

Vor diesem Hintergrund ist das Buch ein Segen, verbindet es doch politische Theorie mit technischem Hintergrundwissen. Trotz all des Lobes gilt es zwei Punkte zu kritisieren. Zum einen sind die Beiträge oftmals sehr kurz geraten. So kurz, dass das beschriebene Problem allenfalls angerissen, auf keinen Fall aber adäquat bearbeitet werden kann. Das ist schade und auch nicht ganz nachzuvollziehen. Ob der Band nun 350 oder 500 Seiten lang ist, spielt letztlich keine Rolle. So verschenken Beiträge hier und da Potential. 

Zum anderen bemängele ich den tendenziell Technik-negativen Grundton des Buches. Es ist sicher richtig, Smart City-Initiativen von Microsoft und Co. mit großer Skepsis zu begegnen. Und natürlich ist Technik auch nicht neutral. Das Ammenmärchen der diskriminierungsfreien Algorithmen ist nicht zu halten. Trotzdem wünsche ich mir mehr Beiträge, die dem Thema zukunftsgewandt begegnen. Kritik ist wichtig und Grundlage für Veränderung. Allerdings sollte man dort nicht verharren. Nur mit Kritik gewinnt man keine gesellschaftlichen Kämpfe. Es gehören auch positive Visionen dazu. Diese fehlen zwar nicht völlig (exemplarisch sei auf den Beitrag von Arne Semsrott verwiesen, der Open Source als eine kommunale Strategie vorstellt), sind aber deutlich in der Minderzahl. Dabei ist Technik eben beileibe nicht nur ein Instrument der Unterdrücker*innen, sondern kann und wird auch emanzipatorisch angeeignet und genutzt. 

Trotz dieser Kritikpunkte kann ich dieses Buch jedem und jeder ans Herz legen, der*die sich auch nur vage für das Thema interessiert. Dabei dürfte es für Sozialwissenschaftler*innen und ITler*innen gleichermaßen interessant und nützlich sein, wenngleich die zweite Gruppe sicher mehr Probleme mit der Lektüre hat. Ein gewisses Vorwissen in Sachen kritischer Geografie/Stadtforschung und postmoderner politischer Theorie macht es leichter, den ein oder anderen Gedankengang zu verstehen. Aber auch wer damit bisher noch nichts zu tun hatte, wird sich reinfinden können. Alle Beiträge sind verständlich gehalten und (größtenteils) gut zugänglich.

Smart Cities. Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Städten, herausgegeben von Sybille Bauriedl und Anke Strüver, erschienen im [transcript] Verlag, UrbanStudies, 2018, 29,99€.

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Ich danke dem [transcript]-Verlag für die Zurverfügungstellung eines Rezensionsexemplars.

3 KOMMENTARE

  1. „Ein informationelles Recht auf Stadt? Code, Content, Kontrolle und die Urbanisierung von Information“ In: Smart City – Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Stadten Bauriedl, S. and Struver, A. (eds.). Bielefeld : transcript Verlag. 177-204 .

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