„Wir möchten, dass man würdig repräsentiert!“ – Interview mit Marius Krüger, Erfinder der DEMOCRACY App

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Direkte Demokratie ist ein wiederkehrendes Motiv auf undogmatisch.net. Entsprechend interessiert waren wir, als wir das erste Mal von der DEMOCRACY-App hörten und registrierten uns direkt für das Beta-Programm. Vor einigen Wochen erschien die erste offizielle Version im App-Store. Grund genug, uns mit dem Initiator des Projektes Marius Krüger zum Interview zu treffen. Das Interview führte Jan Schaller

Undogmatisch.net: Worum geht es in eurem Projekt? Was ist euer Anliegen?

Eigentlich geht es darum, dass du als Bürger wieder die Souveränität bekommst in der Demokratie. Das ist mein großes Anliegen. Wenn ich diesen Satz sage, gehört natürlich die Analyse dazu, dass ich finde, dass das gerade nicht so ist. Ich kann dir das auch sehr deutlich erklären und an Zahlen belegen. Es gibt so ein grundsätzliches Gefühl, aus meiner Perspektive, dass die Bevölkerung, die Bürger, ich mich nicht mehr repräsentiert fühle. Da gibt es Themen wie TTIP, CETA, Privatisierung von Autobahnen, Überwachung, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Aufrüstung, Glyphosat-Weiterverwendung, diese Themen einfach, wo ganz klar die Bevölkerung eine Meinung hat und die politischen Akteure dieser Meinung erschreckenderweise nicht den Raum geben, wie diese es aus meinem Blickwinkel bedürften.

Das ist so die gefühlte Wahrheit. Dann habe ich mich nach Statistiken umgeguckt, die das belegen. Für mich ist es nur dann hart genug, oder evident genug, dass ich mich traue in die Öffentlichkeit zu gehen und dafür einzustehen. Da gibt es vom Leibnitz-Institut für Sozialwissenschaften aus Mannheim eine Umfrage. Die machen jährlich ein Panel, wo sie die gesamte Bevölkerung befragen zu allen Themen, also auch Interessen, Hobbys und unter anderem ist auch der politische Bereich darin und da wurde gefragt, inwieweit man der Politik noch vertraut bzw. dem Regierungshandeln der Politiker. Und man kam zu der erschreckenden Erkenntnis, dass 2014 nur noch 23% das tun. Das ist für eine repräsentative Demokratie halt sehr sehr schlecht, weil die davon lebt, dass ein Repräsentant mit dem Mandat ausgestattet wird, im Namen derjenigen, die ihn gewählt haben, kraft Delegation zu entscheiden. Und wenn man dem systematisch nicht vertraut, dann ist das ein Problem.

Das ist die eine Seite der Medaille. Und die andere Seite ist, dass Bürger wahnsinnig Lust haben, mehr zu machen. Also jeder, mit dem ich mich unterhalte. Und das dokumentiert dann auch die Bertelsmann-Stiftung, wenn sie sagt, dass 81% – gemäß ihrem Panel aus 2011 – sich mehr beteiligen wollen. Die konkrete Methode wurde da noch nicht abgefragt, wie man sich beteiligen möchte, aber dass man erst mal den Willen hat, sich zu beteiligen, da sind 81% der Bevölkerung dafür. Und so leben wir in dem Spannungszustand, dass wir ein System haben, in dem die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr dem Regierungshandeln vertrauen, aber gleichzeitig mehr machen wollen. Und das ist ein wahnsinnig schwieriger Zustand, weil der Wahlakt alle vier Jahre offensichtlich nicht mehr ausreicht. Das dokumentiert sich dann in meiner Perspektive auch im extremen Wahlverhalten, dann wird eben auf Spieler Rechts- und Linksaußen gesetzt, die Anti-Establishment sind oder zumindest einen anderen Kurs vorgeben, als die, die aktuell an der Macht sind. Diesen Umstand halte ich aber nur für ein Symptom, das ist letztendlich nicht ursachenadäquat,, weil den Leuten mangelt es in Wirklichkeit an Partizipationsmöglichkeiten.

Und was wir dann versucht haben, ist ein Instrument zu denken, als „gesellschaftlichen Hack“ für dieses Problem, was genau dieses Problem auf eine ganz einfache Weise löst: Nämlich die Bevölkerung stärker beteiligen in diesem Prozess und, das aber nicht irgendwie, so mit irgendwelchen Fragen, sondern schon an realen Anknüpfungspunkten, heißt den Bundestagsentscheidungen, wo dann auch der Politiker Bezug drauf nehmen und kommunizieren kann. Und dieser Hack hat auf beiden Seiten gewisse Incentives, sodass beide Parteien das wirklich tun. Ich möchte, beide Parteien, Bürgerinnen und Bürger und Politikerinnen und Politiker, von denen ich glaube, dass es beide braucht in einer modernen Demokratie, wieder zusammenbringen und besser kommunizieren lassen, sodass das Gesamtergebnis gesellschaftsübergreifend besser ist und den Zusammenhalt stärkt. Das ist das große Ziel.

U: Wie seid ihr drauf gekommen, was war der ausschlaggebende Punkt?

Ich selbst bin natürlich auch als Person durch einen Evolution gegangen. Ich habe angefangen, Wirtschaftswissenschaften und BWL zu studieren. Meine Eltern sind beide Unternehmer und Unternehmerinnen, ich komme aus einem sehr konservativen Haushalt. Und habe mich in meinem Studium sehr mit diesen Werten überworfen. Das heißt, ich habe bewusst so ein Aufeinanderprallen von Werten, von Emotionen erlebt und habe dadurch meinen Blick auf die Welt total verändert. Ich hatte einen persönlichen Prozess, bei dem ich angefangen habe, mich für die Welt zu interessieren, zu begeistern und ich habe festgestellt, dass wirklich vieles nicht so gut läuft.

Wir haben gerade [im Vorgespräch, d. Autor] das Thema Migration gehabt. Ich meine, die Leute haben ja Gründe, wieso sie migrieren und das mag in einem Fall wirtschaftliche Ungleichheit sein. Wenn Menschen schon ihre Existenz aufgeben, ihr Heimatland, mit dem sie fest verwurzelt sind, dann muss es ja schon echt existenziell sein. Oder Krieg auf der anderen Seite. Wir schöpfen nicht unser volles Potential als Menschheit aus. Aber wir könnten! Wir haben in Europa 500 Jahre Aufklärung und Blutvergießen hinter uns, die uns genau dahin geführt haben, dass wir gewaltfrei in einem Parlament verschiedene gesellschaftliche Ideen diskutieren, austauschen und tolerieren können und die beste Lösung dafür finden, was gesellschaftlich am notwendigsten ist.

Aus meiner Perspektive nimmt das Parlament diese Rolle gerade eben nicht mehr wahr, aber es könnte sie wahrnehmen. Wir könnten heute Nahrungsmittelspekulation verbieten an der Frankfurter Börse. Wir könnten Waffenexporte verbieten. Wir haben die Möglichkeit, all diese Sachen, die aus meiner Perspektive große Probleme aufwerfen, sofort gewaltfrei zu ändern. Das ist die großartigste Chance, die überhaupt jemals in der gesamten Menschheitsgeschichte irgendwo bestand und deshalb möchte ich genau da reingehen. Quasi ein Weg in die institutionalisierte Lösung, die auf dem Blut unserer Vorfahren aufgebaut wurde. Da wieder rein und diese Werte Demokratie, Verständigung vitalisieren. Da war mein persönlicher Leidensprozess sehr ausschlaggebend.

U: Wie lang arbeitet ihr schon am Projekt?

Die Idee hatte ich im August 2016. Da war es die prinzipielle Idee, in einer App Stimmungsbilder aus der Bevölkerung zu aktuellen politischen Fragen abzubilden, um damit evidenzbasiert politische Beratung machen zu können. Also wirklich zu Politikern gehen zu können und zu sagen: Wir haben hier 100.000 Leute befragt, die sehen das so, warum entscheidet ihr anders?

Ich habe dann begonnen, selbst an der Idee zu arbeiten ab Oktober 2016. Ein Jahr später habe ich ein Crowdfunding gemacht. Ich habe also wirklich ein Jahr in meinem Zimmer gesessen und das gesamte Konzept, Design, alles ausgearbeitet. Im Crowdfunding habe ich dann das Team kennengelernt bzw. recruitet mit dem Geld des Crowdfundings. Mithilfe der Hertie Stiftung haben wir jetzt ein Jahr entwickelt. Also ein Jahr nach dem Crowdfunding stehen wir, wir sind drei Leute, jetzt mit dem ersten Produkt am Start im Appstore.

U: Wieso habt ihr euch für eine App entschieden und nicht eine andere Form, z.B. eine Website?

Das hat mehrere Aspekte. Direkt fallen mir zwei ein: Das eine ist der Nutzererfahrungseffekt und das zweite ist der wahlverfahrensspezifische Aspekt. Von der Nutzererfahrung ist es wahnsinnig wichtig, dass ich die Information ad hoc habe. Es gibt in Deutschland 60 Mio. Internetanschlüsse und 40 Mio. Smartphone-Nutzer. Das heißt die halbe Bevölkerung hat so ein Gerät. Du könntest prinzipiell die Hälfte der Leute jetzt ad hoc erreichen. Du kannst dann noch mal 20 Mio. mehr per Internet erreichen, aber es ist einfach so, dass die Durchdringung maximal ist und wir sind auch permanent „in touch“ mit diesem Gerät. Ich bin mit meinem Desktop weniger in touch als mit meinem Smartphone. Die Informationsaufbereitung lässt es zu, das Handy dafür zu benutzen, weil wir permanent darüber erreichbar sind. Wir können unsere Stimme in der von uns gewählten Situation abgeben und uns damit beschäftigen. Die Nutzererfahrung ist einfach schön, es in der Tasche zu haben. Das ist der eine Aspekt.

Der andere ist, dass es wesentlich einfacher ist, in dem Bereich, wo wir uns engagieren. Also politische Bildung, offenes Parlament, aber eben dann auch digitale Partizipation. Wir haben ja bewusst eine Abstimmungsapp gemacht, in der man sich entscheiden kann. Und in dieser Abstimmungsapp ist es entscheidend, dass jeder nur eine Stimme hat. Weil sonst systematisch verzerrte Entscheidungsbilder herbeigeführt werden. Und es ist wesentlich einfacher, ein Handy eindeutig zu identifizieren, als einen Desktop-PC, respektive einen Browser. Das persistente Abstimmen ist mit dem Handy einfach wesentlich einfacher, weil wir eindeutige Identifier haben, wie zum Beispiel die Handynummer und die Device-ID. Und im Browser ist das so nicht möglich. Das ist der Aspekt vom Wahlverfahren.

Es hat aber auch einen Sicherheitsaspekt. Du kannst die Sachen auf dem Handy verschlüsseln. Wir lassen die Stimmen konkret auf dem Handy und auf unserem Server steht nur: der hat abgestimmt. Der Server weiß nicht, wie du abgestimmt hast.

U: Aber weiß der Server, DASS du abgestimmt hast?

Dass du abgestimmt hast, weiß der Server. Das ist wichtig, damit niemand doppelt abstimmen kann. Und das ist mit dem Browser anders. Zum Beispiel mit dem Tor Browser könntest du einfach ein neues Tab aufmachen und nochmal abstimmen.

U: Ihr erfasst also zwei Dinge: Dass ich abstimme und das ist zuordbar und getrennt davon, wie ich abgestimmt habe. Und das wird separat gespeichert, sodass es nicht zuordbar ist?

So ist es. Wenn du hier deine Stimme triffst, dann bleibt auf dem Gerät, wie du abgestimmt hast. An den Server geht nur: Nutzeridentität XY hat abgestimmt und in der Tabelle, wo das Abstimmungsergebnis steht, wird eine Stimme darauf addiert. Aber diese Informationen werden nicht zusammengeworfen. Das heißt, wenn wir am Ende ein aggregiertes Stimmenbild haben, können wir nicht mehr zurückverfolgen, wer wie gestimmt hat, sondern nur dass du mitgemacht hast. Und dann auch jeder dritte Geheimdienst etc.

U: Du hast ja gerade schon das Thema Verzerrung angesprochen. Provokant gefragt: Glaubt ihr wirklich, dass mehr als ein paar eh schon Politikbegeisterte sich die App laden und dann auch häufig nutzen? Wie wollt ihr Leute erreichen, die sich entweder nicht mit Politik auskennen oder schon so von der Politik enttäuscht sind, dass sie denken, dass es eh alles nichts bringt?

Das ist die interessanteste Frage. Was dieses Konzept extrem schwierig macht, ist die Komplexität der Inhalte. Das ist der Punkt. Worüber haben wir gerade abgestimmt? Über die Anrechnungsfreistellung der Mutterrente bzw. Rente für Kindererziehungszeiten bei der Grund- was? Was? Einfach was? Sehr, sehr schwierig. Dieses Problem werden wir nicht lösen können, weil wir Informationen aus dem Bundestag abbilden. Der Bundestag stellt sich in einem gewissen Sinne auch durch Personen auf, die einen gewissen Bildungsstandard haben. Viele Juristen etc. Das heißt die Komplexität der Inhalte wird vom Bundestag so sein.

Wir haben die Bundeszentrale für politische Bildung versucht zu involvieren, genau diesen Job für uns zu tun, das heißt das didaktisch zu reduzieren, das am Ende da zum Beispiel steht: Muttergeld erhöhen, Fragezeichen. Bin ich dafür oder bin ich dagegen? Die hat erstmal abgelehnt. Wir sind da noch im Gespräch. Wir selber können und wollen das nicht leisten, weil dieses Problem Inhalte zu reduzieren zwei Kniffe hat. Einmal brauchst du unglaublich viele Ressourcen, die sich in die Redaktion setzen und dann müssen sie es auch können. Weil reduzieren heißt sehr oft auch werten. Und genau das wollen wir nicht. Deswegen ist das ein ganz schwieriges Ding. Das heißt der Flaschenhals bei dieser Umsetzung ist tatsächlich der Inhalt. Das Konzept über Vorschläge abzustimmen ist sehr eingängig und ist auch sehr einfach und Leute können sich dafür begeistern. Aber was es komplex macht sind die Inhalte.

Was wir auch gemacht haben ist eine Zielgruppenanalyse. Und wir haben festgestellt, das diese politisch Interessierten, die du beschrieben hast, das sind in Deutschland, wenn man wirklich großzügig ist, maximal 15 Mio. Und das ist insofern auch erstmal die Zielgruppe der App.

Um es hinzukriegen, es von den Inhalten noch einfacher zu machen ist dann sehr viel Redaktionsaufwand. Ich will nicht sagen, dass es nicht lösbar ist, nur es ist im jetzigen Zustand nicht lösbar. Und im Moment begeistert man eben Leute dafür, die sich trotz der Inhalte nicht davon abschrecken lassen. Die eine Meinung zu Themen haben, z.B. weil sie Aktivisten sind und sagen: Krieg find ich blöd. Die sich dann eben auch dabei, etwas zur Fortsetzung der Beteiligung deutscher Sicherheitskräfte im Kosovo durchzulesen und wissen dann, dass es da um Auslandseinsätze geht und stimmen ab. Das ist ganz klar der Kniff. Aber was darin auch noch liegt ist die Frage der Repräsentativität. Weil, wenn wir nicht alle erreichen ist der Punkt, wie wertvoll dann diese Stimmungsbilder sind?

Wer beteiligt sich hier? Es ist die Zeitelite. Leute, die Zeit haben. Nicht mal die Geldelite, weil die meistens keine Zeit haben. Es sind die Leute, die wirklich die Zeit haben. Wir schreiben das auch unter jedes Ergebnis, dass es nicht repräsentativ ist. Das ist für uns der Weg. Wir sind zu gute Statistiker, um zu wissen, dass das nicht repräsentativ ist. Dann haben wir eine digitale Bruchlinie – also das ist ja schon der erste Punkt, wo Leute ausgeschlossen werden. Das ist genauso repräsentativ für die Leute, die da mitgemacht haben. Für keinen anderen. Wir messen dementsprechend diesen Stimmungsbilder relativ gesehen auch nicht den größten Wert zu. Natürlich, wenn da jetzt 10 Mio. steht ist das schon richtig massiv. Dann sind zehn Millionen der Meinung, dass etwas sollte oder nicht sollte. Dann kann man damit auch Anwaltschaft übernehmen. Aber bis dahin werden wir dafür nicht Anwaltschaft übernehmen und sagen: So muss das jetzt passieren.

Das ist nicht repräsentativ, auch wenn da zehn Millionen stehen wird es nicht sein. Das wird es erst sein, wenn wir soziografische Prüfungen haben und das gefährdet wieder die Anonymität. Deshalb steht das da und wir erreichen definitiv nicht alle. Das ist uns sehr bewusst. Aber wir erreichen Leute, die sich dafür interessieren und ich sage immer so schön: Ja, aber trotzdem ist es mit der App besser, als ohne die App. Allein Information, Bildung und einfach gucken.

U: Wie wollt ihr bei Politiker*innen für Akzeptanz sorgen?

Ich geb dir jetzt einen Exclusive, weil das was ich jetzt sage, ist noch nicht veröffentlicht, aber das ist ein Hack. Bisher haben wir immer gesagt, wir machen folgendes: Wir haben ein Bevölkerungsstimmungsbild und wir haben ein Bild im Bundestag und wenn das jetzt nicht übereinstimmt, dann werden Politiker von sich auch schon merken… illusorisch! Was wir gemacht haben ist, ein Mailing in den Bundestag. Fünfzehn Abgeordnete haben sich mit uns getroffen, über alle Fraktionen, wir haben mit denen geschnackt, haben denen das vorgestellt, die waren natürlich alle begeistert, in dem Rahmen, in dem sie das sein dürfen bzw. wollen. Sie werden dadurch ja auch mehr kontrolliert. Was wir nicht wollen, um das noch mal ganz klar zu machen, wir möchten nicht das freie Mandat abschaffen.

Das heißt wir möchten nicht nur, weil hier dieses Stimmungsbild so ist und das möglicherweise schon vor der offiziellen Entscheidung feststeht, dass dann der Bundestagsabgeordnete blindlings sagt: „Ich mach das jetzt, weil das die Bevölkerung gesagt hat.“ Wir möchten ein qualitatives Mandat. Also nicht eine Bindung, sondern einfach dass man würdig repräsentiert. Und würdige Repräsentation heißt für uns, dass man seine Entscheidung erklärt. Also dass man begründet, ich habe mich so entschieden, weil, Punkt, Punkt, Punkt, das sind für mich die Argumente. Und ich als Bürger finde das sogar völlig legitim, dass sich mein Bundestagsabgeordneter anders entscheidet, wenn er denn bessere Argumente hat als ich. Wenn das nicht der Fall sein sollte, dann ist es natürlich wieder die Frage. Aber in der Regel unterstelle ich ihm das mal und ich möchte halt wissen, wieso er sich so entscheidet.

Und dann habe ich mich mit einem Bundestagsabgeordneten getroffen, dessen Mitarbeiter einen sehr, sehr klugen Tipp gegeben hat. Der meinte: „Ich kann dir eins sagen. Da können eine Million Leute mitmachen für Deutschland, das wird meinen Abgeordneten nicht interessieren. Das ist Deutschland, das ist zu aggregiert. Aber lass es nur zehn aus seinem Wahlkreis sein und der wird auf jeden Fall mit denen interagieren.“

Was wir jetzt machen werden, ist das Community-Ergebnis noch mal aufzusplitten. Da wird dann das Wahlkreisergebnis der Community angezeigt. Das heißt, ich komme aus dem Wahlkreis 53 und dann wird dieser Kuchen nur für Wahlkreis 53 angezeigt. Und wenn da nur zehn Leute sind, ist das egal. Diese zehn Leute werden auf jeden Fall den Abgeordneten dazu bewegen, seine Position vielleicht zu kommunizieren. Genau das was wir wollen. Der möchte ja nicht, dass in seinem Wahlkreis Spießrouten gelaufen wird oder sich rumspricht, dass er sie nicht repräsentiert. Das heißt, die Zahl kann unglaublich klein sein und trotzdem hat das massive Auswirkungen darauf, was wir wollen. Nämlich dass Politiker anfangen, mit uns zu kommunizieren.

Das wird der nächste Schritt, der einschlagen wird wie eine Bombe. Wir haben 299 Wahlkreise und jeder Direktkandidat wird sich das angucken. 100 Prozent. Wir sagen auch nicht, dass das repräsentativ ist. Wir sagen nur, dass das plötzlich eine Relevanz für diese Person hat, die da sitzt über ein Direktmandat. Denen, die über die Listen eingezogen sind, ist das wahrscheinlich egal, aber die 299, die über ein Direktmandat kommen.. oh, oh!

U: Um da den Bogen nochmal zum Technischen zu machen. Wie ist bei diesem Feature die Trennung zwischen Abstimmung und Identität sichergestellt?

Das ist dann 299 Mal deanonymer. Aktuell gesprochen, stimmst du ab und deine Stimme verbleibt im Klartext auf deinem Client. Auf den Server geht nur die Information in die Voted-Tabelle: Du hast angestimmt. Und in der Voting-Tabelle stehen drei kumulierte Zahlen, nämlich Ja, Nein, Enthaltung. Wir loggen keine Zeiten, das heißt wir speichern nicht, wann sich eine Zahl erneuert hat. Es ist einfach nur die neueste drin, keine History. Dieses Verfahren hat genau dann einen Grenze, wenn alle Personen in die gleiche Richtung entschieden haben. Dann sind die Stimmen deanonym. Dann können die Voting-Liste und die Voted-Liste gegeneinander gematcht werden. Das heißt, wenn nicht divers abgestimmt wurde. Und die andere Einschränkung ist, wenn nicht drei Stimmen vorliegen, die divers sind.

Es müssen mindestens drei sein, weil wir drei Abstimmungsrichtungen haben und die müssen mindestens divers sein. Das sind die beiden Bedingungen, damit dieses Verfahren anonym ist. Wir müssen also garantieren, dass in jedem Wahlkreis mindestens drei Stimmen sind, die mindestens divers sind, damit dieses Verfahren anonymisierend wirkt. Wenn das nicht der Fall ist, ist es nicht mehr anonym. Und genau so machen wir das. Das heißt, wir überführen in die Voting-Tabelle neben der Kumulierung der Stimme, den Wahlkreis. Dann wird für jeden Wahlkreis ein eigenes Ergebnis ausgegeben.

U: Und wenn die Bedingungen nicht erfüllt sind, wird es nicht angezeigt?

Wir haben es im Moment so, dass wir es trotzdem anzeigen. Da denken wir drüber nach. Das sind genau diese Grenzfälle über die wir nachdenken. Wir haben uns über Stimmenanonymität extrem Gedanken gemacht. Wir haben beim Chaos Computer Club gesessen und das vorgestellt. Wir haben uns auf alles vorbereitet, dass wir komplett zerrissen werden in dem Moment, in dem wir die App rausbringen. Es kommt aber niemand. Den Leuten ist es wirklich egal. Die juckt es nicht. Und da sind wir gerade selber an dem Punkt: Wir wollen das. Wir wollen höchsten Datenschutz, höchste Datenvermeidung, aber ob wir es dann nicht anzeigen? Die Nutzererfahrung ist richtig blöd, wenn da steht: Dieses Ergebnis kann erst ab fünf diversen Stimmen angezeigt werden. Müssen wir gucken. Da gibt es noch keine Entscheidung.

U: Wird es die Möglichkeit geben, dass Nutzer diskutieren können und wollt ihr sicherstellen, dass es dort eine zivilisierte Debatte gibt und nicht nur Hate Speech?

Einer der spannendsten Bereiche sind Internet-Foren, wenn man sich dort engagiert. Das ist mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz noch spannender geworden, weil man zensieren muss mit diesem Gesetz. Insbesonderse bei Hate Speech. Wenn man das nicht leisten kann, darf man nicht mehr ein Internetforum betreiben. Ich habe in diesem Konzeptionsprozess, von dem ich vorhin gesprochen habe, mir ein halbes Jahr Gedanken gemacht, wie man ein Internetforum machen könnte, was selbstverwaltet ist durch die Nutzer, wo es keine zentrale Redaktion braucht, was die relevanten Inhalte nach oben bringt, was nach einem Kodex funktioniert, der allgemein gleichbehandelnd ist und nicht diskriminierend wirkt, was Moderation überflüssig macht für eine zentrale Stelle und wo die Leute das Eingaberecht haben. Also das größte Problem, das man sich stellen kann. Ich hab dann ein Konzept gemacht, was wir noch umsetzen müssen.

Ich kann dir erklären, wie das funktionieren würde: Du hast einen neutralen Bereich und zwei wertende Bereiche, nämlich Pro und Contra. Im neutralen Bereich möchten wir, dass – aus unserer Perspektive – nur neutrale Informationen zugelassen sind. Das heißt weiterführende Artikel zu diesem bestimmten Papier. Die ja per se schon mal eine Wertung haben, aber das ist schon mal was anderes, als wenn man jetzt ein Nutzerstatement dazu abgibt. Oder Videos, oder was auch immer. In den Pro-Kontra-Bereichen lassen wir eben Pro-Kontra-Argumente zu, so auch die offiziellen Redebeiträge der einzelnen Abgeordneten der einzelnen Fraktionen aus dem Bundestag. Also die Frau von der Linken hat was dazu gesagt, oder der von der SPD. Die Relevanz-Parametisierung, also was steht oben, lassen wir die Nutzer entscheiden. Das ist dann ein einfaches Like-System, das ist halt die einfachste Metrik. Man könnte da auch viel diverser werden mit: Das ist wahr, oder das ist wichtig. Das Like bildet das nicht so wirklich gut ab. Das zeigt halt die relevanten Beiträge oben. Der Redaktionsmechanismus funktioniert über Relevanz, das heißt wenn du was schreibst, was von den anderen Nutzern als nicht relevant befunden wird, landet halt ganz unten und ist de facto irrelevant.

Alle müssen einem Kodex zustimmen und alle, die regelmäßig aktiv sind, bekommen einen Moderationsbereich freigeschaltet, in dem man das Recht hat, gemeldete Kommentare, die angeblich dem Kodex widersprechen, zu bewerten. Das wird automatisiert zehn Nutzern, die Moderatoren sind zugespielt und die müssen dann nach Mehrheitsverfahren entscheiden und begründen, warum dieser Kommentar den Kodex bricht und das wird transparent dokumentiert. Und wenn der gelöscht wird, wird der Kommentar herausgeworfen. Oder er bleibt eben drin und er wird geflaggt als „hierüber wurde diskutiert, aber er ist bei der Community durchgegangen“.

Zufallsprinzip und Aktivismus sollen das Problem lösen, dass es kein Bias wird, wo ganz bestimmte Leute entscheiden, welche Inhalte promoted werden oder nicht. Brutal schwierig umzusetzen. Haben wir erstmal auf „Coming soon“ geschoben. Was wir als allererstes machen ist ohne Nutzereingabe zu arbeiten und nur die Redebeiträge abzubilden. Das können wir relativ einfach umsetzen, da haben wir mehr Informationen. Aber das wäre die Königsdisziplin. Das Konzept steht, aber es ist sehr schwierig das umzusetzen.

U: Habt ihr noch andere Baustellen, an denen ihr arbeitet?

Das allergeilste kommt noch. Ich habe dir ja gesagt, dass Wahlkreisergebnisse zum 1.2.2019 kommen werden. Und dazu kommt das Wahl-o-Meter, vergleichbar mit dem Wahl-o-Mat. Beim Wahl-o-Mat kreuze ich zu autorisierten Fragen, die von irgendeiner zentralen Redaktion kommen, die Parteimeinung mit meinen Erwartungen für die Zukunft.

Offen bleibt für mich dann aber immer, was die davon umgesetzt haben, was sie versprechen. Das ist die größere Frage. Und die Einheit in der ich das messen kann, ist wie die eigentlich an konkreten Entscheidungen, die für mich eine persönliche Relevanz haben, abgestimmt haben? Und genau diese Information haben wir ja. Wir geben Leuten die Möglichkeit, zu Antragsvorgängen diese Entscheidung zu treffen. Wir haben das also genau in Form von Ja, Nein, Enthaltung. Und das können wir ja mit den Echtdaten der Abstimmungen aus dem Parlament kreuzen. Völlig klar, dass wir das machen. Und das was wir dann da raus bekommen ist eine Voting Advice Application. Nur eben auf Vergangenheitsdaten basierend.

Wir haben dann ein Parteien-Wahl-o-Meter und ein Direktkandidaten-Wahl-o-Meter. Du stellst deinen Wahlkreis ein und das hat dann den Effekt, dass du einmal dein Community-Ergebnis hast und auf der anderen Seite hast du deinen Direktkandidaten. Du kannst dabei auch Sachgebiete an- und abwählen, dass Sachen nicht in die Berechnung zählen oder auch zweifach. Wie beim Wahl-o-Mat und dann bekommst du Ergebnisse. Das ist ein brutales Tool. Das ist der Mehrwert der App. Das wird geil.

U: Und ihr habt vor, das ohne Redaktion zu bewerkstelligen?

Ja. Das ist das Ziel. Wir wollen eine Maschine bauen, die uns die Arbeit abnimmt.

U: Vielen Dank für das Gespräch Marius.

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