Der seltsame Fall von Ceuta und Melilla

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Immer wieder versuchen Menschen die stacheldrahtumsäumten Grenzräume, die Marokko und die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla trennen, zu überwinden. Immer wieder kommt es dabei zu Verletzten, teilweise Toten. Wieso hält Spanien an diesen zwei Flecken Land auf dem afrikanischen Kontinent fest, kosten sie doch nur Geld und bringen negative Schlagzeilen?Die spanische Stadt Ceuta hat eine Fläche von 18,5 km2, knapp 85.000 Einwohner*innen und liegt mit 20.953 $ Bruttoinlandsprodukt pro Kopf unterhalb des europäischen Durchschnitts. Ganz ähnlich zeigt sich Melilla, die zweite spanische Stadt, um die es in diesem Artikel gehen soll. 5 km2 kleiner, ähnlich viele Einwohner*innen und ebenso ein etwas geringeres Pro-Kopf-BIP als der EU-Durchschnitt. Völlig normale Städte könnte man meinen. Und doch sind Ceuta und Melilla Synonyme für die Festung Europa. Für ein Europa, das sich nach außen hin abschottet und Tote billigend in Kauf nimmt. So ist ihnen ist ein Medieninteresse zuteil geworden, welches weit über das erwartbare Maß hinaus geht. Ceuta und Melilla sind Exklaven. Die einzigen zwei, die Spanien in Nordafrika noch hat. Und hier liegt das ganze Problem.

Am 29. September 2005 begann ein koordinierter Versuch, mehrerer hundert afrikanischer Menschen, die Grenzzäune von Ceuta und Melilla zu überwinden, um so auf das Gebiet der Europäischen Union zu gelangen. Die spanische und marokkanische Polizei reagierte mit brutaler Härte und Menschenrechtsverletzungen. Viele, die versuchten zu fliehen, verletzten sich schwer am Stacheldraht der Zäune und wurden nicht medizinisch versorgt. Eine unnötig harte Behandlung durch die spanische Guardia Civil kam hinzu. Andere wurden einfach direkt von der Polizei erschossen (Amnesty International 2006, 2015). Insgesamt kamen dreizehn Menschen zu Tode. Im Nachhinein schoben dann marokkanische Behörden nach Algerien ab, da man sich nicht als zuständig sieht. Algerien selbst deportiert diese Menschen nachweislich oftmals in die Sahara und überlässt sie ohne Hilfe ihrem Schicksal. Dass sengende Hitze und Wassernot zu Toten führen, wird niemanden überraschenAuch Personen, die es schon auf spanisches Staatsgebiet geschafft hatten, wurden wieder zurückgewiesen, was einen Verstoß gegen das Non-Refoulment-Gebot der Genfer Konventionen darstellt. Demnach dürfen Menschen nicht in Staaten zurückgewiesen werden, in denen ihnen Folter oder andere schwere Menschenrechtsverletzungen drohen.

Die Folge dieser dramatischen Vorkommnisse waren nicht etwa ein Überdenken der Abschottungspolitik, sondern der drastische Ausbau der Zaunanlagen. Melilla trennt nun eine dreifach gestaffelte Grenzanlage von Marokko. Auf einer Länge von 10,5 Kilometern erstrecken sich zwei je sechs Meter hohe Zäune und ein drei Meter hoher Zaun zwischen diesen beiden. Hinzu kommen optische, akustische und Bewegungssensoren, Wachtürme, Flutlichter, Überwachungskameras und Wärmebildkameras. Der äußerste, nach Marokko zeigende Zaun ist zudem so konstruiert, dass die Löcher im Zaun zu klein sind, um sich daran festzuhalten. Für Ceuta zeigt sich ein ähnliches Bild. Hier ein Beispiel eines Herstellers solcher Zäune.

Nach Informationen der spanischen Tageszeitung El Mundo, werden allein für den Grenzschutz in Melilla 270 Beamt*innen, sowie 200 weitere Unterstützungsbeamt*innen vom spanischen Festland eingesetzt. Allein zwischen 2005 und 2013 kostete die Installation und Wartung der Zäune knapp 48 Millionen Euro für Melilla und knapp 25 Millionen für Ceuta. Hier sind noch nicht die Personalkosten für die eingesetzten Polizeibeamt*innen berücksichtigt, die sich auf viele weitere Millionen summieren dürften.

Warum tut Spanien das? Wieso gibt ein Land Millionen aus, nimmt schlechte Presse in Kauf und schafft sich ein Problem selbst, wenn man es auch einfach los werden könnte? Wieso gibt Spanien nicht einfach Ceuta und Melilla an Marokko zurück und ist alle Sorgen los?

1300 Jahre verdichtet auf wenige Quadratkilometer

Die Antwort ist in der spanischen Geschichte und Spaniens Verhältnis zur arabischen Welt zu suchen. Dieses Verhältnis ist auch nach all den Jahrhunderten noch stark von der muslimischen Eroberung Andalusiens und der Rückeroberung dieser Gebiete, auch bekannt als Reconquista, geprägt.

Zwischen 711 und 1492 standen große Teile der iberischen Halbinsel unter islamischer Herrschaft. Al-Andalus, wie das Gebiet genannt wurde, erstreckte sich in seiner größten Ausdehnung im Jahre 910 bis an die Pyrenäen. Der Name Andalusien für die südspanische Region um Malaga, Granada und Sevilla zeugt davon bis heute. Aber auch sonst lassen sich vieler Orten noch Spuren aus dieser Zeit ausmachen, seien sie kulinarischer, architektonischer oder künstlerischer Natur.

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Die christliche Rückeroberung vollzog sich dann über sage und schreibe sieben (!) Jahrhunderte und in vielen verschiedenen Kriegen und Kreuzzügen. Konkret ist hier das Konzil von Clermont-Ferrand gemeint, auf dem Papst Urban II 1095 den Kampf gegen Muslime auf der iberischen Halbinsel zum Teil der neuen Kreuzzugsbewegung erklärte. Ein erster Höhepunkt auf christlicher Seite stellte bereits zehn Jahre früher die Rückeroberung Toledos im Jahr 1085 dar, womit erstmals der Kernbereich des muslimischen Herrschaftsbereichs angegriffen wurde. Auf beiden Seiten wurden die Kriege dabei extrem religiös aufgeladen.

Gegen Ende des Hochmittelalters fielen dann innerhalb von dreißig Jahren große Städte wieder an die christliche Allianz. Nach Córdoba (1236), folgten Valencia (1238) Sevilla (1248), sowie Murcia und Granada. Um den 2. Januar 1492 herum kapitulierte dann der letzte Herrscher in Al-Andalus, der Nasride Mohammed XII. Mit dem anschließenden Dekret von Ferdinand von Aragonien und Isabella von Kastilien mussten sich Juden und Muslime taufen lassen, oder das Land verlassen. 1492 wird damit in der europäischen Geschichte nicht nur zum Entdeckungsjahr Amerikas sondern auch zu Jahr der Vertreibung des Juden aus Spanien, welche eine Kerbe im kollektiven Gedächtnis des Judentums schlug.

Fünf Jahre später siegte dann erneut der christliche Expansionswille, sodass man erstmals auf den afrikanischen Kontinent vordrang: Melilla ging in spanischen Besitz über.

Knapp fünf Jahrhunderte später im Jahr 1956 erreichte Marokko dann seine Unabhängigkeit von Frankreich und Spanien. Damals wären die Zeichen wohl günstig gewesen, um auch Ceuta und Melilla wieder aus der  Fremdherrschaft zu entlassen. Stattdessen erklärte Spanien sie zur „espaniolidad“ — zu einem elementaren Bestandteil der spanischen Nation.

Auf spanischer Seite stützt man sich hierbei auf die jahrhundertelange Herrschaft über die Gebiete und vor allem die Etablierung der spanischen Sprache sowie des christlichen Glaubens in den beiden Städten. Allerdings vergisst man auf spanischer Seite gern, dass diese christliche Dominanz aus einer künstlichen Beschränkung resultiert und nicht gottgegeben oder ein Naturgesetz ist. , Es war Nicht-Christ*innen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts schlicht verboten, sich überhaupt anzusiedeln. Muslim*innen war dies sogar bis ins zwanzigste Jahrhundert verwehrt, sodass die christliche Dominanz eine künstlichen Beschränkung zugrunde liegt.

Diese lange Phase der Eroberung und Rückeroberung seit dem achten Jahrhundert nach Christus spielt nach wie vor eine wichtige Rolle in spanischen Identitätsdebatten. Die Ansichten im heutigen Spanien changieren dabei zwischen romantischer Verklärung einer Zeit vermeintlich friedlicher Koexistenz der drei großen monotheistischen Religionen und der Dramatisierung zur existenziellen Katastrophe durch die muslimische Eroberung der iberischen Halbinsel, die eine reconquista nötig machte.

Vor diesem Hintergrund ist dann auch der seltsame Fall von Ceuta und Melilla zu sehen: Die Erzählung einer erfolgreichen Rückeroberung ist sehr tief verankert im kollektiven spanischen Gedächtnis und spielt eine identitätsbildende Rolle. Der spanische Historiker Alejandro García-Sanjuán erläutert, wie Al-Andalus dabei zum Vehikel für die spanische Erzählung der Nationswerdung wurde. Beginnend im 19. Jahrhundert konstruierten spanische Historiker*innen, ganz dem europäischen Zeitgeist folgend, die Erzählung der Reconquista als einigendes Ereignis.

Kaum zu überschätzen ist dabei die Rolle der katholischen Kirche in Spanien, die enormen Einfluss ausübte. Das zeigte sich vor allem darin, dass der katholische Glaube seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts fast durchgängig als Staatsreligion festgeschrieben war. Die Phase der muslimischen Beherrschung wurde hierbei nicht als konstitutiver Bestandteil der spanischen Geschichte, sondern als Startschuss der nationalen Einigung gesehen. Das Muslimische wurde als das Andere, Fremde konstruiert, gegen das man sich wenden müsse.

Besonders deutlich wurde dies während der Franco-Diktatur, die offen und frühzeitig von der Katholischen Kirche unterstützt wurde. So prägte man auch der Begriff der Neuen Reconquista, da Franco angeblich einen Kreuzzug gegen Marxismus und Atheismus führte. Unter diesen Vorzeichen sind dann auch die zwei eigentlich unbedeutenden Zipfel Land an der Küste Marokkos zu bewerten.

Ceuta und Melilla heute

Ein Blick auf Ceuta und Melilla im Jahr 2018 fällt widersprüchlich aus. Aus den großen Schlagzeilen sind die beiden Exklaven raus. Andere Fluchtrouten sind in den Mittelpunkt gerückt und die Ereignisse des Jahres 2005 wirken rückblickend wie ein dunkler Vorbote für das was in Europa seit 2015 geschehen ist.

Auch in Ceuta und Melilla zeigt sich nach wie vor eine räumliche, wie auch sozioökonomische Trennung zwischen der christlichen Bevölkerung, die im Zentrum lebt und Muslim*innen die vorrangig in den Randbezirken leben. Dennoch profitiert Marokko von der Existenz der zwei Enklaven. Die marokkanische Regierung verweist gern auf die „fortbestehenden Kolonien“, um den Druck auf Spanien und die EU zu erhöhen und Hilfszahlungen zu erwirken. Auch die Kontrolle von Migrant*innen wird mal strenger, mal weniger konsequent durchgesetzt. Die EU verfolgt eine Strategie der Externalisierung von Migrationskontrolle, dadurch ist sie aber auch abhängig von ihren Partner*innen.

Somit bleiben Ceuta und Melilla ein seltsamer Anachronismus. Sie sind das Resultat jahrhundertelanger Auseinandersetzungen und Identitätspolitiken. In den letzten fünfzehn Jahren waren es vor allem Menschen aus Subsahara-Afrika, die die Auswirkungen ertragen mussten. Immerhin scheint ein wenig Bewegung in die Angelegenheit zu kommen. Der sozialdemokratische Innenminister Spaniens Fernando Grande-Marlaska sprach sich für eine Entfernung des Stacheldrahts aus. Es sei nicht „vernünftig oder hinnehmbar, Menschen über Zäune springen zu sehen.“

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