Über Antisemitismus inmitten der Gesellschaft

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Antisemitismus ist wieder ein Thema. Antisemitisches Mobbing in der Schule, ein israelischer Koch wird antisemitisch beschimpft, Rabbiner werden verprügelt. Es ist beschämend sagen zu müssen, dass Antisemitismus in Deutschland wieder zum Alltag gehört. 

Doch stimmt das überhaupt? Fragt man diejenigen, die es wissen müssen, also Juden, heißt es oft: Der Antisemitismus war schon immer da, nur jetzt trauen sich immer mehr Menschen ihn offen verbal und physisch auszudrücken. Auch der Skandal um die Verleihung eines Echos an die Rapper Farid Bang und Kollegah, die mit antisemitischen Lines in ihren Raps viele empörten, gehört hierher. Was fast allen Beispielen, die momentan sehr laut diskutiert werden, gemein ist? Die Täter werden oft als „Araber“ bzw. als „Migranten“ identifiziert. Es heißt dann schnell – gerade von Rechten und Rechtsextremen – wir würden mit “den Geflüchteten” Antisemitismus importieren. Schon diese Aussage halte ich für fragwürdig, insbesondere vom Exportweltmeister, der auch seinen mörderischen Antisemitismus weltweit verbreitete. Nach den Migranten nennt die bürgerliche „Mitte“ der Gesellschaft oft Linke als zweite Gruppe von denen Antisemitismus ausgeht. Dieser „linke Antisemitismus“ – und den gibt es zweifelsfrei in Teilen der Linken – wird kritisiert und verurteilt. Da wird beispielsweise die BDS-Kampagne (Wiki Link) auch schnell als links verstanden.

Interessanterweise tauchen die bürgerlichen Formen, die Verbreitung und Verbalisierung von Antisemitismus in “der Mitte der Gesellschaft” selten bis gar nicht auf im öffentlichen Diskurs. Man könnte hier fast einen

Ausweichsdiskus
Mit Ausweichdiskurs ist hier gemeint, dass mit dem Sprechen über den Antisemitismus bei Minderheiten, die Mehrheitsgesellschaft sich nicht mit ihrem eigenen Antisemitismusproblem beschäftigt. Sie weicht dieser Reflexion und Beschäftigung aus.
der Herrschenden vermuten. Es ist nämlich einfach und passt nur zu gut, mit dem Finger auf Antisemitismus von Migranten, deren Nachkommen und Linken zu zeigen. Damit muss dann eine kritische Selbstbefragung der Mehrheitsgesellschaft nicht stattfinden.

Bestimmung von Antisemitismus

Nach einem Bericht des unabhängigen Expertenkreises des Deutschen Bundestages ist festzustellen, dass 20% der Deutschen latente antisemitische Einstellungen zeigen (EK 2011: 173). Doch was heißt das eigentlich?

Grundsätzlich sollten wir festhalten, was hier unter Antisemitismus verstanden wird:

Einstellungen und Verhaltensweisen, die Juden – und als Juden wahrgenommene Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen – aufgrund dieser Zugehörigkeit negative Eigenschaften unterstellen. Dabei ist zu beachten, dass Antisemitismus eine feindselige Einstellung gegenüber einer imaginierten Gruppe ist und damit das Ergebnis einer verzerrten Darstellung gesellschaftlicher Realität und keineswegs als Reaktion auf die Existenz oder das Verhalten von ‚Juden‘ misszuverstehen ist (EK: 2011: 172).

Kurz: Antisemitismus ist eine Einstellung gegenüber Personen oder Zusammenschlüssen, die als „Jüdisch“ gesehen werden und nur aufgrund dieser Zuschreibung werden ihnen negative Eigenschaften unterstellt.

Das ist eine Definition von Antisemitismus, bei weitem aber nicht die einzige. Sie zeigt uns aber das wesentliche auf. Wichtig ist außerdem, dass es einen Unterschied zwischen antisemitischen Einstellungen und Handlungen gibt.

Die Differenzen sind zwar augenscheinlich, aber dennoch zu thematisieren. Da antisemitische Einstellungen keinen ‚Schaden‘ verursachen, werden sie häufig als harmlos abgetan. Doch die schweigende Zustimmung erzeugt ein Klima der Akzeptanz und bildet die Grundlage für (spätere) antisemitische Handlungen. Dieser enge Sinnzusammenhang muss bei der Einschätzung von Antisemitismus berücksichtigt werden. 

Bevor alltägliche und bekannte Phänomene und Argumentationen in den Fokus rücken, ist eine oben genannte Wendung aufzulösen. Die Unterscheidung zwischen manifestem und latentem Antisemitismus wird immer häufiger vollzogen. Manifester Antisemitismus ist eine gefestigte antisemitische Einstellung, wie die feste Überzeugung „Juden“ hätten sich gegen die Welt verschworen, um sie zu beherrschen. Demgegenüber ist die Latenz eine nicht-gefestigte Einstellung, die sich gelegentlich in nicht beabsichtigten bzw. bewussten antisemitischen Äußerungen zeigt. Sie äußert sich außerdem in verdeckt antisemitischen Argumentationsmustern, wie in Vorstellungen, dass Juden aus dem Holocaust Vorteile zögen oder das Aufrufen von antisemitischen Vorstellungen bei Hörer_innen oder Leser_innen von Texten, ohne dabei offen antisemitische Aussagen zu treffen.

Unterscheidung antisemitischer und nicht-antisemitischer Kritik an Israel

In unserem Alltag werden wir in den Medien und Diskussionen immer wieder auf die Kritik am Staat Israel zu sprechen kommen. Genauso häufig wird darüber gestritten, ab wann Kritik an Israel keine lautere Kritik mehr ist, sondern antisemitisch. Es existiert ein Unterschied und es ist wichtig, diesen zu betonen. Auch in diesem Punkt ist sich die Forschung nicht einig. Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz sieht die Grenze spätestens dann überschritten, wenn „weit über den Anlass hinaus (Vorurteile und Stereotype) zu Erklärung und Schuldzuweisung benützt werden“ (Benz 2008: 203). 

Der Historiker Tony Judt ist sehr viel forscher und erklärt weitverbreitete antijüdische Gefühle mit Israels Anspruch für alle Juden zu sprechen und ein Staat der Juden zu sein (und nicht seiner Bürger_innen bzw. Einwohner_innen). Judt plädiert für eine ‚Brandmauer‘ zur Abgrenzung zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik am Staat Israel. Pointiert macht er den Unterschied fest: „Zu sagen, dass Israel und seine Lobbyisten einen übermäßigen und verhängnisvollen Einfluss auf die Politik der Supermacht (gemeint sind die USA, S.K.) haben, ist eine faktische Aussage. Doch wenn man sagt, dass ‚die Juden‘ Amerika kontrollieren, um ihre Ziele zu erreichen, begibt man sich auf das Feld es Antisemitismus“ (Judt 2004: 51).

Antisemitismus und Antisemitismusforschung ist ein politisiertes Feld, bei dem es auch viel um deutsche Befindlichkeiten geht. Deshalb werden die Positionen von Forscher_innen bei dieser Art von Antisemitismus besonders angegriffen und debattiert.

 Abstraktere und genauere Kriterien zur Differenzierung sind für die Bewertung hilfreicher. Samuel Salzborn beispielsweise stellt vier Kriterien auf, um eine legitime Kritik an Israel vom sogenannten antizionistischen Antisemitismus zu unterscheiden:

       1. Aufgreifen traditioneller antisemitischer Stereotype und ihre Übertragung auf die gegenwärtige (nahöstliche) Situation.

       2. Die Delegitimation des Existenz- und Selbstverteidigungsrechts des Staates Israels. 

       3. Doppelstandards und Einseitigkeit in der Kritik an Israel.

       4. Gleichsetzung und Vergleiche mit dem Nationalsozialismus und der NS-Vernichtungspolitik. (Vgl. Salzborn 2013).

Die Grenze wird im Grunde schon bei der Verwendung eines dieser Kriterien überschritten; je mehr, desto klarer wird das Bild. Mit dieser Art der Unterscheidung kann man meines Erachtens nicht nur gut untersuchen, wann die Grenze zur illegitimen Kritik überschritten wird, sondern sie ermöglicht auch eine Kritik an israelischem Regierungshandeln, welche in der öffentlichen Debatte oft als tabuisiert hingestellt wird.

Antisemitismus in unserer Mitte

Zum Schluss möchte ich mich einem weiteren sehr interessanten und brisanten Feld widmen: Dem Antisemitismus in der ‚Mitte‘ der Gesellschaft bzw. dem

'sekundären'
Das ‚sekundär‘ bezieht sich darauf, dass der Antisemitismus nicht offen zu Tage tritt, sondern in der Regel eine Transformation der Opfer in Täter stattfindet.
Antisemitismus.

Das Phänomen eines ‚Antisemitismus nach Auschwitz‘ wird gern als ein Antisemitismus nicht ‚nach‘, sondern ‚wegen‘ Auschwitz apostrophiert und kann in der zynischen Wendung, dass man ‚den Juden‘ Auschwitz nicht verziehen hat (Zvi Rex, weitere Infos), zusammengefasst werden. Das bedeutet, dass die Erinnerung an den Massenmord und Zivilisationsbruch abgewehrt wird. Einerseits möchte man keine weitere Auseinandersetzung und andererseits wird über das (Schein-)Argument „wir haben aus dem Holocaust gelernt und die Juden müssen jetzt dies oder das tun“ aus den geläuterten Tätern (oder deren Nachfahren) eine moralische Instanz, die sich über die Opfer (oder deren nachfahren) erhebt. Doch bei aller polemischen Härte lassen sich durchaus Zusammenhänge und Argumentationsfiguren ableiten und analysieren. Der Hauptpunkt beim sogenannten sekundären Antisemitismus ist die Täter-Opfer-Umkehr und ein Schuld-Abwehr-Reflex.

Die Täter-Opfer-Umkehr wird häufig durch den Vergleich oder die Gleichsetzung israelischer Besatzungspolitik mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik hervorgerufen (hier findet auch eine Gleichsetzung von Juden und Israelis statt). Ebenso handelt es sich um eine Täter-Opfer-Umkehr, wenn Juden eine Mitverantwortung oder -verschuldung an der nationalsozialistischen ‚Endlösung‘ zugeschrieben wird. Die historische wie die gegenwärtige Umkehr der Zuschreibung zwischen Tätern und Opfern dient der Verschiebung von Schuld und geht meistens Hand in Hand mit einem Schuld-Abwehr-Reflex.

Die Umkehr des Täter-Opfer-Verhältnisses (z.B. Die Gleichsetzung von israelischer Politik in den besetzten Gebieten und NS-Politik gegenüber Juden) rechtfertig das Handeln der Nationalsozialisten oder schwächt es zumindest ab. Dadurch soll meist ein ‚deutsches Volk‘ von seiner Last der Schuld befreit – und damit auch aus seiner Verantwortung entlassen werden. Der Schuld-Abwehr-Reflex äußert sich auch in Rufen, dass nun endlich mal Schluss sein müsse mit dem Holocaust, der sogenannte Schlussstrich. Auch wenn auf der Hand liegt, dass die nachgeborenen Generationen keine direkte Schuld auf sich geladen haben, sind sie dennoch mit dem Erbe der Eltern und Großeltern belastet und damit in der Verantwortung eines ‚Nie wieder!‘. Dessen Interpretation wird allerdings regelmäßig neu ausgehandelt.

Auf gesellschaftlicher Ebene sind die Nachwirkungen der nationalsozialistischen Ära zum Teil immer noch spürbar und sind keineswegs nach 1945 verschwunden. Das bedeutet, dass Antisemitismus in Deutschland nicht überwunden und in allen gesellschaftlichen Schichten anzutreffen ist.

Die linguistische Studie von Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundertwertete über 10.000 Zusendungen an die israelische Botschaft in Deutschland und den Zentralrat der Juden in Deutschland aus den Jahren 2002 bis 2012 aus. Dabei konnten Sie nicht nur unterschiedliche Formen verbaler antisemitischer Gewalt ausmachen, sondern auch feststellen, dass der israelbezogene Antisemitismus im Grunde dieForm des Antisemitismus in Deutschland heute ist und auch, dass Antisemitismus in unserer Gesellschaft fest verankert ist.

Sie schreiben dazu beispielsweise: “Judenfeindseligkeit war und ist fester Bestandteil der abendländischen Denk- und Sprachstrukturen” (Schwarz-Friesel; Reinharz 2013: 104). Oder auch: “Allen politischen, didaktischen und wissenschaftlichen Bemühungen zum Trotz sind bis heute die von Generation zu Generation oft unreflektiert weitergetragenen Stereotype und Klischees, oft durch Floskeln vermittelt, erhalten und spiegeln sich auch im 21. Jahrhundert in den aktuellen Sprachsgebrauchsmustern wider (Ebd.: 171).

Das heißt einerseits, dass Antisemitismus keine besonders neue Erfindung ist, schon gar kein Import, sondern ein Problem der Mehrheitsgesellschaft seit langer Zeit. Die Idee andererseits, dass wir mit Bildung effektiv gegen Antisemitismus vorgehen könnten, hat sich durch die Studie leider nicht bewahrheitet. Menschen mit Abitur, Studium und Promotion benutzen lediglich eine andere Sprache, um antisemitische Aussagen zu tätigen. Provokativ könnte man sagen: Bildung hilft nicht. Die offene Frage wäre dann aber: was dann?

Antisemitismus der Mitte anerkennen und handeln

Die Beschäftigung mit Antisemitismus ist nicht einfach, das dürfte er Text gezeigt haben.  Zumal eine antisemitische Äußerung nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie ein_e Antisemit_in geäußert hat. Es gibt Unterschiede und diese sind häufig entscheidend – gerade da unsere Kultur und unsere Moderne zutiefst durch den Antisemitismus geprägt sind. Für einige liegt der Antisemitismus unserer kapitalistischen warenproduzierenden Gesellschaft inne. Wir sollten auf uns Acht geben und uns selbst reflektieren. Formale Bildung allein reicht nicht aus, das haben die Ergebnisse der Studie von Monika Schwarz-Friesel gezeigt. Der pädagogische Umgang mit Antisemitismus und dessen Bearbeitung ist aber dennoch äußert wichtig. Wir müssen wachsam sein. Wir sollten antisemitische Äußerungen, Handlungen und Einstellungen thematisieren, wo immer sie uns auffallen. Den meisten Menschen sind ihre Worte und Gedanken bei diesem Thema nicht bewusst. Hier gilt es anzusetzen. Entschieden gegen jeden Antisemitismus. Solidarisch mit den Betroffenen.

Zitierte Literatur

Deutscher Bundestag (Hg.): Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus: Antisemitismus in Deutschland – Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze. 17 Wahlperiode, Drucksache 17/7700. O.O., 2011 (EK).

Judt, Tony: „Zur Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Antizionismus“. In: Rabinovici, Dorn; Speck, Ulrich; Sznaider, Nathan (Hgg.): Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte. Frankfurt/ Main, 2004, S.44–51.

Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus? Lizenzausgabe BpB, Bon, 2008.

Salzborn, Samuel: Israelkritik oder Antisemitismus? Kriterien für eine Unterscheidung. In: Kirche und Israel. Neukircher Theologische Zeitschrift, 28. Jahrgang, Heft 1/2013.

Schwarz-Friesel, Monika; Reinharz, Jehuda: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, Boston, 2013.

Literatur zum Weiterlesen

historisch

Greive, Hermann: Geschichte des modernen Antisemitismus. Darmstadt, 1988.

Bergmann, Werner; Wyrwa, Ulrich: Antisemitismus in Zentraleuropa, Reihe: Geschichte kompakt. Darmstadt, 2011.

gegenwärtig

Holz, Klaus: Die Gegenwart des Antisemitismus. Islamistische, demokratische und antizionistische Judenfeindschaft. Hamburg, 2005.

theoretisch

Salzborn, Samuel: Antisemitimus als negativ Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt/ Main, 2010.

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