Kunst grenzenlos — Rezension Ent/Grenzen

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Photo by Janos Richter on Unsplash

Flucht, Migration und Grenzen rufen in allen Teilen unserer Gesellschaft Reaktionen hervor. Künstlerischen Perspektiven werden dabei nur selten Beachtung geschenkt. Mit Ent/Grenzen ist nun ein Sammelband erschienen, der genau das tun möchte und „künstlerische und kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Grenzräume, Migration und Ungleichheit“ präsentiert. Eine Rezension

Ent/Grenzen ist nicht nur der Titel des Buches, sondern auch als Programmatik zu verstehen. In dem gut 200 Seiten umfassenden Sammelband, herausgegeben von Marcel Bleuler und Anita Moser sollen „künstlerische und kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Grenzräume, Migration und Ungleichheit“  geworfen werden. Das gelingt im Großen und Ganzen, wenngleich die Beiträge inhaltlich wie qualitativ  variieren.Es gibt wenig, was in den letzten Jahren so präsent war wie Migration. Damit einher geht unweigerlich das Sprechen über Grenzen. Grenzen, die überwunden werden, Grenzen die undicht sind, Menschen die an Grenzen zurückgewiesen werden. Aber auch die weniger sichtbaren Grenzen in den Köpfen sind ein Dauerthema. Ent/Grenzen versucht einen Beitrag in diesen Debatten zu leisten und dabei deutlich über die Alltagsbedeutung von Grenze hinauszugehen. Der Titel ist also wörtlich zu nehmen.

Es finden sich durchaus klassische Betrachtungsweisen wie die Erörterung von Isolde Charim was Grenze heute bedeutet. Sie differenziert in Anlehnung an den französischen Philosophen Michel Pêcheux in ihrem Beitrag zwei Gesellschaftstypen und damit zwei Arten von Grenzen. Zum einen gebe es Gesellschaften, die nach einer militärischen Logik funktionieren und einer belagerten Festung glichen. Gesellschaftliche Widersprüche würden an die Außengrenze verlagert, wodurch sich klare Fronten und ein eindeutiges Innen und Außen ergebe. Zum anderen wäre da der sogenannte paradoxe Raum, der Widersprüche integriere. Unterschiede zwischen innen und außen verschwömmen, gesellschaftliche Positionen werden uneindeutig.

Man ist hier natürlich mit einem sehr philosophischen bzw. politiktheoretischen Text konfrontiert, der einiges an Denkarbeit erfordert. Dafür geht die Autorin dem Phänomen der Grenze aber auch sehr tiefgehend nach, was ein großer Gewinn ist. Demgegenüber stehen teilweise gänzlich andere Texte wie Ina Mertens Porträt über den tschechslowakischen Künstler Július Koller, der seit den 1970er Jahren in Bratislava wirkte und mit seiner auf den Kosmos bezogenen Kunst auffiel. Wo man eben noch von anspruchsvollen Denkfiguren las, kann man nun schön illustriert etwas über das künstlerische Schaffen eines Mannes lesen, der beständig versuchte, die Grenzen zu überwinden, die ihm der Staatssozialismus setzte.

Spannende Beiträge, kein roter Faden

Zwischen diesen beiden Polen — politischer Theorie und Kunst — changieren alle Beiträge im Buch. Das ist die große Stärke. Und die große Schwäche. Solange man die Beiträge einzeln betrachtet sind echte Perlen darunter. „Grenzerfahrungen als Computerspiel“ von Sonka Prlic, Reinhold Bidner und Karl Zechenter ist so eine. Die drei Autor*innen vom Künstler*innenkollektiv gold extra haben Computerspiele programmiert, die den Versuch eine Grenze zu überwinden, erfahrbar machen sollen. Selbst ohne lang darüber nachzudenken, wird einem klar, dass ein solches Unterfangen enorme Probleme mit sich bringt. Ethische Abwägungen sind zu treffen: Was möchte ich mit diesem Spiel erreichen? Wie werde ich der Thematik gerecht? Sollte es so etwas wie Spielspaß geben oder ist da hier unangemessen? Im Beitrag beschreiben die Autor*innen ihren hindernisreichen Weg von der ersten Idee zum fertigen Spiel. 

Nicht jeder Beitrag ist gleichermaßen interessant und kann das hohe Niveau der vorgenannten Artikel halten. Interessant sind aber die allermeisten. Das Problem des Buches ist der fehlende rote Faden. Man hat das Gefühl, dass die Herausgeber*innen wenig Wert auf ein Gesamtkonzept für das Buch legten. Einzeln betrachtet hat jeder Beitrag einen Bezug zum Thema Grenze. Übergreifend kann ich aber nicht sehen, wie die Beiträge zusammengehören. Nun ist das in Sammelbänden immer etwas schwer. Dennoch fehlt mir hier etwas. So ist es „nur“ eine Aneinanderreihung verschiedener Beiträge, die aber zumindest zum intensiven Nachdenken über Grenzen anregen.

Interessant ist das Buch für all jene, die prinzipiell künstlerischen Perspektiven etwas abgewinnen können und Interesse am Themenkomplex Flucht-Migration-Grenze haben. Die Texte sind für Leser*innen, die mit philosophischem Vokabular nicht vertraut sind, vielleicht nicht immer direkt zugänglich, aber auch nicht so abgehoben, dass man keine Chance hätte. Es muss also niemand in Ehrfurcht erstarren. 


© [transcript] Verlag
Ent/Grenzen, herausgegeben von Marcel Bleuler und Anita Moser, erschienen 2018 im [transcript] Verlag, Edition Kulturwissenschaft, 215 Seiten, 29,99€.

Wir danken dem [transcript] Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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