Jerusalem von außen (Teil 3)

Jerusalem - Eine Erkundung jenseits des Spektakels

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Balagan

Nach dem Abend auf der Terrasse des österreichischen Hospiz bin ich selber noch weiter gezogen. Von der Altstadt einmal die Yafo hoch bis zum Mahane-Yehuda-Markt. Abends, besonders aber am Donnerstag, wenn die Marktstände schließen, öffnen die dazwischen gequetschten Bistros. Musik schallt von überall her und durcheinander. Junge Menschen sitzen im geschlossenen Markt und genießen den Abend. Es herrscht ausgelassene Stimmung und ein wenig Balagan (Hebräisch für Chaos) – Chaos, das ist gut, das ist normal.

Tel Aviv

Viel zu spät bin ich schließlich ins Bett gegangen und am nächsten Morgen habe ich dementsprechend länger geschlafen. Fast, zum Glück nur fast, verpasste ich mein nächstes Treffen. Heute fahre ich raus aus der Stadt, ans Meer. Mit dem Bus ist es knapp eine Stunde, dann trete ich aus dem Busbahnhof im Süden Tel Avivs. Weitere knappe 30 Minuten später sitze ich einem hippen Bistro im noch hipperen Florentin (Vor einigen Jahren spürte man hier schon die Gentrifizierung, unseren Artikel dazu findet ihr hier: Interner Link). Ich treffe mich mit Yuval – er ist Wissenschaftler und zurzeit hat er eine Post-Doc-Stelle an der Hebräischen Universität Jerusalem. Vor Ort muss er aber nicht so oft sein – zum Glück setzt er hinzu.

Den Enddreißiger mit seiner Fastglatze habe ich vor einigen Jahren kennen gelernt, seitdem treffen wir uns ab und zu, wenn ich in Israel bin, oder er in Deutschland. Yuval mag Jerusalem überhaupt nicht. Er ist ein säkularer Tel-Avivi und kann sich absolut nicht vorstellen, in Jerusalem zu leben. „Alles ist dort extremer“ sagt er. Eben nicht nur die Religion(en); es ist auch alles politisch oder heilig. Das ist ihm zu viel. Mir auch. Ich merke, dass er über den Alltag dort, auch wenn er ihn nur selten arbeitsbedingt hat, gar nicht sprechen will. Ich wechsle das Thema. Wir sprechen über dies und das. Es ist nett mit ihm, aber außer seiner tiefen Abneigung gegen die Stadt, kann er mir nichts erzählen.

 Am Nachmittag spaziere ich noch am Meer entlang und sehe mir ein paar interessante Orte, wie das Jemenitische Viertel oder Newe Tzedek an. Dann sitze ich aber wieder im Bus, heute Abend will ich noch von einer alten Studienfreundin aus Deutschland etwas über das Leben hier erfahren. Der Bus schießt über die Autobahn und der Abfahrt zum Flughafen vorbei. Ich denke an mein Gespräch mit Yuval und bin etwas irritiert. Bisher habe ich ihn immer als sehr offen kennengelernt – ich denke an Björns Worte, dass er die Menschen in Jerusalem offener findet, aufgrund ihres Hintergrundes. Vielleicht ist da mehr dran, als ich bisher dachte oder zugestehen wollte.

 Die soziologische Brille – zurück in Jerusalem

In Jerusalem komme ich am Busbahnhof an und steige gleich gegenüber in die Tram ein. Das ist praktisch an Jerusalem, ich kann nicht in die falsche Linie einsteigen, denn es gibt nur eine. Ich fahre am Zionsplatz vorbei bis zur Haltestelle Rathaus (City Hall – העירייה). Dort steige ich aus und und laufe in Richtung Altstadt. Es ist selten, dass ich die altehrwürdigen (?) Mauern sehe. Ich merke, dass ich manchmal vergesse, dass es diesen Teil von Jerusalem gibt. Bevor ich aber wirklich nah herankomme, biege ich rechts ab auf die Shlomo Ha-Melekh, also König-Salomo-Straße, von der rechterhand nun einige kleine Gassen und Straßen abgehen in denen sich die Bistros, Restaurants und Cafés aneinanderreihen.

Ich blicke auf die Uhr. Noch 10 Minuten. So kann ich noch einmal durchatmen und mich sortieren.

Ich treffe Alina. Sie ist eine ehemalige Kommilitonin aus meinem Bachelorstudium. Es ist also recht lange her, dass wir etwas miteinander zu tun hatten. Nun verstanden wir uns ganz gut. Sie schreibt ihre Doktorarbeit in Soziologie über die Straßenbahn in Jerusalem. Das ist ein spannendes Thema, da schon der Blick in den Wikipediaeintrag einen Eindruck davon vermittelt, wie kontrovers das Thema ist. Sie hat generell lange in Israel gelebt und auch immer wieder in Jerusalem, jetzt zum Beispiel ist sie hier als Gastwissenschaftlerin.

Dieser Blick von „außen“ reizt mich, vielleicht auch, da er womöglich nah an meiner eigenen Position ist. Alina kommt 5 Minuten zu spät und wir setzen uns in ein gemütliches Hummuslokal. Nachdem wir die Schüsseln mit dem dampfenden Brei und 5 frische Falafel bekommen haben, setzen wir uns an einen Tisch draußen an der Straße. Hier können wir uns besser unterhalten und schauen.

Alina ist gerne in Jerusalem. Sie war 2004 das erste Mal hier und findet diese Stadt faszinierend, vor allem, da es eine komplexe, ambivalente aber auch kosmopolitische Stadt mit viel Potential ist. Ebenso ist es eine traurige Stadt, schiebt sie hinterher. Diese Beschreibung hat es in sich, versucht sie doch die Widersprüche und Vielfalt der Stadt zu bündeln. Alina beschäftigt sich in gewissem Sinn mit dem Alltagsleben der Menschen, da sie über die Straßenbahn forscht.

Ich frage Alina, ob sie mir mehr über die Straßenbahn und den Alltag erzählen kann, der mit dieser verbunden ist. Während ich eine der Falafel esse, erzählt sie.

Die Tram ist in Jerusalem eine Grenzüberschreitung in mehrfacher Hinsicht. Einerseits eine physische, da sie vom Westen der Stadt in den Osten in eine jüdische Siedlung fährt. Dabei verlässt sie das Gebiet, dass nach internationalem Recht zu Israel gehört. Daneben gibt es noch die symbolische Grenzüberschreitung: Mit dem Bau und der impliziten Aussage, eine Tram für die eine geeinte Stadt, steht die Straßenbahn auch für die Unterdrückung der Palästinenser_innen. Darin liegen teilweise die Angriffe auf die Straßenbahn begründet.

Paradoxerweise ist die so umstrittene Straßenbahn infrastrukturell ein Erfolg, da sie sehr positiv aufgenommen wird. So fahren beispielsweise viele Palästinenser_innen mit ihr vom Osten in den Westen zum Einkaufen. Es gibt eine größere Durchmischung der Bevölkerungsgruppen in Jerusalem. Insbesondere in der Jaffa-Straße und den angrenzenden Geschäftsstraßen kann man dies beobachten.

Alina erklärt weiter, dass die Straßenbahn die einzige geteilte Infrastruktur der Stadt sei, d.h. sie wird von Israelis, Palästinenser_innen und Tourist_innen gleichermaßen genutzt. Das ist etwas Besonderes, da Jerusalem ansonsten eine sehr segregierte Stadt ist. Damit hat die Tram einen großen Effekt auf das Alltagsleben der Jerusalemer_innen, ohne dass dies groß reflektiert wird.

Alina erzählt noch einiges mehr von der Straßenbahn und ich merke, dass das ein wirklich sensibles Thema ist. Selbst die Route die die Bahn nimmt, kann politisch und symbolisch verstanden werden – sie fährt vom Herzlberg bis in eine jüdische Siedlung im Osten der Stadt und schafft damit eine territoriale Kontinuität, zwischen Israel und besetzten Gebieten.

Während wir so essen und erzählen, ist es dunkel geworden und wir gehen vom Bistro ein paar Schritte und laufen durch den Unabhängigkeitspark, der gleich um die Ecke liegt.

Mich interessiert noch, wie sie Jerusalem wahrnimmt, als Person, ohne den dezidiert wissenschaftlichen Blick. Alina wünscht sich, dass die Menschen, insbesondere in Deutschland, diese Stadt als die belebte, lebhafte und lebenswerte Stadt sehen, die sie ist.

In der Regel denken die Menschen an die Klagemauer, den Tempelberg und all das. Darüber vergessen sie oft, dass es hier normale Menschen mit einem Alltag gibt. Und zwar in allen Stadtteilen.

Alina gerät ein wenig ins Schwärmen: „Es gibt hier schöne Parks, unheimlich viele Freizeitangebote und auch viele Cafés. Sehr viele Menschen leben hier sehr gut, natürlich nicht alle und das sollte man auch nicht vergessen.“ Damit meint sie Palästinenser_innen und viele arme Jerusalemer_innen, denn Jerusalem gehört zu den ärmsten Städten Israels. Alina wünscht sich, dass Jerusalem auch weniger zu der Ausnahmestadt gemacht wird, zu der sie viele Medien machen. Klar ist das leben hier schwieriger, Jerusalem ist nicht nur eine arme Stadt und hat damit die sozio-ökonomischen Folgen zu tragen, sondern hat auch die Probleme vieler anderer Städte: schlechte Busverbindungen, Aufregung über schlechte Luft, Lärm und so weiter.

Doch Jerusalem investiert in letzter Zeit viel in Infrastruktur und bemüht sich sehr viel Geld in die Hand zu nehmen, um auch internationale Events in der Stadt abhalten zu können. Das ist ein Trend, den Alina kritisch sieht. So gut dies für die Stadt ist und so sehr Alina Jerusalem nicht nur als Ausnahmestadt gesehen wissen will, so deutet sie doch an, dass diese Entwicklung Jerusalem als Eventstadt zu inszenieren, ihr Unbehagen bereitet. Vor allem, da es zu einer Normalisierung der Stadt führt, die sich problematisch findet. Wieso, frage ich?

Investitionen und Events
Jerusalem investiert in seine Infrastruktur. Im Westen der Stadt ist dies deutlich zu sehen: Im Sacher Park und im Regierungsviertel wird gebaut. Die Nationalbibliothek erhält eins neues Gebäude und eine zweite Tramlinie wird geplant. 2018 startete die 101. Giro D’Italia in Jerusalem und der Jerusalemmarathon entwickelt sich immer mehr zu einem internationalen Event. Weitere Event sind hier zu finden. Das „Jerusalem Institute for Israel Studies“ gibt nicht nur regelmäßig ein statistisches Jahrbuch zu Jerusalem heraus, sondern hat auch eine Innovationsstrategie für die Stadt entwickelt.

Sie verweist auf das ihrer Meinung nach größte Problem: die politische Situation und damit einhergehend auch die Gewalt in der Stadt. Jerusalem gehört zu den stark umkämpften Themen bei allen Friedensverhandlungen zwischen Palästinenser_innen und Israelis.

Die angespannte politische Situation, die Besatzung und die Diskriminierung der Palästinenser_innen trägt zu einem politischen Klima bei, dass regelmäßig in Gewalt umschlägt. Alina verweist auf die Messerattacken von Palästinenser_innen auf jüdische Israelis und auf die rechte Gruppierung Lehava. Lehava möchte Palästinenser_innen aus Westjerusalem vertreiben und schreckt auch regelmäßig vor Gewalt nicht zurück.

Es ist zwar ohne Problem möglich zu sagen, dass Gewalt hier alltäglicher ist als in anderen Städten. Dabei handelt es sich um politisch motivierte Gewalt, nicht um kriminelle. Auch wenn sie asymmetrisch ist, resümiert Alina und ich denke, wie recht sie doch hat. Schade. Aber, fügt Alina an, diese Art der Gewalt hält die Menschen nicht davon ab ihrem Alltag nachzugehen. Das ist vielleicht etwas sehr Israeltypisches. Die Menschen hier lassen sich von Gewalt nicht einschüchtern, aber wahrscheinlich ist auch nur so ein normales Leben möglich.

Mittlerweile sitzen wir auf einer Bank unter einer Laterne. Ich frage Alina, was sie sich von Deutschen wünscht bezüglich Jerusalem und allgemein der israelischen Gesellschaft. Sie denkt kurz nach und meint dann, das ist relativ einfach. Wir sollten wissen und anerkennen, dass es hier keine homogenen Gesellschaften gibt. In Israel wird innerhalb der gesellschaftlichen Gruppen sehr viel gestritten: über den richtigen Weg bzw. die richtigen Wege für die verschiedenen Probleme hier. „Besonders wichtig ist mir aber, dass wir, gerade in Deutschland, vielleicht verstehen, dass wir nicht mit einer festgefahrenen Meinung hier herkommen und hierher blicken sollten und diese dann überzeugt hinausposaunen, sondern vielleicht erstmal versuchen zu verstehen, nachzufragen, nachzulesen und dann vielleicht auch einfach mal die Klappe halten.“ Sie lacht am Ende, aber ernst meint sie es schon und ich kann ihr da nur beipflichten.

Im Nachgang

Es ist spät geworden und unser Gespräch war länger als ich dachte, doch ich habe nicht nur viel gelernt, sondern Alina hat es geschafft mich zum Nachdenken anzuregen. Ich versuche auf meinem Nachhauseweg über die Gespräche und Eindrücke der letzten Tage Klarheit zu gewinnen. Es will mir nicht recht gelingen.

Es hat dann auch gedauert. Ein gutes Jahr nach meinem Besuch und meinen Gesprächen schreibe ich diese Geschichte erst auf. Ich habe mir die Gespräche, die ich aufgezeichnet habe, noch einmal angehört und bin in Gedanken wieder in Jerusalem gewesen.

Jerusalem ist eine bemerkenswerte Stadt. Und sie ist umstritten. Sowohl politisch als auch in ihrem Alltag unterscheidet sie sich sehr von anderen Städten. Ich habe es selbst erlebt und konnte am täglichen Leben anderer Menschen teilhaben. Eine Lösung für die vielfältigen Probleme der Stadt habe ich nicht. Will ich auch nicht und muss ich auch nicht. Doch Verständnis für die Lebenslagen und die Perspektiven auf Jerusalem muss ich mir selbst abverlangen, so wie ich es von anderen erwarte.

Es ist eigentlich nicht überraschend, dass es hier ein normales Leben gibt, abseits der Schlagzeilen und des Spektakels. Doch, so wird mir auch klar, gehört das Spektakel, die Medienpräsenz ebenso zur Stadt wie das Leben der Menschen. Der Menschen, die ich hier getroffen habe und besonders der Vielen, die ich nicht gesprochen habe. Einerseits hoffe ich, dass diese Erzählung das Bild aus den Medien, das Bild der Stadt des Konfliktes ein wenig komplexer gemacht hat und andererseits denke ich, ist es an der Zeit nun auch die Klappe zu halten.

Heute waren wir hier


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