Von Chicago nach Jerusalem (Teil 2)

Jerusalem - Eine Erkundung Jenseits des Spektakels

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Nachdem unser Autor den norwegischen Hippie traf, ist er nun in der Innenstadt verabredet mit einer ehemaligen Kommilitonin. Die Ex-US-Amerikanerin und Neu-Israelin erzählt von ihrer Sicht auf Jerusalem.

Erst Studium, nun Leben in Jerusalem

Ich treffe Sarah. Sie ist eine ehemalige Kommilitonin und wir verstanden uns auf Anhieb gut, als wir uns in zwei Kursen trafen. Seitdem wir uns das letzte Mal sahen, ist ein Jahr vergangen. Als ich anfragte ob wir uns nicht mal treffen wollen, um über alte Zeiten und ihr Leben in Jerusalem zu sprechen, zögerte sie nicht, mir zuzusagen.

Jetzt sitzen wir in einem kleinen Café auf der Straße und reden über das Leben. Nach ihrem Jahr an der Hebräischen Universität war sie nur kurz zurück in den USA. Sie machte Aliyahd.h. sie wanderte nach Israel ein. Da sie jüdisch ist, ist das auch kein Problem gewesen. Sie lebt nun ganz in der Nähe, mit ihrem Freund teilt sie sich eine Wohnung. Ich frage sie, ob es ihr hier nicht zu laut ist: Die Autos und vor allem auch abends die Menschen. Sie lächelt und verneint. Das ist nicht so schlimm und sie schlafen nach hinten raus, also Richtung Hinterhof, da ist es recht ruhig. Sie sucht gerade einen richtigen Job und lernt noch weiter Hebräisch. Um über die Runden zu kommen, arbeitet sie als Concièrge im Waldorf Astoria. Es macht ihr wirklich Spaß versichert sie mir.

Sie wohnt direkt im Zentrum, also nur wenige Meter entfernt an der Ecke Ben Yehuda / King George. Seit ungefähr 2014 ist sie in Israel, hat aber erst Ende 2016 den Schritt zur „richtigen“ Einwanderung gewagt. Aus Chicago in den USA stammend hat Sarah hier in Israel dann zwei Master-Abschlüsse gemacht. Die Entscheidung, gerade hierher in Jerusalem zu ziehen begründet sie mit der zentralen Anbindung und dass sie an Shabbat auch zu Fuß überall hinkommt. Sie hat kein Auto und der ÖPNV fährt an Shabbat nicht.

Die andere Stadt

Aber warum Jerusalem, hake ich nach, bevor ich einen Schluck von meinem Espresso nehme. Um zu studieren. Das war der hauptsächliche Grund, überhaupt nach Israel zu kommen. Außerdem: Sie hat Verwandte hier, einen Onkel und eine Tante. Jetzt nach der Einwanderung ist das sehr hilfreich, meint sie. Jerusalem hat aber auch etwas sehr besonderes, schiebt sie hinterher.

Sie ist von einem Land, einem Kontinent auf einen anderen gezogen und das nicht ohne Grund. Sie wollte in einer Stadt leben, die nicht vergleichbar ist mit der Stadt aus der sie in den USA kommt. Und Jerusalem ist das absolute Gegenteil! Sie sagt: „Jerusalem macht, dass du dich in Israel fühlst und nicht, wie in einer amerikanischen Stadt.“

Auch wenn Sarah diese Stadt nicht mehr missen möchte, würde sie niemandem sagen, dass diese Person nach Jerusalem ziehen müsse. Sie weiß, dass es nicht für jede_n etwas ist. Ihr Vorschlag wäre daher für alle Interessierten: Besucht die Stadt und schaut, ob es euch hier gefällt. Wenn man hier war, merkt man, ob man hierher gehört, oder nicht: „Ich denke, das ist eine einzigartige Stadt mit einem sehr besonderen Charakter. Sie ist perfekt für mich, aber eben nicht für alle.“ Als sie dies sagte, musste ich an Björn denken, der es ganz ähnlich formulierte.

Ihr ist wichtig zu betonen, dass sie in verschiedenen Gegenden von Jerusalem gewohnt hat und man Spannungen bezüglich des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern in den einen mehr und den anderen weniger spürt. Es sei aber nicht so, wie die Nachrichten es vermitteln. Sie habe keine direkte Angst, doch man spüre es, wenn etwas in der Luft liege. In Bezug auf Sicherheit, sagt sie, gibt es weniger Unterschiede für sie selbst, da es in Chicago Viertel gab, in die sie niemals gegangen wäre. Sie trug dort wie hier Pfefferspray mit sich. Sarah sinniert kurz und fügt dann hinzu, dass es in Jerusalem für sie wohl emotionaler und persönlicher sei und es deshalb etwas anderes ist. Aber unbedingt gefährlicher als in anderen Städten, sei es nicht.

Jerusalems Problem

Dafür habe Jerusalem ein großes Problem: Müll! Sie findet es einerseits ironisch und andererseits macht es sie auch wütend, wenn sie Menschen sieht, die laut schreien, wie heilig dieses Land und besonders diese Stadt seien und dabei ganz ungeniert Müll auf die Straße werfen. Das ist vielleicht so in Großstädten, aber diese Scheinheiligkeit macht sie verrückt.

Sie hat ihren Kaffee ausgetrunken. Das Gespräch nähert sich dem Ende, also stelle ich noch schnell meine letzte Frage: Was würde sie deutschen Lesenden sagen über Jerusalem?

„Ich denke für Deutsche aber auch andere ist es wichtig zu wissen, dass Jerusalem einzigartig ist, aber gleichzeitig eine ganz normale Stadt in der Menschen einkaufen, zur Schule gehen und man keine Angst haben muss. Es ist sicher, die Stadt zu besuchen und auch hier zu leben. So sicher wie es auf der Welt heutzutage ist.

Das Hospiz

Mittlerweile ist Nachmittag und ich bin von meiner kleinen Tour ganz schön erschlagen. Die Eindrücke, die ich gewonnen habe und vor allem meine beiden relativ intensiven Gespräche über Jerusalem vermittelten mir viele neue Eindrücke. Ich merke, ich muss das ein wenig verarbeiten. Erst laufe ich etwas planlos die Straße hinab, bis ich weiß wohin ich will: ins Österreichische Hospiz.

Das österreichische Hospiz ist mittlerweile kein Geheimtipp mehr. Es liegt mitten in der Jerusalemer Altstadt und verströmt in seinem Innern die Atmosphäre eines Wiener Kaffeehauses. Es ist super, um sich vom Lärm der Stadt zu erholen ohne lange Wege auf sich zu nehmen. Über das österreichische Hospiz gibt es jetzt schon Radiobeiträge und Fernsehberichte (Ein Radiobeispiel). Ich kann an diesem noch recht lauen Nachmittag auf der Dachterrasse sitzen und wenn ich wollte sogar ein Wiener Schnitzel bestellen. Hier oben singen die Vögel, manchmal sogar ziemlich laut und da ich in der Jerusalemer Altstadt bin, donnern mir regelmäßig die Schläge von Kirchenglocken und die Rufe von Muezzin entgegen. Selbstverständlich ist dieser Ort gerade deutschsprachigen Touristen wohlbekannt und doch, mag ich es hierher zu kommen. Ich habe also eine Limonade neben mir stehen und meinen Laptop aufgeklappt. Der Cursor meines Schreibprogramms blinkt. Ich lehne mich allerdings erstmal zurück und lasse den Tag Revue passieren.

Reflexionen

Es war ganz schön was los heute. Ich habe einiges von Jerusalem gesehen, dass ich noch nicht kannte. Vor allem aber, gaben mir Sarah und Björn spannende Einblicke in ihren Alltag und ihren Blick auf diese Stadt. Ich gleiche ihre Erzählungen mit meinen eigenen Erfahrungen ab: Einiges deckt sich, ich finde es auch ganz schön vermüllt, aber das ist ein Problem, dass ich aus ganz Israel kenne, nichts besonderes also. Besonders Björns Perspektive, dass er Jerusalem fast noch alternativer und spannender findet als Tel Aviv, hat mich überrascht. Das Bild der Stadt am Meer ist das einer großen weltoffenen freien Partystadt. Jerusalem gilt als die Stadt der Betenden und dieses Klischee wird durch meinen Tag heute heftig angegriffen. Das finde ich gut. In Jerusalem verliebt habe ich mich jedoch nicht. Nach meinen ersten Besuchen mochte ich die Stadt gar nicht und ich bin nur widerwillig zu meinem Auslandssemester nach Jerusalem gekommen. Doch mit der Zeit lernte ich die Stadt zu schätzen. Heute komme ich gern zurück, ich habe mich an die Stadt gewöhnt.

Morgen treffe ich mich noch mit zwei weiteren Menschen, die ich kenne. Roni und Alina – was sie mir erzählen, darauf bin ich sehr gespannt. Ich lasse den Tag bei einem Wiener Schnitzel ausklingen bevor ich zurück in meine Unterkunft gehe.

Hier waren wir heute unterwegs


Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

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