In Jerusalem (Teil 1)

Jerusalem – Eine Erkundung jenseits des Spektakels

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Jerusalem: In der Regel bekannt für zwei Dinge – Religion und Konflikt. Jerusalem ist drei monotheistischen Religionen mehr oder weniger heilig. Hier wird der palästinensisch-israelische Konflikt regelmäßig ausgetragen. Wir haben die Stadt besucht und versucht hinter diese großen Bilder zu sehen – in der Begegnung mit Menschen in Jerusalem. Eine Erkundung von Sebastian Kunze.

French Hill

Ich stehe in einem unscheinbaren Viertel, weit ab von den touristischen Strömen dieser Stadt. Hier habe ich selbst für ein gutes halbes Jahr gelebt. Hier habe ich das alltägliche Leben in Jerusalem kennengelernt und Menschen, die ich nun wiedersehe.

French Hill, oder in Hebräisch: Giv’at HaTzarfatit, ist ein seltsames Viertel. Hauptsächlich besteht es aus einer zentralen Einkaufsstraße, doch winden sich um und an diesem Hügel zahlreiche kleine Straßen mit Hochhäusern. Auf der östlichen Seite des Hügels steht eine Reihe mit Flachbauten. Sie überblicken das Viertel Isawiyah und schauen hinein ins Westjordanland. An einem Abend Ende 2014 stand ich schon einmal hier und jetzt erinnerte ich mich plötzlich daran. Während meiner allerersten Reise nach Israel 2009 war ich offenbar auch in dieser Gegend gewesen. Es war eine organisierte Reise und wir waren zu Gast beim Journalisten Ulrich Sahm. Seltsam. Fünf Jahre später erinnere ich mich daran. Doch schüttelte ich die Erinnerung ab und lief weiter. Geht man zur stadtabgewandten Seite kann man vom Hügel auf die Mauer in Ostjerusalem blicken und sieht den Unterschied zwischen „drinnen“ und „draußen“.

Alte Zeiten

Ich wohnte damals im Studentenwohnheim, da ich ein Gastsemester an der Hebräischen Universität verbringen konnte. Ich wohnte in einer WG im siebten Stock dieser immer gleich aussehenden fast weißen Hochhäuser. In dieser WG lernte ich alle möglichen Menschen kennen: Deutsche Austauschstudierende beispielsweise und natürlich meine Mitbewohner: einen Franzosen, zwei Nordamerikaner und einen Israeli. Außerdem kamen und gingen oft Bekannte und Freunde von ihnen und mir. Und es gab Björn (alle Namen geändert) – ein norwegischer Hippie mit israelischem Vater. Er hatte zeitweise keine Wohnung und schlief einige Wochen auf unserem Sofa in der Wohnküche. Da war aber auch der Bekannte aus Isawiyah, der für kurze Zeit bei uns schlief: er konnte nicht nach Hause, es gab fast täglich Auseinandersetzungen mit israelischen Sicherheitskräften und zeitweise hing eine Glocke aus Tränengas über dem Viertel. Es dränge überall durch, er könne dort gerade nicht schlafen, außerdem habe er Angst, einmal nicht zur Arbeit durchzukommen.

French Hill
French Hill, in Hebräisch Giv’ah HaTzarfatit oder Giv’at Shapira genannt, nennt sich im arabischen at-tel al-faransiyah, also ebenfalls französischer Hügel. Woher der Name des Stadtteils stammt ist unklar, es gibt dazu unterschiedliche Erzählungen. Bis zum Juni krieg 1967 diente der Hügel der jordanischen Armee als militärischer Außenposten. Ab 1969, nach der Eroberung dieses Teils von Jerusalem, wurde hier gebaut und es entstand eine Wohngegend, die hauptsächlich von US-amerikanische Einwanderern bewohnt wurde. Die Bevölkerung soll in diesem Stadtteil gemischter sein als in anderen Jerusalems. French Hill bei Wikipedia

Es war eine sehr spannende und lehrreiche Zeit für mich. Mit diesen Gedanken stehe ich also wieder hier. Ich schaue zu den Türmen des Wohnheims hinüber und suche am Klingelschild nach dem Nachnamen meines ehemaligen Mitbewohners. Er wohnt noch im Viertel, aber in einer WG, in der er nicht mehr den Restriktionen eines Wohnheimes unterworfen ist. Ich prüfe nochmals die Adresse. HaHagana, richtige Straße. Hausnummer? Auch richtig, sagt die Konversation bei WhatsApp. Jetzt finde ich den Namen und drücke den Knopf.

Stadterkundung

Nach einigen netten Stunden des Wiedersehens, bei dem auch Björn dazu kam, fahre ich mit ihm in die Stadt. Er hat ein eigenes Zimmer und studiert mittlerweile arabische Musik und spielt die Violine. Seine Violine hat er letztens in einem Taxi vergessen. Was für ein Schock. Aber er traf den Taxifahrer zufällig kurz danach wieder und fragte ihn nach seinem Instrument. Der Taxifahrer hatte sie behalten und so fand sie ihren Weg zu Björn zurück. Leider haben dessen Kinder damit gespielt: sie ist kaputt und wir machen uns zu einem Instrumentenbauer auf von dem Björn gehört hat. Wir steigen in den Bus und müssen in den Westen der Stadt. Es ist eine halbe Weltreise: durch ein ultraorthodoxes Viertel, am Busbahnhof vorbei bis weit in den Westen zum Campus der Hebräischen Universität in Givat Ram, bis wir nach einer guten Stunde aus dem rumpelnden Bus aussteigen. Erst jetzt fällt mir auf, wie laut es in dem Bus war. Hier, im Westen der Stadt, ich glaube wir sind im Stadtteil Kiryat Shmu‘el, nein, eher im Bereich des Katamon-Viertels, genau kann ich es nicht sagen, doch es ist geradezu still. Hier fahren weniger Autos, es gibt mehr Grün, Vorgärten. Es ist buchstäblich beschaulich. Wir laufen schweigend durch dieses spießbürgerliche Viertel und fallen auf. Ich im Hemd und kurzen Haaren bin vollkommen angepasst an diese Gegend, Björn repräsentiert das Gegenteil: in seinen weiten Hippie-Hosen, seinem bunt-gestreiften Hemd und mit seinen langen ungewaschenen Haaren. Wir sind scheinbar ein wandelnder Gegensatz. Nachdem wir uns einmal verlaufen haben, finden wir das kleine Geschäft. Björn versucht in seinem holprigen Hebräisch dem netten Instrumentenbauer klar zu machen, was seiner Violine fehlt und was er erwartet. Ich warte und bestaune das Geschäft. Mir gefällt es und ich denke, es passt gut in diese Gegend – es strahlt Ruhe aus und ist unaufgeregt.

Zehn Minuten später ist alles schon vorbei. Björn ist beruhigt, da er am Ende der Woche seine Violine wieder abholen kann. Wir schlendern also in aller Ruhe in Richtung Innenstadt. Ich nutze den Weg und frage ihn ein wenig aus: Wieso ist er in Israel? Fühlt er sich wohl? Was gefällt ihm hier so? Wie ist das alltägliche Leben?

Das kleine Zentrum

Wir machen zum Plaudern einen Zwischenstopp in einem recht felsigen Park. Björn erzählt, dass er vor ungefähr 3 oder 4 Jahren nach Israel kam, also 2013/14. Er hatte den Wunsch nahöstliche bzw. arabische Musik zu studieren, sein Vater ist Israeli und so war es relativ einfach für ihn herzukommen. Nach einigen Zwischenstops im Norden Israels, nahe Haifa und in Tel Aviv kam er schließlich nach Jerusalem.

Er lebt mittlerweile in French Hill im Osten Jerusalems. Für ihn ist es eine gute Gegend, es ist ein kleines Zentrum, wie er sagt. Zwar besteht das Viertel hauptsächlich aus einer Straße, die auf das Studentenwohnheim zuläuft, es gibt dort aber alles was man braucht: Einen Supermarkt, eine Bank, Geschäfte, Fast-Food-Läden und ein Restaurant. Außerdem ist am anderen Ende der Straße eine Straßenbahnhaltestelle; mit der Tram ist es sehr einfach ins Stadtzentrum zu kommen. Wichtig ist ihm und das betont er deutlich, die Mischung unterschiedlicher Menschen in French Hill. Dort leben Studierende, Arbeiter_innen und Angestellte, Juden und Araber mit vielfältigen Hintergründen zusammen. Das macht für ihn das Viertel tatsächlich zu einem kleinen Zentrum, es bietet (fast) alles, was Jerusalem zu bieten hat.

Das große Zentrum

Wir machen uns auf und wollen ins „große“ Zentrum der Stadt, d.h. in die zentralen Teile Westjerusalems. Der Weg führt uns aus dem Park hinaus auf eine kleine Straße und in östlicher Richtung. Wir schlendern durch die Straßen und Björn erzählt bei Sonnenschein und einer angenehmen Wärme von 23 Grad. Die Frage, ob Jerusalem eine lebenswerte Stadt sei, ist für ihn eine sehr individuelle Frage. Das sehe ich zwar anders, bin aber gespannt auf seine Antwort.

Für Religiöse, sagt er, sei es sicherlich sehr wichtig hier zu leben – ich wundere mich, denn er gibt mir nun doch eine recht pauschale Antwort, sicherlich versucht er trotz seiner eigenen Überzeugung, auf meine allgemeine Frage auch so zu antworten. Aber, fügt er hinzu, Jerusalem ist auch eine spannende und lebenswerte Stadt für Nicht-Religiöse. Es gibt nämlich in Jerusalem eine Art „Underground“. Ich werde aufmerksamer, was meint er damit frage ich ihn. Er beschreibt es mir so: Es gibt in Jerusalem eine Szene, die nicht dem Bild der religiösen Stadt entspricht, das heißt es gibt eine säkulare Szene, Bars, Musiker, bildende Künstler. Das besondere hier sei, dass viele aus einem religiösen Umfeld kommen, von dem sie sich gelöst hätten und damit sei der Hintergrund, den diese Menschen mit- und einbringen vielfältiger. Björn erläutert weiter während wir auf eine Straße zusteuern in der Sicherheitspersonal auf der Straße steht. Sie seien auf Grund ihrer Geschichte experimenteller und oft auch offener gegenüber Neuen und Neuem. Und man kennt sich, die Szene ist nicht so groß. Björn schätzt das. Es sind für ihn die zentralen Unterschiede zwischen Tel Aviv und Jerusalem.

In Tel Aviv herrscht eine ganz andere Mentalität. Es ginge dort viel darum, dass es die freie Stadt sei und viele Clubs die ganze Nacht aufhaben und man bis in die Morgenstunden feiern könne. Selbst wenn man regelmäßig unterwegs ist lerne man oft neue Gesichter kennen. Aber für Björn sind die Menschen aus dieser alternativen Szene, die säkular aufwachsen sind, meist nicht „open-minded“, also weniger offener, als diejenigen in Jerusalem, die sich von ihrem religiösen Leben losgesagt haben und damit oft schwere Konsequenzen tragen.

Wir werden gestoppt und aus unserem Gespräch gerissen. Die Straße sei aus Sicherheitsgründen gesperrt. Der Sicherheitsbeamte ist höflich, aber klar und deutlich. Mit ihm zu diskutieren lohnt nicht, in der Straße ist die Wohnung des Ministerpräsidenten meint Björn. Hier wohnt also Benjamin Netanjahu denke ich und zucke mit den Achseln. Nun gut, wir gehen einen Umweg und kommen in die westliche Innenstadt. Björn schlägt ein kleines, sehr nettes Bistro vor. Es ist bodenständig, gedacht für Arbeiter_innen, die schnell ein stärkendes Mittagessen brauchen. Auf Touristen ist das Bistro nicht wirklich eingestellt, sodass wir mit unserem mittelguten Hebräisch erklären was wir essen wollen: Hummus, Falafel und 2 Cola. Passt.

Nachdem wir jeder je ein Teller Hummus vor uns haben und in der Mitte 5 Falafel stehen, frage ich weiter.

Für ihn ist es etwas Besonderes hier zu wohnen. Die kleine alternative Szene, die Musiker, die er kennt. In Jerusalem hat er Freunde und Verbindungen. Das Leben und die Menschen sind vielfältig. Das ist ihm wichtig, das ist für ihn entscheidend. Er wohnt hier, auch wenn, „die Extremisten“ beider Seiten das größte Problem der Stadt sind. Aber zu ernst möchte er die nicht nehmen. Er empfiehlt für eine Zeit in der Stadt zu wohnen, dann merke man schon, ob es was für einen ist.

In der Stadt

Mittlerweile haben wir aufgegessen. Björn will in einen Technikladen und dann zurück nach French Hill. Ich nutze die Gelegenheit und verabschiede mich. Es war ein sehr netter Vormittag. Wir versprechen uns, bald wieder voneinander zuhören, dann zieht er weiter und ich schaue auf die Uhr. Perfekt. Es ist Mittag und ich bin im Anschluss noch verabredet. Ich habe eine Stunde und noch ein wenig Zeit mich umzusehen. Ich bin in der westlichen Innenstadt, schlendere also die Ben Yehuda Straße hinunter und schau mich in ihren kleinen Seitenstraßen um. Hier pulsiert tatsächlich das Leben. Die Ben Yehuda Straße geht in östlicher Richtung von der King-George-Straße ab. Sie schlängelt sich leicht bergab zur Jaffa Straße oder kurz Yafo und mündet auf dem Zionsplatz. Die Yafo hat die Ben Yehuda Straße als die zentrale Einkaufsmeile abgelöst, doch ergänzen sie sich. Hier findet man viele Jerusalemer_innen, die einkaufen, aber noch mehr Touristen – so wie mich auch. Es herrscht Trubel und auf dem Zionsplatz ist eigentlich immer etwas los: Entweder junge Menschen musizieren, Leute halten eine Kundgebung ab oder es findet abends der wöchentliche Nachtflohmarkt statt. Außer Donnerstag abends, da platzt sowohl die Jaffa als auch der Zionsplatz aus allen Nähten. Es ist der Ausgehttag schlechthin.

Ich sehe mich in der Ben Yehuda um: Hier finden sich Imbisse, Touristenläden und allerlei mehr. In den kleinen Abzweigungen gibt es dann auch Apotheken, Buchläden und andere nützliche Geschäfte. Mir steigt ein Geruch in die Nase, den ich sehr mit Israel verbinde: Der Geruch von Gebackenem, der sich mit feinem Staub und manchmal einer Note Urin verbindet. Im Sommer sticht dieser Geruch geradezu in der Nase. Verbindet er sich dann mit der flirrenden Hitze in Tel Aviv, ist dieser Geruch am stärksten. Zumindest dort, wo ich mich herumgetrieben habe. Aber es ist ja nicht Sommer und ich bin nicht in Tel Aviv. So ist es eigentlich ganz angenehm, auch wenn der Lärm von den Autos und Bussen, die auf der King-George-Straße fahren, herüber weht.

Gleich treffe ich Sarah, eine Neueingewanderte Israelin, die ich während meines Auslandssemesters kennen gelernt habe. Ich bin gespannt, was sie mir erzählt. 


Hier waren wir heute unterwegs:


Alle Namen von der Redaktion geändert.

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