Radicals – Verändern Außenseiter die Welt?

Eine Rezension

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Photo by Eduardo Balderas on Unsplash

Sind radikale Rechte Schläger oder linke Marxinterpreten radikal? Jamie Bartlett schreibt in seinem Buch Radicals von Transhumanisten, Populisten, Öko-Aktivisten. Was sie alle gemeinsam haben und wieso sie für die Zukunft unserer Gesellschaft so wichtig sind, ist in unserer Rezension zu lesen.

Jamie Bartlett’s Buch Radicals ist selbst nicht radikal. Es ist eher das Ergebnis solider Recherche und teilnehmender Beobachtungen. Kein Wunder, Bartlett ist Journalist und Direktor des Zentrums für Social-Media-Analyse des britischen Think Tank Demos. Sein Ziel war es, „radikale“ Randgruppen in der heutigen Gesellschaft zu porträtieren und mehr über ihre Vorstellungen von einem zukünftigen Leben zu erfahren. Dies gelingt ihm auf seinen gut 400 Seiten. Es gelingt ihm sogar auf sehr spannende und interessante Weise.

Allerdings ist Radicals kein Buch „aus einem Guss“ sondern eher eine Sammlung verschiedener Porträts oder Reportagen. Sie alle werden zusammengehalten von Bartlett’s Definition des Radikalen als „Leute, die der Auffassung sind, dass mit der modernen Gesellschaft etwas Grundlegendes nicht stimmt, und die zu wissen glauben, wie man die Dinge wieder ins Lot bringt.“ (S.10). Dieser sehr simple, vor allem aber grundlegende Definition versucht er noch etwas zu konkretisieren wenn er seine Betrachtungen auf liberale Demokratien beschränkt, da ihm klar ist, dass die Definition was radikal ist vom Kontext abhängig ist, d.h. es bedeutet in Saudi-Arabien etwas anderes als in Deutschland. Damit unterscheidet er auch „das Radikale“ vom „Mainstream“. Grundsätzlich ermöglicht es aber seine basale Definition ein so breites Spektrum an Phänomenen abzudecken, dass ihm zugestanden werden muss eine gute Wahl mit dieser allgemeinen Beschreibung getroffen zu haben.

Radicals kann deshalb über den transhumanistischen Wahlkampf ebenso schreiben wie über europäische Rechtspopulisten oder neuere Bewegungen wie die 5-Sterne-Bewegung aus Italien. Das ist es auch, was an dem Buch besonders beeindruckend ist. Bartlett nähert sich allen Gruppen die er begleitet ohne große Vorurteile, oder reflektiert sie und lässt sich eines besseren Belehren. So entwirft er ein differenziertes Bild von PEGIDA aber vor allem von Thommy Robinson, der die English Defense League gründete. Bartlett schafft es, dass man diesen Thommy mit Sympathie begegnen kann, auch wenn ich in meinem Fall fundamental andere politische Auffassungen vertrete.

Doch darum geht es Bartlett. Er möchte, dass wir in einer offenen Gesellschaft leben, in der wir anderen zuhören und auch wenn wir ihre Argumente nachvollziehen, anderer Meinung sein können. Dieses Verständnis von Gesellschaft und unterschiedlichen Vorstellungen sieht er immer mehr schwinden. Im „Mainstream“ oder der „Mitte“ der Gesellschaft, besonders aber an den Rändern wovon dieses Schwarz-Weiß-Denken in breite Gesellschaftsschichten sich verbreitet.

Seine besuchten Radikalen sieht er deshalb als Hoffnungsträger, die wir brauchen und auch wahrnehmen sollten, denn sie könnten uns etwas über unsere Zukunft erzählen. Diese Radikalen halten Visionen und Zukunftsvorstellungen hoch, an denen sich die Gesellschaft orientieren kann. Sie denken weiter, sie brachten und bringen Innovationen zum Wohle Aller hervor.

Gleichzeitig bergen diese Radikalen die Gefahr des Autokratischen, der Oppression, gar des Totalitären. Insbesondere durch ihr Schwarz-Weiß-Denken, das dafür sorgt, anderen nicht mehr zuzuhören oder sich über sie zu wundern, dass sie obwohl sie ihre Argumente nachvollziehen können dennoch anderer Überzeugung sind.

Jamie Bartlett’s Buch mag konventionell sein, doch erzählt es uns von Gruppen, die mittlerweile 2018, also gut zwei Jahre nachdem das Buch geschrieben wurde und ein Jahr nachdem es im Original veröffentlicht wurde, nicht mehr nur Randgruppen sind. Insbesondere bei den populistischen: Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung regiert nun mit der rechtsextremen Lega Nord in Italien, die AfD sitzt im Deutschen Bundestag – beide Ereignisse hatten und haben einen erheblichen Effekt auf die Mehrheitsgesellschaft und insbesondere auf den öffentlichen Diskurs. Letzteres ist zu sehen an der Debatte, über welche Themen Talk-Shows in den letzten anderthalb Jahren diskutieren ließen (taz oder auch DLF).

Deshalb lohnt es sich Bartlett’s Buch zu lesen. Wir erhalten nicht nur Einblicke in andere Ideen und Gedankenwelten, sondern vielleicht sehen wir schon etwas aus der Zukunft. Wie Bartlett, denke ich, ist es wichtig, dass wir in Verbindung bleiben, dass wir diskutieren und uns gegenseitig zuhören, selbst wenn wir andere Schlüsse daraus ziehen und andere Ansichten vertreten. Es geht nicht um entweder-oder, vielmehr um ein sowohl-als-auch.

 

© Plassen Verlag

Jamie Bartlett: Radicals. Wie Außenseiter die Welt verändern wollen und weshalb wir ihnen zuhören sollten. 400 Seiten, 29,99€  April 2018.
ISBN: 9783864705557 erschienen im Plassen Verlag.

Wir danken dem Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

2 KOMMENTARE

    • Hallo Tonia,
      vielen Dank für dein Lob – das freut mich. Wir arbeiten gerade daran, ein Interview mit Jamie Bartlett führen zu können. Wenn du also fragen an ihn hast, gerne her damit und wir sehen zu, dass wir sie mitnehmen und einbringen können. /SK

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