Warum 700 Millionen Euro für Interrail-Tickets gut angelegtes Geld sind. Eine Gegenrede.

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Foto von Kace Rodriguez bei Unsplash.

Letzte Woche sprach sich Sebastian Kunze an dieser Stelle gegen ein kostenloses Interrail-Ticket für Jugendliche aus. Zu teuer, zu wenig durchdacht und es kommt doch eh wieder nur gut situierten Mittelstandskids zugute. Das typische Mimimi, was leider oft von links zu hören ist. Hauptsache kritisieren. Wieso das großer Quatsch ist von Jan Schaller

Als allererstes eine Einordnung. Sebastian Kunze schreibt in seinem Artikel von “so viel Geld”. Und natürlich sind 700 Millionen viel Geld. Ich habe selten so viel auf meinem Konto. Aber so sinnlos wie diese Aussage ist auch der Blick auf absolute Zahlen. Der Gesamthaushalt für die Jahre 2021 bis 2027 soll ungefähr 1279 Mrd. Euro betragen. Wir reden hier also über ca. 0,055 %. Eigentlich also kaum der Rede wert. Aber kommen wir zu den Argumenten.

Es wird behauptet, dass ein kostenloses Interrail-Ticket sozial schlechter Gestellte benachteiligt, weil diese nicht die Zeit und Mittel hätten, um es zu nutzen. Das ist in mehrerer Hinsicht falsch. 

Zunächst der logische Fehler: Nur weil eine soziale Gruppe nicht bevorteilt wird, wird sie nicht automatisch benachteiligt. Wenn man Gruppe A etwas gibt und Gruppe B nicht, geht es Gruppe A zwar besser, aber Gruppe B nicht automatisch schlechter. Es wird niemandem etwas weggenommen, damit einige wenige mit dem Zug durch Europa fahren können.

Inhaltlich überzeugt mich die Argumentation aber auch nicht. Natürlich werden eher Studierende dieses Angebot nutzen, weil sie die Zeit dafür haben. Auszubildende haben das eher selten. Und da mehr Jugendliche aus der Mittelschicht studieren, als sozial Schlechtergestellte, wird die Mittelschicht hiervon mehr profitieren. Es wird aber eben auch verhältnismäßig arme Jugendliche geben, die vorher nicht reisen konnten, eben weil der Faktor Mobilität so viel kostet. Für viele ist der Traum vom Reisen schon dann wieder gestorben, wenn sie einen Blick auf die Zugpreise werfen. Mit einem kostenlosen Interrail-Ticket ist dieser riesige Batzen weg.

Reisen geht auch günstig

Natürlich muss man auch essen, schlafen und Freizeit finanzieren. Das halte ich aber für vernachlässigbar. Ich bin mittlerweile auch keine zwanzig mehr und schlafe lieber im Hotelzimmer, als im Acht-Personen-Dorm. Mit achtzehn oder zwanzig war das aber noch anders. Für eine tolle Reise nimmt man da auch mal ein ranziges Hostel in Kauf. Oder man zeltet gleich. Wildcampen ist zwar fast nirgendwo in Europa erlaubt, aber Zeltplätze kosten nicht viel und gerade wenn man nicht allein unterwegs ist, kann sich das wirklich jede*r leisten. Und mit Dosenravioli, Käsetoast und Tütensuppen kommt man zwar ungesund, aber dafür billig durch jeden Urlaub. Hinzu kommt, dass beispielsweise in Frankreich der Eintritt in staatliche Museen für EU-Bürger*innen unter 26 kostenlos ist. Ich weiß nicht wie die Situation andernorts ist, gute Angebote für junge Menschen gibt es aber definitiv vielerorts. Daher sollte man die mit einer Reise verbundenen Kosten nicht überschätzen. Man muss eventuell auf etwas Komfort verzichten, aber das ist für viele kein großes Problem, da das Reisen im Vordergrund steht. Der große Kostenfaktor Mobilität wird durch das Interrail-Ticket eliminiert.

Das ist aber nicht der einzige Punkt, der mich für ein kostenloses Interrail-Ticket plädieren lässt. Ich finde, dass nicht jede sozialpolitische Maßnahme zwingend auf die Schwächsten der Gesellschaft zielen muss. Natürlich sollten es die meisten. Ich finde es aber auch nicht verwerflich, wenn von einer Maßnahme mehrheitlich die sozioökonomischen Mitte profitiert. 

Würde man dieser Sichtweise widersprechen, müsste man auch das gesamte Erasmus-Programm abschaffen, was überproportional von Studierenden genutzt wird. Sollte man das tun? Nein, natürlich nicht. Klar ist Erasmus auch eine kräftige Subvention für die europäische Schank- und Gastwirtschaft. Es ist aber eben auch so viel mehr. Stört es da, dass dieses Geld vorrangig der Mittelschicht zugute kommt. Nein.

Hinzu kommt: Das geplante kostenlose Interrail-Ticket ist ja beileibe nicht die einzige Maßnahme. Erasmus+ soll ebenso signifikant gestärkt werden. Mit dem Erasmus+ Programm werden z.B. auch Austausche von Auszubildenden finanziert, was also auch denen zugute kommt, die nicht studieren.

Es braucht auch Propaganda für Europa

vorgebrachten pädagogischen Einspruch möchte ich gar nicht viele Worte verlieren. Die Ergebnisse der dort vorgebrachten Studie mögen stimmen, oder auch nicht. Es geht dort schließlich auch um organisierte Begegnungen von Jugendlichen. Diese erfolgen meist im Klassenverbund, was wieder völlig neue Gruppendynamiken mit sich bringt. Von daher ist die Situation nicht auf Individualreisende oder Kleingruppen zu übertragen. Abgesehen davon halte ich Reisen per se für sinnvoll. Es ist immer gut, mal was anderes zu sehen — auch ohne begleitendes pädagogisches Programm. Und sei es nur der Erfahrung wegen, die man später wieder aufgreifen kann. Man sollte hier auch nicht den persönlichkeitsbildenden Effekt vergessen, den das Aufsichgestelltsein mit sich bringt.

Abschließend halte ich es außerdem für wichtig, dass Europa und die Demokratie auch in ihrem Sinne Propaganda betreibt. In Zeiten der Euro-Skepsis und des Populismus braucht es auch einfache symbolische Handlungen, die den europäischen Gedanken stützen. Hierfür eignet sich dieses Projekt ideal.

Und das Beste daran: Es ist eben nicht nur Propaganda und Symbolik, sondern wird vielen Jugendlichen eine unvergessliche Zeit bescheren. Es ist durchaus möglich, dass es sich hierbei vor allem um jugendliche aus der Mittelschicht handeln wird. Aber das ist nicht gesagt. Wenn man es schafft, das Programm über entsprechende Kanäle an alle sozialen Gruppen zu kommunizieren und den Schwächsten eventuell auch bei der Antragstellung zu helfen, könnten auch ärmere Jugendliche profitieren. Und selbst wenn nicht, so halte ich es für vertretbar, wenn vorrangig Mittelschichtskinder dieses Angebot nutzen. Schließlich fließt auch eine Menge Geld in Erasmus+.

Die Marschroute sollte also lauten: Weniger Neid, weniger Mimimi und einfach mal machen. Es ist eine gute Idee für Europa.

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