Warum die EU nicht 700 Millionen Euro für Interrailtickets ausgeben sollte

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Photo by Mike Kotsch on Unsplash

Im letzten Beitrag wurde die Idee gelobt, dass die EU jungen Menschen ein kostenloses Interrailticket zur Verfügung stellen will. Kostenpunkt: 700 Millionen Euro. Warum das keine gute Idee ist, lest ihr im Kommentar von Sebastian Kunze.

Junge Menschen zu fördern ist eine großartige Idee. Für ein Interrailticket so viel Geld auszugeben jedoch ganz und gar nicht. Aus einem sozialpolitischen und pädagogischen Blickwinkel sollte das Geld lieber anders ausgegeben werden.

Ein sozialpolitischer Einspruch

Jungen Menschen in einem bestimmten Alter ein kostenloses Ticket zur Verfügung zu stellen, damit sie in Europa mit der Bahn herumfahren können, provoziert bei mir die Frage: Wem nützt diese Regelung und wer wird das Angebot nutzen können?

Die Antwort ist für mich klar. Es werden hauptsächlich gut gebildete und finanziell abgesicherte Menschen nutzen. Das ist auch nicht verwerflich. Sozialpolitisch allerdings benachteiligt es sozial schlechter Gestellte. Wieso? Mit einem Fahrkarte ist es nicht getan, man muss irgendwo schlafen, essen und will eventuell auch etwas sehen. Oft werden für Sehenswürdigkeiten, Museen und so weiter Eintritte genommen. Wer bezahlt das alles? Junge Menschen, die ihren Lebensunterhalt selber erwirtschaften müssen, können es sich oft schlicht nicht leisten, einen Monat oder gar ein ganzes Jahr nicht zu arbeiten und zu reisen.

Kinder aus der Mittelschicht haben mehr finanzielle und damit auch mehr zeitliche Ressourcen. Alimentiert durch die Familie lebt es sich ganz gut und damit kann man auch Europa entspannt erkunden. Die EU sollte allerdings jetzt, nach Zeiten der Krise, gerade hier besonders sensibel sein. Insbesondere in Ländern wo die Jugendarbeitslosigkeit im April 2018 bei 34, 4% (Spanien) oder sogar 45,4% (Griechenland) liegt (Quelle), wird es nicht ohne weiteres möglich sein, mit dem Ticket Europa zu bereisen.

Ein pädagogischer Einspruch

Ein weiterer oft hervorgehobener Aspekt des Tickets legt nahe, dass mit dem Bereisen Europas Vorurteile abgebaut würden und so junge Menschen Europa erleben und erfahren. Damit würde Europa weiter zusammenwachsen.

Eine bundesweite Studie des Vereins Berlin Postkolonial untersuchte Begegnungen im Rahmen von Schulpartnerschaften. Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass „persönliche Begegnungen im Rahmen von Schulpartnerschaften […] Vorurteile und Klischees verstärken [können].“ (Quelle) Dies führt die Studie auf mangelnde Vorbereitung zurück. In den Ergebnisse der Studie heißt es nämlich weiter: „Bei einem Großteil der Schulpartnerschaften, die an der Erhebung teilgenommen haben, ist die entwicklungspolitische Einbettung der Partnerschaft nicht ausreichend, um globale Zusammenhänge zu durchschauen. Daher wird auf vereinfachte Erklärungsmuster zurückgegriffen.“ (Ebd.)

Es zeigt sich also, dass unzureichende Vorbereitung bei internationalen Begegnungen das Gegenteil vom beabsichtigen Ziel erzeugen kann: Weniger Verbindendes, mehr Trennendes wahrnehmen.

Bei der Idee der Interrailtickets ist keine Vor- und Nachbereitung – geschweige denn eine pädagogische Begleitung – vorgesehen. So muss davon ausgegangen werden, dass die beschriebenen negativen Effekte noch verstärkt würden. Statt einer Idee eines geeinten Europas blieben dann nur die Klischees über die Nationen innerhalb der EU übrig.

Alternativen

Was sollte die EU dann mit den 700 Millionen Euro tun? Ich denke, sie sollte diese in Maßnahmen für internationale Begegnungen stecken und in das ERASMUS+ Programm. Von letzterem können auch deutlich mehr profitieren als nur privilegierte Studierende. Internationale Maßnahmen können nur mit mehr Geld sinnvoll begleitet werden.

So ließen sich die negativen Effekte zurückdrängen und ein Gefühl für ein geeintes Europa als Ziel realistischer erscheinen. Jugendverbände aus ganz Europa pflegen schon intensive Kontakte und regelmäßige Austausche. Hier mangelt es oft nicht am Willen, oder an der pädagogischen Betreuung, sondern am Geld. Daher sollte die EU die bestehenden Töpfe nachhaltig füllen und gegebenenfalls eine simple, d.h. unbürokratische Förderlinie entwickeln, die es pädagogisch begleiteten Begegnungen erlaubt, kontinuierlich zu arbeiten sowie qualitativ gute Vor- und Nachbereitung zu leisten.

So wären meiner Meinung nach die 700 Millionen Euro sinnvoller und eher im Sinne der EU ausgegeben als mit einem Interrailticket von dem meist nur Privilegierte profitieren würden.

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