Der erste Mai

Vom Kampftag zum Bratwurststand

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Die meisten Menschen werden ihn genießen. Der 1.Mai ist ein gesetzlicher Feiertag und in den vielen Städten veranstalten die Organisationen der Arbeiterbewegung Festivitäten. Bier und Bratwurst gehören ebenso dazu wie rote Nelken und Ansprachen. Wir haben uns den 1. Mai für eine Kritik vorgeknöpft. Ein Kommentar von Sebastian Kunze.

Der Blick zurück

Es fing revolutionär an: Als am 01. Mai 1886 in den USA in vielen Städten für den Achtstundentag und menschenwürdige Arbeitsbedingungen demonstriert wurde stand Chicago im Mittelpunkt. Dort kamen rund 90.000 Menschen zusammen und bildeten den größten Demonstrationszug während der 01. Mai-Demonstrationen in den USA. Für die gesamte USA wurden 300.000 bis 500.000 geschätzt. Doch wurden solche Demonstrationen noch argwöhnischer betrachtet als heute. Die Geschehnisse um G20 sehen gegenüber dem Haymarket Aufstand mickrig aus.

Aufruf zur Demonstration. Gemeinfrei

Die Stimmung war aufgeheizt als die Demonstrationen begannen. Die Presse hetzte. Die Chicago Mail rief beispielsweise dazu auf, ein Exempel an den Rädelsführer_innen zu statuieren. Polizei und Nationalgarde waren bereit einzuschreiten. Die Industriebosse reagierten mit Massenentlassungen und Drohungen. Dennoch trafen sich die Streikenden auch in den folgenden Tagen. Bei einer Versammlung schritt am 3. Mai die Polizei ein und erschoss sechs Arbeiter_innen. Aus Protest zogen Tausende durch Chicago zum Haymarket Square. Trotz einiger Versuche die Demo aufzulösen marschierten die Arbeiter_innen friedlich zu ihrem Zielort.

Am nächsten Tag wurde auf dem Haymarket Platz demonstriert, die Polizei war vor Ort und dann geschah es: Eine Bombe explodierte. Einige Demonstrant_innen, vor allem aber Polizist_innen wurden getötet und verletzt. Verantwortlich gemacht wurden Anarchist_innen – auch ohne ausreichende Beweise. Von den acht Männern die verhaftet wurden, weil sie an der Streikorganisation beteiligt waren, wurden alle verurteilt: vier wurden erhängt, einer tötete sich selbst, einer erhielt fünfzehn Jahre Haft und für zwei wandelte der Gouverneur die Todesstrafe in lebenslange Haft um. Zwar gab es einen Aufschrei in der internationalen Presse, doch kam erst einige Jahre später der Gouverneur von Illinois zu der Auffassung, dass alle Verurteilten unschuldig waren, woraufhin er die letzten drei Überlenden begnadigte.

Die Geschehnisse von Chicago begründeten den ersten Mai als internationalen Kampftag für die Rechte von Arbeiter_innen. Sie kämpften für Achtstundentage, bessere Löhne, Urlaub und grundsätzlich bessere Arbeitsbedingungen.

Der Blick nach vorn

In den Industrienationen von heute gibt es den ersten Mai noch immer. Doch er ist anders. Ja, Gewerkschaften organisieren nach wie vor Demos. Dort wird auch hin und wieder von mehr Gerechtigkeit gesprochen. Aber im Grunde sind die Kampfzeiten vorbei. Bessere Arbeitsbedingungen? Dafür kämpfen die Gewerkschaften zwar noch, aber wo setzen sie sich durch? In der Pflege? In der Krankenversorgung?

Der erste Mai ist darüber hinaus ein staatlicher Feiertag geworden. Eigentlich schon absurd. Oder auch nicht. Im Prinzip sichert der Staat dadurch, dass es praktisch keine Streiks an diesem Tag oder von ihm ausgehend gibt. Es ist eh frei (für die Meisten). Für die Dynamik der Arbeiterbewegung ist das nicht gut, denn wer geht an einem freien Tag zu einer Veranstaltung wo die ganze Zeit geredet wird? Wenige. Außer es gibt dort vielleicht noch etwas anderes.

So wurden die Ersten Mai-Demonstrationen zu einem (Mini)Volksfest, mit Musik, Bratwurst- und Bierstand. Man sitzt und isst. Lacht und nebenbei, da hinten auf der Bühne, redet auch mal einer was von gerechten Löhnen und so. Aber das Wetter ist gut und das Leben ist gerade schön, wir haben ja einen Feiertag.

Das wirft insgesamt für mich die Frage auf, inwieweit noch von einer Arbeiterbewegung gesprochen werden kann? Wir sehen sie immer mal wieder, am 1. Mai, bei Tarifverhandlungen, in den sozialen Diensten, aber können wir noch von einer Bewegung sprechen? Arbeiten die einzelnen Organisationen wirklich zusammen, ziehen die Gewerkschaften, die AWO und die sozialdemokratische Partei im Bundestag an einem Strang? Arbeiten sie an einem Ziel? Das glaube ich nicht (mehr).

Was tun?

Die meisten wird diese Situation nicht stören, warum auch? Es ist ein Tag frei. Dieses Jahr sogar ein Dienstag, viele nehmen sich auch noch den Montag für ein langes Wochenende frei.

Stören sollte es die Arbeiterbewegung. Je nachdem was sie noch erreichen möchte. Die Arbeiterbewegung sollte einen neuen Streiktag ausrufen und diesen nutzen. Die Idee war doch mal „Alle Maschinen stehen still, wenn dein starker Arm es will!“ Der starke Arm der Arbeiterbewegung ist die Solidarität und ihre Anzahl.

Ruft also einen neuen ersten Mai aus. Ohne Feiertag. Ohne Bierstand. Ohne Bratwurst. Dafür mit Streik. Mit Kraft. Mit Mut. Für bessere Arbeitsbedingungen von Arbeiter_innen und Prekarisierten. Glück auf.

1 KOMMENTAR

  1. Ich finde den 1.Mai in erster Linie unglaublich demoralisierend. Versuch mal, dieselben Ressourcen zu mobilisieren für eine Aktion, bei der es ganz konkret etwas zu gewinnen gibt. Issnich. Vor der Möglichkeit, konkret etwas zu bewirken, laufen die Linke schreiend davon.

    Es ist auch wirklich furchtbar ungewohnt und unheimlich, wenn man mal ausnahmsweise etwas bewirkt und man kriegt ja tatsächlich kognitive Dissonanzen davon. Da hilft nur Selbstreflexion und Mut, aber nicht die Flucht in symbolische Aktionen. Am Besten dann noch Streß mit der Polizei. An sich ist dafür die Polizei verantwortlich zu machen, und das sollte eine gerade nicht von etwas abhalten, aber ich hab ein Problem damit, wenn’s für nichts ist. Und der erste Mai, ob Bratwurststand oder revolutionäre Demo, ist für’n Arsch.

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