Arbeit, Arbeit über alles … ?!

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Foto: Ludek von Wikimedia Commons unter Lizenz: CC BY-SA 3.0

Arbeit bestimmt in unserer Gesellschaft nicht nur unser Einkommen, sondern auch unsere gesellschaftliche Position. Außerdem werden wir vorrangig über unsere Arbeit definiert. Kann ein anderes Verständnis von Arbeit dazu beitragen, die bestehenden Verhältnisse zu verändern? Wir haben dazu einer Idee von Frigga Haug experimentiert. Von Sebastian Kunze.

Arbeit in unserer Gesellschaft

In unserer kapitalistischen Gesellschaft werden wir über verschiedene Faktoren determiniert. Wir sind Konsumenten. Wir sind arm. Wir sind reich. Wir sind „Leistungsträger_innen“ oder „Minderleister_innen“ (um hier mal neoliberalen Sprachduktus abzubilden). Die zentrale Kategorie allerdings, der wir uns nicht entziehen können und die viele andere Faktoren, auch die, die hier nicht aufgezählt wurden, (mit-) bestimmt, ist Arbeit.

Viele Diskussion, insbesondere die über das sogenannte bedingungslose Grundeinkommen sind von impliziten Annahmen über den Charakter von Arbeit bestimmt. Da heißt es beispielsweise, Menschen benötigen Arbeit zur Identitätsbildung. Arbeit sei gesellschaftliche Teilhabe. Arbeit ist unerlässlich für Menschen. Arbeit ist in den meisten Ideen von Ökonomie zentral, in Marx Theorie wird durch Arbeit Wert überhaupt erst geschaffen. Arbeit ist so wichtig, dass ein sozialdemokratischer Politiker sich dazu hinreißen ließ zu fordern, wer nicht arbeite solle auch nicht essen. (Quelle)

In unserer Gesellschaft steht es außer Frage, wer nicht arbeitet, der wird kein auskömmliches Einkommen erhalten, um mehr als nur seine Grundbedürfnisse zu stillen. Es herrscht die Idee der Leistungsgerechtigkeit vor, d.h. wer etwas leistet wird dafür gerecht entlohnt. Allerdings konterkariert die Wirklichkeit diese in der Gesellschaft fest verankerte Vorstellung: Menschen die arbeiten und doch Transferleistungen beziehen müssen („Aufstocker_innen“) oder, auf der anderen Seite der sozialen Skala, reiche Erben.

Arbeit – Annäherungen

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Arbeit zumeist verstanden wird als durchgängige entlohnte, bezahlte Tätigkeit. Soweit die grundlegende Definition. Von verschiedenen Seiten wird Arbeit in der heutigen Gesellschaft noch weiter aufgeladen mit allerlei Eigenschaften. So nennt die Autorin Marie Jahoda in einer Einführung in die Soziologie, die Arbeit unumgänglich in der modernen Gesellschaft. Besonders da Arbeit den Tag, die Woche, das Jahr einteile, ebenso wie die Zeiten von Freizeit. Darüber hinaus schreibt sie Arbeit eine soziale Funktion zu, bei der das eigene Wissen erweitert und Kooperation erlebt wird. Darüber hinaus bestimme der Arbeitsplatz und Beruf die soziale Identität und Stellung einer Person, sie bindet uns an die soziale Wirklichkeit.

Damit lässt sich knapp der Gegenstand von Arbeit umreißen. Die Kritik daran wird sofort ersichtlich: wer keine Arbeit hat, erweitert sein Wissen nicht, hat keine Kooperationserlebnisse und steht im sozialen Abseits. Dies wäre der reine Umkehrschluss der Definition. Dies ist zwar nicht so, da Kooperationserlebnisse dennoch gemacht werden, aber die soziale Position innerhalb der Gesellschaft bleibt bestimmt von Arbeit.

Und was machst du so? Lautet die scheinbar unverfängliche Frage.

Die soziale Identität der Arbeit verschmilzt immer mehr mit der persönlichen Identität, das heißt, konsequent zu Ende gedacht, dass ein Mensch ohne Arbeit nun nicht nur sozial, sondern auch als Mensch keinen Wert, kein Selbst mehr besitzt.

Darüber hinaus drücken sich in Arbeit auch soziale Verhältnisse aus. Bestimmte Arbeiten werden von spezifischen Gruppen und Menschen aus besonderen Milieus erledigt. Es ist wahrscheinlich, dass die Tochter eines Managers also in ihrem eigenen Berufsleben nicht als Putzkraft arbeiten wird – und andersherum. Es gibt gut und schlecht bezahlte Arbeit. Die Höhe des Lohns drückt in der Regel auch die soziale Position einer Person aus und konstituiert so in der Gesellschaft eine Hierarchie, die sich in einem Machtgefälle von besser Verdienenden gegenüber schlechter Bezahlten niederschlägt.

Es geht anders

Frigga Haug entwickelte aus verschiedenen Strängen ihrer kritischen Gesellschaftsanalyse über viele Jahre hinweg eine Vier-in-Eins-Perspektive, die es ermöglicht Politik, aber auch Arbeit neu zu denken. Haug setzt in der sozialen Wirklichkeit an und spricht über vier Elemente, die zu einem neuen Begriff von Arbeit herangezogen werden können: Reproduktion, Erwerb, Kultur und Politik. Denkt man diese vier Säulen zusammen, kann daraus ein erweiterter Begriff von Arbeit abgeleitet werden. Nicht nur um der Realität Rechnung zu tragen sondern auch, um diese zu verändern.

Frigga Haug
Die 1937 geborene Frigga Haug war bis 2001 Professorin für Soziologie. Zuletzt an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. Sie arbeitete unter anderem zur Frauenbewegung, in der sie selbst auch aktiv war, zum Marxismus und insbesondere zu Feminismus. Das politische und wissenschaftliche Werk von Haug ist äußerst umfangreich, u.a. gibt sie die Zeitschrift Das Argument heraus und führt die Geschäfte des gleichnamigen Verlages. Außerdem gibt sie Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus heraus und engagiert sich in gesellschaftlichen Organisationen, wie dem Bund demokratischer Wissenschaftler_innen sowie diversen Beiräten. (Website: http://www.friggahaug.inkrit.de)

Die Arbeit am Begriff ist hier zu verstehen als Vorarbeit zur Praxis. Es geht um das Beginnen, um das Bauen an einer anderen Zukunft.

Ziel ist es Lohnarbeit als zentrales Element in der Gesellschaft zu brechen. Lohnarbeit soll nicht mehr (allein) den sozialen und gesellschaftlichen Status anzeigen und ausdrücken. Damit würde ebenfalls die gesellschaftliche Macht und gut Verdienenden zumindest abgemildert. In diesem Kontext sind nun Haugs Ideen einzubringen, sodass das soziale Subjekt sich zukünftig anders definieren und Arbeit neu begriffen werden kann.

Reproduktionsarbeit

Erwerbsarbeit bleibt in erster Linie Lohnarbeit, daran würde sich erstmal nichts ändern, doch sollte die sogenannte Reproduktionsarbeit als gleichwertige Arbeit anerkannt werden.

Reproduktionarbeit ist einerseits die Arbeit, die – klassisch marxistisch argumentiert – benötigt wird, um die Arbeitskraft zu regenerieren und wieder „fit“ zu machen. Das umfasst also alles was allgemein unter Hausarbeit verstanden wird, kochen, putzen, waschen. Diese Arbeit früher noch in der Regel, heute sehr häufig noch übermäßig von Frauen erledigt, ist weder gesellschaftlich anerkannt noch bezahlt. Diese Reproduktionsarbeit sollte der Erwerbsarbeit gleichgestellt sein.

Man könnte hinzufügen, dass die Sorgearbeit ebenfalls dazuzählt, d.h. die regulär ebenfalls unbezahlte Pflege und Hilfe von Angehörigen. In einer alternden Gesellschaft ist diese Sorgearbeit ein stärker werdendes Phänomen, dass hier ebenfalls berücksichtigt werden sollte, welche zwar gesellschaftlich deutlich anerkannt ist als Reproduktionsarbeit, dennoch aber unbezahlt und damit für die Personen benachteiligend.

Kultur

Die kulturelle Selbstbildung versteht Haug als Menschenrecht. Dieses Recht an sich selbst zu arbeiten soll ebenfalls als Arbeit anerkannt werden. Als Menschenrecht verstanden, sollten wir qua Menschsein das Recht darauf haben, unabhängig von unseren ökonomischen Verhältnissen unsere Persönlichkeit zu pflegen und zu bilden. Dies stellt eine wichtige Form von Arbeit dar, die nicht funktionalisiert, d.h. im Sinne von Selbstoptimierung verstanden werden sollte. Es muss also keinen Mehrwert für die Gesellschaft oder die Wirtschaft geben, damit diese Art von Arbeit an sich selbst wertzuschätzen ist.

Politik

Als Kern der Idee von Haug könnte man die politische Dimension begreifen, die in der neuen Perspektive ihren Ausdruck gewinnt. Politische Partizipation steht hier im Mittelpunkt. So soll gefördert werden, dass jede_r Einzelne bei der Gestaltung der Gesellschaft einbezogen werden kann, wenn sie es wünschen. Die Möglichkeiten des „Aktivwerdens“ und „Verändernkönnens“ lassen Selbstwirksamkeitserfahrungen zu und stärken dadurch die Eigenverantwortlichkeit der Menschen in der Gesellschaft. Die Menschen werden damit nach Haug wieder zu aktiven Subjekten und gestalten die Gesellschaft mit. Damit wird außerdem die Macht (politischer) Eliten, wenn nicht gebrochen, so doch wenigsten zurückgedrängt.

Was sich verändern kann

Die vier Elemente Erwerbsarbeit, Reproduktion, Kultur und Politik im Sinne Haugs gedacht ermöglichen eine Idee von Arbeit, die umfassender ist als wir Lohnarbeit heute begreifen. Würde durch gesellschaftliche Anerkennung und Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums ermöglicht, anerkannt Reproduktions- und Sorgearbeit zu leisten, an sich selbst zu arbeiten oder politisch zu partizipieren, könnte somit Arbeit zwar weiterhin zur Konstituierung der (sozialen) Identität herangezogen werden, doch schlösse man die heutigen negativen Auswirkungen von „Arbeitslosigkeit“ aus.

Arbeit so begriffen, ließe Menschen sowohl auf die Frage „und was machst du so?“ anders antworten und reagieren können, als auch dazu beitragen, dass die Gesellschaft fairer und gerechter würde. Ein Wirtschaftssystem und dieses bestimmt unser Verständnis von Arbeit, sollte dem Wohle der Menschen dienen und deren Unterdrückung nicht ermöglichen bzw. fördern. Welches Modell des Wirtschaftens sich einem solchen Begriff von Arbeit aneignen kann ist nicht ganz klar.

Ein Modell, das auf den ersten Blick sehr gut mit dieser Vier-in-Eins-Perspektive zusammengeht wäre das Bedingungslose Grundeinkommen. Das Grundeinkommen diente dann als Ersatz für die Lohnarbeit und könnte dazu beitragen die anderen Arten von Arbeit sozial akzeptierter zu machen.

Was denkt ihr als Leser_innen zu dieser Perspektive? Passt das Grundeinkommen dazu? Welche Form wäre vielleicht auch geeignet(er)? Und wie kann Arbeit noch verstanden werden? Wir freuen uns über Anregungen und Diskussionen in den Kommentaren.

2 KOMMENTARE

  1. Wenn von Arbeit die Rede ist, sollte man auch darüber nachdenken welche zentrale Stellung Lohnarbeit bis zur Einführung von Hartz-IV innerhalb des sozialen Sicherungssystems hatte. Diese zentrale Stellung hat sie mit der Einführung von Hartz-IV verloren. Angesichts der – damals wie heute – strukturell bedingten Erwerbslosigkeit bedarf es dringend ein Umdenken darüber, wie gesellschaftliche Arbeit anders zu organisieren ist.

    Anerkennung durch bezahlte Arbeit zu bekommen, gilt nach wie vor für die meisten Menschen in unserer Gesellschaft. Die passende Antwort, die man sich angesichts dieser Tatsache auf die Frage der Neuorganisation unserer Gesellschaft stellen sollte, liefert Frigga Haug mit ihrer „Vier-in-einem-Perspektive“. Nur fällt das darin geschilderte Weltbild und die Einstellung zum Leben und zur Arbeit nicht vom Himmel. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind gerade nicht derart beschaffen, dass diese völlige Neuorganisation von gesellschaftlich notwendiger Arbeit durch soziale Kämpfe zu erreichen wäre. Anders steht es um die Diskussion des Bedingungslosen Grundeinkommens: Um den Druck loszuwerden, schlecht bezahlte Jobs annehmen zu müssen oder bei Nichtgefügigkeit vom Jobcenter schikaniert und sanktioniert zu werden, wäre das Bedingungslose Grundeinkommen – bei Beibehaltung aller bisherigen sozialen Sicherungsleistungen – ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es entstünde Raum für zwanglose Diskussionen darüber, was gesellschaftlich notwendige Arbeit sein könnte. Ob dann langfristig das Bedingungslose Grundeinkommen neben der 20-Stunden-Woche bestehen bleiben sollte, ist eine andere Frage, die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantwortet werden kann und nicht beantwortet werden braucht.

    • Die Hartz IV Gesetzgebung ist ein gutes Stichwort, dazu planen wir gerade einen Beitrag, der die Geschichte und die Veränderungen, die damit einhergehen darstellen sollen. Vielleicht hast du Interesse einen kurzen Beitrag zur Veränderungen bzgl. Arbeit zu schreiben, wie du sie andeutest? Das wäre sehr spannend!
      Selbstverständlich fällt dieses Weltbild nicht vom Himmel und ich denke, die Perspektive Haugs ließe sich sehr gut mit dem bedingungslosen Grundeinkommen verbinden. Die Frage ist momentan aber tatsächlich welche Auswirkung hätte ein BGE auf das Verständnis von Arbeit. Hier könnte man dann ja mit Haug ansetzen, um eine Veränderungen der Wahrnehmung zu erreichen. Darüber werden wir aber weiter nachdenken müssen, am besten Parallel zum praktischen Test, bis dahin ist es aber noch ein gutes Stück weg. /SK

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