Maritime Security in the Eastern Mediterranean (Rezension)

0

Was ist zu erwarten, wenn eine Reihe von Strategieberatern und (Ex-)Militärs über maritime Sicherheit im östlichen Mittelmeer schreiben? Wir haben es für euch herausgefunden und kommen zu einem gemischten Fazit. Eine Rezension von Jan Schaller

Das Bändchen Maritime Security in the Eastern Mediterranean, zu deutsch Maritime Sicherheit im östlichen Mittelmeer ist mit seinen gut 80 Seiten lediglich ein kurzer Einstieg in die Thematik. Die aktuelle Situation des östlichen Mittelmeerraums wird aus einer klassisch sicherheitspolitischen Sichtweise eingeführt. Geografisch wird das Gebiet dabei breit definiert: von Libyen im Westen, über Ägypten bis Israel im Osten, der Türkei und Griechenland im Norden.

Das Buch ist Teil der Kiel Sea Power Series, eine Reihe von Veranstaltungen und Veröffentlichungen, organisiert vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel sowie des angegliederten Zentrums für Maritime Strategie und Sicherheit. Herausgeber sind der Leiter des Zentrums Dr. Sebastian Bruns und der Analyst Jeremy Stöhs, ebenfalls am Zentrum angestellt. Beide zeichnen sich in ihrer Forschung durch einen sicherheitspolitisch-strategischen bzw. militärischen Hintergrund aus, was man dem Buch in seiner inhaltlichen Ausrichtung anmerkt.

Territorialisierung des Mittelmeers

Nach einer kursorischen Einleitung von Bruns selbst folgt ein Beitrag von Chris Parry, vormaliger Konteradmiral der Royal Navy. Er gibt einen kurzen Überblick über die geopolitische Situation des östlichen Mittelmeers und zeigt durchaus interessante Trends auf. Am spannendsten ist hier sicherlich das was Parry „territorialisation of off-shore regions“ (24) nennt, also die immer weiter reichende Inanspruchnahme küstenferner Gewässer durch Anrainerstaaten.

An dritter Stelle schreibt Heiko Borchert, Leiter einer Strategieberatungsfirma, über die wirtschaftlichen Dimensionen des Ostmittelmeerraums: über regionalen Handel, Seetransport, ausländische Direktinvestitionen, Waffenex- und importe, sowie über den Energiesektor. Seine zentrale Erkenntnis ist, dass, um eine stabile Entwicklung der Region zu gewährleisten, der regionale Handel zu gering ausfällt und daraus resultierend die Abhängigkeit von externen Akteuren zu groß ist.

Der vierte Artikel vom ehemaligen israelischen Konteradmiral Shaul Chorev ist de facto eine Fallstudie Israels, welche erstens aktuelle geopolitische Verwundbarkeiten des Landes skizziert und zweitens fragt, wohin israelisches Gas am besten zu exportieren sei.

Der fünfte und vorletzte Beitrag von Sebastian Hamann (Kommandeur der deutschen Marine) nimmt dann die drei regionalen Großmächte Iran, Saudi-Arabien und Ägypten unter die Lupe. Er gibt jeweils einen kurzen Überblick über Ambitionen der einzelnen Staaten, ihre vermutlichen strategischen Fähigkeiten und Absichten.

Sarandis Papadopoulos beschließt den Reigen mit einer kurzen Geschichte der US-amerikanischen Präsenz in der Region und einem Ausblick auf kommende Herausforderungen aus US-amerikanischer Perspektive.

Erwartbare Inhalte, erwartbare Lücken

Die Bewertung dieses Buches muss unbedingt differenziert erfolgen, da es bei falschen Kriterien über Gebühr schlecht bewertet werden würde — was es nicht ist. Das Buch ist letztendlich einfach ein kleiner Sammelband zum Thema der maritimen militärischen bzw. geopolitischen Lage im östlichen Mittelmeer. Wer darüber noch nichts weiß (so wie der Autor dieser Rezension), wird sicher einiges Neues erfahren und Anknüpfpunkte zum Weiterlesen haben. Die besonderen geografischen Gegebenheiten der Region, die daraus resultierende geopolitische Situation, die Geschichte und Ambitionen von Anrainerstaaten sowie involvierten globalen Mächten ist immer wieder interessant und kenntnisreich aufbereitet. Auch der mehrfach angestrengte Blick auf China und seine geschickten Bestrebungen Einfluss und Präsenz in der Region zu gewinnen, sind lehrreich.

Zu einer Bewertung gehört aber auch auf das hinzuweisen, was dieses Buch nicht bietet. Manches erklärt sich aus dem Hintergrund der beteiligten Autoren, anderes muss klar kritisiert werden. Zum einen fällt natürlich der absolute Fokus auf sehr klassische militärische Sicherheit auf. Alternative Konzepte wie Human Security oder ein erweiterter Gewaltbegriff, der auch Dimensionen wie strukturelle Gewalt im Sinne Johann Galtungs einbezieht, sucht man hier vergeblich. Ebenso fehlen inhaltliche Dimensionen, die über reine Geopolitik und harte Politikfelder wie Wirtschaft und Energie hinausgehen. Migration wird maximal am Rande erwähnt, Umweltproblematiken überhaupt nicht.

Die sehr klassischen Sichtweisen mancher Autoren werden an gewissen Textstellen überaus deutlich. So schreibt Chris Parry:

Consequently, it [the Mediterranean] constitutes a ragged border between the modern and postmodern world and a buffer between Islam and the West; yet its predominantly Islamic character has, at its heart, the powerful presence of Israel. (21)

Einem Sozialwissenschaftler konstruktiver bzw. postmoderner Provenienz stellen sich da sicherlich ein paar Fragen hinsichtlich hybrider Konfigurationen, oder — einfacher ausgedrückt — ob man das denn wirklich so einfach abgrenzen könne. Auch die Aussage von Heiko Borchert, dass

“the EastMed should be considered as a „policy lab“ where Europe explores new ways of international governance with ambitious local actors and powerful outside challengers“ (46)

ist aus postkolonialer Sichtweise — vorsichtig formuliert — problematisch.

Letztendlich sind die genannten Punkte aber bis zu einem gewissen Grad durch die Hintergründe der Autoren zu erklären, wenngleich das natürlich nicht alles entschuldigt. Ein wenig mehr Vielfalt würde dem Buch sicher guttun, auch weil so einzig und allein der westliche Blick von EU, den USA und Israel Einzug hält. Arabische Staaten, Russland und China werden nur von außen betrachtet und bewertet.

Wirklich kritisieren muss man jedoch, dass das Buch hier und da schludrig zusammengestellt wirkt. So doppelt sich im Fazit vom dritten Beitrag (The Diversity Challenge von Heiko Borchert) ein kompletter Absatz. So etwas darf schlicht nicht passieren. Ebenso hätte man beispielsweise die Grafiken der einzelnen Artikel vereinheitlichen können. So wirkt es ein wenig wie Flickschusterei.

Trotz aller Kritik möchte ich eins festhalten: Das Buch ist durchaus interessant und bietet einen gelungenen Einstieg. Man muss eben nur wissen, was man erwarten kann — andere theoretische und politische Brillen schaden hier als Korrektiv ganz sicher nicht.


Copyright: Nomos Verlag

Jeremy Stöhs, Sebastian Bruns (Hrsg.): Maritime Security in the Eastern Mediterranean, ISPK Seapower Series im Nomos Verlag. 85 Seiten. 24,00€. ISBN: 978 3 848 745302.

Link zum Verlag

Wir danken dem Nomos Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here