Flüchtlinge oder Geflüchtete?

Welcher Begriff ist sinnvoll?

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Flüchtlinge oder Geflüchtete? Welche Bezeichnung ist die treffendere, sensiblere, bessere? Kann man das überhaupt so eindeutig sagen? Eine Annäherung von Jan Schaller

Ich glaube nicht, dass eine Festlegung auf einen der beiden Begriffe so einfach ist. Es gibt sehr gute Gründe für das Wort ‚Geflüchtete‘ — aber eben auch ein paar für das Wort ‚Flüchtlinge‘. Der Kampf um Bezeichnungspraxen von Personen und Kollektiven wurde lange nicht so intensiv geführt wie momentan. Sei es bei der (Um-)Benennung von Straßen, dem N.-Wort oder eben Flüchtlinge/Geflüchtete. Der Begriff der politischen Korrektheit ist dabei irreführend, zumindest in der Weise wie er zumeist verwendet wird. Oftmals steht politische Korrektheit (durch kluge diskursive Arbeit von Rechts) für Meinungs- und Denkverbote. Das ist natürlich völliger Unfug. Es geht nicht darum in irgendeinem Sinne korrekt zu handeln, sondern Menschen respektvoll zu benennen in Bezeichnungen, die sie sich selbst gewählt haben. In anderen Worten geht es also um eine möglichst diskriminierungsfreie Sprache. Weitere Hintergründe zur Entstehungsgeschichte und Intention des Konzepts ‚Politische Korrektheit‘ lässt sich hier finden.

Die sprachliche Ebene

Vor diesem Hintergrund ist auch die Frage nach Flüchtling oder Geflüchtete*r zu beantworten. Rein aufs Sprachliche bezogen, weist Flüchtling die Endung -ling auf und ist damit eine Verniedlichungsform. Damit einher geht eine eher negative Konnotation, die an Beispielen wie Jüngling, Feigling oder Fremdling deutlich wird. Gleichzeitig handelt es sich um eine Passivform, womit der aktive Moment der Flucht verdeckt wird. Zwar reagiert Flucht immer auf ein Ereignis und ist somit nicht initiativ, dennoch gibt es kaum Tätigkeiten, die größere Aktivität implizieren als Flucht. Aus einem rein sprachlichen Blickwinkel erscheint Flüchtling also nicht sonderlich geeignet. Geflüchtete behebt diese Probleme, indem die Aktivität, als auch die Subjekthaftigkeit der Geflohenen herausgestellt wird. Allerdings legt die Vorsilbe Ge- eine abgeschlossene Handlung nahe. Das wiederum trifft vielfach nicht zu, sei es weil die bezeichneten Personen noch nicht an ihrem Zielort angekommen sind, oder aber die Flucht nur physisch, nicht aber mental abgeschlossen ist. Für eine noch tiefergehende Auseinandersetzung mit der sprachlichen Ebene sei dieser Blogeintrag empfohlen.

Praxen der Selbst- und Fremdbezeichnung

Das zweite Kriterium zur Bewertung eines Begriffes ist in meinen Augen der Respekt gegenüber Selbstbezeichnungen. Ich vertrete die Ansicht, dass Identitätsgruppen das Recht besitzen, über ihre eigene Bezeichnung zu entscheiden. Dieses Recht kann auch zum Umkehren (zumindest diskursiver) Machtverhältnisse beitragen. Wird eine homosexuelle Person beispielsweise als ‚Schwuchtel’ bezeichnet, so ist das ein klarer Fall diskursiver Gewalt. Bezeichnet sie sich selbst so, ist das eine Form der Aneignung, die das ehemals beleidigende Wort durch den Akt der betroffenen Person in eine affirmative Selbstbezeichnung umwandelt.

Eine andere Ausformung von Selbstbezeichnungspraxen ist die Initiative “Der Braune Mob”, die sich für die Bezeichnung Schwarze Deutsche für Schwarze Menschen mit deutschem Pass einsetzt. Dadurch soll deutlich gemacht werden, dass Deutsche nicht zwangsläufig weiß sein müssen, sondern eben durchaus auch Schwarz sind. Diese Art der Selbstbezeichnung gilt es aus meiner Sicht unbedingt zu respektieren. Für Flüchtlinge bzw. Geflüchtete ist die Situation schwieriger, da sie in keiner Hinsicht eine organisierte Gruppe darstellen. Syrer*innen haben im Normalfall wenig mit Menschen aus Gambia gemein. Daher existiert auch meines Wissens nach kein Zusammenschluss von Flüchtlingen/Geflüchteten, die eine eigenständige Bezeichnungspraxis etablieren könnten.

Eine Namensfestlegung aus der nicht-geflüchteten Mehrheitsgesellschaft halte ich allerdings für problematisch, auch wenn rein sprachlich wohl mehr für Geflüchtete, als für Flüchtlinge spricht. Letztendlich wäre es aber wiederum die Bezeichnung einer Gruppe, die durch ein konkretes Merkmal verbunden ist (Flucht) durch die Mehrheitsgesellschaft. Möchte man den Anspruch ernst nehmen, auf Fremdbezeichnungen zu verzichten, müsste man an dieser Stelle konsequent sein. Ein weiteres Beispiel soll meine Bedenken illustrieren: In linken Zusammenhängen werden männliche Bezeichnungen, die alle bezeichnen sollen, bekanntermaßen oft gegendert. Sprich aus Arbeiter wird Arbeiter*innen, aus Schüler Schüler*innen usw. In Partyankündigungen ist dann häufig von DJ*anes die Rede, um auch Frauen an den Mischpulten sichtbar zu machen. Auch ich verwendete diesen Begriff bis mich eine Bekannte, die selbst DJ ist darauf hinwies, dass sie DJane furchtbar fände, da es für sie nach Tarzan und Jane klänge und sie daher gern DJ genannt würde. Diese kurze Episode verdeutlicht, dass auch wohl gemeinte Versuche das Gegenteil erreichen können, wenn nicht die betroffenen Personen selbst gefragt werden.

Emotionale Nähe durch Begriffe?

Ein selten bedachter Punkt FÜR das Wort Flüchtling ist die emotionale Verbindung zwischen der Jetztzeit und früheren Perioden der Flucht. Zumindest solange in Deutschland noch Menschen leben, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg fliehen mussten, könnte die Verwendung des gleichen Wortes für emotionale Nähe sorgen. Wer hier ein anderes Wort nutzt, macht es anderen leichter, eine Trennlinie zwischen der selbst erfahrenen Flucht und den aktuellen Geschehnissen zu ziehen.

Generell gesprochen kann man auch nach der Sinnhaftigkeit dieser Art von Identitätspolitik fragen. Mit dem Blick auf die Gesamtgesellschaft ist es sicher nicht sinnvoll das Rad immer weiter zu drehen und immer kleinere Gruppen als solche zu definieren. Auch lenken Bezeichnungsdebatten oft von materiellen Ungerechtigkeiten ab, was auch nicht zielführend sein kann. Dennoch vertrete ich die Ansicht, dass jede*r (mit der oben benannten Ausnahme) das Recht hat, respektvoll behandelt zu werden. Eine entsprechende Benennung der eigenen Person oder sozialen Gruppe ist Teil davon.

Ich kann an dieser Stelle keine abschließende Antwort geben. Ich denke, dass ein wenig mehr für das Wort Geflüchtete, als für das Wort Flüchtlinge spricht. So eindeutig wie beim N.-Wort oder Vergleichbarem ist die Situation aber in meinen Augen nicht.

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