Israel – gelebter Widerspruch

0

-- Download Israel - gelebter Widerspruch als PDF --


Inwieweit lässt sich eine Gesellschaft wie Israel an Hand von ikonografischen Bildern beschreiben? Zudem eine Gesellschaft, die wie der Soziologe Natan Sznaider feststellt, aus vielen Gesellschaften besteht. Dazu in einer Zeit, die von den Widersprüchen der Moderne und Post-Moderne geprägt ist. Wie er das am Beispiel Israels schafft, lesen Sie in dieser Rezension von Sebastian Kunze.

Gesellschaft in Bildern

In Gesellschaften in Israel legt Natan Sznaider, Professor für Soziologie in Tel Aviv, ein ungewöhnliches Buch vor. Er möchte „in erster Linie … ein Buch über die Menschen in Israel schreiben. Es ist ein Buch, das davon handelt, wie Menschen denken und fühlen.“ (20) Anders als ähnliche Bücher, die versuchen die israelische Gesellschaft zu beschreiben und für ein breites Publikum zugänglich zu machen, wählt Sznaider nicht einen chronologischen Blick auf Israel. Er verbindet auch nicht die historische Erzählung vom Staat Israel mit dem soziologischen Blick, der Einblicke in die Milieus der israelischen Gesellschaft geben möchte. Sznaider schreibt ein persönliches Buch, es sind starke Bilder, die er auswählt, um uns die lebendige und widersprüchliche israelische Gesellschaft vorzustellen.

Bilder der Gesellschaft

Schon klassisch geworden sind Bilder von der Ermordung Rabins oder den Sozialprotesten von 2011 als Ikonen, doch bringt Sznaider mit Hilfe seiner Bilder auch Themen auf, die in anderen Büchern fehlen: Am Beispiel von Dana International gibt er Einblicke in die Kämpfe von Transsexuellen, aber auch homosexuellen Menschen in Israel und wie die Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Akteuren immer wieder darüber verhandelt, was als gesellschaftlich akzeptiert gelten kann. Dabei zeigen sich Grenzen innerhalb der Gesellschaft, da Teile der Ultraorthodoxie – im wahrsten Sinne des Wortes – dies auf den Tod nicht akzeptieren können. So kam es bei einer Gay-Pride-Parade in Jerusalem zu einem tödlichen Messerangriff durch einen Ultraorthodoxen. Hier werden die Widersprüche deutlich und es zeigt, was Sznaider schon im Titel andeutet: Dass es sich nicht um eine Gesellschaft handelt, sondern um viele, dessen Gruppen „durch tiefe gegenseitige Abneigung und Ablehnung, aber auch durch Kommunikation und gegenseitige Unterstützung, mitunter aber auch durch blanken Hass zusammengehalten werden. Die müssen zusammen leben.“ (286)

Aushandlungs- und Selbstverständigungsprozesse

Auf den gut 300 Seiten, des im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag erschienen Buches, gelingt es Sznaider seinen Anspruch einzulösen, die „Verhandlungen zwischen Staat und Gesellschaften auszuloten“, was für ihn notwendig ist, da sich „der Staat als Institution ‚verengt’ …, weil sich die Gesellschaften weiter öffnen.“ Damit meint Sznaider, dass die Menschen mehr von der Welt sehen und so offener für Neues sind. Dies bringt wiederum den Staat als Institution in ein Legitimationsdilemma. Eine Lösung sehen wir auf der ganzen Welt dafür: verstärkten (ethnischen) Nationalismus. Sznaider führt die Tragweite dessen weiter aus: „Was hier zur Disposition steht, ist das Verhältnis von Nation, Religion und Staat in Israel, nicht Staatlichkeit per se.“ (alle: 13) Diese Verhandlungen stellt Sznaider eindrucksvoll dar. Selbst denjenigen, die die allgemeine Literatur zu Israel kennen und für die es nicht das erste Buch über die Gesellschaft ist, lernen etwas Neues. Sznaider nutzt gerne Beispiele aus der Kulturszene, um seine Position zu verdeutlichen. So lernen die Leser_innen nicht nur etwas über israelische Gesellschaften, sondern auch etwas über Musik, Literatur, Theater und Film, da diese ja auch an den Aushandlungs- und Selbstverständigungsprozessen beteiligt sind. So macht es Spaß das Buch zu lesen.

Israel als Teil der globalen Moderne

Für Sznaider ist es allgemeingültig, dass Gesellschaften sich pluralisieren und Staaten ihre Souveränität neu definieren müssten. „In dieser Hinsicht stellt Israel nichts Außergewöhnliches dar. Es ist Teil der globalen Moderne“ (9). Deshalb ist es auch nicht die Frage, ob Israel vormodern, modern oder postmodern sei. Diese Bereiche existieren alle gleichzeitig, auch dies ein Bestandteil der globalen Moderne. Doch diese Gleichzeitigkeit scheint sich in Israel zu konzentrieren, dies führt zu den krassen Aushandlungsprozessen innerhalb Israels.

Eine weitere Folge dieser ungleichen Gleichzeitigkeit ist darüber hinaus die Konkurrenz zwischen partikularen und universalen Werten. In Israel als ethnisch definiertem Staat und Besatzungsmacht zeigt sich diese Konkurrenz in den Debatten, die Menschenrechtsorganisationen anstoßen bzw. die über sie geführt werden. Hierin offenbart sich außerdem welche Interpretation des Credos „Nie wieder“ zugrunde gelegt wird, d.h. inwieweit Universalismus eine angemessene Antwort auf die partikulare jüdische Erfahrung darstellt. Dies diskutiert Sznaider im zehnten und letzten Kapitel seines Buches, er hält prägnant fest: „Die ethische Figur des ‚Nie wieder’ kann in Israel Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft so miteinander verknüpfen, dass in der Tat Hoffnung für alle geweckt werden kann, oder sie kann ins Gegenteil umschlagen und nur noch eine Logik erkennen, die blind macht für die Menschlichkeit des anderen. Das ist Israels Herausforderung heute, nicht nur in der Flüchtlingsfrage.“

Einschätzung

Die Herausforderungen der israelischen Gesellschaften bilden auch den Kern des Buches, so schafft es Sznaider sein Versprechen einzulösen. Er schrieb ein Buch über die Menschen in Israel und wie sie denken und fühlen, dabei können die Leser_innen sehr viel lernen, nicht nur über Israel, sondern auch über die Zerrissenheit unserer Gegenwart, denn Israel ist Teil der globalen Moderne in der wir leben. So ist die Lektüre dieses Buches zu empfehlen, doch lassen sich Kontexte der Bilder mit Vorwissen besser verstehen, da so die Verbindungen zwischen den Gesellschaften und dem Gelesenen dem_der Leser_in noch deutlicher und enger werden.

© Suhrkamp Verlag

Natan Sznaider: Gesellschaften in Israel. Eine Einführung in zehn Bildern. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. 320 Seiten. 28,00€. ISBN: 978 3 633 54285 7.

Link zum Verlag

Wir danken dem Suhrkamp Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplares.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here