Klasse statt Masse

0


Keinen Post mehr verpassen? Folge uns auf Facebook oder Twitter!

-- Download Klasse statt Masse als PDF --


In Niedersachsen müssen Lehrer_innen aller Schulformen an Grundschulen aushelfen. Es gibt dort zu wenig Personal. Berichtet wird aber lediglich über Gymnasiallehrkräfte. Wieso ist das so? Wir haben uns die Aufregung um Abordnungen und ihre soziale Motivation angeschaut. Eine Analyse von Sebastian Kunze.

Abordnungen

Niedersachen ist in heller Aufregung. Die regionale Hannoversche Allgemeine Zeitung titelt: „750 Gymnasiallehrer müssen an Grundschulen aushelfen“ (HAZ, 02.02.2018, S.7 oder online). Thema war das schon zu Beginn des letzten Schuljahres. Mittlerweile steht fest, dass mehr Lehrkräfte als bisher an Grundschulen eingesetzt werden, um den massiven Lehrkräftemangel abzumildern. In der öffentlichen Debatte werden diejenigen, die an Gymnasien lehren nicht nur gesondert hervorgehoben, sondern ihre Lobbyverbände, wie beispielsweise der Philologenverband, kritisieren diese Abordnungen massiv: „Ein solches Chaos habe ich noch nie erlebt“, klagte Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverband in Niedersachsen, über die Abordnungen zu Beginn des Schuljahres im August 2017. (Quelle) Nachdem es sowohl eine neue Landesregierung als auch einen neuen Kultusminister gibt, änderte sich am Lehrkräftemangel in Niedersachsen nichts. Die Abordnungen gehen unverändert weiter. Ebenso unverändert ist die Empörung des Philologenverbands. (Quelle) Die Stimmen von Lehrkräften aus anderen Schulformen werden nicht bis kaum gehört, im Artikel der HAZ spielen sie im Prinzip keine Rolle.

Nur Gymnasien?

Doch warum stehen die Gymnasiallehrkräfte so im Fokus? In der HAZ wurde mit diesen getitelt, im Artikel stellt sich heraus: Im neuen Schulhalbjahr müssen ungefähr 2900 Lehrkräfte an anderen Schulen stundenweise ihren Dienst versehen. Im Artikel der HAZ tauchen die Lehrenden der Haupt-, Real-, und Gesamtschulen also gar nicht auf. Thematisiert werden die Gymnasiallehrer_innen; diese haben laut §3 der niedersächsischen „Verordnung über die Arbeitszeit der Beamtinnen und Beamten an öffentlichen Schulen“ eine Unterrichtsverpflichtung von 23,5 Unterrichtsstunden. Lehrende an Grundschulen hingegeben haben laut der o.g. Verordnung eine Regelstundenzahl von 28 Unterrichtsstunden abzuleisten. Diese Zahlen beziehen sich auf die zu gebenden Unterrichtstunden und schließen Vor- und Nachbereitung, Verwaltungsaufgaben, Eltern- sowie Schülergespräche usw. nicht mit ein. Ein Grund für die unterschiedliche Stundenverteilung nennt die Verordnung nicht. Gymnasiallehrkräfte werden aber nur stundenweise in die Grundschulen geschickt. Dafür sind sie nicht einmal ausgebildet. Dasselbe trifft auf Hauptschul- (27,5), Realschul- (26,5), Oberschul- (25,5), sowie Gesamtschullehrkräfte (24,5) zu. Aus allen Schulformen werden nun Lehrer_innen in die Grundschulen geschickt, um dort Kindern das Lesen, Rechnen und Schreiben beizubringen. Etwas, wofür sie nicht ausgebildet wurden. Was das über die Qualität der Lehre für diese Grundschulkinder aussagt, kann sich jede_r denken. Hinzukommt, dass Gymnasiallehrkräfte an der Spitze der Besoldungsnahrungskette des verbeamteten Lehrkörpers stehen: Sie werden in der Besoldungsgruppe A 13 eingruppiert, Haupt-, Real- und Grundschullehrer_innen hingegen eine Gehaltsgruppe darunter bei A12. Für Berufsanfänger_innen bedeutet dies einen Bruttolohnunterschied von gut 400€, der sich im Laufe ihres Arbeitslebens auf gute 500€ ausdehnt. An Gesamtschulen kommt es darauf an, ob jemand für die gymnasiale Oberstufe ausgebildet wurde, falls ja erhält diese Lehrkraft A13, falls nein A12. (Quelle: NDR, 19.08.2017. )

Die eigene Sicht?

Das alles hat insoweit mit Gymnasiallehrer_innen und Abordnungen zu tun, als dass sie eine sehr laute Gruppe unter den abgeordneten Lehrkräften (750 von 2400) bilden und es schaffen die Schlagzeilen zu dominieren. Es sind darüber hinaus die bestbezahlten Lehrkräfte an Schulen mit dem geringsten Stundendeputat. Diese Art von Berichterstattung und Fokussierung kann uns vielerlei sagen: Entweder sind die Nöte von gymnasialen Lehrkräften größer als die ihrer Kolleg_innen oder die Autor_innen, im Fall der HAZ Michael B. Berger, leben in einem Umfeld, in dem dies ein starkes Thema ist und er somit den Eindruck hat, besonders die Perspektive der Gymnasiallehrkräfte herausstellen zu müssen. Doch dieser Fokus in der Berichterstattung zeigt noch vielmehr die gesellschaftliche Stellung, die den anderen Lehrer_innen beigemessen wird: nämlich gar keine. Sie sind die Gruppe der anderen, die den Gymnasiallehrkräften gegenübergestellt wird. „Zufälligerweise“ ist die Gruppe, über die berichtet wird, unter den Lehrkräften diejenigen mit den meisten Privilegien, insbesondere finanzieller Art. Lehrkräfte an anderen Schulformen, fungieren oft nicht nur als Fachlehrer, sondern viel stärker auch als Erziehende und Sozialarbeiter_innen, als die Kolleg_innen an den Gymnasien, an denen die Auswirkungen des Kapitalismus nur deutlich abgemildert ankommen. Dies hat auch mit dem stark segregierenden Schulsystem in Deutschland zu tun, dass die Schüler_innen an Gymnasien sozial oft homogener sind als an anderen Schulformen. So zeigt sich in der Berichterstattung ein Desinteresse an Lehrkräften aus anderen Schulformen als Gymnasien.

Klasse statt Masse

Klasse statt Masse lautet wohl die Devise. Bessergestellte Klassen/ Schichten bzw. Milieus sind wohl am interessantesten, sie lesen die Zeitung, zahlen mehr Steuern, gehen statistisch öfter wählen und schicken ihre Kinder aufs Gymnasium. Sie haben also ein Recht darauf, zu erfahren, dass die wertvollen Unterrichtsstunden ihrer Kinder ausfallen, damit andere Kinder an Grundschulen bespaßt werden. So empfinde ich den Tenor der Debatte. Es scheint sich in dieser Debatte ein gesellschaftlicher Zustand zu spiegeln: Nur ökonomisch besser Gestellte sind es wert über sie zu berichten, ihre Bedürfnisse scheinen an erster Stelle zu stehen. Bisher ist mir kein Artikel zu dieser Debatte bekannt, der über die Qualitätssteigerung – sollte es sie geben – an Grundschulen spricht, da nun weniger Unterricht dort ausfällt. Es wird also über einen Verlust an den Gymnasien geschrieben, die eher von Kindern aus der Mittelschicht und aufwärts besucht werden und eben nicht über den Qualitätsgewinn, den allen Kindern an Grundschulen zu Gute kommt, wenn dort der Unterricht funktioniert. Insbesondere, da in dieser Phase die Grundlagen der schulischen „Karriere“ der Kinder bereitet werden.

Der sich in dieser Präsentation und Debatte ausdrückende Konflikt zwischen unterschiedlichen sozioökonomischen Gruppen in unserer Gesellschaft zeigt nicht nur die unterschiedlichen Perspektiven auf die Probleme unserer Gesellschaft sondern vor allem, dass wir mehr und lauter über soziale Antagonismen und Probleme sprechen müssen. Auch dies ist ein Grund, warum es nun auf undogmatisch mehr zum Thema Sozialpolitik geben wird.

Kommentar verfassen