Linke Hegemonie? Am Arsch!

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Linke Hegemonie in Deutschland? Wo bleibt dann die Revolution? Über rhetorische Stöckchen und Alexander Dobrindts steile Thesen. Jan Schaller macht sich Luft.

Der Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur Alexander Dobrindt (CSU) fabulierte am 4. Januar in der Welt (leider hinter einer Paywall), von einer linken Hegemonie, die sich in Deutschland zeige. Ich gehe davon aus, dass er unter Hegemonie ein Synonym für Vorherrschaft und nicht den weitaus voraussetzungsvolleren Begriff von Antonio Gramsci versteht. Dobrindt ist also der Meinung, dass die Öffentlichkeit von linken Meinungen und Meinungsmacher*innen dominiert wird.

Zu einer solchen Einschätzung kann er ganz offensichtlich nur kommen, wenn er a) eine sehr aussagekräftige Definition von links hat oder b) so weit von der Realität entfernt ist, wie der selbsternannte Freistaat von der Nordsee. Und das trifft nicht nur auf Dobrindt zu, sondern auf alle, die von dieser angeblichen Dominanz schwadronieren.

Es mag richtig sein, dass auf großen Nachrichtenportalen wie Spiegel Online oder Zeit Online viele linksliberale (oft einfach nur liberale) Meinungen zu finden sind, bemühen diese sich doch ein breites Meinungsspektrum abzubilden. Das dürfte dem Hintergrund vieler Journalist*innen geschuldet sein, die qua ihres Berufs im Normalfall gebildet sind, in Großstädten wohnen und gut bis überdurchschnittlich verdienen. Diese Faktoren allein sind zwar noch keine Garantie für linksliberale Einstellungen (Hallo, Harald Martenstein!), begünstigen diese aber definitiv, wenn man sich einmal nur auf die Wahrscheinlichkeit . Und dass Personen mit einem solchen Hintergrund den Atomausstieg, die Homoehe oder Fairtrade für eine gute Idee halten, hat für mich wenig mit links und mehr mit gesundem Menschenverstand zu tun. Wer damit ein Problem hat, sollte vielleicht auch nicht in der großen Politik mitmischen – damit wäre uns allen geholfen.

Flüchtlingskrise all, überall

Gleichzeitig kann ich mich aber nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Artikel gelesen habe, der die Enteignung von Großindustriellen, die Abschaffung der Marktwirtschaft oder gar die Revolution forderte. Gleichzeitig sehe ich allenthalben die Fleischauers und Martensteins dieser Republik, sehe Nazis, die sich nun AfD nennen in Talkshows, sehe ganz generell sehr viele Talkshows, die sich mit einer in großen Teilen herbeigeredeten “Flüchtlingskrise” beschäftigen, als ob es keine anderen Themen gäbe. Hätten wir eine linke Hegemonie in der öffentlichen Sphäre, hätten wir wohl eher ein paar Talkshows über anhaltende fremdenfeindliche Gewalt oder wann die SPD eigentlich mal wieder eine linke Partei wird.

Kandel als Beweis

Hervorragend belegen lässt sich meine These am Fall Kandel. Dort erstach ein syrischer Asylbewerber seine minderjährige Exfreundin. Das ist ein furchtbares Verbrechen und hat höchste Relevanz für die Stadt Kandel. Wenn in so einer kleinen Stadt ein Mord geschieht, hat das immer Relevanz. Hat es Relevanz für Deutschland? Nein! Natürlich nicht. Wie kann man überhaupt auf eine gegenteilige Aussage kommen? Allein das Alter des Opfers spricht aus Opferschutzgründen gegen eine Berichterstattung. “Aber das öffentliche Interesse!”, keifen die Schreihälse von rechts. Welches öffentliche Interesse? Wie kann eine Beziehungstat ohne Beteiligung einer Person des öffentlichen öffentliches Interesse sein? Der einzige Grund wieso tagelang über kaum etwas anderes gesprochen wurde, ist die Diskursverschiebung nach rechts. Nur und wirklich nur, weil ein Syrer eine Deutsche getötet hat, war dieser Fall landesweit in den Medien. Der Fall bedient das rassistische Narrativ, des grapschenden, vergewaltigenden und tötenden Arabers, der spätestens seit der Silvesternacht von Köln (und daran, dass ich nicht erklären muss, was ich mit ‘Silvesternacht von Köln’ meine, merken Sie schon die Wirkmächtigkeit) immer präsent war. Was bei Deutschen ein Familiendrama ist, ist bei arabischen und türkischen Familien ein Ehrenmord.

Wie Alexander Dobrindt unter solchen Vorzeichen eine linke Vorherrschaft erkennen will, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Nennen wir es deshalb lieber das was diese Äußerung Dobrindts tatsächlich ist – ein rhetorisches Mittel, um sich selbst als unterdrückt darzustellen. Diese Art der Selbstviktimisierung ist eine nur zu gut bekannte Strategie von Rechten aller Art. Die engagierte Öffentlichkeit sollte nur endlich aufhören, über jedes Stöckchen dieser Art zu springen. Viel lieber sollten wir es ihnen endlich wegnehmen.

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