Offener Brief an die Berliner Verkehrsbetriebe

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Die Vorweihnachtszeit sollte eine Zeit der Besinnung und der Rücksichtsnahme sein. Unserem Gastautoren war das leider nicht vergönnt, als er mit dem Kinderwagen in einem Bus der BVG unterwegs war. Stattdessen offene Feindschaft und Aggression. Er nahm das als Anlass für einen offenen Brief an die BVG. Wir veröffentlichen ihn

Liebe BVG,
bislang habe ich Ihnen noch nie geschrieben. Sie kennen mich nicht, im Moment bin ich nur eine Nummer im System für Sie. Mein Name ist Mark und als erstes möchte ich Ihnen danken, für unzählige Fahrten von A nach B, manchmal als Stadtrundfahrt, Überbrückung und Aufwärmort.
In sieben Jahren können Sie und ich auf viele Erfahrungen in Bussen, U-Bahnen, Tram und Fähren zurückblicken. Gute und Schlechte. Einmal hat ein Busfahrer im 285er Richtung Waldfriedhof jede Haltestelle mit banalen, teils albernen, teils flotten Sprüchen kommentiert. Die Menschen im Bus haben gelacht. Ein anderes Mal hat eine Busfahrerin die Fahrt kurz pausiert um ein gestürztes Kind zu trösten. Natürlich kam Sie nicht darum herum, ihr dabei noch eindringlich die Notwendigkeit des Festhaltens zu erläutern, aber und das ist der Punkt, sie hat sie getröstet. Ein anderes Mal klärte ein Busfahrer im M41 die Fahrgäste darüber auf wie schlecht Drogen für die Gesundheit seien, er sehe tagsüber viel zu viele „fertige Menschen“.

Der ÖPNV dreht sich um Transport, den Öffentlichen Personen Nahverkehr. Eine Person ist ein Mensch mit Rechten und Pflichten, vereinfacht gesagt. Der Transport von Menschen, braucht gerade deshalb Menschlichkeit im Miteinander. Gute und schlechte Erfahrungen reihen sich in einander und bilden einen Reißverschluss an Erinnerungen, im besten Fall. Wobei Menschen sich gerne auf das Negative fokussieren. Eine negative Erinnerung frisst gerne fünf positive.
Am 06.12.2017 stieg ich gegen 12 Uhr am S-Bahnhof in Lichterfelde Ost in den X11er (Busnummer 3341). Der Bus hatte dreißig Minuten Verspätung, wofür es sicherlich einen guten Grund gab. Na klar, viele Leute wollten rein und drängelten sich an meinem Kinderwagen vorbei, drinnen angekommen wollte sich die Bustür partout nicht schließen da alle fünf Sekunden noch kurz jemand in die Mitteltür sprang, doch der Busfahrerin war das egal; sie hatte ihren Schuldigen. Sie sprang wutentbrannt auf und schrie mich an „Sind sie zu dumm zum Leben, Sie stehen in der scheiß Tür!“ Während sie das sagte schloss sich die Tür, ich stand nicht im Sperrbereich und hatte mich auch seit fünf Minuten nicht mehr bewegt. Angestachelt von der Busfahrerin trat ein Mann gegen meinen Wagen und sagte „Scheiß Kinder“, ein anderer schubste mich und die Mehrheit des Busses hatte mich nun als Zielscheibe markiert und eingeloggt. Kurz gesagt: Die Busfahrerin ernannte mich zum heiligen Kacktörtchen, danke. Ich sagte ihr, dass es nicht meine Schuld sei und wies sie daraufhin, das eine kleine Durchsage genügt hätte. Sie schrie erneut: „Ja ja, is klar ihr mit euren Bälgern denkt ihr könnt euch alles erlauben“. Ich war enttäuscht. Später als der Bus leerer war suchte ich erneut das Gespräch und erklärte, dass ich mir vorstellen kann wie unglaublich nervenaufreibend der Alltag als Busfahrer sein kann, doch sie müsse als Vorbild vorangehen und dass sie für uns Passagiere auch die Sorge trage. Es entfuhr ihr nur ein angesäuertes „Ja ja is klar und jetzt weg.“ Ich war enttäuscht, schon wieder.
Was war los? Ich dachte die BVG liebt mich (Anm.: Kampagne der BVG „Weil wir dich lieben“). Gerade als Mensch mit Kinderwagen oder Rollator, Rollstuhl oder anderen Einschränkungen ist man im ÖPNV meist das fünfte Rad am Wagen, wir steigen als letztes ein und aus.
Seit sieben Jahren habe ich ein Abo bei der BVG und war bislang meist Susi Sorglos. Einmal ist in der Nähe des Innsbrucker Platzes der Doppeldecker der Linie M85 in dem ich saß mit der rechten oberen Kanten in voller Fahrt mit einem Baum kollidiert. Viele Insassen guckten als erstes, ob es dem Busfahrer gut ging, niemand meckerte, ein interessanter Moment. Ein menschlicher Moment.

„Erst 
im Alltag 
zeigt sich wirklich
 die Reife
 deiner 

Menschlichkeit“ Hans-Christoph Neuert

Was sind wir ohne Menschlichkeit? Da nehme auch ich mich besonders in die Pflicht. Deshalb mein Wunsch: eine menschliche Reaktion. Fehler passieren ständig, doch andere Menschen aufpeitschen, die dann mir und meinem Kind gegenüber ruppig werden, ist nicht okay. Mein Ticket ist genauso gültig wie das aller anderen und mein Respekt gilt jedem Fahrer und jeder Fahrerin eines der BVG-Beförderungsmittel, ganz besonders dem Mann des Ruderbootes Paule III an der Müggelspree. Natürlich machen auch die Fahrer jeden Tag negative Erfahrungen mit Fahrgästen, das ist ebenso wenig in Ordnung wie auch teils traurig.

In diesem Sinne und hochachtungsvoll,
Mark Kawina

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