Politikauszeit

Die Geschichte eines Scheiterns

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Ich hatte die Schnauze voll. So klar muss ich es ausdrücken, denn das ganze Politikgesülze direkt vor der Bundestagswahl ging mir gehörig gegen den Strich. Deshalb habe ich mir direkt nach unserem letzten Beitrag zur Bundestagswahl eine Politikauszeit genommen. Zumindest habe ich es versucht. Der Erfahrungsbericht eines Politikjunkies auf Entzug.

Es war nicht leicht. Ganz und gar nicht. Politik und vor allem das Informieren über politische Entscheidungen, Vorgänge und Themen gehört zu meinem Leben, wie das Trinken von Wasser und Espressi. Doch der Bundestagswahlkampf zermürbte mich: Fast täglich verschob die AfD die gesellschaftlichen Grenzen nach rechts. Sie enthumanisierten in ihren Reden Menschen und spielten mit Öffentlichkeit und Medien ein altbekanntes Spiel, doch alle machten mit. Ein befreundeter Journalist meinte, es sei besser dagegen anzuschreiben, als sie zu ignorieren. Mag sein, doch ihre Ideen wurde so immer wieder reproduziert und verbreitet. Das Kalkül der Rassisten ging auf. Doch darum soll es hier ja gar nicht gehen, nur so viel noch: Das Ganze zerrte an meinen Nerven. Besonders dass die meisten anderen Parteien auf die rechte Agenda mit einschwenkten. Auf einer Demo in Erfurt sagte ein Redner, die anderen Parteien seien dabei, das Leitprogramm der AfD umzusetzen. Vieles deutete darauf hin, dass er Recht hat.

Das Experiment

Es war also an der Zeit etwas zu ändern, mich „zu entgiften“ wie es in esoterisch angehauchten Zirkeln auch heißt. Ich brauchte eine Auszeit aus diesem täglichen Politikwahn. Insbesondere kurz nach der Wahl. Also: was will ich anstelle der Politik? Das war eine gute Frage. Ich war mir nicht sicher, dachte aber: Ich wollte mich schon lange mehr mit Kunst und Kultur beschäftigen. Aber wie kriege ich das hin? Außerdem hatte ich doch noch zwei LeMonde Diplomatique zu Hause liegen, die ich noch lesen wollte. Und die nächste kam auch bald. Vielleicht doch ein wenig Politikzirkus? Oder geht es um den täglichen Wahnsinn? Was bedeutete das aber für mich?

Meine Routinen

Ich musste erst mal meine Routinen kennen lernen und sie verstehen, um etwas zu ändern. Welche Routinen habe ich entwickelt? Ich beobachtete mich selbst und was ich feststellte, erstaunte mich dann doch.

Morgens mache ich den Wecker aus und in der Regel schaue ich kurz auf mein Telefon: Verschlafen und nur ganz kurz, um wach zu werden, schaue ich zu Facebook und dann auf die Seite der Zeit. Nachdem aufstehen gehe ich ins Bad, dabei scrolle ich so durch die Zeit-Online-Seite. Im Zug arbeite ich meist schon ein wenig, so wie ich jetzt auch diesen Text im ICE schreibe. „Dank“ WLAN schaue ich dann nochmal etwas genauer bei Facebook, wo allerhand Politisches aus den Medien gepostet wird. Ich klicke auf ein, zwei Artikel. Ich wechsle wieder zur Zeit und lese etwas von ihren Beiträgen. In kleinen Pausen, sehe ich mal schnell nach was der Spiegel, The Guardian oder die Times of Israel so schreiben. Im Büro bin oft ich es, der die Diskussion in eine politische Richtung lenkt oder sie anstößt, gerade nach dem Wahlerfolg der AfD. Mir wurde klar, dass dieser tägliche Politikstrom auch durch meine Tage fließt.

Alles Neu?!

Es galt also, genau diesen Strom zu unterbrechen. Ich musste üben etwas anderes zu tun. Das war schwer. In der ersten Woche ging es in die Hose, mein Browser zeigte mir ständig Politiknachrichten an und immer wieder klickte ich bei Facebook auf Artikel und landete bei den Nachrichtenseiten. Hinzu kam, dass im Anschluss an den Bundestagswahlkampf der Landtagswahlkampf in Niedersachsen losging. Und ich wohne in diesem Bundesland, es geht mich also etwas an. Den Plakaten, Veranstaltungen und Berichten in der Zeitung konnte ich mich wieder nicht entziehen. Ich vergaß tatsächlich, dass ich mich diesem Strom eigentlich entziehen wollte und war wieder voll drin. Nach der Landtagswahl fiel es mir wieder ein: Ich wollte ja eine Politikauszeit nehmen und darüber schreiben – schöne Scheiße.

Ich fing wieder von vorne an. Ich versuchte es. Doch nach einer weiteren frustrierend erfolglosen Woche gab ich auf. Aus meinem Alltag kann ich Politik und politische Themen nicht verbannen, das musste ich nun einsehen. Doch aufgegeben habe ich noch nicht endgültig. Der nächste Urlaub ist in Planung und hier soll Politisches ebenso ausgeschaltet werden, wie moderne Kommunikation – ganz im Trend, des „Mal-Rauskommens“ und des „Abstandgewinnens“ plane ich Wandern zu gehen und so diese Auszeit zu erzwingen. Ob mir das gelingt? Darüber kann ich im Sommer 2018 berichten. Bis dahin wird es weiter gehen, mit dem Nachrichtenlesen und dem Informieren. Politik ist einfach ein Teil meines Alltags und Lebens geworden, der sich nicht so einfach ausschalten lässt.

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