Predictive Policing #5 – Die Routine Activities Theorie

0

Keinen Post mehr verpassen? Folge uns auf Facebook oder Twitter!

Was ist Predictive Policing und welche wissenschaftlichen Grundlagen stecken dahinter? Diesen Fragen widmete sich diese Reihe. Mit dem fünften Teil kommt sie zu einem Ende.

Der letzte Abschnitt dieser Reihe wendet sich einem dritten zentralen Theoriebestandteil des Predictive Policings zu: der Routine-Activity-Theorie. Diese basiert auf Annahmen aus klassischen Rational-Choice-Theorien.
Rational-Choice-Theorien sind Handlungstheorien und wollen das Handeln von einzelnen Menschen erklären. Sie sind dabei generell ökonomisch geprägt, indem sie Kosten-Nutzen-Abwägungen in den Vordergrund stellen und annehmen, dass jegliches Handeln durch Ziele, Wünschen und Bedürfnisse sowie durch den menschlichen Versuch, diese Ziele in höchstmöglichem Ausmaß zu realisieren, bedingt ist. Sie gehen daher von der Willensfreiheit sowie persönlicher Verantwortung und Rationalität des Individuums aus.
Bei diesen Abwägungen geht es nicht nur um rein ökonomische Kosten, sondern auch um psychische oder soziale. Bezogen auf Kriminalität würde das bedeuten, dass Kriminalität das Ergebnis freier und rationaler Entscheidungen ist. Die Grundannahme dabei ist Folgende: Es kommt auf die einzelne Situation an, in der das Individuum den möglichen Nutzen (Diebesbeute) gegen die eventuellen Kosten (Entdeckt- und Gefasst werden und der daraus folgenden Strafe) abwägt und sich dann für oder gegen eine Straftat entscheidet. Diese Annahme dient auch der Routine-Activity-Theorie als Basis.
Sie wurde in den 1970er Jahren entwickelt und beschreibt Kriminalität als Zusammenspiel von Täter, Ziel und Bewachung. Nach dieser Theorie muss es eine*n motivierte*n Einbrecher*in, ein lohnenswertes Ziel sowie keine Bewachung geben. Nur wenn alle drei Faktoren gegeben sind, kommt es zum Einbruchversuch. Die folgende Grafik veranschaulicht diesen Sachverhalt:


Quelle: krimtheo.criminologia.de

Die Routine-Activity-Theorie ignoriert also individuelle psychologische oder soziale Faktoren und schaut nur auf die konkret vor Ort beobachtbare Situation.
Der Entstehungskontext der Theorie sind dabei die USA der 60er Jahre und die Frage, wieso trotz sich bessernder Sozialfaktoren (sinkende Arbeitslosigkeit, Anstieg des BIP), die Kriminalitätsrate deutlich anstieg. Hierbei kam man zu der These, dass die sich verändernden alltäglichen Routinen (routine activities) der US-Amerikaner*innen zu diesem Anstieg führen. Als Beispiele führten die Forscher*innen die vermehrte Berufstätigkeit von Frauen (und die damit verbundene Abwesenheit von zuhause) an oder auch das deutlich häufigere Vorhandensein von Wertgegenständen (Autos, Elektrogeräte), die es wert sind gestohlen zu werden.
In der Praxis schlägt sich dieser Ansatz in verschiedenen Strategien nieder. Eine Möglichkeit ist es, den Aufwand für Täter*innen zu erhöhen. Beispiele wären hier das Anbringen von sichtbaren Wegfahrsperren in Autos oder Überwachungskameras, selbst wenn diese nicht aktiv sind. Zweitens kann das Risiko für potentielle Täter*innen entdeckt zu werden erhöht werden. Hier wären z.B. Zeitschaltuhren zu nennen, die bei Abwesenheit (Urlaub), den Anschein erwecken, dass das Haus bewohnt ist. In heutigen Zeiten würde sich die Smart-Home-Funktionalität anbieten, die das Licht weniger vorhersehbar an- und ausmachen kann. Drittens kann es nach dieser Theorie sinnvoll sein, den Anreiz zu verringern. Ein praktisches Beispiel hier wäre das Kennzeichnen von Fahrrädern, damit es schwerer wird, diese wieder zu verkaufen.

Wie plausibel ist diese Theorie?

Immer wieder wird hierbei die mangelnde Erklärungskraft für affektive Taten genannt bzw., dass keine Taten jenseits wirtschaftlicher Motive erklärt werden können. Um diesem Problem zu begegnen, wurde der Versuch unternommen die Kosten-Nutzen-Definition so auszuweiten, dass auch soziale oder emotionale „Kosten” berücksichtigt werden. Dieser Versuch wird jedoch zur Hintertür für Fragen nach Sozialisation und Werten, da man in diesem Fall im Einzelfall danach fragen müsste, welche Art von Kosten und Nutzen den oder die Täter*in zur Tat bewegen. Damit würde man jedoch den Rahmen der Rational-Choice-Theorie verlassen. So wurde Kritik laut, dass die Rational-Choice-Theorie die Bedingungen des Handelns zwar als integralen Bestandteil des Modells nutzen, aber aus dem theoretischen Erklärungszusammenhang ausgeschlossen sind.
Es geht also nicht darum, die Nützlichkeit von Rational-Choice-Theorien generell zu bestreiten. Die universelle Geltung ist allerdings Quatsch, da sie tautologisch ist. Das Modell gilt universell nur, solange es Handelnde annimmt, die völlig anonymisiert sind und deren Wissen nur auf Optimierung ausgerichtet ist. Die generelle Geltung des Modells ist so die Folge seiner Annahmen und wird darüber hinaus durch seine Inhaltsleere erkauft.
Kurz: Die Theorie der rationalen Wahlhandlung liefert in ihrer erweiterten Fassung keine Erklärung von Kriminalität, sondern beschreibt lediglich einen Mechanismus, dessen Elemente jedoch nicht fest bestimmbar sind. Sie ist damit in ihrer Konzeption zu schlicht, da sie zu viele Dinge unberücksichtigt lässt und sich darüber hinaus in Tautologien verstrickt.

Durch diese schwere Kritik an der „Mutter“ Rational-Choice-Theorie, ist das „Kind“ Routine-Activity-Theorie natürlich schon schwer vorbelastet. Bezieht man sich nun explizit auf den Routine-Activites-Approach werden zusätzlich zu den oben genannten Problemen, die man sich quasi „einkauft“ durch den Bezug auf die Rational-Choice-Theorie, spezifischere Punkte offenbar. Denn trotz des — in der Praxis — scheinbaren Erfolgs dieser Theorie, konnte dabei bisher nie der Vorwurf der Deliktsverlagerung entkräftet werden. Es ist anzunehmen, dass Kriminalität lediglich auf u.a. zeitlicher, räumlicher und methodischer Dimension verlagert wird. Diese Verlagerung trifft oft vor allem sozial Schwächere, da kriminelle Aktivität in weniger gesicherte Stadtteile abdriftet. Ein konkretes Beispiel hierfür wäre die Studie von Gill und Spriggs, die diesen Verlagerungseffekt für Videoüberwachung in Großbritannien feststellen konnten.

Fazit — Was bleibt?

So unterschiedlich diese Theorien sein mögen, so haben sie doch übergreifende Merkmale. Sie bieten beispielsweise Erklärungen für Kriminalität, die relativ nah an dem sind, was Émile Durkheim als „Spontansoziologie“ bezeichnet hat, also das spontane Aufstellen soziologischer Theorien, das nicht mit vorwissenschaftlichen Begriffen bricht und deshalb wissenschaftlich unzureichend ist. Es fällt auf, dass alle Theorien relativ einfache Erklärungszusammenhänge bevorzugen. Das muss sie natürlich nicht weniger wahr machen, als kompliziertere Theorien. Dennoch zeigt die Fülle an Kritik, dass Predictive Policing fragwürdig im Wortsinne ist. Ob es empirisch funktioniert, ist längst noch nicht erwiesen. Die theoretischen Prämissen und vor allem die Kritik an diesen, lässt aber durchaus danach fragen, ob hier nicht ein genereller Konstruktionsfehler vorliegt.

Generell ist zu sagen, dass Predictive Policing ein interessantes Werkzeug sein kann. Allerdings muss es unbedingt kritisch begleitet werden. Zum einen sind die theoretischen Ambivalenzen offensichtlich. Einzelne Grundlagen des Predictive Policings bieten an sich schon so viel Angriffsfläche, dass es zumindest fragwürdig erscheint, ob das Gesamtkonstrukt tragfähig ist.
Am schwerwiegendsten erscheinen dabei zwei Punkte. Zum einen fällt auf, dass Predictive Policing nur sehr eingeschränkt nutzbar ist. Nahezu alle Ansätze drehen sich um Wohnungseinbruch und verwandte Delikte. Für Affekttaten bzw. schwere Straftaten, aber auch Wirtschaftskriminalität scheint es sich nicht zu eignen. Dieser Punkt ist jedoch nur eine deutliche Einschränkung und keine Kritik im eigentlichen Sinne. Im Prinzip wäre es ja auch toll, wenn Wohnungseinbrüche durch vorhersagende Polizeiarbeit konsequent verhindert werden könnten. Allerdings ist eine durchaus ernstzunehmende Befürchtung, dass Predictive Policing Kriminalität nicht wirklich reduziert, sondern nur verlagert. Möglicherweise ist sogar zu Beginn eine Reduzierung festzustellen, die dann aber nur so lange anhält, bis die Kriminalitätsstrategien entsprechend der neuen Gegebenheiten angepasst wurden. So droht Predictive Policing zu einer Art Katz-und-Maus-Spiel auf neuem Level zu werden. Die Faktoren und Strukturen, die hinter Kriminalität stehen, werden dabei jedoch außer Acht gelassen. Stattdessen wendet man sich einzig und allein den Symptomen zu. Damit ist Predictive Policing eine politisch konservative Strategie, die nur auf Repression der Symptome setzt und die Ursachen außer Acht lässt. Ob das ein wünschenswerter und gangbarer Weg ist, muss bezweifelt werden.

Kommentar verfassen