Immer die Anderen? Rassismus unter Linken.

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Ob in Parteien oder im Bekanntenkreis – auch von Linken sind regelmäßig Aussagen zu hören, die man eher im rechten Spektrum verorten würde. Ein Erklärungsversuch im Spannungsfeld von Rassismus und Klassendenken. Von Kai Brokopf

Kürzlich entdeckte ich in einem Berliner U-Bahnhof einen Sticker mit der Aufschrift: „Kehrt nach Hause zurück, eure Heimat braucht euch“. Klein auf Deutsch, darunter groß auf Arabisch. Als ich mich daran machte, ihn abzureißen, meinte ein mich begleitender Kollege, ich solle ihn doch ruhig dranlassen. „Oder sind das Nazis?“ Besagter Kollege ist selbst aus einem arabischsprachigen Land vor Krieg, Verfolgung und Perspektivlosigkeit geflüchtet; er ist jetzt hier, obwohl ihn „seine Heimat braucht“. Wir anderen, schon länger in Deutschland Lebenden, bejahten umgehend. Ja, das sei ein Nazi-Sticker. Ich riss ihn ab, wir fuhren nach Hause.

Unsere Einschätzung war richtig; eine kurze Internetrecherche belegte: Hinter dem Aufkleber steht die rechtsextreme Organisation „Ein Prozent“, die der „Identitären Bewegung“ nahesteht. So weit, so schlecht. Ins Grübeln kam ich allerdings aus einem anderen Grund.

Einige Wochen zuvor hatte ich nämlich ein ganz ähnliches Argument gehört, allerdings aus einem Mund, dessen Besitzerin sich niemals als auch nur annähernd als Rechts bezeichnen würde. Sie verstehe ja Homosexuelle, sagte sie, die etwa aus Marokko nach Europa zögen. Aber hätte die Durchsetzung gleicher Rechte hierzulande nicht auch erst erkämpft werden müssen, noch dazu vor historisch verschwindend geringer Zeit? Könne Abhauen denn eine Lösung sein?

Meine Gesprächspartnerin, selbst einmal nach Deutschland migriert, wünschte ferner allen neu Angekommenen von Herzen Glück und Erfolg. Aber man könne doch wohl erwarten, dass sich ausweise, wer ins Land gelassen werden wolle. Den Pass zu verbrennen, das ginge gar nicht!

Wo Grenzen verschwimmen

Sicher, sie schien von einer anderen Seite her zu denken, als diejenigen, die sich hinter dem Slogan „eure Heimat braucht euch“ nicht um Menschenrechte in Nordafrika, sondern um einen imaginierten deutschen „Volkskörper“ sorgen. Und ihr mag nicht klar gewesen sein, dass ein Pass nach geltendem Recht auch der Selektion dient und mit darüber entscheidet, inwieweit Menschen in ihrem Grundrecht auf Bewegungsfreiheit beschnitten werden. Stichwort „Sichere Herkunftsländer“. Er kann somit als Waffe verwendet werden, die manche Menschen verständlicherweise nicht gegen sich gerichtet sehen wollen und die sie daher unschädlich zu machen versuchen.

Die Frage ist nun, warum sich bei einem Menschen, der ansonsten klassisch linke, liberale und humanistische Ideen vertritt, ausgerechnet bei solchen Themen Ansichten mit denen von Rechten decken, denen Rassismus zugrunde liegt? Ich kann nur vermuten. Doch mir will das Gefühl nicht aus dem Kopf, dass unter Linken die Idee eines „Hauptwiderspruchs“ nach wie vor weiterwirkt; also die Vorstellung, dass es einen wichtigen Hebel für gesellschaftliche Veränderung gebe. Und dieser gedachte Hebel ist klassischerweise ökonomischer Natur. Ob Trumps Wahl, der Brexit, die AfD (die Klassiker halt) – sich zur Linken Rechnende werden nicht müde zu betonen, man habe sich zu lange nicht um „die kleinen Leute“ gekümmert und statt mit deren wirtschaftlicher Lage sich mit den eigenen, vermeintlich entkoppelten Nischen-Diskursen beschäftigt, die sie dann „Identitätspolitik“ nennen.

But it ain’t just the economy, stupid

Doch diese Erklärung greift zu kurz, denn eine rein ökonomistische Betrachtungsweise zeichnet die wirtschaftlich Ausgegrenzten als homogene Masse. Als fänden sich in dieser Gruppe nicht auch LGBTI*, Frauen oder Menschen mit Migrationsgeschichte. Im Gegenteil: nicht selten kommt es zu Mehrfachdiskriminierungen. Die Vorstellung eines „Hauptwiderspruchs“, der bei seiner Auflösung die „Nebenwidersprüche“ wie etwa Sexismus und Rassismus automatisch mitlöse, wertet die konkreten Unrechtserfahrungen unzähliger Individuen ab und reproduziert somit die Abwertung von als anders wahrgenommenen Lebensentwürfen bzw. –umständen.

Dass es nicht nur die wirtschaftliche Lage, also die Kategorie Klasse sein kann, von der ein gutes Leben in einer freien Gesellschaft abhängt, verdeutlicht ein einfaches Gedankenspiel. Jedes noch so gerechte, sprich in den ökonomischen Beziehungen herrschaftsfreie und rationale Wirtschaften ließe sich beliebig mit Diskriminierung von beispielsweise Frauen kombinieren. Genauso könnten die Menschen den Planeten ökologisch zugrunde richten, ohne nach sexueller Identität zu diskriminieren. Jede Kombination von „Widersprüchen“ ist denkbar, auch dann, wenn einer von ihnen ausgeschaltet ist – und sei es der vermeintliche „Hauptwiderspruch“.

Die andern sind’s!

Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sein können,[i] ist es quasi unmöglich, eine solche Erfahrung nachzufühlen. Ökonomische Abstiegsängste hingegen können tendenziell alle in kapitalistische Strukturen Eingebundene fühlen. (Gerade diese Abstiegsängste, so ist oft zu lesen, seien es, die Leute erstmals ihr Kreuz bei einer rechten Partei machen ließen.) Vielleicht ist es diese ungleiche Nachfühlbarkeit, die auch Linke daran hindert, ihre rassistische Sozialisation aktiv zu hinterfragen. Denn dass Rassismus tief in europäischer Kultur verankert ist, liegt auf der Hand. Wer sich außerdem nicht mit Rassismus als System beschäftigt, kann auch über die eigenen Rassismen hinwegsehen. Sich ihnen zu stellen, ist hingegen unbequem. Und obwohl wir alle auch Subjekte eines uns durchdringenden Kapitalismus sind, fällt es leicht, die Verantwortlichen anderswo zu sehen und sich selbst als vernachlässigbares Rädchen zu verstehen, während die Verantwortung einseitig auf Banken, Konzerne und Politik projiziert wird. Was bleibt, ist die Vorstellung, Rassismus sei ein Randphänomen und die wahren Kapitalist*innen seien eigentlich die anderen. Man selbst ist also fein raus.

Ja, es ist kompliziert

Klassismus, Rassismus und Sexismus sind auf vielfältige Weisen miteinander verschränkt; zu glauben, dass sich mit der Lösung eines Problems auch die anderen erledigten, verengt den Blick auf das Ökonomische und unterschätzt rassistische und sexistische Exklusionsmechanismen. Eine Gesellschaft aber, in der geduldet wird – denn nichts anderes bedeutet eine Hierarchisierung von „Widersprüchen“ letztlich –, dass eine Gruppe als anders diskriminiert wird, kann schwerlich eine freie sein. Es ergibt Sinn, soziale Kämpfe zusammenzudenken. Aber bitte gleichwertig – ansonsten macht man es sich zu einfach.


[i] Rassismus sollte nicht lediglich als Diskriminierung aufgrund ethnischer Merkmale gedacht werden. Rassismus ist vielmehr eine von Weißen etablierte Herrschaftsideologie, die die Funktion hatte (und hat), nichtweiße Menschen als vermeintlich minderwertig beherrschen und unterdrücken zu können. Weiß und nichtweiß sind dabei konstruierte Kategorien, die darüber hinaus der jeweiligen Situation angepasst werden können. So kann ein sich gegen weiße Menschen richtender Antisemitismus sehr wohl auch rassistische Züge haben, wie es etwa im Nationalsozialismus der Fall ist. Fasst man den Begriff Rassismus so weit, dass er auch ethnische Diskriminierung von Weißen einschließt, geht ihm wichtige Trennschärfe verloren. So wären die Besonderheiten globaler und historischer Macht- und Unterdrückungsverhältnisse nicht mehr fassbar, der Begriff würde beliebig. Eine sich rassistisch verhaltene weiße Person oder Entität baut bewusst oder unbewusst auf die Macht jahrhundertealter und global wirksamer Muster; ethnische Diskriminierung gegenüber Weißen hingegen kann sich auf diesen Apparat nicht stützen. (Kursivschreibung soll den Konstruktcharakter unterstreichen)

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