Mein Körper gehört ihm

Wie das Recht auf Abtreibung weltweit unter Beschuss steht

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Eine Abtreibung ist physisch wie psychisch ein extrem belastendes Erlebnis für Frauen, die sich hierzu entscheiden (müssen). Niemand greift aus Spaß zu diesem Mittel. Dennoch ist es für viele Frauen ein letzter Ausweg, um einer ungewollten Schwangerschaft zu entgehen. Ein umfangreiches Beratungsangebot und möglichst umfangreiche Hilfe wären wünschenswert. Bedingungslose Straffreiheit sowieso. Stattdessen sind vielerorts religiöse Gruppen bestrebt, dieses Recht einzuschränken, Opfer zu Täterinnen zu machen oder die Abtreibungen faktisch massiv zu erschweren. Ein Einblick von Jan Schaller

Frauen das Entscheidungsrecht über ihren eigenen Körper abzusprechen, ist wieder en Vogue. Fundamentalistische Christ*innen laufen seit einiger Zeit unter dem Label ‚Marsch für das Leben‘ durch deutsche Städte und schießen sich auf das Recht auf Abtreibung ein. Auch global betrachtet steht das hart erkämpfte Recht unter Beschuss.

Als Donald Trump am 23. Januar dieses Jahres den Stift aggressiv über das Papier wuchtete und damit die Executive Order … applaudierten vor allem fundamentale Christ*innen, die in den USA mittlerweile eine wichtige Wählergruppe geworden sind. Der US-Präsident hatte soeben verfügt, dass Planned Parenthood, eine NGO, die unter anderem Abtreibungen durchführt, keine Bundeszuschüsse mehr erhält. Nach eigenen Angaben gehen der NGO dadurch 100 Mio. US-Dollar verloren, ungefähr ein Zehntel des Gesamtbudgets.

Soziale Spaltung als Folge

Was aber passiert, wenn man Abtreibungen erschwert? Finden tatsächlich weniger statt? Der Blick auf die Zahlen sagt nein. Abtreibungen finden nach wie vor statt. Das ist ja auch logisch, schließlich haben die Leute nicht plötzlich weniger Sex, Verhütungsmittel werden nicht plötzlich 100% sicher und leider finden auch nicht weniger Vergewaltigungen statt.

Was passiert stattdessen? Zum einen nimmt die soziale Spaltung zu. Verbote resultieren in Schwarzmärkten, wo eine Nachfrage ist, entstehen Märkte. Wenn das angebotene Produkt verboten ist, wird es teurer, da das Risiko für die Anbieter größer wird. So viel zum volkswirtschaftlichen Einmaleins. Es werden also nur noch die Frauen eine relativ sichere Abtreibung bekommen, die es sich auf dem Schwarzmarkt leisten können.

Mehr Frauen sterben

Und was machen die Frauen, die nicht die entsprechenden Mittel zur Verfügung haben? Die lassen trotzdem abtreiben — dann eben bei Anbietern, die weder dafür ausgebildet sind, noch über die richtigen Instrumente verfügen. Wenn sie es nicht gar durch Medikamente oder Alkohol selbst versuchen oder sich gar absichtlich schwerste Verletzungen zufügen, um die Schwangerschaft zu beenden. In der Konsequenz finden nicht weniger Abtreibungen statt, sondern es sterben schlichtweg mehr Frauen, da sie auf unsichere oder ungeeignete Methoden zurückgreifen müssen. Eine Studie aus dem Jahr 2006 fand heraus, dass weltweit jedes Jahr ungefähr 19 Millionen Schwangerschaftsabbrüche unter schlechten Bedingungen stattfinden, bei denen 68.000 Frauen sterben. Eine ungeheuerliche Zahl.

Globale Studie: 68.000 Frauen sterben jährlich bei Abtreibungen – SPIEGEL ONLINE

Perfide Strategien

Die Wege, um Abtreibungen zu erschweren, sind dabei vielfältig. Ein Blick in die USA zeigt das. Dort ist die Rechtslage nach einem Urteil des Supreme Court aus dem Jahr 1973 im Grunde liberaler, als in vielen europäischen Staaten, da man dort im Prinzip bis zur 24. Schwangerschaftswoche eine Abtreibung straffrei durchführen darf – in vielen europäischen Staaten geht das nur im ersten Drittel der vierzigwöchigen Schwangerschaft. Allerdings verfügen z.B. 87% der Countys über keine Abtreibungsklinik und viele der öffentlichen Krankenversicherungen auf die Frauen mit geringem Einkommen angewiesen sind, decken Abtreibungen nicht ab. Es läuft also wieder darauf hinaus, wer es sich leisten kann und wer nicht.

Es gibt aber noch viele weitere Mittel und Wege, mit denen einzelne Bundesstaaten versuchen, Frauen an einer Abtreibung zu hindern. So muss beispielsweise in einigen Bundesstaaten der oder die behandelnde Ärzt*in die Frau vor einer Abtreibung fragen, ob sie ihr ungeborenes Kind sehen wolle. Dass es sich an diesem Punkt um einen Fötus handelt, der allein noch nicht lebensfähig ist, ist unerheblich. Das Framing, also die Art wie über ein politisches Thema gesprochen wird, ist unmissverständlich. Die Bezeichnung als „ungeborenes Kind“ soll bei der Schwangeren Schuldgefühle erzeugen. Darüberhinaus sind Ärzt*innen in einigen Bundesstaaten dazu verpflichtet, die Schwangeren darüber „aufzuklären“, dass eine Abtreibung das Risiko für Selbstmord oder Brustkrebs erhöht. Das ist schlicht eine Lüge und wissenschaftlich widerlegt.

Im Februar diesen Jahres hat darüber hinaus der Bundesstaat Arkansas den „Unborn Child Protection From Dismemberment Abortion Act“ verabschiedet. Durch dieses Gesetz können nun Ehemänner, die ihre Frau vergewaltigt haben, diese verklagen, sollte sie eine Abtreibung anstreben. Eine perverse Umkehrung von Opfern und Tätern.

Und Deutschland?

Allerdings muss man nicht zwingend über den Atlantik schauen, um frauenverachtendes Verhalten dieser Art zu finden. Vor gut vier Jahren machte ein katholisches Krankenhaus in Köln Negativschlagzeilen, welches Vergewaltigungsopfer abwies und so eine Untersuchung zur Beweissicherung verhinderte. Die zynische Erklärung: damit sei ein Gespräch über die „Pille danach“ verbunden, also ein Verhütungsmittel, welches die katholische Kirche ablehnt.

Darüber hinaus zeigt sich in vielen Teilen Deutschlands ein ähnliches Problem wie in den USA. Landkreise wie das Emsland, größer als das Saarland, sind stark katholisch geprägt. Die Krankenhäuser führen dort mehrheitlich keine Abtreibungen durch, die Reisestrapazen steigen beträchtlich.

Nicht vergessen sollte man, dass Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland nach §218 StGB prinzipiell verboten sind und mit Freiheitsstrafen bedroht sind. Es gibt natürlich viele Ausnahmen und Fristenlösungen inklusive Beratungspflichten, sodass eine Abtreibung in den meisten Fällen straffrei möglich ist. Dennoch ist die Ausrichtung der geltenden Rechtslage bemerkenswert. Sie verbietet zunächst und stellt Strafen in Aussicht – um dann Ausnahmen zu definieren. Es wäre wünschenswert, wenn es umgekehrt laufen würde: Prinzipielle Straffreiheit, flankiert von umfangreichen Beratungsangeboten, die aber eben Angebote sind, keine Verpflichtungen.

Anonyme Geburt als Alternative?

Die Vernünftigeren unter Abtreibungsgegner argumentieren, dass man nur genügend Beratungsangebote und anonyme Geburtsstellen schaffen müsse. Dort könnten Frauen dann anonym das Kind gebären und es im Anschluss zur Adoption freigeben. Diesem Vorschlag ist sicher einiges abzugewinnen. Es wäre in der Tat wünschenswert, wenn diese Form der Geburt flächendeckend möglich wäre. Allerdings sollte man daraus nicht den Schluss ziehen, dass deswegen Abtreibungen verboten werden sollten. Wieso nicht einfach beides? Zum einen verletzt ein Abtreibungsverbot das Recht der Frau auf Selbstbestimmung und körperliche Integrität. Frauen sollten einfach selbst bestimmen können, was sie mit ihrem Körper tun wollen. Natürlich sollte es gute Beratungsangebote geben. Aber sie sollten eben keine Pflicht sein. Zum anderen ist für manche Frau auch eine anonyme Geburt keine Option, sei es da es durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde oder weil sie bei einer Schwangerschaft durch ihr soziales Umfeld gefährdet wäre.

Die Antwort lautet also nein. Wer es mit dem Selbstbestimmungsrecht von Frauen ernst meint, muss Ja zur Möglichkeit einer Abtreibung sagen. Und diese Möglichkeit muss für alle existieren, egal ob arm oder reich. Natürlich braucht es auch Beratungsstellen und Möglichkeiten zur anonymen Geburt und Adoptionsfreigabe. Aber eben als Ergänzung, nicht als Ersatz.

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