Gedanken einer Erstwählerin

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Es scheint, als würde es um nichts anderes mehr gehen: Welche ist die richtige Partei? Wen soll man am besten wählen? Wer macht was falsch? Wer sind die Guten und wer sind die Bösen? Dieses Jahr ist Bundestagswahl und wer zum ersten Mal wählen geht, ist wohl erst einmal überfordert. Zumindest geht es mir so. Von Anita Hutter

Die Trümmer vor denen wir stehen

Ich gehöre zu der Generation, die zum ersten Mal ihr Kreuz machen darf und Verwirrung ist wohl ein gutes Wort, um die momentane Lage von uns zu beschreiben.

In den letzten Jahren ist sehr viel passiert; vor vier Jahren begann der NSU-Prozess und die NSA-Affäre wurde aufgedeckt, ein Jahr später hörte ich das erste Mal vom sogenannten „Islamischen Staat“, da war ich gerade einmal fünfzehn Jahre alt. Im Jahr darauf begann die „Flüchtlingskrise“, die bis heute anhält und da waren die Anschläge in Paris. Letztes Jahr fuhren zwei Lastwagen in Menschenmengen; einmal in Nizza und einmal in Berlin. Großbritannien stimmte für den Austritt aus der EU und Donald Trump wurde der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Erwartungen

In den letzten Jahren wurde uns, der jetzigen jungen Generation, gesagt, dass wir einmal dafür verantwortlich sein werden, dass dieses Land nicht in den ganzen Fehlern, die alle vor uns gemacht haben, versinkt. Wir werden diejenigen sein, die sich überlegen müssen, was mit den Atomkraftwerken geschieht, die kaputtgehen und uns um die Umwelt kümmern. Mir wurde auch schon oft gesagt, dass wir die Geburtenrate in die Höhe treiben sollten, wenn wir denn alt genug dafür seien. Sprich, uns wird ans Herz gelegt, Kinder zu bekommen.

Das Problem AfD

Ich fange sozusagen mit der Bundestagswahl 2017 in ein paar Tagen an, etwas für mein Land zu tun – doch kann ich das überhaupt? Die Wut des Volkes, die unsere Politiker momentan zu spüren bekommen, äußert sich wahrscheinlich in einem Wahlergebnis der AfD im knappen zweistelligen Prozentbereich. Vor einem Jahr haben alle noch gesagt, dass diese Protestpartei nicht groß werden würde, dass sie verschwindet wie die Piraten, und man solle sie einfach nicht so ernst nehmen. Und jetzt „werden erstmals seit Jahrzehnten wieder Nazis im Deutschen Bundestag sitzen.“ (Katja Kipping, Die Linke).

Das Problem mit der AfD, wenn man die ganze Flüchtlingspolitik einmal außen vor lässt, ist ihre erzwungene Opferrolle; sie tun alles, um in das Licht der Geschädigten gerückt zu werden, während sie so ziemlich jeden, der nicht in ihr Weltbild passt, aus ihrem Kreis stößt. Ihre Wählerschaft beleidigt jeden, der sich in sozialen Netzwerken gegen dieses rechte Gedankengut äußert, als „linkes Gesindel“ oder „Gutbürger“. Wenn solche Kommentare unter Beiträgen wie der Tagesschau gelöscht werden, ist dies wieder eine passende Gelegenheit, dieser „meinungsmachenden Lügenpresse“ der Zensur zu beschuldigen.

Wenn man sich den momentanen Wahlkampf in unserem Land anschaut, dann fühlt man sich in das Mittelalter zurückversetzt: Politiker werden mit Tomaten beworfen, es wird nur gebrüllt und gehetzt, statt tatsächlich geredet und mal wieder sind alle anderen an allem Schuld.

Angela Merkel und ihre CDU

Angela Merkel (CDU), unsere jetzige Bundeskanzlerin, die ihr Amt und ihre Standpunkte trotz allem Widerspruch behauptet hat; das hat an dieser Stelle unglaublich viel Respekt verdient. Wer so gelassen bleiben kann, obwohl man weiß, dass die Menge, mit der man redet, zur Hälfte nicht einmal versteht, was genau in der Politik vor sich geht, und sich dann noch auf niedrigstem Niveau beleidigen lässt, der hat das Prinzip mit der linken Wange beinahe wörtlich genommen.

Dennoch spricht mich die CDU nicht an; einerseits, weil sie eine christliche Partei ist und ich der Meinung bin, dass Politik und Glaube strikt getrennt werden sollte, andererseits aufgrund des Wahlprogramms, was absolut nichts an der jetzigen Situation verändern würde.

Die Sozialdemokraten sind sozusagen die CDU nur mit anderen Buchstaben, von der FDP hört man fast gar nichts mehr, die Grünen sind trotz eines vernünftigen Wahlprogramms verhasst. Die Deutschen verabscheuen nur die Linken noch mehr – aus einem einfachen Grund: diese Partei würde so ziemlich alles reformieren und davor hat die Bevölkerung Angst, weil hier hat man immer schon alles so gemacht und das war bisher auch immer gut so. Dass das sehr widersprüchlich ist, da sie mit genau denselben Argumenten zur AfD laufen, merken sie nicht. „Die Partei“ hält den Menschen momentan mit ihrer Satire den Spiegel vor das Gesicht und wenn jemand absolut keine Ahnung hat, was oder wen er wählen soll, dann ist diese Partei die bessere Option, um zu protestieren als die AfD.

Die Frage der Fragen

Was soll man also wählen? Man kann es sich einfach machen und sich einreden, dass wenn man keine Zuwanderung von Asylbewerbern zulässt und alle bisherigen abschiebt, würde alles wieder toll werden und die Probleme lösen sich in Luft auf. Wenn man ein ganz klein wenig darüber nachdenkt, wird man merken, dass es nicht so leicht wird.

In einem sind sich fast alle einig: etwas muss sich grundlegend ändern. Doch dafür müsste man sich aufraffen und Veränderungen akzeptieren.

Meiner Generation wird ständig gesagt, wir können etwas bewegen. Doch das geht nicht, wenn wir wieder rechtes Gedankengut akzeptieren und unsere Menschlichkeit verlieren wie die Menschen vor etwa achtzig Jahren.

Eine Lösung(?!)

Eine Kleinpartei namens DiB (Demokratie in Bewegung) hat ein Wahlprogramm, das tatsächlich die Anforderungen erfüllt, um eine Zukunft zu gestalten, in der wir leben wollen – gemeinsam.

Welche die richtige Partei ist, das kann keiner sagen, denn die Welt ist nicht schwarz-weiß. Wen man wählen sollte, das muss man selber herausfinden, man sollte dabei aber nicht vergessen, dass es aus dem Wald herausschallt, wie man hineinruft.

Ich appelliere daher an den gesunden Menschenverstand der Leserschaft: bringt euren Kindern bei, respektvoll miteinander umzugehen, ruhig über Probleme zu sprechen und niemanden zu beleidigen. Denkt daran, wenn ihr das nächste Mal auf eine Demonstration, eine Wahlkampfveranstaltung oder in die Kommentarspalten von Facebook geht und nehmt euch eure eigene Erziehung zu Herzen.

Wenn wir aufhören, uns gegenseitig zu beschimpfen und auszugrenzen, dann ist dieses Land schon wieder ein Stück friedlicher.

Was denkt ihr zur Bundestagswahl? Wollt ihr unsere_m_r Gastautor_in zustimmen, oder widersprechen? Dann kommentiert und kommt ins Gespräch.<br />
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6 KOMMENTARE

  1. Guten Tag. Sehr interessant, gefällt mir gut.
    Auch wenn ich der indirekten Wahlempfehlung nicht folgen kann. 🙂
    In Mannheim ist übrigens diesen Samstag ab 13 Uhr Hbf eine Demo mit Kundgebung, etc. gegen Rassismus und AfD. Gern eingeladen!
    MfG
    Burkhard Tomm-Bub

  2. Ich finde es immer ganz reizend, wenn alles auf die nächste Generation abgeladen wird: Atommüll, Klimawandel, Weltfriede, was machen wir da? Wir erziehen einfach eine neue Generation, die es dann richten muß, was wir selber nicht gebacken gekriegt haben.

    Ist ja bloß ein klitzekleiner unauffälliger Widerspruch, anderen, jüngeren Menschen beizubringen, was wir selber nicht drauf haben, und eine Verantwortung aufzuhalsen, der wir selbst nicht gerecht geworden sind.

    Um so mehr gefällt mir Deine Einstellung, denn auch wenn ich es absolut unmöglich finde, mit jungen Leuten so umzugehen, ändert das leider überhaupt nichts daran, daß Ihr diese ganzen Probleme leider tatsächlich erben werdet. Mehr als peinlich für Ältere!

    • Es sind auch (bis auf den Klimawandel) die selben Probleme, die schon seit 60 Jahren in jeder Bundestagswahl an die nachfolgende Generation weitergegeben werden. Ich habe aber das Gefühl, dass Themen wie der Atomausstieg oder Weltfrieden von der jetzigen und nächsten Generation ernster genommen werden. Vielleicht weil diese Themen immer kritischer werden.

  3. Respekt! Dein Interesse an Politik ist in deinem Alter schon sehr hoch. Ich muss gestehen, dass ich mich mit 18 noch nicht so stark mit Wahlthemen auseinandergesetzt habe….

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