Die Hoffnung war orange

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+++English version below+++

Wie halte ich es mit der Wahl? Was ist mir wichtig? Ein Blick auf das politische Angebot offenbart, dass ich eigentlich mit allen unzufrieden bin. Oder rettet mich am Ende ein Geheimtipp aus dem Dilemma? Lautes Nachdenken von Jan Schaller

Was ist mir wichtig? Eine offene Gesellschaft. Eine liberale Flüchtlingspolitik. Umweltschutz. Energiewende. Soziale Gerechtigkeit. Technologischer Fortschritt. Das dürften wohl die großen Themen sein, die mich bewegen. Welche Partei wählt man da? Würde ich mich weniger mit Politik beschäftigen, als ich es tue, wäre es wohl einfacher. Linke oder Grüne, entschieden nach Bauchgefühl oder dem schickeren Wahlplakat. Jetzt bin ich aber (in diesem Fall: leider) angehender Politikwissenschaftler, das intensive Nachdenken über Politik gehört also zu meiner Jobbeschreibung. Und hier fangen die Probleme an.

CDU & FDP – Einfach nein.

CDU oder FDP zu wählen, scheidet aus oben genannten politischen Vorlieben aus. Wenngleich ich dem gesellschaftspolitischen Ansinnen der FDP durchaus einiges abgewinnen kann – Stichwort Bürger*innenrechte. Dummerweise ist die FDP schon lange keine Bürgerrechtspartei mehr, Sabine Leutheuser-Schnarrenberger war hier die letzte einflussreiche Persönlichkeit. Mit Christian Lindner als Alleinunterhalter ist die FDP eine eindimensionale, ziemlich langweilige neoliberale Wirtschaftspartei – die nicht einmal mehr an ihre eigenen Prinzipien glaubt. Sonst würde sie nicht für die ökonomisch unsinnige Offenhaltung Tegels plädieren oder mehr Videoüberwachung fordern.

Wieso die CDU ausscheidet, muss ich vor diesem Hintergrund nicht weiter ausführen. Wenngleich ich in diesen trump’schen Zeiten eine Politikerin wie Merkel als große Freude wahrnehme. Nicht, weil ich ihre Politik so überragend finde, sondern weil man mit ihr sachbezogene Debatten führen kann. …Wie die Ansprüche sinken…

Die SPD – mal wieder Enttäuschung

Bleiben also noch SPD, Grüne und Linke. Für kurze Zeit – die Tage und Wochen nach der Nominierung von Martin Schulz – hatte ich die (naive) Hoffnung, dass die SPD wählbar wird. Dass sie sich von Schröder und der Agenda 2010 emanzipiert und endlich mal wieder mutig die Abgrenzung zur Union sucht. Ich wurde enttäuscht. Hinzu kommen Law-and-Order-Freaks wie Olaf Scholz, der nicht davor zurückschreckt, die Justiz beeinflussen zu wollen.

Grün oder Links? Mh, naja.

Was also? Grün oder Links? Vor den Linken schrecke ich zurück, weil es dort einfach zu viele Leute gibt, die mit meinen gesellschaftsliberalen Werten fremdeln, ganz zu schweigen von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine, die den Nationalismus für sich entdeckt haben. Auch ein klares Ja zur EU werde ich von der Linkspartei nicht erwarten können. Das ist mir aber wichtig. Natürlich gibt es einigen Verbesserungsbedarf. Nichtsdestotrotz ist der Nutzen riesig, den wir aus diesem Projekt ziehen und der Glaube, dass man nach einer kompletten Abschaffung einfach so etwas Besseres erbauen könnte, ist einfach bloß naiv.

Ja, und die Grünen? Haben die eigentlich mitbekommen, dass Wahlkampf ist? Es scheint mir nicht so. Ich könnte kein einziges konkretes Wahlversprechen der Grünen aufzählen. Ach doch! Der unsägliche Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hatte ein Buch über Flüchtlinge und deren Integration geschrieben. Ich hab’ es nicht gelesen. Da bekomme ich nur schlechte Laune.

Wo ist also die progressive, linksliberale Partei mit Blick für die Zukunft und Technologie?

Die Retter*innen, die sich selbst besiegten

Ganz weit hinten dämmert es mir. War da nicht mal diese eine Partei, so frisch und naiv, dass es oft schon wieder lustig war? Die aber dennoch richtig spannende Politik gemacht hat und der es zu verdanken ist, dass Internet und Digitalisierung überhaupt eine Rolle spielen? Genau, ich rede von den Piraten. Die Piraten waren meine große politische Hoffnung. Wer sich die Mühe macht und ihre Wahlprogramme liest, wird feststellen, dass sie ungefähr alles abdecken, was ich mir wünsche. Sie wären meine perfekte Partei. Das Problem? Sie haben sich selbst abgeschafft. Eine endlose Reihe an Inkompetenzen, Machtspielchen, persönlichen Ausfällen und notorische Uneinigkeit haben das Projekt Piratenpartei leider beerdigt. Und momentan gibt es leider nicht den kleinsten Funken Hoffnung, dass sich daran noch mal etwas ändert.

Schade eigentlich. Ich wüsste gern, wen ich wählen soll. Im Moment weiß ich nur, wen ich nicht wähle.

P.S. Nein, ich möchte nicht DIE PARTEI wählen. Ich mag ihren Humor, aber ich habe durchaus den Glauben daran, dass Politik etwas bewirkt. Deshalb möchte ich meine Stimme auch nicht „zum Spaß“ einer Satirepartei geben.

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The hope was orange

How do I feel about the federal election? What is important to me? Having a look at what is offered reveals that I am unsatisfied with all of it. Can an insider tip save me? Jan Schaller thinks out loud

What is important to me? An open society. A liberal refugee policy. Environmental protection. The „Energiewende“. Social justice. Technological progress. These are the issues I care the most in a nutshell. Considering this, what party should one vote? It would be easier if I wouldn’t think so much about politics as I do. The Left or the Greens, decision based on a gut feeling or the better looking election poster. (In this case: unfortunately,) it happens to be that I am a would-be political scientist and thinking about politics belongs to my job description. And this is where the problems start.

CDU & FDP – just no.

There is no way to vote for the CDU or the Liberal Democrats due to my political preferences. Although, I like the sociopolitical approach oft he FDP – the key words here are civil rights. Unfortunately, the FDP stopped being a party for civil rights a long time ago. Sabine Leutheuser-Schannrenberger was the last grand personality in his regard. Since Christian Linder took over, the FDP is a one-dimensional, quite boring and neoliberal economy party which does not believe in ist own principles. Otherwise, they would not plead for the economically stupid idea of leaving the Tegel airport open. And they certainly would not vote for more video surveillance.

Why I will not vote for the CDU should be obvious. Despite, I really enjoy a politician like Merkel in these days. Not because I like her politics. But because you can have a facts-based discussion with her. How standards are lowering…

The SPD – a disappointment one more time

What’s left (no pun intended)? The Social Democrats, the Greens and the Left. For a short time, the immediate days and weeks after the nomination of Martin Schulz, I had the (naive) hope that the SPD becomes votable. That they emancipate themselves from the old chancellor Schröder and „Agenda 2010“ nd that they go for a strong and noticable demarcation from the CDU. They dissapointed me. Again. Instead, we see law-and-order freaks like Olaf Scholz who even tries to unflunce justice.

Green or Left? Well.. I don’t like either really

So, what? Green or Left? I feel reservations towards the Left Party because there are many people who contradict my socioliberal values. Not to speak of Sahra Wagenknecht and Oskar Lafontaine who discovered the political flavor of nationalism. A strong Yes! to the EU is also something I cannot expect from the Left. But it is important to me. Of course, there is room for improvemement. A lot, actually. Nevertheless, the benefit is huge and it is exteremly naive to think that you could repeal the European Union and replace it with something way better easily.

And the Greens? Did they actually notice that it is time for election campaigns? I don’t think so. I wouldn’t be able to mention just one campaign pledge. Oh wait! The terrible mayor of Tübingen, Boris Palmer, published a book anout refugees and integration. I didn’t read it. It only puts me in a bad mood.

So, where is the progressive, left-liberal party which has a focus on our (technological) future?

The saviors which defeated themselves

In the remotest parts of my brain a thought occurs. Hasn’t there been that one party, fresh and naïve so it became already funny? But with a lot of interesting ideas and which we should be thankful for putting digitalization onto the agenda? Indeed, I am talking about the Pirate Party. The Pirates were my biggest political hope. If you do the effort to read their election programs you will notice that they cover pretty much everything which is important to me. They would be the perfect party for me. The problem? They abandoned themselves. A sheer endless cacophony of incomeptence, power games, personal misbehavings, and notorious disunity buried the Pirate project. And there is not the faintest spark of hope that this will change.

Too bad. I would really like to know which party to vote for. At the moment I just know what not to vote for.

P.S. No, I don’t want to vote for DIE PARTEI. I like their humor but I haven’t lost faith that politics can actually make things better. That’s why I don’t want to give my vote “out o fun” to a satire party.

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6 KOMMENTARE

  1. Guten Tag.
    Ein interessanter Beitrag.
    Eines verstehe ich nicht, Zitat: “… Vor den Linken schrecke ich zurück, weil es dort einfach zu viele Leute gibt, die mit meinen gesellschaftsliberalen Werten fremdeln,…”
    Was bedeutet das, was heißt hier “fremdeln”?
    Evtl. stört meine Wahrnehmung ja meine tiefe Abneigung gegen den Terminus “liberal” -aber deshalb frage ich ja nach.
    Wen ich gewählt habe, ist ja bekannt.
    Als Ex-Fallmanager im jobcenter und als ernsthafter Pazifist, bleibt mir nur eine Option, wenn ich nicht rein symbolisch abstimmen wollte.
    MfG
    BTB

    • Hallo,
      vielen Dank für das Lob. Ich hab mich auch schwer getan das so zu schreiben. Und es ist auch eher ein Gefühl, als dass ich das explizit nachweisen könnte. Aber das Gefühl bei mir ist eben, dass da noch einige Betonköpfe unterwegs sind (nicht so sehr beim pragmatischen Flügel, aber bei der fundamentaleren Seite um Wagenknecht und Lafontaine), wo ich mir nicht so sicher bin, inwieweit sie gegebenenfalls Freiheiten des Einzelnen einschränken würden, wenn sie damit “dem Sozialismus” näher kommen würden. Und da mir (neben der “Freiheit zu etwas”) die “Freiheit von etwas” persönlich sehr wichtig ist, habe ich da meine Bedenken. Die Piraten hatten und haben da eine andere Sichtweise, da persönliche Freiheiten zu ihrer Partei-DNA gehören.
      Ich hoffe, das erklärt es ein wenig besser.

      Beste Grüße,
      Jan Schaller

  2. Guten Tag,
    Dank für die Erklärung.
    ” … mit meinen gesellschaftsliberalen Werten fremdeln …” heißt also: “diese eher ablehnen / beschränken”.
    Wie gesagt, war und ist mein Verhältnis zu jeder Art “Liberalismus” ein sehr gestörtes.
    Das “freie Spiel der Kräfte” auf dem Markt führt IMHO lediglich zu Sozialdarwinismus, Ausbeutung und Not.
    Eine zu große persönliche “Freiheit” birgt etliches an Gefahren. Wenn ich da Beispiele bilde, so denke ich z.b. an die “Freiheit” Schußwaffen zu führen, in den USA.
    Oder auch an die mehr als vehementen Forderungen aus der BDSM-Szene, Freiheitsberaubung, Sadismus (körperliche Verletzung anderer Menschen) und Masochismus (sexuelle Erregung durch das Zufügen lassen von Schmerz, Qual und Verletzungen), Erniedrigung und Entwürdigung, etc. als persönliche Freiheit und fantasievolle Sexualität anzuerkennen und zu tolerieren.
    Der Beispiele ließen sich mehr bilden.
    Wenn mein Bedürfnis, Menschen vor derartigem zu schützen “Betonkopf-Sozialismus” ist- dann ist das eben so. Das wird mich nicht beirren.
    MfG
    BTB

  3. Hallo,

    aufschlussreicher Beitrag.
    “Wer sich die Mühe macht und ihre Wahlprogramme liest, wird feststellen, dass sie ungefähr alles abdecken, was ich mir wünsche.” – Ich kenne ihr Programm und dachte mir oft: “Wollen die nicht zu viel, zu schnell?”

    Deine neue Hoffnung hätte auch re:set sein können.
    http://www.jetzt.de/politik/till-reiners-hat-die-partei-re-set-gegruendet

    “Wenn ich als Politiker eine klare Position vertrete, dann verliere ich alle, die diese Position für sich anders vertreten, und habe keine Wähler mehr. In der Konsequenz läuft man Gefahr, lauter politische Eintagsfliegen zu produzieren.”
    Zitat von Till Reiners

    Weiter so und gute Kommentare von BTB und dazugehörigen Antworten!

    • Guten Tag!
      Zitat: “„Wenn ich als Politiker eine klare Position vertrete, dann verliere ich alle, die diese Position für sich anders vertreten, …”.
      Das mag soweit richtig sein.
      Aber: vor SO einer Partei hätte ich Achtung! Das Wort ist mir fast noch zu schwach. Sagen wir: Hochachtung.
      Ob man dadurch wirklich ALLE / zu viele Wähler*innen verliert?
      Da bin ich nicht sicher.
      Ich habe nicht die Hybris, mich mit einer Partei zu vergleichen, ganz klar.
      Aber spätestens nach meiner Erkrankung 2010 entwickelte ich klar die Attitüde, dass ich schlicht keine Zeit habe, auch nur annähernd “everybodys darling” zu sein.
      Auch und besonders nicht auf facebook.
      Heißt: ich neige zwar nicht zu Lügen oder zu primitiven, oder gar fäkalischen Beleidigungen.
      Aber ansonsten sage ich klar meine Meinung. Manchmal sehr klar.
      Zudem habe ich Ecken und Kanten. Wie sagte vorhin jemand: “Nur Nullen haben keine!” Und viel zu viele Meinungen. 🙂
      Worauf will ich hinaus? Ich nehme nicht JedeN als Kontakt, ich “entfreunde” oft später wieder und ich werde auch oft entfreundet. Dabei kenne ich meinerseits keine Sympathien, Befindlichkeiten, keine Verwandten, gar nix mehr.
      Grob überschlagen, müßten meine diversen Attitüden zu verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen eine Antipathiequote von etwa 350% meiner Kontakte ergeben.
      Dennoch habe ich aktuell noch immer 857 Vernetzungen / “Freunde” dort.
      Ich werte das als ein interessantes und auch positives Phänomen.
      MfG
      BTB

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