Wo ist Benno Ohnesorg?

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Die heutige Generation von Student*innen sieht die Uni nicht als Ort der Persönlichkeitsentwicklung, sondern als Sprosse auf der Karriereleiter. Interesse an Unipolitik? Nicht vorhanden. Oft nicht mal Verständnis für die Notwendigkeit. Jan Schaller regt diese Haltung auf

Vor wenigen Tagen jährte sich der Tod von Benno Ohnesorg zum fünfzigsten Mal. Fünfzig Jahre, ein halbes Jahrhundert, ganz schön weit weg. Wie weit weg das ist, kann man sich immer mal wieder im Fernsehen anschauen, wenn einstige 68er-Legenden wie Rainer Langhans oder Uschi Obermeier ins Rampenlicht drängen. Sie sehen alt aus. Sehr alt. Und man wünschst sich eigentlich nur, dass sich irgendjemand erbarmt und sie davon abhält, über das Leben in der Kommune und sexuellen Ausschweifungen zu erzählen. So weit weg wie die 68er von der aktuellen Generation Studierender sind, so weit hat sich leider auch die Politisierung der meisten aktuellen Student*innen von den 68ern entfernt. Mit anderen Worten: sie ist nicht vorhanden.

Jetzt könnte man einwenden: Aber haben die Student*innen der HU Berlin nicht eben erst gezeigt, dass sie ganz und gar nicht unpolitisch sind, sondern sich mit Nachdruck und durchaus wirksam für politische Ziele einsetzen? Mitnichten. Das war eine winzige Minderheit, die sich da Gehör verschafft hat. Mehr als ein paar Dutzend Studierende der sozialwissenschaftlichen Fakultät haben sich dort nicht blicken lassen. Die meisten anderen kommentierten die Aktionen eher mit einem Nasenrümpfen oder beschwerten sich über ausfallende Seminare.

Engagement lohnt sich!

Um es kurz zu machen: Diese Haltung kotzt mich an. Ich kann es nicht nachvollziehen, wieso so viele meiner Kommiliton*innen eine Konsumentenhaltung aller erster Güte an den Tag legen. Wieso ist es Euch egal, wenn die Studienordnung zu Eurem Nachteil verschärft wird? Wieso interessieren sich so viele dafür, ob das jetzt klausurrelevant ist? Und so wenige, ob das wissensrelevant ist? Wieso gehen nur lächerliche zehn Prozent der Studierenden zu Uniwahlen? Ich habe selbst erlebt, wie Unipolitik Dinge zum besseren verändern kann. Wie studentische Vertreter*innen in den Unigremien Kompromisse hart erkämpfen. Obwohl sie eigentlich gar keine Chance haben, da in allen Gremien die Professor*innen mindestens eine Stimme Mehrheit haben. Und die trotzdem einen erheblichen Teil ihrer Freizeit opfern, um gegen diese Übermacht etwas zu bewegen.

Aber klar, auch links dominierte Asten und Fachschaften müssen sich an die eigene Nase fassen. Zu oft lese ich Aufrufe zum Mitmachen, die mehr nach Arbeitskampf anno 1923 klingen, als nach etwas von dem sich die durchschnittliche, eher unpolitische Studentin angesprochen fühlt. Die linke Szene ist in diesen Momenten gnadenlos selbstreferentiell und spricht nicht mal mich an, der doch mit den Inhalten im Normalfall mitgeht.

Trotzdem. Wer sagt: „Bringt doch eh alles nichts!“, wird auch nichts verändern und hat es auch nicht besser verdient. Das Problem ist nur leider, dass die die es interessiert, so sehr in der Minderheit sind, dass sie unter der Apathie der Mehrheit leiden müssen. Immerhin, einen Grund zum Optimismus gibt es dann doch. Jüngste Studien weisen darauf hin, dass die Jugend wieder politischer ist. Hoffen wir mal, dass sich das auch in konkreten Handlungen niederschlägt.

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