Können sollen müssen – über Moral in der Gesellschaft

2

Keinen Post mehr verpassen? Folge uns auf Facebook oder Twitter!

Die Goldene Regel der praktischen Ethik für den sozialen Umgang besagt: Behandle deinen nächsten, wie du selbst behandelt werden möchtest. Im 21. Jahrhundert gibt es selbst auf Toiletten der Deutschen Bahn eine Abwandlung dieses Diktums. Diese Selbstverantwortung, die in der Aufforderung steckt, ist uns abhandengekommen. Ein Diskurs über Moral versucht uns zunehmend vorzuschreiben, was wir tun oder lassen sollen. Wieso das ein Problem ist, lest ihr im Kommentar von Sebastian Kunze. 

Was ist heute noch moralisch?

Ich kann sehr vieles verstehen. Ich verstehe, warum ich das N.-Wort nicht sagen sollte, ich verstehe auch, warum Holocaustwitze nicht nur geschmacklos, sondern auch strafbar sind. Ebenso verstehe ich, wieso es sinnvoll ist, möglichst wenig zu fliegen und regionale Produkte zu kaufen. Was ich allerdings nicht verstehe, sind die moralischen Verbote, die immer wieder ausgerufen werden. Ich darf nicht mehr in der Türkei Urlaub machen, da Erdogan dort eine Autokratie etabliert. Ich darf weder bei Amazon noch bei Apple kaufen, da die ihre Mitarbeiter ausbeuten. Auch sollte ich nicht einfach das essen, was mir schmeckt- Achtung, hier lauern Kalorien, Palmöl, Konservierungsstoffe, Glutamat oder andere Zusatzstoffe. Noch sollte ich einfach in ein Geschäft gehen und einkaufen, was ich gut finde und mir steht. Es sollte dann bitteschön fair gehandelt und produziert sein und am besten aus Bio-Baumwolle. Nun stecke ich in einem Dilemma: Was kann ich denn noch tun? Ist überhaupt noch etwas vertretbar?

Die andere Seite

Dagegen gibt es auch die Position derjenigen, die sagen: Scheiß doch drauf. Was interessiert mich dieser Bio-Quatsch? Es würde sowieso mehr Biobaumwolle verkauft als produziert und FairTrade sei nur Abzocke, mit der die Industrie noch mehr Geld scheffeln könne. Und dann ist da in vielen Kreisen das soziale Argument: Wer kann sich denn das Bio-Essen leisten? Arme auf keinen Fall. Das Biozeug diene nur zur sozialen Distinktion nach unten. Und außerdem mache dieser Gesundheitswahn sie eher krank.  Das Geschäft mit dem schlechten Gewissen führe in eine Öko-Diktatur!

Öko-Diktatur oder Kapitalismus?

Führt der sogenannte bewusste Konsum wirklich direkt in Diktat der Gesundheit bzw. des Ökologischen? Ich bin mir da nicht so sicher. Fest steht: Wir haben den Planeten und seine Ressourcen (die nur für uns Ressourcen sind) ganz schön abgefuckt und wie jüngst ein Grünenpolitiker richtig festgestellt hat: Die Erde interessiert es nicht, es geht bei Umweltverschmutzung, Klimawandel usw. nur um uns Menschen. Doch rechtfertigt das ein gesellschaftliches Klima, in dem alles gleichförmig ausgerichtet werden soll? Das sehe ich schon als bedrohlich an. Richtet sich dementsprechend alle Norm darauf, gut, gesund, sauber und korrekt zu sein, kann das auch nach hinten losgehenWas wir essen dürfen und was nicht, könnten uns bald Versicherungen vorschreiben. Offiziell zum Wohle der Welt, unser Selbst und der Gesellschaft. Unterstützt werden sie dabei von Gevatter Staat, der für uns ja eine Fürsorgepflicht hat. Was man für löblich halten kann, empfinde ich eher als Entmündigung. Die öffentliche Debatte ist ähnlich, Kritik bleibt oberflächlich, denn bestehende Verhältnisse will man nicht zu radikal kritisieren und die Verantwortung liege ja am Ende doch beim Konsumenten. Das ist das heutige Diktum und daher belegen uns Zeitungen, Zeitschriften, Magazine, Ratgeber, Radiosendungen und Fernsehformate – ganz zu schweigen von Blogs im Internet – mit moralischen Imperativen. Dies und jenes solltet ihr jetzt kaufen, denn es ist „grün“, es ist gesund, es ist gut für die Umwelt. Doch was steht denn noch dahinter? In der zuerst genannten dystopischen Vision der Versicherungen, geht es den Unternehmen darum, die Kosten zu senken und für die Shareholder die Profite zu maximieren. Beim zuletzt genannten Beispiel werden ganz platt Bedürfnisse erzeugt, um den Konsum anzukurbeln. Das kapitalistische Rad dreht sich weiter.

Zwang zur Ökonomisierung

Der beschriebene moralische Diskurs soll uns einfach zu anderem Konsum drängen. Es zeigt sich, dass hier eine weitere Nische der Gesellschaft, die Ökobewegung, ökonomisiert wurde und gerade kapitalistisch ganz groß rauskommt. Dies wird von einem gesellschaftlichen Diskurs des Anthropozäns und seinen Konsequenzen begleitet. Der Zwang der Ökonomisierung, der durch die Gesellschaft dringt und auch vor Schulen, Krankenhäusern und Universitäten keinen Halt macht, findet damit Einzug in die Köpfe der Menschen. Der beschriebene moralische Zwang oder Druck führt uns dahin, teurere Produkte zu kaufen, bei denen nicht immer klar ist, ob die Produktionsbedingungen wirklich fairer sind oder ob es sich tatsächlich um „bessere“ Produkte handelt.

Freiheit und Denken

Doch steckt hinter diesem moralischen Diskurs noch ein weiteres Prinzip. Neben dem Druck zur weiteren Kapitalisierung immer weiterer Bereiche der Gesellschaft, strukturiert auch der Wunsch nach Kontrolle die Diskussion. Bestimmen zu können, was Menschen dürfen und was nicht, und sei es „nur“ diskursiv, beinhaltet eine unglaubliche Macht insbesondere für Herrschende. Doch selbst die sind dem moralischen Diskurs unterworfen und in ihm verfangen. Es ist zu einem pathologischen Verhalten innerhalb der Gesellschaft geworden: Wir müssen überwachen, verbieten und noch mehr überwachen und kontrollieren. Das tun wir auch mit uns selbst, vor allem, wenn wir uns sagen: Nein, das lieber nicht, das ist nicht Bio; nein, das hat kein Fairtrade Label usw.
Können wir uns aus diesem Karussell befreien?

Womöglich. Zuerst ist es ja ein moralisches Dilemma, das uns präsentiert wird. Kapitalistische Interesse präsentieren eine scheinbare Lösung – egal ob Bio oder billig. Um dieser kognitiven Entfremdung entgegenzuwirken, braucht es eine Anstrengung unsererseits. Wir müssen uns informieren, das Dafür und Dagegen abwägen, über die Folgen nachdenken und damit unsere moralischen Dilemmata adressieren. Nur so könnten wir eine mündige Entscheidung FÜR UNS treffen. Das muss jeder persönlich tun, denn jeder ist selbst dafür verantwortlich und muss seine Entscheidung begründen können. So können wir uns emanzipieren, vom Ökonomisierungszwang und vor allem von den moralischen Vorschriften, die der gegenwärtige moralische Diskurs produziert.
Für alle Szenephilosophen lässt sich das Dilemma auch mit der kritischen Theorie formulieren: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Für alle andere bleibt es eine auszuhandelnde Frage, ob es moralisches Handeln in einer amoralischen Welt gibt? Das muss jeder noch selbst beantworten. Aber darum geht es ja.

2 KOMMENTARE

  1. Wie Du schon beschrieben hast, ist der ganze Diskurs mit dem Bio-Wahnsinn ziemlich verrutscht und dient zur Beruhigung des schlechten Gewissens, das wir ohne eben dieses Gelaber gar nicht hätten. Ich finde, dass man aber schon die Erzählung von der menschgemachten Erderwärmung (Anthropozän), wenn man sie mit Kapitalismuskritik verbindet, durchaus dazu nutzen kann, den Kapitalismus langsam aber sicher in eine andere Wirtschaftsweise zu überführen. Der Widerspruch zwischen Freiheit und Zwang, wie Du ihn beschrieben hast, ist mit dem Spruch es gäbe “kein richtiges Leben im Falschen” auch nicht zu lösen. Dieses Dilemma wurde von A. selbst irgendwann weitergedacht und kann nur gemeint haben, dass der Zwang zugunsten der Freiheit Schritt für Schritt überwunden wird. Dies ist in privaten Netzwerken, Freundeskreis, Kollektiven durchaus möglich. Ergibt aber nur Sinn, wenn der Anschluss an das große Ganze, also Gesellschaftliche, nicht verloren geht. Konsum, bio oder nicht, ist individuelle Selbstbefriedigung und dient momentan als so eine Art moderner Ablass, wenn man nur “richtig” konsumiert… Ich denke, wenn man sich schon entschieden hat selbst anzubauen, zu containern oder teures Geld für schickes Essen auszugeben, sollte man dies nicht mit erhobenen Zeigefinger gegenüber anderen tun. Es führt im Kern ja auch an der Sache vorbei: Die Überwindung des K.

    Bin auf einen Autor gestoßen, der leider auch alles andere als unbekannt ist, aber, wie ich meine sich genau mit Deiner Fragestellung auseinandersetzt. Das Problem bei ihm ist, wie ich finde, dass er die Überwindung des K. zur Abwendung noch krasserer Auswirkungen der Erderwärumg nicht mitdenkt, aber les selbst: Eine Frage ist z.B. : “Was bedeutet es, in der Zeit des Anthropozäns moralisch verantwortlich zu sein, in einer Zeit also, in der die Erde von uns, von unserem Mangel an Moral geformt wird und sogar die Schleife, die unser kollektives Handeln mit seinen Konsequenzen verbindet, in Frage gestellt wird?” (S. 171 von diesem Text: http://bit.ly/2t2GkTC )

    • Ich gebe dir vollkommen recht, dass “kein richtiges im Falschen” nicht zielführend ist und es Möglichkeiten gibt, Alternativen zum Kapitalismus aufzubauen. Obwohl ich die Tendenzen schon sehe, die Marcuse als “Totalität der Verhältnisse” beschrieb, also, dass der Kapitalismus alles durchdrungen hat. Du nennst ja einiges und ich denke, es wäre möglich, neben dem Kapitalismus an dessen Abschaffung zu arbeiten. Es ist eben keine einfache Frage und ich wollte erstmal auf dieses Dilemma hinweisen, vor dem wir tagtäglich stehen. Das mit Kritik der bestehenden Verhältnisse zu koppeln, ist für mich nur logisch, da diese unser Leben und unsere Gesellschaften prägt.

      Vielen Dank auch für den Hinweis auf Latour, ich werde mir den Text mal genauer anschauen. Beim ersten reinlesen fiel mir schon einiges auf. Skeptisch bin ich u.a. geworden, als er davon sprach, dass das dilemma (er sagt kluft) es verunmöglicht, ein gefühl des erhabenen zu haben (S.168). Das Erhabene taucht dann noch öfter auf. Ich bin mir nicht sicher, doch es hinterlässt ein Geschmäckle bei mir. Robert Pfaller bspw. trauert m.E. auch dem mondänen Gestern hinterher und spricht vom verlorenen Als-Ob. Daran erinnert mich dieser “verlust des erhabenen” – ich bin mir noch nicht sicher, ob dies am Altern dieser Philosophen/Soziologen liegt, oder nicht. Ich frage mich außerdem ob dieses Verantwortungsgefühl, auf das beide abstellen, nicht vielleicht auch eine Konsequenz aus der Aufklärung ist. Aber das ist nur ein vager Gedanke.

      Wie auch immer. Vielen Dank und ich werde sicherlich nochmals ausführlicher Schreiben, wenn ich den Latour Text ordentlich durch habe. Das könnte aber etwas dauern.
      SK

Kommentar verfassen