Grenzerfahrungen

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Was macht die Figur des Flüchtlings in einem politiktheoretischen und philosophischen Sinne aus? Wie kann er demgegenüber von der Staatsbürgerin abgegrenzt werden? Und welche Vorstellung von Grenze ist den vielfältigen Kontrollpraktiken der EU angemessen? Julia Schulze Wessel nähert sich diesen Fragen auf konzeptioneller Ebene. Eine Rezension von Jan Schaller

Seit dem Sommer 2015 ist Migration wieder ein Thema in der breiten öffentlichen Debatte. Meist wird dabei darüber gesprochen, wie diese gestoppt werden kann. Manchmal auch über die Befindlichkeiten der aufnehmenden Bevölkerungen. Seltener werden die konkreten Schicksale der fliehenden Menschen betrachtet und de facto nie stehen konzeptionelle oder philosophische Betrachtungen im Mittelpunkt, die das Geschehende auf einer höheren Ebene einordnen. Das wiederum liegt wohl weniger am Thema, sondern eher an der generellen Abwesenheit philosophischer oder politiktheoretischer Gedanken in der öffentlichen Debatte. 

Julia Schulze Wessel hat es dennoch getan und ein Buch über „den Flüchtling“ geschrieben. Was nach unzulässiger Verallgemeinerung klingt, ist hier absolut gewollt. Schulze Wessel, die an der TU Dresden Politische Theorie und Ideengeschichte lehrt, hat es sich zum Ziel gesetzt, die Figur des Flüchtlings zu ergründen und theoretisch einzuordnen. Was macht ihn aus? Welche Stellung hat er in der Gesellschaft? Was sind seine Merkmale?
Auf gut 200 Seiten bringt die Autorin sieben Kapitel unter, um sich dieser Forschungsfrage zu stellen. Ihr Ausgangspunkt sind dabei frühere philosophische Konzeptionen des Flüchtlings, insbesondere der von Hannah Arendt. Arendt hatte die Staatenlosen nach dem Zweiten Weltkrieg als die absolut Ausgeschlossenen charakterisiert, die keinerlei Zugang mehr zur Gesellschaft haben. Ein weiterer Bezugspunkt Schulze Wessels ist das Konzept des ‚nackten Lebens‘ des italienischen Philosophen Giorgio Agamben.

In Verbindung mit der Einleitung stellen diese zwei Kapitel das Grundgerüst des Buches dar, sozusagen die intellektuelle Verortung der Autorin. Nach einem überflüssigen, da extrem kurzem, vierten Kapitel (6 Seiten!) folgen die drei Kapitel, die das Herzstück des Buches ausmachen: ‚Grenzfiguren‘, ‚An den Grenzen des Rechts‘ sowie ‚Von Figuren der absoluten Exklusiv zu Grenzfiguren oder Vom Lager zur Grenze‘. 

Schulze Wessel charakterisiert die Figur des Flüchtlings als eine Grenzfigur, als eine Figur, die in jeder Hinsicht im Grenzraum unterwegs ist. Diese Sichtweise setzt zwangsläufig etwas Gehirnakrobatik voraus, ist sie doch extrem weit vom klassischen Verständnis von Grenzen und Migration entfernt. 

Im Normalfall versteht man unter Grenzen ja Linien auf der Landkarte bzw. Schlagbäume und patrouillierende Polizist*innen. Schulze Wessel hat hier eine sehr viel raffiniertere Sichtweise. Sie begreift Grenzen als etwas, dass sich sehr vielgestaltig offenbaren kann und an vielen Orten sichtbar wird. Dort wo für eine Bürgerin der EU alle Türen offen stehen, können für einen Mauretanier unüberwindbare Hindernisse entstehen. Grenze ist nicht mehr (nur) eine Mauer, die es zu überwinden gilt, sondern ein Ensemble an Praktiken, Orten und Personen, die die Grenze zum Grenzraum machen. 

Nachdem die Autorin im fünften Kapitel die Idee der Grenzfigur sowie ihre Konzeption von Grenze plausibilisiert, geht sie in Kapitel 6 auf die rechtlichen Implikationen ein, die ein (zwangsläufiges) Leben als Grenzfigur hat. Das siebte Kapitel dient dazu, all die Fäden wiederaufzunehmen und zu einem schlüssigen Konzept zu bündeln.

Eine Bewertung des Buches kommt nicht umhin, eine Zweiteilung vorzunehmen. Dieses Buch richtet sich einzig und allein an ein Fachpublikum. Nein – auch nicht an interessierte Laien. Wer die zugrundeliegenden Debatten nicht kennt oder nicht an den Schreibstil gewöhnt ist, wird an diesem Buch keine Freude haben. Zu akademisch ist die Sprache, das dahinterliegende Denken zu theoretisch-philosophisch. Man sollte zumindest mit sozialkonstruktivistischen Ansätzen vertraut sein, um aus diesem Buch einen Nutzen ziehen zu können.

Schaut man allerdings von einem politikwissenschaftlich-philosophischem Blick auf das Buch, so ist es wirklich spannende Lektüre. Die Autorin ist hier absolut auf der Höhe der Zeit und nimmt zentrale aktuelle Debatten zur Kenntnis. Ihr Entwurf des Flüchtlings als Grenzfigur überzeugt und erfasst die Spezifika sehr gut. Am stärksten ist das Buch jedoch, wenn es um die Konzeption des Grenzraums geht. Hier bündelt Schulze Wessel bestehende Debatten und legt überzeugend dar, was in Zeiten zunehmender Migration das Wesen der Grenze ausmacht. 

Leider pflegt die Autorin oftmals einen arg redundanten Schreibstil. Vor allem in den Kapiteln 5 und 6 erhält man das Gefühl, das schon mal gelesen zu haben. Hier verfällt sie zu oft in einen Redeschwall. In diesen Momenten kann man sich sehr gut vorstellen, wie sie ein neunzig-minütiges Uni-Seminar ganz allein ausfüllt und sich am Ende wundert, wo denn die Zeit geblieben ist. Mehr Klarheit und Stringenz hätte an diesen Stellen gut getan. Auch verwickelt sie sich an manchen Stellen in Widersprüche. Beispielsweise legt sie erst eine sehr überzeugende konzeptionelle Trennung der Begriffe ‚Raum‘ und ‚Ort‘ dar, nur um sie dann wieder synonym zu verwenden. 

Abschließend lässt sich urteilen, dass das Buch für das interessierte Fachpublikum mit Sicherheit von Interesse ist. Die bearbeiteten Debatten entsprechen dem aktuellen Stand der Forschung und bieten reichlich Stoff zum Nachdenken und Anknüpfen. Auch stärker empirisch orientiere Arbeiten werden hier brauchbare Konzepte und Überlegungen finden. Gleichzeitig dienen konkrete Politiken der EU als Wirklichkeitsbezug, sodass es nicht bei rein theoretischen Überlegungen bleibt und die Gedanken auch immer Anwendungsbezug haben. Etwas Straffung und ein besseres Lektorat hätten dem Buch dennoch gut getan. Die Kapitel zu Arendt und Agamben hätten ohne weiteres kombiniert und als theoretische Einordnung verbunden werden können. Auch wieso sechs Seiten den Status als eigenes Kapitel verliehen bekommen (Kapitel 4), erschließt sich mir nicht. Hinzu kommt, dass ich mir eine*n strengere*n Lektor*in gewünscht hätte, die manchmal etwas häufiger den Rotstift angesetzt hätte.

Nichtsdestotrotz bleibt am Ende ein spannendes, extrem dichtes Buch, welches leider nur eine sehr kleine Zielgruppe hat. Und damit die öffentliche Debatte nicht beeinflussen wird. Schade!


Grenzfiguren – Zur politischen Theorie des Flüchtlings,
Julia Schulze Wessel
[transcript]-Verlag
Bielefeld, 2017
29,99€

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