Die Nation ist nicht tot, sie lebt

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Fahnen mit der deutschen Nationalflaggen
Fahne der deutschen Nation

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Die Nation und das Geschlecht. Es sind die großen Differenzkategorien unserer Zeit und gleichzeitig sind sie hoch umstritten. Ich sitze in einer Konferenz eines Jugendverbandes und höre gerade die Ausführungen zu einem Antrag, der Nationalstaaten und den Begriff der Nation an sich kritisiert, weil es Nationen gar nicht gäbe. Sie seien erfunden worden. Viele der Delegierten nicken zustimmend. Ich wundere mich, denn was in einem sozial- und kulturwissenschaftlichen Sinn dekonstruiert wurde, ist noch lange nicht von der Bildfläche verschwunden. Ein Kommentar von Sebastian Kunze

Die konstruierte Nation

Ein Übertragungsfehler von der Wissenschaft in die gesellschaftliche Debatte hat hier für viele Missverständnisse gesorgt. Die Nation, so legte u.a. Benedict Anderson überzeugend dar, ist eine vorgestellte politische Gemeinschaft. Vorgestellt, da sich nicht alle Mitglieder gegenseitig kennen können. Historisch gesehen, wurde die Nation in der Regel im 19. Jahrhundert erfunden. Auch die deutsche Nation entstand so. In Zusammenhang mit diesem Konstruktionsprozess werden, so Anderson, Traditionen erfunden und die Nation in die Geschichte hineinprojiziert. Das heißt zum Beispiel, dass es die deutsche Nation erst seit dem 19. Jahrhundert gibt, wir aber das Heilige Römische Reich deutscher Nation als evolutionären Vorgänger betrachten. Was historisch völliger Unsinn ist. Dieser Ansatz, der für Historiker und Sozialwissenschaftler äußert spannend ist und interessante Ausgangspunkte für weitere Forschung bietet, fand als Diskurs Eingang in die gesellschaftliche Debatte und in alle möglichen zivilgesellschaftlichen Gruppen.

Fehlgeleitete Übertragung?

Zumeist politisch linksorientierte Gruppen argumentieren auf Grund der eben skizzierten Forschung: Nationen? Gibt es gar nicht, sie sind nur eingebildet, sie sind erfunden. Kritisiert wird dabei in der Regel, dass es während dieses Prozesses zu Ein- und Ausschlüssen von Menschengruppen aus der jeweiligen Nation kam, wie beispielsweise Juden im Falle des deutschen Nationalismus. So berechtigt die Kritik daran ist, ist sie doch in erster Linie etwas für Historiker. Dass diese Trennung heute noch existiert, ist interessant für Sozialwissenschaftler. Doch was machen die eifrigen Aktivisten? Sie sprechen davon, dass es Nationen gar nicht gäbe. Viele formulieren nicht den Wunsch, dass es sie nicht geben sollte, sondern stellen fest: Nationen gibt es nicht und sie sind eingebildet.

Ich kann das verstehen. Doch es ändert nichts. Das Beharren darauf, dass auch wissenschaftlich erwiesen sei, dass Nationen gar nicht „in echt“ existieren würden, ändert nichts daran, dass die Idee der Nation sehr wirksam ist. Millionen bezeichnen sich als Deutsche, als Angehörige derselben Nation. Es gibt sogar welche darunter, die im Namen dieser Nation Häuser anzünden und andere Menschen töten. Selbst wenn es diese Nation „objektiv“ nicht gäbe, frage ich mich, welchen Unterschied es macht, wenn andere Menschen, in diesem Namen Handlungen vollziehen? Es zeigt sich also, dass die Nation performativ besteht und jeden Tag aufs Neue mit Leben gefüllt wird und dadurch handlungs- und wirkmächtig bleibt. Die Nation ist nicht tot, sie lebt.

Gegenkonzepte – Wie weiter?

Anstatt also darüber zu lamentieren, ob es diese Nation nun gibt oder nicht, sollte etwas dagegen unternommen werden. Klassisch linke Positionen würden für Aufklärung plädieren. Aber was heißt das? Was ist das Gegenkonzept zum Nationalismus? Internationalismus? Dieser funktioniert aber, wie das Wort schon andeutet, nur mit Nationalismen. Hier zeigt sich also, dass der Linken ein Gegenkonzept, eine Alternative zum klassischen Nationalismus fehlt. Es wäre an der Zeit vernünftige Ideen zu entwickeln, um sich einem nationalistischen Mob zu erwehren. Ob das die Linke schafft wird leider nur die Zeit zeigen und bis dahin werden sie weiter über die Nation lamentieren, während draußen vor der Tür eben jene nicht existente Nation wütet.


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5 KOMMENTARE

  1. Ganz klar antinational positionierte Gruppen gibt es doch zuhauf, merkbar etwa wenn die „Hoch die internationale Solidarität“-Rufe auf Demos lautstark von „Hoch die antinationale Solidarität“ übertönt werden. Das ist längst Konsens, mMn. Nationen sind zwar da, aber konstruierter Müll. Aber ich häng ja auch nur in meiner Bubble, was weiß ich.

  2. Hallo 1312, danke für deinen Kommentar.
    Genau darum geht es aber auch in dem Kommentar: Treten wir aus unserer eigenen Blase, dann werden wir merken, dass es noch eine große Gruppe (vielleicht eine Mehrheit?) gibt, für die Nation noch ganz real ist und damit sie reproduzieren und dann stellt sich die Frage, selbst wenn Nation konstruiert ist, ändert das etwas an ihrer Macht und an der Gewalt, die sie erzeugt?

  3. Nein, eben nicht und den Zwängen und der Realität der Nation sowie den Folgen national-positiven Denkens ist man ja auch tagtäglich ausgesetzt. Ich wüsste gar nicht, wie man das leugnen wollte. Der Ansatz, dass Nationen konstruiert sind, ist ja erstmal nur die wissenschaftliche/ historisch und strukturell aufgearbeitete Grundlage dessen, Nationen abzulehnen. Daraus folgen antinationale Einstellungen, daraus folgt antinationales Engagement und antinationaler Kampf (wozu auch wieder Dekonstruktion des nationalen Mythos gehören kann).
    Dass das ganze auf einer rein theoretischen Ebene bleibt, habe ich bis jetzt nur bei Sozialwissenschaftler-Frühsemestern erlebt.

    • Vielen Dank für den Link zu deinem guten und empfehlenswerten Beitrag. Das ist ein sehr interessanter Ansatz! Tipp von uns: Leute, lest den Artikel von Risse im Putz.

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