Pauschalreise ins Krisengebiet

Helfen und sich dabei wohlfühlen.

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Voluntourismus

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Jede*r mag Urlaub! Und jede*r tut gern Gutes! Wäre es da nicht toll, wenn man beides verbinden könnte? Die tolle Nachricht: Man kann. Voluntourismus heißt das Zauberwort. Ein Artikel von Jan Schaller

Immer mehr Menschen wollen in ihrem Urlaub nicht mehr nur faul am Strand liegen. Aktivurlaube boomen und die Urlaubsbranche stellt sich darauf ein. Bei einem kurzen Blick auf die Homepage eines großen internationalen Reiseanbieters finde ich die Rubriken Städte entdecken, Golfen, Wandern, Tauchen, Wellness, Partyurlaub, Yogaurlaub und noch einiges mehr. Da sollte wirklich für jeden was dabei sein. Nur eins fehlt: Voluntourismus.

Voluntourismus ist ein Mischwort aus Volunteerism, also dem englischen Wort für ehrenamtliche Tätigkeiten und Tourism bzw. Tourismus und beschreibt damit exakt den Sachverhalt: Urlaub machen und dabei einer ehrenamtlichen, sozialen Tätigkeit nachgehen. Häuser bauen in Sambia, Waisenkindern in Indien Englisch beibringen, eine Impfkampagne in Ruanda, solche Dinge. Die Branche explodiert und ist eine der am stärksten wachsenden Nischen im Tourismusmarkt. Bereits 2012 war die Branche 173 Milliarden US-$ wert und es ist nicht davon auszugehen, dass sich dieser Trend umgekehrt hat. All das wird natürlich fleißig dokumentiert und auf den eigenen Instagram- oder Facebook-Account hochgeladen. Bewunderung und reichlich Lob für das selbstlose Eintreten für die Menschlichkeit sind sicher. Und wieder zuhause angekommen hat man richtig was zu erzählen. Davon wie arm die alle sind. Und wie schutzlos. Und wie gut man sich dabei gefühlt hat, nicht nur faul am Strand zu liegen, sondern was zu tun.

Wem wird durch Voluntourismus geholfen?

Und hier beginnt die gute Intention zum Problem zu werden. Man darf sich schon fragen, wem da geholfen wird, wenn Menschen, die keine Ahnung haben, von dem was sie da tun, plötzlich in irgendwelche Hilfsprojekte geworfen werden. Was befähigt beispielsweise einen gut verdienenden, kanadischen Manager im mittleren Alter dazu, Waisenkindern das Lesen beizubringen? Sein nicht vorhandenes Lehramtsstudium? Seine Unerfahrenheit im Umgang mit Kindern? Seine Nichtbeherrschung der lokalen Sprache? Na klar, man kann das alles lernen. Aber eben nicht in zwei oder drei Wochen, wie es wohl für die meisten kompatibel mit ihrem Jahresurlaub wäre. Erfahrungsberichte zeigen, dass die scheinbare Hilfe oftmals gar keine ist, sondern eher mehr Arbeit verursacht.

Wenn alle paar Tage oder Wochen neue Freiwillige auftauchen, müssen sie auch jedes Mal neu angelernt und eingewiesen werden. Diejenigen, denen eigentlich geholfen werden soll, müssen sich jedes Mal an jemand neues gewöhnen. Dazu kommt der zu erwartende Mangel an Expertise.

Was wir hier sehen, ist ein klassischer Fall weißer Selbstüberschätzung und postkolonialer Strukturen. Wer im globalen Norden lebt, also in der „entwickelten Welt“, kann einfach weil er oder sie das möchte und über die entsprechenden Mittel verfügt, „denen“ was Gutes tun. Helfen! Selbstzweifel, ob man für eine solche Aufgabe qualifiziert ist? Eher selten. Sich selbst fragen, ob die eigene Hilfe überhaupt erwünscht ist? Noch seltener. Stattdessen ist es so im kollektiven Gedächtnis verankert, dass „wir“ Europäer*innen, Nordamerikaner*innen, „Westler*innen“, „Weiße“, „denen“ helfen, dass sich diese Fragen nicht mehr stellen. Man nennt das auch White Saviour Complex – den Weißen-Retter-Komplex.

Es geht um die, die zahlen

Sehr aufschlussreich ist es ebenfalls, sich einmal entsprechende Portale anzuschauen. Dort sind dann Dinge zu lesen wie „Feel good and make a real difference …“ Fühl dich gut und mach einen echten Unterschied, oder auch: „The family the house is being built for … will often come and help build with you, so you get to interact and engage meaningfully with the community.“ Die Familie für die ein Haus gebaut werden soll, wird also oft vorbeischauen, damit man auch ein authentisches Erlebnis hat und die „Community“ richtig kennenlernt. Toll! Die Stoßrichtung dabei ist klar, es geht darum die Wünsche und Bedürfnisse der zahlenden Kund*innen zu befriedigen, denn nichts anderes sind sie. Wer über eine der zahllosen Voluntourismus-Agenturen solch einen Trip bucht, tut in erster Linie etwas für sich. Für den eigenen Lebenslauf und das gute Gewissen. Und natürlich für die Konten der Reiseanbieter für die diese Art des Urlaubs ein tolles Geschäft ist.

Welche Bilder kommen zuhause an?

Nicht zu unterschätzen ist dabei der Multiplikator-Effekt. Das Sprichwort sagt, dass wenn einer eine Reise tut, hat er was zu erzählen. Und das stimmt. Verwandte, Freund*innen, Kolleg*innen – alle werden interessiert nachfragen, wie es denn war, was man erlebt hat. Und was werden die Antworten sein? Die armen Kinder! Dieses Leid! Die haben wirklich gar nichts! Sind aber trotzdem so zufrieden! Bewundernswert! Menschen tendieren dazu, das Andere, Unterscheidende, scheinbar Exotische zu betonen und so werden aus kleinen Unterschieden plötzlich naturgegebene Tatsachen. Das Schicksal der armen Waisenkinder steht für die generelle Situation eines Landes, die Einheimischen werden nicht als prinzipiell Gleiche betrachtet, sondern als genuin anders: arm, ausgebeutet, aber auch irgendwie zufrieden. Das Stereotyp des „Edlen Wilden“ bricht sich hier Bahn.

Alternativen, die es besser machen (wollen)

Natürlich sollte man nicht alles über einen Kamm scheren. Programme wie Weltwärts des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) nehmen zumindest einige der angesprochenen Probleme wahr. Hier läuft der Aufenthalt über ein gesamtes Jahr, hinzu kommen Vor- und Nachbereitungsseminare, die zumindest Grundlagen legen.

Jakob hat 2013 sein Abi in Cottbus gemacht und war danach ein Jahr in Ghana. Dort arbeitete er für eine Schule, die Vermittlung übernahm weltwärts. Er zieht ein gemischtes Fazit und stellt einen Perspektivwechsel bei sich fest. Als er sich für das Projekt bewarb, trieb ihn der Wunsch etwas bewegen zu wollen, mal rauszukommen und einen neuen Kontinent kennenzulernen. Mit der Zeit stellte sich dann aber für ihn heraus, dass dort niemand auf ihn wartet:

„Es bringt dem Land oder dem Projekt relativ wenig, dass du da bist. Manchmal bist sogar du derjenige, um den sie sich mehr kümmern müssen. Es war gut für mich, dass ich da war, es wäre aber nichts zusammen- gebrochen, wenn ich nicht da gewesen wäre.“

Er beschreibt seine Zeit in Ghana als eher einseitigen Austausch, der ihm und seiner Persönlichkeitsentwicklung sehr viel mehr gebracht hat, als den Menschen, denen er ursprünglich helfen wollte.

Maika, die ihr Freiwilligenjahr in einem Montesori-Center in Tansania verbrachte, sieht das ähnlich. Sie hebt hervor, dass dieses Jahr sie extrem beeinflusst hat und sie möglicherweise sonst nicht Afrikanistik studieren und sich in der Geflüchtetenarbeit engagieren würde. Mittlerweile versucht sie diese falschen Erwartungen als Kursleiterin für angehende Freiwillige zu adressieren. Dabei legt sie besonderen Wert auf antirassistische Perspektiven: „Es werden oft Bilder transportiert, dass man in der Lehmhütte wohnt und zu Buschtrommeln tanzt. Dabei hab ich in einem ganz normalen Haus gewohnt, hatte rund um die Uhr Strom und bin in die Disko gegangen.“

Bildung, keine Entwicklungshilfe

Einig sind sich Jakob und Maika auch darin, dass diese Projekte auf keinen Fall Entwicklungshilfe sind, sondern der persönlichen Entwicklung dienen. Maika sagt zum weltwärts-Programm: „An sich ist es eine gute Sache, aber es müsste mal überarbeitet werden. Zum Beispiel finde ich es falsch, dass es im BMZ angesiedelt ist. Das ist keine Entwicklungsarbeit, die wir da machen, das ist ein Lerndienst und der sollte beim Bundesministerium für Familie angesiedelt sein.“

Jakob weist auf einen bereits bestehenden Reformversuch hin. Seit einigen Jahren gibt es sogenannte Süd-Nord-Austausche, in denen Jugendliche aus dem Globalen Süden als Freiwillige in den Norden kommen. Immerhin ein Ansatz, um der generellen Machtasymmetrie entgegen zu wirken.

Es ist sicherlich nicht alles schlecht an weltwärts und vergleichbaren Programmen. Man sollte sich nur eben bewusst sein, was so ein Austausch bringt. Es ist kein Austausch Hilfe gegen Karma, sondern eher Geld gegen Persönlichkeitsentwicklung. Und bei Voluntourist*innen nicht einmal das. Da ist es nur noch Kapitalismus.


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