Netzneutralität

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Unterwegs so lang Netflix gucken, bis die Augen eckig werden? Und das ohne zu befürchten, dass nach fünf Minuten das Datenvolumen aufgebraucht ist? Die Telekom verspricht das. Wieso das aber gar keine gute Idee ist, erklärt Jan Schaller

Oh cooles Lied, ich wusste gar nicht, dass ich das auf dem Handy hab! Plötzlich wird mein Musikgenuss durch eine SMS meines Netzanbieters unterbrochen: „Sie haben ihr Highspeed-Datenvolumen verbraucht. Für den Rest des Monats surfen Sie mit einer eingeschränkten Geschwindigkeit von 64 Kilobit pro Sekunde.“ Ich hatte das Lied nämlich gar nicht auf dem Handy, sondern nur in der Cloud. Und die App hat sich eigenmächtig entschieden, dass ich jetzt über das Mobilnetz Musik hören möchte. Mit dem Resultat, dass das mein kostbares Datenvolumen schon wieder viel zu zeitig aufgebraucht.

Mobiles Internet
Plötzlich ist das Smartphone ziemlich dumm, denn kaum eine Anwendung funktioniert noch zufriedenstellend. Hinzu kommt, dass wir hier in Deutschland ziemlich hinterherhinken, was das mobile Internet angeht. In kaum einem anderen europäischen Land bekommt man so wenig fürs Geld wie in Deutschland. Finnland ist hier einsamer Spitzenreiter. Für 35€ im Monat bekommt man dort satte 50 Gigabyte mobiles Internet. Auch in Frankreich, Großbritannien und Schweden sind es immerhin noch 20GB. In Deutschland gibt es – zumindest bei Vertragstarifen – nur ein mickriges Gigabyte. Zu wenig, um unterwegs die Tagesschau, Netflix oder auch nur ausdauernd Radio zu streamen.


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Da kommt das Angebot der Telekom gerade recht. Telekom Stream On heißt es und ist die Möglichkeit, bestimmte Dienste nicht auf das Datenvolumen anzurechnen. Netflix ist beispielsweise dabei, aber auch Amazon Prime. Wenn man nun einen dieser Dienste streamt, kommt das nicht aufs geschundene Datenvolumen drauf. Theoretisch könnte man also so viel und so lange mobil streamen, wie man möchte.
An sich also eine schöne Sache – wäre da nicht das Problem mit der Netzneutralität.

Netzneutralität als Grundlage des Internets
 Der sperrige Begriff Netzneutralität ist ein grundlegendes Prinzip des Internets. Dieses besteht aus Millionen von verbundenen Computern, Smartphones und vielen anderen Geräten. Diese kommunizieren miteinander, indem sie die Daten in kleine Pakete zerteilen und dann über verschiedene Wege zum Zielcomputer schicken. Dort angekommen, werden sie wieder zusammengesetzt. Das alles geschieht so schnell, dass wir beispielsweise eine Chatnachricht eintippen und quasi ohne Zeitverzögerung taucht sie am anderen Ende wieder auf.

Netzneutralität sorgt jetzt dafür, dass alle Daten auf der gleichen „Straße“ fahren dürfen und nicht etwa die einen auf der teuren Privatautobahn und die anderen nur auf der schlecht ausgebauten Landstraße. Das sorgt dafür, dass beispielsweise jede Internetseite gleich schnell „befördert“ wird. Wenn eine Seite doch mal länger zum Laden braucht, liegt das an der schlechten Programmierung der Seite oder an datenintensiven Inhalten auf der Seite, nicht aber an der Beförderung. Netzneutralität ist also ein wichtiger Baustein für die Chancengleichheit aller Content-Anbieter im Internet. Wenn eine Webseite drei statt einer Sekunde zum Laden braucht, ist manch User*in schon wieder weg wenn sich große Anbieter  ein schnelleres Internet kaufen könnten, hätten kleinere keine Chance mehr.


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Stream On der Telekom als Dammbruch?
Wenn jetzt also die Telekom einige Dienste nicht mehr auf das Inklusivvolumen anrechnet, ist das keine direkte Aushebelung der Netzneutralität. Die Stream On-Daten werden ja nicht schneller zu den Kund*innen gebracht. Es ist aber eine Ungleichbehandlung von Daten, die aus guten Gründen nicht erfolgen sollte. Und zwar aus Gründen des Wettbewerbs. Wenn ich als Kunde die Wahl habe, ob ich Videoanbieter A oder Videoanbieter B schaue, bei A aber mein Datenvolumen nicht angerechnet wird, wird meine Wahl mit ziemlicher Sicherheit auch auf A fallen. Die Telekom sagt nun, dass ihr Dienst prinzipiell jedem offen steht und auch mit keinen Kosten für die Anbieter verbunden sei. Man müsse lediglich einen Vertrag abschließen. Prinzipiell mag das zutreffen, gerade für kleine Anbieter könnte es so aber schwieriger werden, da sie unter Umständen einen Mehraufwand haben, den große Anbieter viel leichter kompensieren können.

Zwei oder mehr Internets?
Noch mehr Sorge macht aber, dass Geschäftsmodelle wie Stream On die Büchse der Pandora öffnen können. Sollte sie erst einmal etabliert sein, ist der Weg kurz zu weiteren Verletzungen der Netzneutralität. Es sollte nicht vergessen werden, dass diese Art der Bevorzugung zu verschiedenen Versionen des Internets führen kann. Angenommen die Telekom hat Verträge mit anderen Anbietern als Vodafone. Dann müsste man sich entscheiden, ob man nun zur Telekom geht, weil dort die Dienste A, B und C nicht an mein Datenvolumen angerechnet werden, oder ob ich lieber zur Konkurrenz gehe, weil ich dort X, Y und Z besonders gut schauen kann. Das geht an der Aufgabe der Provider vorbei, die im Grunde einfach nur den Zugang zum Internet neutral und diskriminierungsfrei zur Verfügung stellen sollen.

Es macht also Sinn, hier genauer nachzudenken und nicht nur den kurzfristigen Komfortgewinn zu sehen. Die Netzneutralität ist ein hohes Gut. Versuchen, sie auszuhöhlen, sollte man kritisch gegenüberstehen – auch wenn auf den ersten Blick der User profitiert. Langfristig sind wir mit einem neutralen Netz besser aufgestellt.


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