On the Run. Kriminalisierung der Armen?!

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Mit einer ethnologischen Studie zu sozialstrukturen von kriminalisierten armen Schwarzen in den USA überrascht Alice Goffmann unseren Rezensenten Sebastian Kunze.

Eigentlich möchte ich gar nicht viel schreiben, nur sagen: Lest dieses Buch.

Alice Goffmann schrieb On the Run und lebte für ihre Recherchen 6 Jahre lang in einem sogenannten schwarzen Viertel von Philadelphia. Sie nennt das Viertel 6th Street; es ist ein von Polizeipräsenz und Kriminalität geprägter Stadtteil.

Sie führte ihre Forschung parallel zu ihrem Bachelorstudium an der University of Pennsylvania und ihrem Promotionsstudium in Princeton durch.

In ihrer Studie begleitet sie eine Gruppe junger Männer, die immer wieder mit dem Strafjustizsystem in Kontakt kommen. Sie haben oft keine regulären Jobs und verkaufen zeitweise Crack. Bewaffnet sind sie öfter. Alice Goffmann erlebt wohl mehrere Bandenkriege mit und einige Mitglieder der Clique, dessen Sozialleben sie erforscht, sterben auch. Erforscht klingt dabei allerdings etwas kühl, so als ob es Abstand gäbe.


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On the Run ist eine ethnologische Studie, die vor allem aus teilnehmenden Beobachtungen besteht, d.h. Goffmann war dabei, mitten drin. Auch wenn es nach Veröffentlichung des Buches Streit gab, ob Teile ihrer Arbeit tatsächlich stattgefunden haben, oder ob Goffmann überall dabei war. So wurde von anderen Akademikern die Praxis bestritten, dass Polizisten in der Notaufnahme Namen überprüfen würden und beispielsweise Männer bei der Geburt ihrer Kinder abführen würden, da sie offene Haftbefehle haben. Solche Szenen passieren aber – sagt Goffmann. [Darstellung der Kontroverse auf Wikipedia]

Abgesehen von diesen Details, bleibt der Kern des Buches unangetastet: Goffmann beschreibt wie die Masseninhaftierungen und die Praktiken von Polizei und Justiz das Sozialgefüge und das soziale Leben des gesamten Viertels beeinflussen, d.h. auch derjenigen, die nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Hier haben sich über die Zeit eigene Sozialformen entwickelt: wer sitzt im Gericht wo und neben wem? Wer besucht wen im Gefängnis? Wer besucht eine Beerdigung, trotz offenen Haftbefehls (die Polizei ist bei Beerdigungen immer dabei)? Dies sind nur einige Fragen, die auf komplexe Antworten treffen. Einige dieser Antworten beschreibt Goffmann und reflektiert sie.

Die große Stärke dieses Buches liegt in seinen erzählerischen Komponenten. Es liest sich nicht wie ein Sachbuch, sondern vielmehr sind es Geschichten, die Goffmann uns vorträgt. Dabei entfaltet sich das soziale Gefüge. Dass sie in ihrer Arbeit eine Metaebene einbaut, in der sie die Strukturen reflektiert und mit abstrakteren Begriffen versieht, ist sinnvoll, schließlich ist es eine wissenschaftliche Arbeit.


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Bei der von Goffmann präsentierten Perspektive kommt die Polizei und das Justizsystem nicht gut weg. Auch dies ist Goffmann bewusst und sie schreibt darüber, dass auch die Polizei und das Justizsystem nur die Mittel anwenden, die ihnen zur Verfügung stehen. Doch für ein, im Grunde soziales Problem, hat das Strafvollzugssystem keine adäquaten Mittel zur Verfügung – es ist schlicht nicht ihre Aufgabe.

Goffmann beschreibt aber auch Gruppen im Viertel, die nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen, die sich raushalten und teilweise auch reguläre Jobs haben. Verlieren sie diese, dealen sie nicht mit Crack, sondern erhalten Hilfe von Freunden und der Familie. Ebenso zeichnet Goffmann Menschen in Graubereichen, also Freunde und Verwandte, die ihre Liebsten schützen wollen vor der Polizei und dabei alles mögliche tun, um ihr Ziel zu erreichen.

Das Buch von Alice Goffmann, die mittlerweile Assistent Professor an der University of Wisconsin-Madison ist, ist eine spannende Studie über einen Teil der urbanen armen schwarzen Schicht in den USA. Sie kann uns gleichzeitig etwas darüber erzählen, wie wir mit armen Staatsbürgern schon heute umgehen (von armen Nicht-Staatsbürgern ganz zu schweigen). Es kann und es muss uns eine Warnung sein. Wie schon gesagt: Lest dieses Buch.

Alice Gofmann: On the Run. Die Kriminalisierung der Armen in Amerika. 2016, 368 Seiten. Bundeszentrale für politische Bildung, 4,50 €. http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/232170/on-the-run


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