„Die Kunst ist, heutzutage überhaupt noch außerhalb des Systems zu denken“

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© Lisa Steindl
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Ich sitze im Zug nach Leipzig und denke darüber nach, ob ich wählen gehen sollte. Irgendwie frustriert mich der Gedanke nur Parteien im Kopf zu haben, die ich nicht wählen möchte. Ich stelle fest: Ich fühle mich von keiner Partei, die sich zur Wahl stellt vertreten. Doch was nun? Gar nicht wählen? Eine Partei wählen, die als das geringste Übel wahrgenommen wird? Oder selbst politisch aktiv werden?  – Ein Interview mit dem Philosophen und Aktivisten Tom Rodig.

Werde ich politisch aktiv stellt sich die Frage, wie mache ich das? Schreibe ich einen politischen Blog, bin ich Teil eines Vereins oder Verbandes oder kann ich nur in einer Partei meine politischen Interessen vertreten? Momentan ist es im Trend als oft kleine, marginale Gruppe Aktionen zu inszenieren, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Das ist effektiv und verschafft ihnen eine Aufmerksamkeit, die nicht proportional zu ihrer tatsächlichen Relevanz im Verhältnis steht. Doch darum geht es mittlerweile nicht mehr. Schon vor langer Zeit stellte Gruppen wie die Kommunikationsguerilla oder die Situationistische Internationale fest, dass es ums Spektakel, um das Event geht. Dies produziert Schlagzeilen und lockt potentielle Mitstreiter_innen an.

Wie ich über die verschiedenen Möglichkeiten nachdenke und aus dem Fenster meines Intercitys nach Leipzig schaue, denke ich noch, ob ich nicht alles abblasen sollte und mich in Leipzig nicht einfach mit einem Freund treffe und Sternburg trinke. Doch das Thema lässt mich nicht los, ich will mehr wissen, über Interventionsmöglichkeiten abseits der ‚normalen’ Wege, ich will mehr wissen über politische Aktionen, was sie bewirken, was sie bringen und vor allem: Was treibt die Menschen an, die in diesen kleinen Gruppen aktiv sind? Was bringt es ihnen? Und denken sie, es ist relevant was sie tun? Welche Strategien verfolgen sie?

Mein Kopf schwirrt und ich weiß nun, dass ich mich in Leipzig mit dem Philosophen und Aktivisten Tom Rodig treffe. Rodig ist aktiv bei der Apfelfront und mittlerweile auch Kandidat für den Bundestag der Partei Die PARTEI. Ich werde ihm also meine Fragen stellen können und mit ihm ein Sternburg trinken.

Undogmatisch: Du bist studierter Philosoph und schon lange als Satiriker aktiv. Insbesondere im Zusammenhang mit der Apfelfront und der Partei DIE PARTEI. Wie kam es zu diesem Engagement?

Tom Rodig: Mein Engagement begründet sich aus der Präsenz von Rechten Kameradschaften in Leipzig. Das war der Grund warum ich überhaupt zum ersten Mal auf einer Demo stand. Es war auch das erste Mal, dass ich tatsächlich politisch in irgendeiner Form tätig geworden bin bzw. nach außen wirken wollte. Nun gab es, wie es damals üblich war, ganz normale Latschdemos, die, gelinde gesagt, etwas unspannend waren. Da kam mir die Apfelfront recht gelegen. Über Schulfreunde bin ich zur Apfelfront gekommen und habe mich darüber dann auch mit Mitteln der Satire sehr intensiv auseinandersetzen können und müssen, denn nur wenn man es richtig macht tut es auch weh. Und das will ja die Satire.

U: Hast du in deinem satirischen Engagement, insbesondere gegen Rechts, schon Reaktionen dieser Leute erfahren?

TR:     Ja, wir haben Reaktionen von Nazis erhalten, unter anderem auch von dem „Chef-Nazi“ Christian Worch, seines Zeichen Berufsrevolutionär, der damals schon in dem Film, dem berühmten Boskopismus-Film, ausgesagt hatte: „Ich tausche Äpfel gegen Äpfel“. Also er wollte sich mal mit uns unterhalten. Das haben wir Jahre später dann auch wahrgemacht, aber das ist eine andere Geschichte.

Holger Apfel hat uns sogar mal ein kleines Päckchen geschickt mit seinen Apfelschnäpschen. Damit hat er sich für die jahrelange Unterstützung bedankt, die wir ihm angedeihen haben lassen und dass wir doch seinen Namen in die Welt getragen haben. Leider stimmt das alles aber gar nicht. In Wahrheit haben wir Holger Apfel eingesetzt; das ist natürlich ein Fake-Name, so blöd kann man gar nicht heißen. Aber den haben wir ja schon vor ein paar Jahren abgezogen und zum Schnitzelbraten auf Mallorca geschickt.

U: Haben sie damit nicht auch Humor bewiesen?

TR:     Ja, das muss man zugeben. Also, in den sagen wir mal intellektuell höherrangigen Kreisen der NPD oder der Kameradschafts-Szene, gibt es so kleine Keimzellen von schlauem Witz oder sowas in der Art; zwar keinem guten Witz, denn der gute Witz kann auch immer nur der richtige Witz sein, aber auch das ist eine ganz andere Geschichte.

Die Leute haben auf ihre merkwürdige Art und Weise Witz bewiesen und uns sagt das gleichzeitig, dass wir in sie vordringen. Das ist festzuhalten: Wir sind nicht irgendwas für die, sondern wenigstens ein Kommentar wert.

U: Unabhängig vom Witz: Ihr habt versucht mit besagtem Christian Worch ins Gespräch zu kommen und eine Performance aufzuführen, das Ganze war getitelt: Ein Abend ohne Christian Worch. Kannst du uns das erklären?

TR:     Das war ein Projekt, das uns sehr am Herzen lag. Dabei ging es um das Angebot vom damaligen Kurator der Berlin Biennale, Artur Żmijewski, ein bekannter polnischer Medienkünstler. Er wollte eine sehr radikale Biennale machen und irgendwie hat er uns, also das Brimboria Institut, gefunden und fragte uns, ob wir nicht was zur Biennale beitragen könnten. Nun lag es nahe, nicht das übliche Prozedere abzuziehen, sondern schon tiefer in die Materie und das Material einzusteigen. Das Material was wir uns dazu auserkoren hatten, war dann tatsächlich Christian Worch, den wir als ready-made aufstellen wollten. Der sollte wirklich auf der Bühne sitzen und dort Christian Worch Sachen sagen.

Die Absicht dabei war, die Leute erstmal in Kontakt kommen zu lassen mit solchen Leuten, und zu schauen wie wirklich absurd, es in deren Köpfen zugeht. Gleichzeitig kann man daraus viel lernen. Also was uns auf da auf jeden Fall gelehrt wurde, war viereinhalb Stunden bei Christian Worch in der Küche zu sitzen, und sich mit ihm über den nationalen Widerstand und seine Bewegung auseinander zu setzen. Danach, fühlt man sich schlecht und dreckig, man will eigentlich duschen, aber ich glaube die Auseinandersetzung ist wichtig. Jetzt haben wir ja den Salat, plötzlich entäußert sich sowas wie eine völkische Bewegung auf den Straßen und keiner weiß so richtig wo kommt die denn jetzt plötzlich wieder her und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Als hätte man die ganze Zeit nicht davon wissen können.

Nun kam es aber so, dass die Kunstwerke, die ausrichtende Institution der Berlin Biennale gesagt hat: Nein, dieser Holocaustleugner, was er nachweislich ist, macht kein Schritt über unsere Schwelle. Das war der Aufhänger für die, die fühlten sich hintergangen, was so nicht stimmt. Es lag an deren personellen Diskontinuitäten und dann haben sie uns dann zwei Tage vorher quasi den Slot gecancelt und gesagt: Das könnt ihr schön woanders machen, aber nicht bei uns. Also da wurde dann das Erschrecken, wie das Kaninchen vor der Schlange, deutlich und zeigt uns immer noch eine gewisse Unsouveränität in Zusammenhang mit dem Thema.

Natürlich ist das ein schwieriges Feld: man muss sie nicht in die Talkshows lassen, aber in einem Kunstraum, einem Experimentierfeld und dafür sind Kunsträume eigentlich da, da geschehen die unerhörten Sachen. Kunst wäre da eigentlich ganz gut gewesen, aber das wollte man uns nicht zugestehen. [zündet sich zigarette an]

Stellungnahmen zum Vorfall: Kurator, Brimboria, Kunstwerke

U: Ein anderes Phänomen, das sich gerade (?) Bahn bricht, oder zumindest momentan viel Aufmerksamkeit bekommt, habt ihr mal in einem Kongress vor einigen Jahren besprochen, es geht um Fake und Fake-News.

TR:     Ah, Brimboria. Mit dem Brimboria Institut, veranstalteten wir, Überraschung, den Brimboria-Kongress zum Thema Fake. Der Kongress hatte den Zweck die Mittel des künstlerischen, des performativen Fakes zu untersuchen. Der Kongress war sehr breit gefasst und ging, wie gesagt, von künstlerischer bis politischer Beteiligung.

Wir haben verschiedene Leute aus den Feldern eingeladen und dort sprechen lassen und dieser Fachkongress hatte auch zum Ziel, die Möglichkeiten von Fake auszuloten. Schon damals haben wir feststellen müssen, dass es, wenn man sich die Geschichte des Fakes anguckt, dass es als ein Mittel oder Format schon immer sehr wirksam war. Das ist jetzt auch nichts Neues, dass nur durch die sozialen Netzwerke usw. ermöglicht wird, sondern es sind auch da gewisse Mittel einfach neu in neuen Kontext gesetzt worden.

Ein Beispiel:

In den achtziger Jahren gingen Flugblätter um, die davon berichteten, dass man sich für einen Atomschutzbunker mit seiner Familie bewerben kann, aber in der Stadt Bielefeld gäbe es nur 10.000 davon. Damit kann man dann eine Debatte auslösen in der Stadtgesellschaft, über Atomkraft zum Beispiel, das ist ein schönes Beispiel.

Sogar noch weiter in der Geschichte zurück findet wir so etwas. Friedrich Engels hat ja mit Fake-News gearbeitet, in dem er falsche Rezensionen vom Kapital geschrieben hat. Das Kapital kam raus, keiner wollte es lesen, also setzt sich Engels hin und schreibt Verrisse ohne Ende. Zwölf Stück wohl insgesamt, in dem er das Kapital völlig zerrissen hat. Daraufhin haben die Leute dann angefangen, sich das Kapital anzuschauen.

Das war schon eine Art Fake-News und da sehen wir, dass es nichts Neues ist, gleichwohl immer noch sehr wirksam.


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U: Worin sieht du dann den Unterschied zwischen solchen Fake-News und sagen wir, Satire-Nachrichten á la Postillon oder Titanic?

TR:     In der Absicht, in der Intention. Wenn Donald Trump jetzt jüngst die Nachricht teilt und auch unterstützt, wie 70.000 seiner Anhänger, dass Kuweit angeblich auch einen Muslimban eingeführt hat, dann muss man sich ja schon fragen, wozu? Das scheint wirklich ins Bild zu passen und stützt sozusagen die herrschende Meinung.

Wenn diese Fake-News eine andere ist, wenn sie sagt, es gibt gar keine Terroristen aus muslimischen Ländern, oder die größten Terroristen sind Christen, oder wie auch immer, dann würde das Donald Trump nicht teilen. Das könnte man ja alles in die Welt setzen.

Satire hat aber eine andere Intention und will immer die Herrschenden angreifen und nicht das Herrschende stützen. In dem Fall von Fake-News, wie wir sie heute verhandeln, sind das Fake-News von oben, wenn die Pressesprecherin oder die Weiße-Haus-Tante von Trump sagt, es gibt auch alternative Fakten usw. Dann sitzen die nun mal am längeren Hebel, dann sind das Fake-News von oben.

U: Es gibt doch aber auch Fake-News von unten, die darauf abzielen, Stimmung zu machen. Beispielsweise mit dem Selfie eines Geflüchteten, mit einem Bild von Betenden vor einer Kirche, denen angedichtet wurde, sie würden an die Kirche pinkeln. Solche Fake-News kommen „von unten“ und haben dennoch eine Zielrichtung, aber sie zielen darauf ab, gegen ein herrschendes System bzw. eine herrschende Meinung anzugehen. Wo siehst du den Unterschied, zu dem was du machst?

TR:     Da greifen diese Sachen auch. Wenn es um irgendwelche Nazis geht, die dann Twitter Nachrichten fälschen, die länger als 140 Zeichen sind und so, also leichte erkennbare Sachen, dann kritisieren die ja keine Herrschaft als solche, sondern die finden die derzeitige Herrschaft scheiße. Das ist so in etwa der Punkt. Meiner Ansicht nach müsste Satire grundsätzlich Herrschaft infrage stellen, sonst bleibt sie beliebig und sonst bleibt sie einfach nur Entertainment im demokratischen Zirkus.

U: Wie glaubst du, kann Satire Realität brechen und den Menschen einen Spiegel vorhalten? Oder sie dazu bringen, etwas zu erkennen, wovon ihr wollt, dass sie es erkennen.

TR:     Es ist immer schwierig dem Rezipienten, also dem Leser von Satire oder dem Zuschauer, das zu vermitteln, was man will. Man begibt sich auf ein Feld, auf dem man die Effekte nicht steuern kann. Es kann auch völlig anders gelesen werden, als man es selbst intendiert hat. Gleichzeitig hat Satire Effekte, gleichzeitig stellt Satire, wenn sie so ausgeführt wird, wie zum Beispiel mit der PARTEI, mittlerweile tatsächlich Mandate. Halten wir fest: Martin Sonneborn sitzt nun schon eine Weile im Parlament, auch wenn es nur das Europaparlament ist.

Wir müssen mal abwarten, welche Wirkung das für den Bundestagswahlkampf hat, aber grundsätzlich würde ich sagen Satire ist nicht völlig unwirksam. Klar, sie versichert sich oft auch der eigenen Zielgruppe, aber gleichzeitig kann sie auch darüber hinaus wachsen und sie hat den Vorteil, dass man sich eben auf Formen und Wegen betätigen kann, die dem üblichen Angang, den üblichen politischen Bohei, nicht ganz entsprechen. Und damit für Freaks und ausgestoßene aller Länder immer in einen schönen Hafen bilden.

U: Ist Satire dann nicht mittlerweile auch schon so weit in den Mainstream vorgedrungen, dass sich die Kritik am Herrschenden verliert? Denken wir zum Beispiel an die Heute Show oder Jan Böhmermann, die erfolgreich sind. Aber sie kritisieren nicht Herrschende und Herrschaft an sich.

TR:     Ja, das ist ein Unterschied, den man machen muss, auf jeden Fall. Also die Institution des Kabaretts beispielsweise, ist eine sehr alte, die auch heute noch von zigtausenden älteren Herrschaften gerne besucht wird, um sich ein bisschen über die da oben lustig zu machen. Oder nein, die anderen machen sich da lustig, die man dafür bezahlt, sich lustig zu machen über die da oben. Ein Witz über Politik und ein Witz über Herrschaft ist nicht zwangsläufig Satire. So wie wenn Dieter Nuhr sich hinsetzt und eine Show macht für Millionen; und dabei gewisse Sachen erzählt, wie es sich mit den Muslimen verhält oder nicht, dann ist das durchaus affirmativ was dort passiert. Also da muss man glaube ich einen Unterschied machen zwischen kritischen und affirmativen Späßchen sozusagen.
Dennoch, Olli Welke würde wahrscheinlich auch ganz vorne stehen in der Reihe derer, die erstmal an die Wand gestellt würden, wenn die Revolution kommt.


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U: Welche Ziele verfolgst du denn als Kandidat der PARTEI für den Bundestag in Leipzig? Mit der Kritik an Herrschaft verbindet sich da ja etwas, was sind also deine Ziele?

TR:      Also, da muss ich ja jetzt aus meiner Rolle raus, nicht? (Verlegenes Lachen). Immer dieses Elend mit der Rolle, aber euren Blog liest ja eh keiner, also deswegen… können wir hier ja machen was wir wollen. (lachen)

Wenn Leute Satire machen von links, also PARTEI Leute und sagen, wir wollen Wahlstimmen haben, von Leuten, die sonst andere Sachen wählen würden und den Zirkus weiter fortführen, dann sind das meist linke Stimmen. Nun, als linker Politiker, als der ich hier sitze, ist es ja nicht das Ziel diese Stimmen zu erhalten, das Ziel ist ja, rechte Stimmen, vom rechten Lager und vom konservativen Lager, abzugraben. Es kann doch nicht so schwer sein, deren Stimmen zu kriegen, denn, wenn man sich anschaut was die AfD da draußen so herum posaunt, oder was die CDU seit Jahrzehnten herum posaunt und alle anderen auch. Dann kann das ja nun nicht so schwer sein, ein paar Stimmen abzuziehen, von diesen, sagen wir eher konservativen oder gar rechten Parteien, und das wäre mein Anspruch an den demokratischen Wahlzirkus, dass ich darin progressive Kräfte fördere und nicht denen das Wasser abgrabe, sondern eben denen die noch weiter hinten, in der Entwicklung des Weltgeistes verhaftet sind.

U: Zwei Nachfragen: 1. Du verstehst die SPD als progressiv? Und 2. Mit dem Ziel rechten Parteien Stimmen abzugraben, bricht man damit nicht die Idee von Kritik an Herrschaft, denn ihr beteiligt euch ja am System?

TR:     Zum einen betrachte ich die SPD nicht unbedingt als progressiv. Zum anderen: Was ist mit der Kritik, was ist in der Kritik überhaupt möglich, wenn wir ganz gnadenlos wären, müssten wir uns sowieso fragen, was jegliche Tätigkeit überhaupt möglich machen kann, die außerhalb des geordneten Mainstreams funktioniert. Selbst die kann ja nicht viel machen, denn wir reden nicht ohne Grund schon seit Jahrzehnten von der Totalität der Verhältnisse und daher muss man aber auch sagen, bevor man verrückt wird, muss ich irgendwas machen; dann mach ich wenigstens Punkrock – so verstehe ich das.

Das kann man auch gerne vergleichen mit der sympathischen Gruppe KLF aus England damals, die einen Guide geschrieben hat, wie man mit einem simplen Popsong einen Nummer 1 Hit landet, eine Anleitung sozusagen. Die hatten dadurch tatsächlich 3-4 Nummer 1 Hits und haben Asche verdient und am Ende ihre verdiente Million rituell auf einem großen Feuerplatz verbrannt. Das ist am Ende auch nur ein Spektakel was man in die Geschichtsbücher schreiben kann, aber wenigstens hat man eine Position bezogen und vielleicht ist dann auch die Kunst ein Ausweg oder so.

Die Kunst ist, überhaupt noch außerhalb dieses Systems zu denken. Das ist schon die eigentliche große Schwierigkeit heutzutage. Dann kann man sich aussuchen, was man macht. Dann kann man bei der Telekom sitzen und telefonieren im Callcenter oder einen der ganzen anderen Scheißjobs, wenn man sich irgendwie durchwursten kann mit einer Nische, die man für sich klar gemacht hat, warum nicht?

U:  Welche Strategien verfolgt ihr bei Euren Aktionen, habt ihr Denker, Theorien auf die ihr euch bezieht?

TR:     Das ist ein wilder Mischmasch. Es setzt sich zusammen aus einem grundsätzlichen Verständnis des Gesellschaftlichen, kritischer Theorie, künstlerischer Werke, auch andere Performer, die ähnliches gemacht haben. Das sind Techniken, die man sich da anlernt. So konkret würde ich jetzt gar nicht mal sagen können dieses oder jenes. Was vielleicht eine gute Zusammenfassung ist: das Handbuch der Kommunikationsguerilla, sehr zu empfehlen. Perfekt als Nachtlektüre oder so, schöne Storys drin. Kann man viel von lernen und ist ganz praktisch und tatsächlich handhabbar. Dort sind verschiedene Möglichkeiten versammelt, wie man aus dieser Konsumentenhaltung heraus kommt, und tatsächlich anfängt selber Sachen umzusetzen. Also der Schritt ist meist nicht so groß, wie man denkt.

TR:     Wir sind Teil einer Pluralität was das angeht. Das habe ich immer betont, da wir als Apfelfront zum Beispiel ein sehr konkretes politisches Ziel verfolgt haben: Wir wollten Christian Worch aus der Stadt treiben, der jahrelang Leipzig heimgesucht hat – was auch funktioniert hat. Und dass ist der Pluralität der Bestrebungen in diesem, auch bürgerlichen Engagement, zu verdanken. In dem Moment ist es für diesen Zweck auch völlig in Ordnung, wenn die Gewerkschafter dort ihre Bockwurststände aufstellen, solange da 20.000 Leute stehen und diesen Marsch unmöglich machen. Damit ist das politisches Ziel erreicht. Das kann dann in anderen Situationen wieder ganz anders aussehen, da muss man dann vielleicht solche Bündnisse wieder aufkündigen. Wahrscheinlich, wenn es dann um die entscheidenden Sachen geht. Bis dahin verstehen wir uns als Teil dessen, aber auch als Individuen, die da ja individuelle Standpunkte haben, oder eben als Crew, als Gang oder als Band sich irgendwie einbringen.

U:  Was macht ihr in euren Engagement strategisch anders, als zum Beispiel die Identitäre Bewegung?

TR:     Wir lesen andere Bücher (grinst). Grundsätzlich nicht viel, es ja so, dass die Identitäre Bewegung nicht wenig an Strategien usw. einer künstlerischen oder einer linken Geschichte entlehnt hat. Die machen jetzt also auf Jugendkultur und auf seriös, und sind eben nicht völlig ab von jedem Schuss, wie damals vielleicht die Skinheadbande aus Parchim. Gegen die kommen die Identitären ja als junge, vernünftige Menschen daher. Wie auch die AfD, es sind ja eher die Anzugträger vor denen man sich immer so gefürchtet hat, die die NPD zum Glück nie so hervorgebracht hat. Also, die hatte auch Anzugträger, aber die hatten allen einen ziemlichen Hau. Auch persönlich, und das war immer sehr leicht zu entlarven. Bei den Identitären sehe da schon Ähnlichkeiten in den Methoden usw. Auch die Geschichte auf dem Berliner Brandenburger Tor, das haben vor 50 Jahren Greenpeace Leute auch schon gemacht; die bedienen sich dieser Mittel und natürlich wirken die auch in die andere Richtung. Die Mittel und Formen sind ja immer neutral, die können so oder so genutzt werden, also daher, klar, es gibt schon große Ähnlichkeiten in der Form.

U: Tragt ihr als Satiriker dann nicht auch zur Entleerung von Politik bei? Es gibt ja einerseits die Populisten, wie Trump und AfD und auf der anderen ihr, aber ihr tragt auch nichts substanzielles zum politischen Prozess bei, oder?

TR:     Nein, ich denke, dass die Entleerung bereits vollständig vollzogen ist auf sprachlicher Ebene. Es geht eigentlich eher schon um Neubesetzung, da, um neue Inhalte beizutragen, muss man wahrscheinlich auch eine neue Sprache finden. Andererseits sind die Inhalte ja genauso gleich, denn es geht um den nationalen Standort und dann nimmt sich die CDU nicht viel von Der Linken. Was klar ist: Satire reagiert immer auf das Bestehende, es ist eine Reaktion, ist grundsätzlich destruktiv, sie zerstört was da ist.


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U: Wie sieht du bspw. Satireparteien, wie die in Italien von Beppe Grillo, die nun auch eine politische Größe ist. Damit ist sie ja nicht mehr destruktiv.

TR:     Genau, sie ist affirmativ geworden und könnte auch eine Partei von Dieter Nuhr sein. Da waren wir ja schon vorhin, dass wir feststellen mussten, dass es zwei Sorten gibt oder zumindest unterschiedliche Intentionen. Zwei grundverschiedene Intention, ob das dann im Effekt einen Unterschied macht, ist nochmal eine andere Sache. Aber von der Intention her, ob die sich jetzt den Staat als ihr Anliegen hernehmen oder eben nicht, dass macht den Unterschied. Vom Effekt leider nicht so viel.

Tom Rodig, DIE PARTEI; Foto-Credits: Lisa Steindl

U: Wie wird denn euer Wahlkampf als PARTEI aussehen und was tust du, wenn du wirklich dieses Mandat gewinnen solltest, darüber hast du sicher schon mit deinem Chef gesprochen?

TR:     (lacht, nimmt einen Schluck aus der Bierflasche). Ich würde natürlich sofort das Mandat ablehnen und meiner lieben Mutti zur Verfügung stellen, weil sie dafür verantwortlich ist, dass ich heute so bin wie ich bin. Wahrscheinlich würde ich damit nichts anfangen.

U:  Du würdest es aber erstmal annehmen?

TR:     Nicht persönlich, aber es ist genauso geplant, wie es auf europäischer Ebene geplant war. Mal so ganz aus der Hüfte geschüttelt.

U: Kann ich dann dein Büroleiter werden? Das klingt nach viel Spaß…

TR:     (lacht) Gerne. Das kommt natürlich dazu, dass ich meine persönlichen Bundestagsschreiberlinge und Bundestagstischler usw. anstellen könnte. Also da fließen Gelder ohne Ende, die würden wir auch abgreifen. Take the money and run ist für uns nicht irgend so ein Spruch.

U: Wie hat sich durch den Wahlerfolg der PARTEI auf europäischer Ebene, Martin Sonneborn sitzt jetzt im Europäischen Parlament, euch ermöglicht, mehr und subversiver Satire zu betreiben?

TR:     Ja, es fließt Geld, was die PARTEI immer gut findet, weil dadurch sich eben ihre Bühne vergrößert. Sie erhält auch mehr Aufmerksamkeit, jetzt noch mal durch die Entwicklung des Jahres, d.h. da Serdar Sumuncu Kanzlerkandidat der PARTEI ist. Der ist einfach eine Größe, da der Typ in Talkshows sitzt. Das ist unbestreitbar, der ist eine bekannte Nummer, ein bekanntes Gesicht, der Quotentürke schlechthin. Dadurch wird das was wir machen bekannter, was erst mal für die Satire nichts Schlechtes heißen muss oder für die Möglichkeiten gute Satire zu machen. Denn grundsätzlich brauchen wir immer ein Publikum und wenn das Publikum leicht erreichbar ist, dann würde ich das schon als guten Effekt von solchen Europa-Geschichten bezeichnen. Damit wird auch deutlich dass es halt geht, meines Wissens ist es auch der einzige Satiriker der im Europaparlament sitzt. Sieht man mal von Nigel Farage ab (allgemeines Gelächter). Die einzige Witzfigur dort.

Die PARTEI aber betreibt ernsthafte Politik, die anderen sind die eigentlichen Spaß-Parteien. Es ist ja grundsätzlich nicht so, dass Satiriker ganz schlechte Politiker wären. Das ist zwar persönlich nicht mein Ziel, aber vielleicht schafft es ja der Serdar in den Bundestag. Wir wissen es nicht und was er dort machen kann, ist auch begrenzt.

U: Im Rahmen deines Engagements bist du auch schon angeklagt worden. Es gab einen Prozess und einen zweiten, das Berufungsverfahren und ein Urteil. Kannst du noch kurz erläutern, worum es ging und was dabei herauskam?

TR:     Ganz allgemein gesagt ging es um eine Demonstration in Leipzig vom PEGIDA Ableger, der hier LEGIDA heißt. Dort hatten sich ein paar hundert Legidisten zusammengefunden und wiederum ein paar hundert Gegendemonstranten. Unter denen war auch ich, allerdings war ich in Zivil unterwegs und nicht als Apfelfrontler wohl gemerkt. Ich bin dort mit einem befreundeten Filmemacher unterwegs gewesen, der ein paar Aufnahmen machen wollte. Dann gab es außerhalb unserer direkten Nähe ein Gerangel. Eine halbe Stunde später wurde ich von einer Polizistin aufgegriffen, die meinte ich hätte da was mit einer Tat zu tun. Es ging um eine Körperverletzung gegen eine Polizeibeamtin. Und diese Beamtin stellte dann meine Personalien fest und nicht lange danach, halbes Jahr hat’s gedauert, kam dann ein Brief von der Staatsanwaltschaft: ein Strafbefehl wegen Körperverletzung, nur aufgrund einer Aussage, nämlich der geschädigten Polizistin.

Ich war es nicht, das kann ich hiermit schon mal ganz ehrlich festhalten. Der Vorgang hat uns aber grundsätzlich mal wieder aufgezeigt, wie gefärbt doch mancher Ortens die Verfolgung ist. Es ist schwierig zu sagen: die Staatsanwältin und die Richterin im ersten Prozess waren schon Stein und Bein davon überzeugt, dass ich es war. Die Wahrheit ist schon damals eine andere gewesen. Diese Damen haben aber gegen mich entschieden.

Zum Glück gab es die Möglichkeit der Berufung, die dann alles abgeschmettert hat. Es zeigt auch wie angespannt die Lage damals schon war. Es wurde sogar darauf verwiesen, dass Demonstranten eben nicht die Polizei anzugreifen haben. Persönlich finde ich das auch keinen guten Stil, Polizisten in den Rücken zu treten, so wie es da geschehen sein muss, zwar nicht durch mich, aber eben durch andere Personen. Am Ende hatte ich Glück, es kam zum Freispruch, auf Grund nochmaliger sehr detailgenau Wiedergaben aller Vorgänge. In diesem Zusammenhang gab es dann auch die verheerend schlechte Aussage der Hauptbelastungszeugin. Sonst wäre ich da nicht rausgekommen, der Richterin wurde nachgesagt, dass sie sonst nicht freispricht.

Also da muss man tatsächlich aufpassen, ich rate allen grundsätzlich und immer nur in Anzügen oder anderen Verkleidung auf Demos unterwegs zu sein und nicht so wie ich, mit Jogginghose und einer schwarzen Northfacejacke, dann sieht man nämlich aus wie alle anderen und dann erkennen ein vermeintlich die Polizisten wieder.

U: Hatte dieses Ereignis Einfluss auf dein Engagement?

TR:     Was die Demos dort anging schon. Das hat mich schon gedämpft, ich bin seit dem nicht mehr auf folgende Gegendemos gegangen. Ich hatte mich auch Wochen vor diesem Vorfall an einer Blockade beteiligt, was ich sonst auch nicht so mache, aber da hatte sich die Gelegenheit ergeben.

Genau, danach habe ich mich natürlich tunlichst davon ferngehalten, um mein Kerbholz nicht noch mehr zu vergrößern; insgesamt hatte das gewissermaßen schon einen repressiven Effekt. So werden aber wahrscheinlich auch systematisch Leute eingehegt in ihrem politischen Engagement, oder was dann eben für den Staat kein politisches Engagement, sondern dann nur noch Gewalttäterei ist.

U: Das hat dich nun aber nicht davon abgehalten, dich für den Bundestag aufstellen zu lassen.

TR:     Richtig, ich wähle mir also Formen, wo ich ganz gemütlich in meinem Büro sitzen kann und Leuten Interviews gebe, anstatt draußen auf der Straße mein Kopf hinzuhalten. Nein, aber das wird natürlich auch noch kommen, da haben wir noch einiges in petto – unsere Planungsgremien sitzen bereits zusammen. Intensiv, Tag und Nacht arbeiten sie einen detaillierten Plan aus, der in Kürze in Effekt treten wird.

U: Dann wünschen wir für den Wahlkampf viel Erfolg und vor allem: Viel Spaß! Vielen Dank für das Gespräch.

TR:     Vielen Dank fürs Gespräch.

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