Predicitve Policing #4 – Die Near-Repeat-Hypothese

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Diese Artikelreihe soll ein möglichst umfangreiches Bild von Predicitve Policing präsentieren. Nachdem wir uns in den ersten beiden Teilen generell Predicitve Policing und seiner Geschichte bzw. Vorläufern gewidmet haben, ging es im dritten Teil um das erste wissenschaftliche Konzept, das hinter Predictive Policing steht, die Broken-Windwos-Theorie. Allerdings ist das nur eine der Theorien, die beweisen soll, dass Predictive Policing funktioniert. Eine zweite ist die Near-Repeat-Hypothese. Um diese soll es heute gehen.

Aufs wesentliche reduziert sagt die Near Repeat Hypothese (NRH), dass bei einer Straftat in einem Gebiet die Wahrscheinlichkeit in diesem für Folgetaten steigt.

Die NRH ist schon seit einiger Zeit im kriminalistischen Denken verankert. Besonders einflussreich war die Studie von Townsley aus dem Jahr 2003, da sie eine der frühesten Studien zum Thema ist und die Debatte, auch aufgrund ihrer Qualität, geprägt hat. Außerdem kann mit dieser Studie die Hypothese gut illustriert werden. Diese Studie untersucht eine Polizeidivision im Südosten von Queensland (Australien). Ziel der Studie war es, herauszufinden, ob die Einbruchsgefahr für Häuser ansteigt, wenn in der direkten Nachbarschaft in ähnliche Häuser bereits eingebrochen wurde und wenn ja, ob das erhöhte Risiko wieder sinkt, nach einen gewissen Zeitraum.

„Ansteckung“ nach Einbrüchen

Zwei Konzepte liegen der Untersuchung zugrunde: das der homogenen Gebiete (homogenous areas) und das des Viktimisierungs-Ansteckungsprozesses (contagion process of vicitimization). Das erste Konzept besagt, dass Häuser bzw. Wohnungen mit einem ähnlichen Level an sichtbaren Sicherheitsvorkehrungen insgesamt gesehen auch häufiger Ziel von Einbrüchen werden. In anderen Worten wird davon ausgegangen, dass in Vergleichsgruppen (also z.B. zwei Stadtteile mit Häusern, die relativ gut geschützt sind) immer die Gruppe eine höhere Wahrscheinlichkeit für Folgeeinbrüche zu verzeichnen hat, die ähnlicher ist.

Die zweite These besagt, dass eine ‚Ansteckung’ stattfinden kann und die Gefahr Opfer eines  Einbruchs zu werden  steigt, wenn es in der Nachbarschaft Fälle von wiederholtem Einbruch gibt.

Methodisch lässt sich zur Studie von Townsley sagen, dass sie sich einem Modell aus der Infektologie und damit der Medizin bedient, welches vom US-Amerikaner E. G. Knox (1963) entwickelt wurde.  In aller Kürze besagt das Modell, dass jeder Fall von Infektion (bzw. im angewandten Fall jeder Einbruch) mit jedem anderen in Verbindung gebracht wird, sodass aus einer Anzahl N von Infektionen (Einbrüchen) N(N-1)/2 unterschiedliche Paare entstehen. Diese Fälle wurden im zweiten Schritt in eine Kontingenztabelle mit vier Feldern eingeordnet – jeweils nach Distanz (nah und fern voneinander entfernt) sowie Zeit (kurz hintereinander bzw. langer Zeitraum dazwischen). Die Fälle, die wiederum kurz hintereinander UND räumlich eng beieinander geschahen, wurden mit der Zahl verglichen, die statistisch erwartbar schien. Das Resultat war, dass durch diese Methode klare Hinweise gefunden wurden, die die NRH bestätigen. Die Zahlen der Studie waren deutlich höher als es statistisch hätte der Fall sein sollen.

NRH_Tabelle
Quelle: Habermann/Ratcliffe 2011

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Cory Habermann und Jerry Ratcliffe haben dieses Vorgehen in einer Studie von 2012 auf Gewaltverbrechen ausgedehnt, indem sie bewaffnete Überfälle in Philadelphia untersuchten. Sie sind damit einige der wenigen Autor*innen, die versuchen die NRH auch auf andere Verbrechen als Einbrüche auszudehnen. Sie konnten dabei feststellen, dass sich auch hier die NRH bestätigte. Ihre Berechnungen zeigen, dass in einem Areal von einem bis vierhundert Fuß (ca. 122m) innerhalb der Ersttat in den ersten sieben Tagen die Wahrscheinlichkeit für eine Wiederholungstat um achtzig Prozent steigt.

Wie gut ist die Near-Repeat-Hypothese?

Wie lassen sich diese scheinbar schlagenden Beweise der These einschätzen? Sollte sich die These als korrekt herausstellen, wäre es ein wichtiger Hinweis darauf, dass es etwas bringt,

Auffällig ist, dass es sich bei allen Studien nur um sehr begrenzte Arten von Kriminalität handelt. In den allermeisten Fällen geht es um Wohnungseinbrüche, selten bis nie  um Gewaltverbrechen. Auch ist, die von Haberman und Ratcliffe selbst angesprochene Problematik der kurzen Gültigkeitsdauer der Befunde nicht zu unterschätzen. Die beobachteten kurzen Spannen zwischen erstem Einbruch und Folgeeinbrüchen stellen die normale Polizeiarbeit vor ungeheure Probleme bezüglich Flexibilität und Entscheidungsstruktur.

Zuguterletzt sollte nicht vergessen werden, dass Musterbildung auf der einen Seite (in diesem Falle der Polizei), schnell zu Reaktionen auf der anderen Seite führen kann. Statistische Muster können nur so lange ausgenutzt werden, wie sie die Realität widerspiegeln und sollten organisierte Kriminelle plötzlich auf die Idee kommen, nach einem ersten Einbruch den Stadtteil oder zumindest die Art des Hauses bewusst zu wechseln, so wäre das statistische Muster darauf nicht vorbereitet. Im Gegenteil wäre es sogar möglich, dass Polizeikapazitäten an der scheinbar richtigen, da statistisch ermittelten, Stelle gebunden sind, während anderswo Einbrüche straffrei von statten gehen können, da die betroffenen Gebiete von der Polizei nicht angemessen berücksichtigt werden können.

Die zweite vorgestellte Grundannahme von Predicitve Policing erscheint also um einiges stichhaltiger zu sein, als die Broken-Windows-Theorie. Nichtsdestotrotz sollten auch hier die Schwäche nicht vergessen werden. In der nächsten Folge unsere Reihe zu Predicitve Policing widmen wir uns dann dem dritten und letzten Bestandteil der Theorie hinter der Praxis – dem Routine-Activity-Ansatz.


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