Israel. Traum und Wirklichkeit.

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Es erscheinen noch immer Bücher, die die Geschichte Israels erzählen. Wirklich. Meist hören wir nicht viel neues, Michael Brenners Buch Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates erschien nun in einer 2. Auflage. Grund genug für uns, einmal genauer hinzuschauen: Ist Brenners Buch ein alter Hut, oder hat der Autor etwas Neues zu erzählen? Eine Rezension von Sebastian Kunze.

Michael Brenner ist ein Kenner der Materie, als Professor für jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Brenner ist in den Jüdischen Studien in Deutschland ein etablierter und anerkannter Wissenschaftler; gleichzeitig ist er ein regelmäßiger Autor für den C.H.Beck Verlag. Er publizierte unter anderem die eingängige kleine Geschichte des Zionismus, aber auch anspruchsvollere Werke wie Die Propheten des Vergangenen.

In seinem aktuellem Buch Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates. erzählt Brenner die Geschichte Israels. Dabei formuliert der Autor explizit ein anderes Programm als es den zahlreichen Einführungen zu Israel zugrunde liegt: Er möchte nicht von den „äußeren Bedrohungen Israels und all seinen inneren Konflikten“ (22) erzählen, sondern – das deutet der Untertitel des Buches schon an – von den Ideen und Visionen der Denker des Zionismus und der Verwirklichung dieser Träume. „Die Umsetzung der Gründerträume in die Realität und die Aufgabe der Realität für neue Träume gaben Raum für Konflikte und Widersprüche, die bis heute die israelische Gesellschaft spalten und ihr Bild nach außen prägen.“ (22) Davon möchte das Buch erzählen.

In den ersten beiden Kapiteln rekonstruiert Brenner die Entstehungsbedingungen der zionistischen Idee in West- sowie Ost- und Mitteleuropa. Diese Beschreibung sticht nicht nur durch seine Qualität hervor, sondern auch durch seine differenzierte Beschreibung, die bei ähnlichen Publikationen in der Regel vermisst wird. Obwohl sein Hauptaugenmerk auf den Strömungen des politischen und kulturellen Zionismus liegt, bleiben die sozialistischen, revisionistischen und praktischen Ansätze nicht unerwähnt.


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In den sich anschließenden Kapiteln geht Brenner zwar chronologisch vor, doch merkt der Leser dies kaum, da der Autor es versteht, Geschichten zu erzählen und sich auf Debatten, Ideen und Diskurse zu konzentrieren, statt ausschließlich auf schnöde politikgeschichtliche Fakten. Dies gibt dem Buch Tiefe und macht einen Großteil des Lesevergnügen aus. Auf diese Art und Weise geht Michael Brenner nun durch die israelische Geschichte und erzählt vom Krieg 1948, der die Unabhängigkeit Israels sicherte. Er erzählt vom Kriegserfolg 1968 und dem Trauma des Krieges 1973.

Schließlich, und damit kommen wir am Ende des Buches wieder auf seine ungewöhnliche Perspektive zu sprechen, berichtet Brenner vom globalen Israel. Dabei konzentriert er sich vor allem auf das Verhältnis zwischen Israel und seinen Expatriates, also der israelischen Diaspora. Vom Beispiel u.a. der Berliner Israelis entspannt Brenner eine Diskussion über die Beziehung von zionistischer Idee bzw. Ideologie, der Negierung der Diaspora und den faktischen israelischen Exilgemeinden. Brenner verbleibt hier nicht, wie schon zuvor in seinem Buch, bei einer Politikgeschichte, sondern bringt israelische und jüdische Denker in einen Dialog. Darunter sind Persönlichkeiten wie A.B. Yehoshua, George Steiner, Daniel Boyarin, Tony Judt, Eva Illouz, Avraham Burg und weitere. Die (re)konstruierten Diskussionen machen das Buch insgesamt sehr lesenswert und sind wohl der Grund dafür, dass viele Rezensenten es als Ideengeschichte beschrieben haben.

Mit den polarisierenden Beispielen von Tel Aviv und Jerusalem beendet Brenner sein Buch. Glücklicherweise versteht er es, die zuvor konstruierte Polarität aufzubrechen und sich so einer Stereotypisierung der israelischen Gesellschaft zu entziehen. Er zeigt damit viel mehr die Polarisierung der israelischen Gesellschaft und bringt Leser dazu, über Tel Aviv und Jerusalem hinaus zu denken.


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Gestützt auf seine Kenntnisse der israelischen Geschichte und einen großen Korpus an Literatur versteht es Michael Brenner die israelische Geschichte souverän zu erzählen und neben der bekannten offiziellen Geschichte, für die Diskussion, Ideen und Kritiker Platz zu schaffen. Selbst Kenner der einführenden Literaturen und auch der Fachliteratur entdecken in diesem Buch noch Interessante Details und Geschichten. Michael Brenner schreibt eine spannende Geschichte intellektueller Perspektiven auf die israelische Geschichte. Diese Zusammenstellungen zu lesen, macht richtig Spaß.

Dieses Buch von Michael Brenner steht aber nicht allein. Denkt man an die Einführung Ari Shavits zur israelischen Geschichte sieht man den Weg, den Brenner einschlägt noch deutlicher. Während Shavit sich offen chronologisch an der Politikgeschichte abarbeitet – und dies tut er wunderbar, auch dank seine erzählerischen Episoden und reportagenhaften Beispiele – geht Brenner eher verdeckt chronologisch und ‚ideengeschichtlich’ vor. Diese beiden Bücher in Kombination zu lesen gibt dem Leser einen hervorragenden Einblick in die israelische Geschichte und Gesellschaft sowie ihrer Debatten.

Nachdem ich den Titel las, habe ich zwar etwas Anderes erwartet, doch seinem eigenen Anspruch konnte Michael Brenner meines Erachtens einlösen. Brenner lässt die Ideen und Visionen eines jüdischen Staates immer wieder wunderbar entstehen, um sie mit der israelischen Wirklichkeit abzugleichen. Israel wird mit all seiner Komplexität und seinen produktiven Begleiterscheinungen vorgestellt. So fällt denn auch sein eigenes Fazit aus: „Israel ist nicht das utopische Siebenstundenland, von dem Theodor Herzl träumte, und auch nicht der neue Nahe Osten, den Shimon Peres erstrebte, es ist weder zum Kanaan geworden, das mit der jüdischen Tradition bricht, noch zum Zion, das sich als religiöser Staat definiert. Das Israel von heute ist ein bisschen von alledem geworden.“ (242)

Insgesamt kann ich am Thema Interessierten nur raten, sich dieses Buch vorzunehmen, und es gründlich zu lesen. Es hält viel bereit für den Lesenden und ich bin mir ziemlich sicher, dass es für fast jeden etwas Neues bereithält.

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© C.H. Beck Verlag

Michael Brenner: Israel – Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates von Theodor Herzl bis heute. 2. Auflage 2017, 288 Seiten, ISBN: 978-3-406-68822-5

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