Unter Weißen – Was es heißt, privilegiert zu sein

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„Mohamed hat es geschafft – im Land der Weißen.“ Dieser Satz, gesprochen von der Mutter des Autors bringt den Ausgangspunkt des Buches ‚Unter Weißen – Was es heißt privilegiert zu sein’ hervorragend auf den Punkt. Trotz aller Unwägbarkeiten, trotz allem Rassismus, trotz aller ungünstiger Strukturen ist Mohamed Amjahid Journalist beim Zeit Magazin.

Wieso dieser Umstand ein Buch rechtfertigt? Weil Amjahid marokkanische Eltern und keine weiße Haut hat. Amjahid greift auf knapp 200 Seiten viele Begebenheiten auf die ihm in seinem bisherigen Leben widerfuhren. Dabei dienen diese Anekdoten weniger der Unterhaltung (oder viel mehr Empörung), sondern sind Türöffner für die harten Themen über die der Autor eigentlich sprechen möchte: Rassismus, Leben als Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft, Kolonialismus, Eurozentrismus.

Mo Amjahid 30.08.2016 © Goetz schleser
Mohamed Amjahid, 1988 in Frankfurt a. M. geboren, politischer Reporter & Redakteur beim Zeit Magazin. Er lebt in Berlin.
© Götz Schleser

Mohamed Amjahid, 1988 in Frankfurt am Main geboren, erlebte den ersten Teil seiner Kindheit am Main, die Zeit bis zum Abitur in Marokko. Danach kam er zurück nach Deutschland, studierte in Berlin Politikwissenschaften, arbeitete für den Tagesspiegel und andere Medienhäuser und nun beim Zeit Magazin. Hinzu kommen diverse Reisen und Auslandsaufenthalte. Der Mann ist also rumgekommen in der Welt und hat einiges zu berichten.

Sein akademischer Hintergrund zeigt sich dann auch als der große Vorteil dieses Buches. Er ermöglicht Amjahid, die Diskriminierungsmuster unserer Gesellschaft klar zu benennen und zu verstehen. Seine Arbeit als Journalist demgegenüber hat ihn gelehrt, diese Inhalte und die dahinter liegenden Theorien in einer Sprache aufzuschreiben, die auch jemand ohne Abschluss in Sozialwissenschaften versteht.


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Jedes der zwölf Kapitel könnte dabei auch einen anderen Titel tragen; greifen wir einfach mal das vierte heraus. Im Original heißt dieses „Aber Roberto Blanco hat gesagt…“? Mein (nicht ganz ernst gemeinter) Alternativvorschlag wäre „Muster der Integration, Überidentifizierung & Tokenismus“. Toll, oder? Immerhin sagt diese Überschrift aus, worum es im Kapitel geht. Allein, niemand versteht sie. Mohamed Amjahid hingegen nutzt knackige Überschriften und Anekdoten, die exemplarisch für ein komplexes Problem stehen: In diesem Fall geht es letztendlich um Menschen mit Migrationshintergrund, die die scharfe Abgrenzung zu anderen Migrant*innen als Integrationsstrategie gewählt haben – und von der Mehrheitsgesellschaft als ‚Token‘ genutzt werden:

„Wenn der Türke schon sagt, dass der Islam frauenmissachtend ist, MUSS es ja stimmen.“

Auf diese Art und Weise hat jedes Kapitel sein implizites Thema. Zu Beginn legt Amjahid die Beweggründe dar, die ihn zum Schreiben dieses Buches veranlasst haben. Kapitel 2 handelt dann von ‚Othering‘, also der Andersmachung von Menschen, die nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören. So setzt sich das dann fort und deckt nahezu alle Themen ab, die in der aktuellen Debatte um Islam und Migration so wichtig sind, aber viel zu selten zur Sprache kommen: die Wirkmacht von Sprache & Sprachpolitik, der bereits erwähnte Tokenismus, Staatsbürgerschaft, Paternalismus, Eurozentrismus, Konkurrenz zwischen Minderheiten, Rassismus in Europa, (Post-)Kolonialismus und wie dieser, die Gesellschaften sowohl der ehemals kolonialisierten Länder, als auch die der Kolonisator*innen nachhaltig prägt.  Auch die „White Supremacy“-Ideologie, also die rassistischen Vorstellung, dass die weiße „Rasse“ als solche existiere und darüber hinaus die am höchsten stehende wäre, findet Eingang.

Amjahid macht auf diesem Parforceritt durch die Abgründe der Gesellschaft vieles richtig. Gerade in Zeiten, in denen Bücher vom rechtsextremen Kopp-Verlag oder islamophobe und ausländerfeindliche Pamphlete die Bestsellerlisten stürmen, sind Gegengewichte unverzichtbar. Mohamed Amjahids ‚Unter Weißen‘ ist so ein Gegengewicht. Es zeigt Perspektiven auf, die sonst schlicht nicht berücksichtigt werden. Es erklärt komplexe sozialwissenschaftliche Theorien, sodass es auch die breite Masse verstehen kann. Und es ist angemessen moralisch, ohne oberlehrerhaft zu wirken.

Natürlich ließe sich einwenden, dass das Buch ja nur auf Anekdoten basiert. Es liefert keine Zahlen, keine belastbaren Statistiken. Wäre das Buch von einem oder einer rechten Autor*in geschrieben worden, wäre dies sicher als Kritikpunkt eingebracht worden. Der kann ja viel erzählen, sind doch alles nur Einzelfälle, persönliches Erleben, vielleicht ist er ja auch nur zu empfindlich?!  Aber darum geht es hier nicht. Das Buch will keine möglichst genaue Vermessung der Gesellschaft sein. Stattdessen geht es darum, Strukturen und Trends innerhalb der Gesellschaft zu identifizieren. Der Autor möchte die vielen Formen von Rassismus und weißem Überlegenheitsgefühl aufzeigen und dies gelingt ihm auf hervorragende Art und Weise.


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Seine wenigen schwachen Momente hat das Buch am ehesten dann, wenn der Autor der Versuchung erliegt, über die Beweggründe anderer zu spekulieren. Am auffälligsten ist das im Abschnitt über Rassismus in der LGBTQ-Community, wenn er diesen Rassismus als ‚Überlebensstrategie‘ gegenüber der Mehrheitsgesellschaft deutet. Außer Acht lassend, dass auch queere Menschen evtl. einfach nur Rassist*innen sein können – ohne tiefergreifende Erklärung. Wieso ein queerer Mensch nicht aus den gleichen Gründen rassistisch sein soll wie ein heterosexueller Mensch, nur, weil er queer ist, erhellt sich mir nicht. Hier hätte es dem Buch wohl gutgetan, wenn der Autor einfach mit entsprechenden Leuten gesprochen und damit das umgesetzt hätte, was er sonst fordert.

Allerdings fallen diese Kritikpunkte wenig ins Gewicht. Das Buch ist enorm wichtig, es ist meinungsstark, unterhaltsam, regt zum Nachdenken an und bezieht eindeutig Position. Kurzum: Es ist ein wichtiges Buch.

Zum Schluss bleibt nur noch die bittere Ironie zu bemerken, dass Momahed Amjahids erstes Buch eines über Rassismus ist. Ich kann mir vorstellen, dass er gern auch über viele andere Themen geschrieben hätte. An dieser Stelle wird deutlich, was Amjahid meint, wenn er von Privilegien redet. Ein*e weiße*r Autor*in wird in den seltensten Fällen sein oder ihr erstes Buch über seine oder ihre Herkunft und Rassismus schreiben (müssen).


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Mohamed Amjahid, ‚Unter Weißen – Was es heißt, privilegiert zu sein‘, erschienen im Hanser Berlin Verlag, 192 Seiten, 16,00€


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3 KOMMENTARE

  1. Hallo,

    mir hat das Buch ausserordentlich gut gefallen. Ich habe es mir am Abend der Lesung gekauft und es nach zwei Tages schon durchgelesen. Das Buch war sehr verständlich geschrieben und leicht zu lesen. Da ich den Autor privat kenne war das Buch für mich noch mal eine ganz andere Erfahrung, denn obwohl wir damals zusammen wohnten, erzählte mir oft gewisse rassistische Ereignisse gar nicht, er war wie im Buch beschrieben einfach entnervt.

    Sehr gut, finde ich auch, dass mir das Buch sehr oft den Spiegel vorgehalten hat und mir hilft eigene rassistische Äusserungen und Denkweisen zu reflektieren bzw. abzustellen.

    Ich arbeitete letztes Jahr beruflich viel in einer Flüchtlingsunterkunft. Die da erlebten Ereignisse von Gewalt, Missmut und pädagogischer Vernachlässigung haben mich bis ins Mark zum Nachdenken angeregt. Ich denke, dass die Verfehlungen bei des enormen Zustroms von 2015, in Betreuung, Integration und Versorgung gemacht worden sind uns irgendwann noch einmal auf die Füsse fallen werden (fehlende Schulplätze, lange Wartefristen, Verwahrlosung, bedrückende Langeweile usw.). Zurück zum Thema. Ich beendete vor allem deswegen meine Arbeit dort, um diese Ereignisse zu verarbeiten und mich mit meinen eigenen Ressentiments, die sich immer mehr in mir breit machten, hart ins Gericht zu gehen und diese zu reflektieren. Ganz besonders der starke Rassismus unter den Flüchtlingen machte mir schwer zu schaffen, auch auf dieses Thema geht M. Amjahid in seinem Buch sehr gut ein.

    Ein sehr gelungenes Buch und das perfekte Geschenk für meine weißen Freunden 😉

    • Vielen Dank M.H.17 für deine offenen und selbstkritischen Worte. Schön, dass dir das Buch gefällt, für mich persönlich war es auch sehr interessant, den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Deshalb werde ich auch persönlich das Buch verschenken.
      Wir wäre es denn, wenn du über deine Erfahrungen und deine Reflektionsphase einen kurzen Bericht schreibst? Für andere Leser_innen von undogmatisch könnte dies sehr spannend sein. Viele Grüße aus der undogmatisch Redaktion,
      Sebastian.

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