Ein Blick zurück in die Zukunft

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Es ist kurz nach der Jahrhundertwende, der kulturelle Verfall der eigenen Gesellschaft scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. Es steht überall: in Zeitungen, Zeitschriften und in Büchern. Das Abendland wird untergehen, die deutsche Kultur verfällt. Was kann man da noch machen? Sebastian Kunze macht sich Gedanken

Es gibt allerdings auch eine andere Bewegung. Es sind junge Menschen, die experimentieren mit allem, was modern ist. Ihre Literatur, Kunst und politischen Ansichten erscheinen radikal. Sie fallen mit ihrem Kleidungsstil auf und wollen provozieren. Ihre Literatur ist nicht mehr melodisch und schön, sondern spricht vom Individuum und der Sinnlosigkeit der Zeit. Sie brechen thematische Tabus, wie Gewalt in der Ehe, Sex, Inzest, Mord und so weiter.

In dieser Zeit verändert sich aber noch mehr. Die Arbeitswelt wandelt sich: Alles ist technisierter, immer mehr Maschinen ersetzen Menschen und die Industrialisierung schreitet immer weiter fort. Damit verstärkt sich außerdem die Entfremdung gegenüber der eigenen Arbeit und zu guter Letzt rebellieren Frauen gegen die patriarchalen Strukturen. Sie fordern weitgehende Emanzipation, man solle sie ernst nehmen und verlangen besseren Zugang zu Arbeit und Anerkennung in der Gesellschaft.

Haben Sie die beschriebene Epoche erkannt? Sind sie sich nicht ganz sicher, ob ich über heute, über den Jahreswechsel zum Jahr 2000 spreche oder über eine ganz andere Zeit? Ich denke, diese Zeiten haben mehr gemeinsam als man denkt. Erst einmal darauf hingewiesen, lassen sich plötzlich erstaunlich viele Parallelen zwischen den Jahrhundertwechseln um 1900 und 2000 erkennen.

Der Kulturpessimismus breitet sich heute wie damals aus, auch damals stritten sie um den sogenannten Einfluss fremder Kulturen. Damals wie heute normalisierte sich Krieg als Politikmittel, das Ergebnis damals war der Erste Weltkrieg und der Aufstieg der Nationalsozialisten. Heute beobachten wir den globalen Krieg gegen den Terror und den Terror sowie den Aufstieg rechts-konservativer, rechts-reaktionärer Poliker_innen und Bewegungen weltweit.

Damals und heute hören wir die Warner rufen: Die moderne Technologie, Smartphones und Internet, verstrahlen uns und machen uns dumm. Die Eisenbahn war früher das Transportmittel, ganz zu schweigen von der drahtlosen Telegraphie und der Titanic als Krönung technischer Leistung. Heute heißen die Warner und Kritiker u.a. Harald Welzer und Co. Damals fielen Namen wie Max Nordau, der beispielsweise glaubte, dass die Erschütterungen des Eisenbahnfahrens das Rückenmark und das Gehirn schädigen.

Damals wie heute dachten viele Menschen, die Technologie bringe die Menschheit voran, mache das Leben einfacher, sicherer, besser. Diese Technikeuphorie bekam ihren ersten Dämpfer mit dem Untergang der Titanic. Und heute? Die Begeisterung schlug durch Edward Snowden in alarmistische Paranoia um – den technischen Fortschritt und den Willen zur Unterwerfung der Menschen, brachen diese Ereignisse nicht.

Auch heute könnte man davon sprechen, dass Untergangsstimmung in der Gesellschaft vorherrscht; wir führen diese Stimmung um 1900 u.a. auf einen Modernisierungsschock zurück. Ich denke, das gleiche können wir für unsere Zeit festhalten. Die technische Entwicklung ist so rasant, wir kommen gar nicht mehr hinterher.

Linke und Rechte kämpfen erbittert gegeneinander. Noch wird dieser Kampf nicht so offen auf den Straßen geführt wie zur Zeit der Weimarer Republik. Damals geriet nicht nur der Staat unter Druck, sondern ganz besonders die Demokratie.

Die Demokratie steht auch heute wieder unter Druck. Heute sind es ebenfalls Angriffe, die politisch links und rechts verortet werden und ebenso aus der sogenannten bürgerlichen Mitte kommen.Parteien wie die NPD sind offen verfassungsfeindlich, die AfD hingegen gibt sich noch den Anschein der Verfassungstreue, obwohl führende Köpfe immer wieder das Gegenteil durchscheinen lassen. Sie verstehen das politische Spiel und sie sind Virtuosen, die es für sich auszunutzen. Linke Gruppen trachten auch danach, einfacher Entscheidungen herbeizuführen. Parteien wie die Linke zeigen einen Hang zum Autoritarismus, doch sind es eher kleinere Gruppen, die aktiv gegen das bestehende System kämpfen.

Die bürgerliche Mitte demgegenüber tut sich mit ihren Parteien mit populistischen und teilweise menschenverachtenden Äußerungen und Ideen hervor – innerhalb dieser Bevölkerungsschicht hat sich zudem eine Resignation verbreitet. Diese Erschöpfung bricht sich in Frust bahn und führt unter anderem zu mehr Nichtwählern – für ein parlamentarisches System ein großes Problem.

In der Weimarer Republik kämpften die unterschiedlichen Lager ebenfalls um die Vorherrschaft, die sogenannte Mitte legte dabei ein großes Unbehagen mit der Demokratie an den Tag.

Das heißt natürlich nicht, dass die bundesrepublikanische Situation ganz ähnlich der damaligen in der Weimarer Republik ist, aber die historische Entwicklung, die wir kennen, kann uns ein Warnzeichen sein.

Es scheint mir viele Parallelen zu geben zwischen dem Fin-de-Siècle damals und der Stimmung um 2000 (die bis heute reicht). Ich hoffe natürlich nicht, dass sich die Entwicklung so zuspitzt, wie vor knapp 100 Jahren, doch dazu brauchen wir unsere Erinnerung. Wir müssen die Vergangenheit analysieren, sie kann uns heute viel mehr geben, als wir ihr manchmal zugestehen. Schauen wir also in die Vergangenheit und überlegen, was wir daraus schließen können.

2 KOMMENTARE

  1. Hoffen wir mal das die Menschen aus der Vergangenheit lernen. Autokratien und Diktaturen sprießen förmlich aus dem Boden. Haben uns Hitler, Stalin und Castro nichts gelehrt? Trotzdem schauen wir zu wie das gerade in der Türkei und Russland passiert (und irgendwie auch in den USA)…

  2. Hey mightym,
    ja, das ist zu hoffen, doch anscheinend wollen sich viele Menschen nicht mehr mit der Vergangenheit auseinandersetzen oder sie umdeuten. Das ist einerseits betrüblich, andererseits sollte es uns anspornen dagegen anzuschreiben, anzuschreien, anzukämpfen, jede_r auf die einem selbst mögliche Art und Weise.

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