Die große Empörungsmaschine

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Empört euch! So sprach Stéphane Hessel im Jahr 2011. Was aber passiert, wenn sich ständig alle über alles empören? Nichts. Zumindest nichts Nachhaltiges. Ein Kommentar von Jan Schaller

Wir leben in postfaktischen Zeiten, so viel wissen wir ja bereits. Was wirklich geschieht, was den Tatsachen entspricht oder wissenschaftlich bewiesen ist, interessiert immer weniger Menschen. Aber wussten Sie schon, dass wir auch in postaktiven Zeiten leben? Ja, ganz richtig gehört. Nachdem man zuerst nichts mehr wissen musste, um etwas zu verändern, muss man nun auch nichts mehr tun – zumindest nicht in der alten, miefigen, anstrengenden Offline-Welt.

Heutzutage lässt sich nämlich alles über eine Petition regeln! Der Dozent an der Uni passt mir nicht? Petition. Das Kantinenessen schmeckt mir nicht? Petition. Krieg in Syrien? Petition. Wer es richtig machen will, sollte natürlich nicht vergessen, den entsprechenden Shitstorm gleich mit zu organisieren. Wer am lautesten schreit, gewinnt. Idealerweise habe ich noch ein paar Social Media affine Menschen auf meiner Seite mit entsprechender Twitter-Followerschaft. Dann kann nichts mehr schief gehen. Wäre Habermas schon tot, würde er sich im Grab umdrehen, der zwanglose Zwang des besseren Arguments ruft offenkundig nicht mal mehr ein müdes Lächeln hervor.


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Linke Gruppen sind in dieser Form des Erregungssports übrigens besonders gut. Dabei geht es mir gar nicht so sehr, um die angeprangerten Sachverhalte. Es ist völlig offenkundig, dass der Kampf gegen Sexismus, Rassismus und andere Diskriminierungsmuster offensiv und unerbittlich geführt werden muss. Und dafür muss man auch mal laut sein.

Ein Problem wird es, wenn man nur laut ist, nur die Skandalisierung, die Eskalation kennt. Dann wird dieses Schwert nämlich stumpf. Wenn hinter jeder Ecke ein vermeintlicher oder tatsächlicher Skandal lauert, werden die Menschen müde, darauf zu reagieren. Die Linke (nicht die Partei) hat sowieso ein Problem, die Menschen zu erreichen, für die sie vorgibt, sich einzusetzen, da diese sich eher selten für Identitätspolitik und eher häufig für ihren Lohnzettel, die Krankenversicherung oder die zu pflegende Mutter interessieren.

Die große Empörungsmaschine, die nahezu tagtäglich zum Einsatz kommt, funktioniert auf einer ähnlichen Ebene (nicht) und bringt immer die gleichen Scheinresultate hervor. Irgendjemand sagt/tut/unterlässt etwas, dieser Umstand wird aufgegriffen, skandalisiert und über die sozialen Medien hochstilisiert. Danach folgt im besten Fall eine kurze Debatte in den Medien, die Truppen werden gesammelt, Petitionen ausgetauscht, Entschuldigungen ausgesprochen und wenn es ganz dramatisch ist, tritt auch mal jemand zurück. Danach gehen wieder alle ihrer Wege – bis zur nächsten großen Aufregung. Ändert sich dadurch tatsächlich etwas an diskriminierenden Strukturen? Selten. Erreicht man so Menschen, die früher mal links gewählt haben? Unwahrscheinlich.


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Hinzu kommt, dass in Zeiten des um sich greifenden Trumpismus teilweise nicht mal mehr diese einstudierten Empörungsmuster funktionieren, da die Sexisten, Rassisten und Chauvinisten dieser Welt immer öfter mit der Schulter zucken und sagen: Mir doch egal, habt euch mal nicht so. Locker Room Talk halt. Und ich fürchte, dass auch die AfD so nicht tot zu kriegen ist. Die letzten Jahre haben das bewiesen. Die Höckes, von Storchs und Petrys dieser Welt haben genügend Futter geliefert. Hat die AfD durch die anschließenden Empörungskampagnen Stimmen verloren? Sicher nicht. Hat sich eine*r der Genannten aus der Politik zurückgezogen? Fehlanzeige.

Um es deutlich zu sagen: Der Kampf gegen Diskriminierung ist eines der wichtigsten Anliegen, die es gesellschaftlich geben kann. Es bleibt aber zu fragen, ob Naming & Shaming noch die angemessene Strategie ist, oder ob es nicht anderer, praktischerer Maßnahmen in der alten, miefigen Offline-Welt bedarf.


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