Über die Schere im Kopf

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Norman G. Finkelstein hält einen Vortrag über akademische Freiheit und ich traue mich nicht, hinzugehen? Was war passiert? Eine Reflexion über die Schere im Kopf von Sebastian Kunze

Wir sind Schisser. Ja, Angsthasen. Wir stehen bei Minusgraden auf dem spärlich erleuchteten Advokatenweg in Halle an der Saale. Es ist 18:05. Eigentlich wollten wir zu einem Vortrag von Norman G. Finkelstein gehen, der über Academic Freedom sprechen wollte. Wir sind dann doch nicht hingegangen, aus unterschiedlichen Gründen.

Norman G. Finkelstein ist kein unbeschriebenes Blatt. Der 1953 in den USA geborene Politikwissenschaftler promovierte an der Princeton University und lehrte dann an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten. Bekannt wurde Finkelstein in Deutschland mit seinem Buch Die Holocaust-Industrie – zu diesem Buch erschienen fast zeitgleich zwei Sammelbände, die sich mit Thesen und Themen von Finkelstein auseinandersetzen.

Die Holocaust-Industrie beschäftigt sich mit Finkelsteins These, dass neben dem Holocaust als historischem Ereignis es ein Konstrukt des Holocaust gibt. Dieses Holocaust-Konstrukt werde dazu benutzt, Geld zu machen – durch Kommerzialisierung der Erinnerung, vor allem aber über Organisationen wie die Claims Conference, die Wiedergutmachungszahlungen einfordert und verwaltet.  Festzuhalten bleibt für dieses Buch: Es gibt einerseits eine Menge Faktenfehler und andererseits sind viele seiner Behauptungen kaum haltbar. Er lässt beispielsweise außen vor, dass die Claims Conference es schaffte, dass Osteuropäische Zwangsarbeiter ebenfalls Wiedergutmachungszahlungen erhielten.

Nun wäre das aber nicht das eigentliche Problem. Das Problem ist folgendes: Finkelstein sprach entgegen seines eigenen moralischen Anspruchs, dass die Hizbullah (eine von der EU und den USA als Terrororganisation eingestufte politische Partei, Bewegung und besonders Paramilitärische Organisation im Libanon) das Recht hätte, israelische Zivilisten aufs Korn zunehmen. [Wikipedia-link, Linke Perspektive, die dies auch reflektiert] Deshalb und durch seine Befürwortung der Boycott, Divest, Sanction-Kampagne (BDS) [Wikipedia] gilt er vielen als jüdischer antisemitischer Israelhasser. Soweit kann ich nicht gehen, doch ist Finkelstein mit Vorsicht zu begegnen.

Wir standen nun am Montagabend vor dem Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung und gingen nicht rein. Aufgerufen von verschiedenen, vor allem linken Gruppen, standen dort Gegendemonstranten. Soweit ich sehen konnte, fast alles weiße Männer, mit Israelfahnen und Bannern. Auf einem stand, soweit ich mich erinnere: ‚Kein Frieden mit den Feinden Israels‘. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich dachte, ich gehe zu einem Vortrag, höre ihn mir an. Ich dachte, klar, da wird es Diskussionen geben, sehr gerne, ich bin gespannt auf den Schlagabtausch. Nun, die gab es wohl nicht. Die Protestierenden waren ja draußen, doch warum war ich auch noch draußen?

Wir standen nun an der Straßenecke und überlegten, was wir tun sollten. Drängeln wir uns durch, lassen wir die Polizei einen Korridor für uns frei räumen? Davor schreckten wir zurück. Dann hörten wir auch noch, dass etwas den Besuchern entgegengerufen wurde, es war für uns fast unverständlich, bis auf dieses eine Wort: Antisemiten. Ich weiß zwar nicht in welchem Kontext es genutzt wurde, aber beschimpfen lassen wollte ich mich nicht. Wir ärgerten uns, na klar und zu recht. Warum gehen wir nicht einfach rein?

Das Kopfkino fing an. Wir wollten uns nicht beleidigen lassen. Okay. Was ist, wenn die uns fotografieren und dann mit irgendwelchen Behauptungen ins Internet stellen? Welche Konsequenzen könnte das für uns haben? Sind wir bereit, diese auf uns zu nehmen? In eine Ecke gestellt zu werden, oder sich auch nur vorzustellen in eine Ecke gestellt zu werden, in der wir nicht stehen, nicht stehen wollen, gruselte uns. Wir fragten uns auch: Stehen wir auf der richtigen Seite? Gibt es die, wo ist sie?

Der Vortrag sollte von akademischer Freiheit handeln. Wenn wir nicht hingehen, spielen wir Finkelstein dann nicht in die Hände und tun das die Demonstrierenden denn nicht auch? Wir überlegten: Rein gehen, zuhören und gegebenenfalls intervenieren? Aber schaffen wir es zu intervenieren, wenn wir nicht mal durch die Menge gehen wollen? Ja, denn eine Diskussion, auch eine harte und kontroverse Diskussion halten wir aus, das wissen wir. Doch wo hört die akademische Freiheit auf? Ist es richtig diesen äußert umstrittenen Autor (ist er noch ein Wissenschaftler?) zu boykottieren? Wenn nein, wie ist es mit Politikern? Wir diskutieren nun über den Unterschied zwischen politischem und akademischem Feld. Wir sind uns nicht einig. Immerhin: Wir reden über das Thema, um das es bei Finkelsteins Vortrag gehen sollte. Was dürfen Wissenschaftler, was dürfen sie öffentlich, zu politischen Ereignissen sagen und was nicht? Oder kommt es auf die Form an, in der sie dies tun? Zu einem Schluss sind wir nicht gekommen, hatten aber eine fruchtbare Diskussion. Auch ohne Finkelstein.

Die Demonstranten dürften sich freuen: weniger Zuhörer für Finkelstein, das wollten sie. Aber genau das ärgert mich, dass ich Ihnen das ermöglicht habe – schon aus Prinzip. Zugleich verlor der Vortrag zwei kritische Denker_innen, die Einspruch erhoben hätten gegen Finkelsteins Blödsinn, den dieser immer wieder von sich gibt.

Mir blieb nur das Ganze hier zu reflektieren. Warum sollte man sich nicht einem solchen Autor stellen und mit ihm konkret diskutieren und ihm zeigen, dass die Welt vielleicht nicht alle so sehen wir er ?!

Am nächsten Montag gibt er einen Workshop zu Gaza, das birgt tatsächlich Sprengstoff. Ich bin angemeldet, um ihm zu widersprechen, wenn nötig. Ich verstehe mich dabei explizit als Korrektiv für seine kontroversen und anti-israelischen Positionen; das Feld darf man ihm nämlich nicht so billig überlassen. Jetzt muss ich mich nur trauen, nächste Woche hinzugehen, vielleicht komme ich früher, um den zu erwartenden Demonstrierenden zuvor zu kommen. Noch bin ich optimistisch.

     Zwei Hinweise sollen hier aber nicht unerwähnt bleiben, einerseits das Flugblatt, welches anscheinend den eintretenden Gästen gegeben wurde [hier] und einen Zeitungsbericht, der diesen Abend zwar zum Anlass nimmt, aber eher die Reaktionen auf Finkelsteins Auftreten dokumentiert [hier].

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