Handbook of Israel: Major Debates

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Israel. Ein Land und vor allem ein Thema. Oft hat das Thema nichts mit dem Land Israel zu tun. Seit kurzem gibt es ein Buch, das die Widersprüche und Debatten innerhalb der israelischen Gesellschaft aufzeigen möchte. So verbindet es das Land mit dem Thema. Es ist ein gewagtes Unterfangen, ob es den Herausgebern gelungen ist, lest Ihr in dieser Rezension von Sebastian Kunze.

Was allgemein in den Debatten um Israel auffällt sind die oft dürftigen Hintergrundinformationen, die viele Menschen – auch viele Journalisten – haben. Seit kurzem gibt es ein Buch, das dies ändern möchte. Nein, es ist kein weiteres Buch, das in die Geschichte Israels einführt und nein, es ist kein weiteres Buch á la Der Nahostkonflikt kurz erklärt. Sondern es ist ein zweibändiges fast schon monumentales Werk.

Dem vierköpfigen Herausgeberteam (Eliezer Ben Rafael, Julius H. Schoeps, Yitzhak Sternberg, Olaf Glöckner) stand eine Editorial Managerin (Anne Weberling) zur Seite. Ein so großes Team war sicher nötig: Das Buch schafft es auf über 1300 Seiten und lässt über 70 Autor_innen zu Wort kommen. Auf der Seite bei DeGruyter kann das Inhaltsverzeichnis genauer unter die Lupe genommen werden: Hier klicken. Erschienen ist es im Oktober 2016 und würde einen Monat später mit einer eigenen Veranstaltung der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Struktur des Buches
Das Handbook möchte die großen Entwicklungslinien und die damit zusammenhängenden Debatten aufzeigen, die in Israel eine Rolle spielen. Deshalb ist es auch aufwendig gegliedert; drei große Teile strukturieren das Werk auf einer ersten Ebene: Cleavages, The Challenge of Post-Zionism und Israel Outward. Unter diesen drei Kategorien gibt es insgesamt 13 weitere Kapitel, denen die knapp 70 Beiträge zugeordnet sind.

Jedem dieser 13 Kapitel ist eine kurze Einleitung vorangestellt, die auf das Thema einstimmt und anschließend die Beiträge in wenigen Zeilen zusammenfasst. Die Einleitungen geben eine gute Orientierung und können einen Lesenden schnell entscheiden lassen, ob er sich mit einer Sektion auseinandersetzen möchte oder nur einen oder einzelne Beiträge liest. Insofern ist das Buch nicht nur sehr gut aufgebaut, es ist vor allem hervorragend strukturiert und äußerst lesefreundlich.

Glossar, Personenindex und Sachindex komplettieren diesen Lese-Service, sodass auch nach Stichworten gesucht werden kann oder zu einem speziellen Themenkomplex. Außerdem bietet das Glossar nicht nur Laien eine Erklärung spezieller Wörter, sondern es werden teilweise auch spezielle Begriffe erklärt, die selbst Fach-Journalisten oder Wissenschaftler nicht immer geläufig sind.
Zum besseren Verständnis: Während die meisten, die sich mit Israel auch nur oberflächig beschäftigen in der Regel etwas mit Begriffen wie Aliyah oder Ashkenazim anfangen können. Stehen Menschen, die bei Begriffen wie Ma´achaz oder Tikkun Olam keine Schwierigkeiten haben, schön tiefer im Thema. So ist also eine fut Balance gefunden worden.

Einschätzung
Dieses Handbuch richtet sich an eine Vielzahl von Gruppen. Wie die Herausgeber auf der akademischen Präsentationsveranstaltung erläuterten, richtet es sich an Lehrende an Universitäten, die im Bereich der Israel Studies Lehre anbieten, aber auch an Journalisten, die zu israelischen Themen schreiben und schließlich auch an die interessierte Allgemeinheit. Ich denke, diesem Anspruch kann das Buch größtenteils genügen. Für die universitäre Lehre ist das Handbuch eine Goldgrube. Einerseits finden sich auf relativen kurzen Raum konzise Darstellungen unterschiedlicher Positionen, beispielsweise in der Frage nach der Kategorisierung Israels als Demokratie. Die Frage ist in der Regel schnell geklärt: Ja, Israel ist eine Demokratie, aber was für eine. Zwar streiten sich einige Beiträge auch in der ersten Frage, doch gibt Sammy Smooha zum Beispiel einen guten Überblick über verschiedene Demokratietypen und verortet Israel darin. Klar ist bei seinem Beitrag allerdings auch, dass sich sein Argument auf den von ihm geprägten Begriff der ethnischen Demokratie zuspitzt.

Solche Beiträge sind dennoch für Journalisten, die zu Israel schreiben, äußerst hilfreich; Sie geben nicht nur Einblick in die theoretischen Grundlagen der Themen, sondern die Beiträge können selbst als Debatten gegeneinander gelesen werden. Somit wird interessierten Journalisten schnell deutlich, wie Komplex die Verhältnisse in diesem Land sind und die Lektüre des Handbuches verhindert ebenso eine verengte Wahrnehmung auf den Nahostkonflikt beim Thema Israel. Das Handbuch gibt auf so konzise und prägnante Art und Weise die Debatten und Widersprüche innerhalb Israels wider, wie kein einführendes Buch zu Israel es bisher geschafft hat. Solche Einführungsbücher haben zwar den Vorteil, klar, strukturiert zusein, und meist chronologisch durch die Geschichte zu gehen. Das vorliegende Handbuch dagegen nähert  sich Themen und das ist auch sein Anspruch. Verwechselt man das Handbuch also nicht mit einer Einführung zu Israel, ist das Buch mehr als hilf- und lehrreich.

Schon bei der Vorstellung wurde nach der Position der Herausgeber gefragt, die, wie diese beteuerten, besteht im nicht-Position-beziehen. Für dieses Handbuch ist es meines Erachtens die bessere Position, denn die wird in den Debattenbeiträgen bezogen, so gelingt den Herausgebern ein ausgewogener Blick auf die großen Debatten.

Fazit
Was bleibt festzuhalten über diesen besonderen Sammelband? Es ist äußert gelungen und sehr hilfreich für das eigene Verständnis, aber es ist noch vielmehr für Bildungsprozesse, egal in welchem Kontext, geeignet. Die Herausgeber werden ihrem Anspruch gerecht, auch wenn das Handbuch sich besonders für das akademische Feld und Fachjournalisten eignet, hält es viel für Interessierte bereit. Anmerken muss man allerdings den Preis: 160€ kostet es, das ist teuer, auch wenn die Bücher im Verlagsprogramm bei DeGruyter generell recht teuer sind. Das ist für einen Wissenschaftsverlag nichts besonderes, steht aber dem Ziel neben Akademikern und Journalisten, auch Laien anzusprechen entgegen. Gegen Laien spricht auch die Sprache in der es veröffentlicht wurde, doch mit Englisch eröffnet sich ein internationales Lesepublikum. So ist klar, dass Laien hinten anstehen müssen. Und dennoch: dieses Handbook of Israel unterscheidet sich von Idee und Konzeption deutlich von anderen solcher Handbücher und ergänzt somit hervorragend die internationale Literatur zu Israel.

Selbst wenn das Buch vorrangig Akademikern und Journalisten nutzt, wer sich für Israel interessiert und tiefer in die Debatten in und um Israel einsteigen oder auch vertiefen möchte, sollte sich dieses Buch besorgen.

Über das Buch

9783110351637Ben-Rafael, Eliezer / Schoeps, Julius H. / Sternberg, Yitzhak / Glöckner, Olaf (Hgg.) – Handbook of Israel: Major Debates. DeGruyter 978-3-11-035163-7 159,95€
© Bild des Buches bei DeGruyter, entnommen der Website.

https://www.degruyter.com/view/product/272733



Dieser Artikel wurde am 12.01.2017 ge-updated, dabei wurden einige Fehler korrigiert und andere kleinere Änderungen vorgenommen. Wir danken allen Hinweisenden für Ihre Anmerkungen und ihre Kritik.

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