Das Gefühl im Hinterkopf

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Es ist Winter. Ich laufe einen Berg hinauf, von dem Ort an dem ich wohne zu dem Ort an dem ich gleich im Sprachunterricht sitze. Je näher ich meiner Universität komme, desto mulmiger wird an diesem Tag mein Gefühl in der Magengegend. Mein Kopf sagt: Quatsch, reiß dich zusammen, alles wird gut gehen. Vor den Toren die allmorgendliche Prozedur, Studierendenausweis rausholen und, damit es schneller geht, mit geöffnetem Rucksack in die Sicherheitsschleuse. Blick auf Ausweis und in mein Gesicht, Blick in den Rucksack, während ich durch den Metalldetektor gehe. Die Stimmung ist etwas angespannt. Gestern fuhr ein Mann mit seinem Auto in eine Menschengruppe, die gerade in die Straßenbahn ein- und ausstieg.

An der Haltestelle, die ich auch benutzte, um in die Stadt zu fahren.

Es geschah noch mehr als einmal, dass diese Art des Anschlages durchgeführt wurde. Am Anfang hörte ich auf meinen Kopf. Doch langsam, nach und nach, kroch das Misstrauen meinen Rücken hinauf in meinen Hinterkopf.

Ich erschrak eines Tages, als ich in der Tram saß und mir bewusst wurde, dass ich gerade die Leute scanne und überlegte ob jemand vielleicht eine Bombe dabei hätte, oder eine Waffe. Bis dahin dachte ich immer, dass die mich nicht kriegen. Doch sie hatten mich. Ich fühlte mich unsicher. Meistens konnte ich dieses Gefühl zwar verdrängen, doch es war da: subtil, halb-bewusst, es nagte in meinem Hinterkopf.

Ich war froh, nach jenem Winter wieder nach Deutschland zu kommen. Ich musste mir keine Gedanken machen. Das Gefühl, auch wenn es nur sehr schwach vorhanden war, verschwand. Es kam auch nicht wieder, weder bei den Anschlägen in Frankreich, auch nicht bei den Attacken in Bayern. Erst jetzt, als in Berlin ein LKW in den Weihnachtsmarkt am Breitenbachplatz fuhr, spürte ich wieder ein Kribbeln im Hinterkopf. Ich merke: da nagt etwas. Doch alles in mir sträubt sich dagegen: Geben wir diesem Gefühl nach, werden wir ängstlich, rachlüstig, unsicher, dann gewinnen die Menschen, die mit dem Morden genau das erreichen wollen. Sie wollen unsere offene Gesellschaft zerstören, sie wollen, dass wir uns unsicher fühlen, sie wollen, dass wir uns abschotten und die Schuld auf Muslime oder Geflüchtete projizieren. Davon profitieren am meisten die Gruppen, die Anschläge in Auftrag geben oder die, die blutige Racheaktionen für ihre Propaganda nutzen wollen.

Unser Problem dabei ist: Wir können fast nur verlieren.

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