Predicitve Policing #3 – Broken Windows & was das zu bedeuten hat

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Diese Artikelreihe soll ein möglichst umfangreiches Bild von Predicitve Policing zeigen. Nachdem wir uns in den ersten beiden Teilen Predicitve Policing generell und seiner Geschichte bzw. Vorläufern gewidmet haben, wird es jetzt etwas wissenschaftlicher. Politiker*innen müssen immer irgendwie von einem Konzept, einer Idee oder einer bestimmten politischen Maßnahme überzeugt werden. Nicht selten geschieht das über Sachverständige, die in langwierigen Ausschüssen Vor- und Nachteile darlegen und für ihre wissenschaftlichen Ansichten werben. Auch Predicitve Policing liegen solche wissenschaftlichen Ansätze zugrunde. Einer davon ist die Broken-Windows-Theorie, die in diesem Artikel erklärt und kritisch hinterfragt wird.

Die Broken-Windows-Theorie ist für viele eher konservative Politiker*innen ein zentraler Bezugspunkt. Darüber hinaus stellt sie eine wichtige Theoriekomponente im Bereich des Predicitive Policing dar. Kernaussage des Broken-Windows-Ansatzes ist die Überlegung, dass es nur kleinster Unordentlichkeiten, wie Herumlungern oder Grafitti bedarf, um echtes Verbrechen anzuziehen, da sich Kriminelle angeblich ermutigt fühlen, wenn das Erscheinungsbild einer Stadt nicht piekfein ist. Daher auch der Name – Broken Windows, zerbrochene Fenster.

Bekannt geworden ist dieser Ansatz, wenn gleich früher existent, durch einen Bericht der US-amerikanischen Sozialwissenschaftler James Q. Wilson und George L. Kelling aus dem Jahr 1982. Sie beziehen sich in diesem Bericht auf ihre Beobachtungen in Newark, New Jersey in den 1970er Jahren. Zu dieser Zeit führte die dortige Polizeibehörde ein Programm mit dem Titel „Safe and Clean Neighborhoods Program“ durch, welches zum Ziel hatte, die wahrgenommene Sicherheit zu erhöhen. Dafür sollten Polizist*innen wieder vermehrt Fußstreife laufen und nicht wie sonst üblich mit dem Polizeiwagen patrouillieren. Außerdem war ein Kernbestandteil der Strategie, dass auch kleine und kleinste Vergehen bzw. einfache Abweichungen von der Norm polizeilich verfolgt und schnell geahndet wurden. Beispiele hierfür wären, dass Obdachlose in der Öffentlichkeit zwar sitzen, aber nicht liegen dürfen oder das Teenager, die laut Musik hören, dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

Wilson und Kelling argumentieren, dass diese Kleinstformen der sozialen Abweichung dazu führt, dass die normalen (d.h. unauffälligen) Bewohner*innen eines Viertels sich unwohl und geängstigt fühlen und sich in der Folge aus dem öffentlichen Raum zurückziehen, was wiederum ein Weniger an sozialer Kontrolle zur Folge hat. Die beiden Autoren bezeichnen diesen angenommenen Verlauf als eine Art sich entwickelnde Abfolge, in der Unordnung und Kriminalität untrennbar verbunden sind.

In der Folge soll dieses Weniger an sozialer Kontrolle zu einem Mehr an schwerer Kriminalität führen. Die beiden Autoren illustrieren ihre Überlegungen mit bildreicher Sprache:

 „The citizen who fears the ill-smelling drunk, the rowdy teenager, or the importuning beggar is not merely expressing his distaste for unseemly behavior; he is also giving voice to a bit if folk wisdom that happens to be a correct generalization – namely, that serious street crime flourishes in areas in which disorderly behavior goes unchecked. […] Muggers and robbers, whether opportunistic or professional, believe they reduce their chances of being caught or even identified if they operate in streets where potential victims are already intimidated by prevailing conditions“ (Wilson/Kelling 1982: 5).

Zur Stützung ihrer These, ziehen Wilson und Kelling ein Sozialexperiment aus den 1960ern heran. In diesem versuchte der Psychologe Philip Zimbardo die Broken-Windows-These zu belegen. Hierfür parkte er ein Auto ohne Nummernschild und mit offener Motorhaube einmal im New Yorker Stadtteil Bronx und einmal in Palo Alto, Kalifornien. Beim Versuch in der Bronx machten sich Passant*innen schon nach wenigen Minuten am Auto zu schaffen und entwendeten die Autobatterie sowie den Kühler.

Innerhalb von vierundzwanzig Stunden waren sämtliche wertvollen Bestandteile des Autos demontiert und verschwunden. Als Zimbardo den Versuch im wesentlich wohlhabenderen Palo Alto wiederholte, geschah für über eine Woche nichts mit dem Wagen. Erst als Zimbardo das Auto selbst mit einem Vorschlaghammer zerstörte, gingen im späteren Verlauf auch andere Personen dazu über, Teile des Autos zu zerstören oder zu entwenden.

Wilson und Kelling übertrugen dieses Experiment auf größere Zusammenhänge wie Stadtviertel und generalisierten es, um zu ihrer berühmten These zu gelangen, dass ein einziges zerstörtes Fenster dazu führen könne, dass auch der Rest des Viertels verfalle und im Anschluss ein Anstieg der schweren Kriminalität zu beobachten sein müsse.


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Wie lässt sich diese Theorie beurteilen? Generell betrachtet trifft die Broken-Windows-These in erster Linie auf Kritik innerhalb der Fachliteratur. Diese Kritik wird meist anhand des bisher größten und einschlägigsten Falls von an Broken Windows angelehnter Polizeipolitik verdeutlicht: das New York der frühen 1990er Jahre.

New York zu Beginn der 1990er Jahre war eine Hochburg des Verbrechens:  „Die Rate von Mord und Totschlag (ohne Versuche) lag 1990 bei 31 pro 100 000 der Bevölkerung, während der amerikanische Durchschnitt bei rund 10, der deutsche (Versuche inklusive) etwas über 1 lag. Bei einer repräsentativen Umfrage unter 18–21jährigen in Bushwick (Brooklyn) ergab sich, dass 39 % schon mit einem Messer, 22 % mit einer Schusswaffe bedroht oder verletzt worden waren; 27 % waren als Unbeteiligte in Schusswechsel geraten, 33 % waren unter Androhung von Gewalt beraubt, 14 % der Frauen und 5% der Männer sexuell missbraucht worden, 51% führten regelmäßig Messer oder Schusswaffen mit sich. Über 100 000 Raubdelikte wurden 1990 polizeilich erfasst, das sind – umgerechnet auf die Bevölkerung – etwa zehnmal soviel wie in Frankfurt“ (Hess 2004: 69).

Gleichzeit und mitursächlich schwappte eine „Crackwelle“ durch New York und viele weitere Großstädte der USA, was zu Bandenkriegen, Beschaffungskriminalität und – natürlich – Drogendelikten in bis dahin unbekanntem Ausmaß.

Als Reaktion reformierte der damalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani das New York Police Department und berief William Brettons als neuen Polizeichef. Dieser wiederum zeichnete verantwortlich für eine äußerst massive Polizeireform. An diesem Punkt kommt wieder die Broken-Windows-Theorie ins Spiel, die hier als Blaupause für die Neuausrichtung der Polizei diente. Kleinere Auffälligkeiten und Abweichungen vom Normverhalten wurden konsequent geahndet, in der Hoffnung, dass sich eine selbstverstärkende Positivspirale entwickeln würde.

Einer der großen Schwerpunkte war z.B. die U-Bahn, die zuvor unter einem schrecklichen Ruf als besonders kriminaltitätsbelasteter Ort litt. Auch Straßenprostitution, Betteln, lautes Musikhören oder frisierte Autos wurde rigoros vorgegangen. Auch wenn wohl vom oft kolportierten „Zero Tolerance“ nicht die Rede sein kann, war das Durchgreifen sowie die Präsenz der Polizei beispiellos.

Und in der Tat zeigten sich beeindruckende Erfolge:   „Von 1993 bis 2002 sanken die sieben so genannten index crimes um 64,3 %: Mord – im Gegensatz zu Deutschland immer ohne Versuche gezählt – und nicht-fahrlässiger Totschlag minus 69,6% (mit 584 Morden war man 2002 wieder auf dem Stand von 1963), Vergewaltigung minus 37,2 %, Raub minus 68,4%, schwere Körperverletzung minus 49,6 %, Einbruch minus 68,9%, schwerer Diebstahl minus 46,6% und Autodiebstahl minus 76,4% “ (Hess 2004: 94).

So eindeutig wie aber der Schluss ‘Mehr Polizei, die auf kleinste Dinge achtet = Abflauen der Kriminalität, ergo Bestätigung der Broken-Windows-These‘ aber auch scheint, ist er nicht. Im Gegenteil finden sich in der Literatur viele weitere Erklärungsmuster, die zwar nicht alle besprochen und überprüft, zumindest aber angerissen werden können.


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Als ersten Punkt sind demographische Entwicklungen zu nennen. So sind überdurchschnittlich viele 15-29jährige Männer für Tötungsdelikte verantwortlich, woraus zu schließen ist, dass diese Delikte weniger werden, wenn der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe an der Gesamtbevölkerung sinkt. In den Jahren 1985 bis 1995 war genau das der Fall und der Anteil der weißen Männer in diesem Alter sank um ca. 40%, die der schwarzen Männer um 17%.

Ein weiterer Ansatz sind Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Die Wirtschaft boomte in den 90ern in den USA und die Arbeitslosenquote sank bis Juni 1998 auf 4,5%. Es wäre zumindest vorstellbar, dass es hier Verbindungen zwischen mehr Jobs auf der einen Seite und geringerer Kriminalität auf der anderen Seite gibt, da wer einen ordentlichen Job hat, sein Geld nicht mehr mit Banden- und Drogenkriminalität verdienen muss.

Zum dritten änderte sich auch der Drogenmarkt. Dort wo es in den 80ern brutale Aufteilungskämpfe zwischen verschiedenen Banden um den Crack-Markt gab, konsolidierte sich dieser zu Beginn der 90er, was zu weniger Auseinandersetzungen führte. Außerdem verschob sich der Crack-Konsum hin zu größerem Marijuana-Konsum, was offensichtlich weniger Gewaltpotential bietet.

Darüber hinaus sind noch zwei weitere Einflussfaktoren zu nennen. Zum einen die sogenannte younger-brother-Theorie, die besagt, dass die jüngeren Geschwister die negativen Auswirkungen (Tod, Einsperrung) der Bandenkriminalität direkt durch das Schicksal ihrer älteren Brüder vermittelt bekamen, sodass eine kriminelle Karriere weniger attraktiv erschien.

Zum anderen waren als die Kriminalitätsraten sanken auch einfach schon so viele Menschen in Haft, dass auch dieser Umstand nicht vernachlässigt werden sollte, da einfach weniger potentiell Kriminelle in Freiheit lebten. so stiegt die Inhaftierungsrate seit etwa 1980 in Riesenschritten gestiegen und betrug im Juni 1997 über 1,7 Millionen Personen, 645 auf 100 000 der Bevölkerung im Vergleich zu den deutschen 85. Mittlerweile ist sie auf fast 680 pro 100 000 gestiegen.

Insgesamt kann also ein monokausaler Zusammenhang zumindest stark angezweifelt werden, da neben Broken Windows noch eine Reihe alternativer Erklärungsfaktoren zu berücksichtigen ist. Auch außerhalb des New York-Beispiels gibt es Kritik an der Theorie, die sich oftmals gegen die pauschalisierenden Schlüsse von Wilson und Kelling richtet.

So mutmaße die Broken-Windows-Theorie, dass nach Zerstörung eines Teils weitere Teile, also etwa alle Autos in einer Straße, zerstört würden. Das Zimbardo-Experiment habe aber lediglich gezeigt, dass nur das eine, offenbar verlassene Auto zerstört worden sei und eben nicht auch noch ein benachbartes Fahrzeug.

Darüber hinaus reiche es eben nicht grundsätzlich aus, nur ein Fenster zu zerstören, damit ein Prozess in Gang gesetzt wird. Viel mehr kommt es auch auf den Grad an Anonymität an. Im wesentlich weniger anonymen Palo Alto bedurfte es einer wesentlich stärkeren Auslösehandlung (Zerstören der Frontscheibe), als in New York (Bloßes Abstellen des Wagens ohne Nummernschild). Auch das ist also ein Hinweis darauf, dass die Broken-Windows-These nicht so haltbar ist, wie sie durch Wilson/Kelling propagiert wird.

Es kann also resümiert werden, dass die Broken-Windows-These wenn gleich nicht widerlegt, so doch stark angezweifelt werden muss. Es bedürfte weiterer Forschung, um hier Klarheit zu schaffen. Sehr klar sollte jedoch sein, dass diese Theorie nicht in dem Maße handlungsleitend sein sollte, wie es immer wieder der Fall ist.

In der nächsten Woche schauen wir uns dann die zweite wichtige Theorie für Predicitve Policing an – die Near-Repeat-Methode, um der Antwort ein Stück näher zu kommen, ob Predicitve Policing auf plausiblen Annahmen beruht oder bereits auf dieser grundlegenden Ebene Probleme aufweist.


Hier gehts zu Teil 1 und Teil 2!


Quellen:

Hess, H., 2004. Broken Windows: Zur Diskussion um die Strategie des New York Police Department. Zeitschrift für die Gesamte Strafrechtswissenschaft 116, 66–110.

Wilson, J.Q., Kelling, G.L., 1982. Broken Windows. The Atlantic.

Zimbardo, P.G., n.d. A field experiment in autoshaping, in: Vandalism. London, pp. 85–90.

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