Wir sind die Guten, oder? NoPEGIDA – Die helle Seite der Zivilgesellschaft? (Rezension)

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Lizenziert nach Creative-Commons-Lizenz, Bildquelle: https://www.youtube.com/watch?v=hIr4-onoUO0 (Reka Csergöffy)

Über PEGIDA wurde mittlerweile viel gesagt, geschrieben & gestritten. Gleichzeitig positioniert(e) sich vielerorts eine aktive und heterogene Zivilgesellschaft dagegen und trat für Weltoffenheit und gegen Rassismus ein. Das Buch ‘NoPEGIDA – Die helle Seite der Zivilgesellschaft’ nimmt diese Gruppen nun unter die Lupe. Welche Menschen engagieren sich dort? Was treibt sie an? Und welche Werte vertreten sie? Eine Rezension von Jan Schaller

Im Herbst 2014 watschelten die „patriotischen Europäer“ das erste Mal gegen die vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“ durch Dresden. Seitdem kamen viele weitere sogenannter Abendspaziergänge dazu. Zunächst nur in Dresden, schnell aber auch in anderen Städten im ganzen Bundesgebiet. Die Wogen schlugen hoch, ellenlang wurde debattiert, ob das nun „besorgte Bürger“ oder ganz einfach Rassist*innen sind. Auch wir haben uns bereits früh mit dem Thema PEGIDA befasst.

Die Auseinandersetzung geschah dabei nicht bloß in den Talkshows und Kommentar-spalten, sondern auch ganz handfest auf der Straße. Unter dem naheliegenden Banner ‚NoPEGIDA‘ gründeten sich zahlreiche Initiativen, die gegen PEGIDA auf die Straße gingen. Das Buch ‚NoPEGIDA – Die helle Seite der Zivilgesellschaft? ’ (im folgenden immer kursiv, um das Buch von der Bewegung unterscheiden zu können) von Stine Marg, Katharina Trittel, Christopher Schmitz, Julia Kopp sowie Franz Walter untersuchte nun, wer da eigentlich protestiert und sich gegen PEGIDA stellt. Dabei ist die Bezeichnung ‚Buch‘ zumindest dann irreführend, wenn man einen journalistischen oder gar prosaischen Text erwartet. NoPEGIDA ist eine Studie zwischen zwei Buchdeckeln und wurde von den oben genannten Forscher*innen des Instituts für Demokratieforschung an der Uni Göttingen erstellt.

Das Buch gliedert sich dabei in acht Kapiteln, die auf 168 Seiten  Antworten geben über Zusammensetzung der Bündnisse sowie die Motivation und politischen Einstellungen der Teilnehmer*innen. Begonnen wird dabei ganz klassisch mit einem einleitenden Kapitel, welches Fragen zum Gegenstand der Forschung, dem Forschungsstand, dem Studiendesign sowie der befragten Gruppe gibt. Es folgt eine Vorstellung der vier genannten Städte hinsichtlich Protestkultur, Selbstverständnis und bestehenden Netzwerken gegen Rechts. Dieses zweite Kapitel ist besonders interessant, gibt es doch Aufschlüsse darüber, wieso z.B. gerade Dresden immer besonders anfällig für rechtes Gedankengut zu sein scheint, das nur gute hu ndert Kilometer entfernte Leipzig hingegen weit weniger. Auch der Blick auf die seit langem bestehenden Bündnisstrukturen in Frankfurt und der ritualisierte, fast unpolitische offizielle Protest in Karlsruhe gibt wichtige Anhaltspunkte für eine gute Kontextualisierung des Geschehens.

In den folgenden fünf Kapiteln stehen dann die Teilnehmer*innen von NoPEGIDA im Mittelpunkt. Die Studie fußt dabei auf zwei Methoden, die sich ergänzen sollen. Zum einen wurde eine quantitative Befragung durchgeführt, die möglichst viele Menschen erfassen sollte. Zum anderen wurden Gruppendiskussionen mit sogenannten Fokusgruppen durchgeführt. Hier diskutieren vorher ausgewählte, als repräsentativ eingeschätzte Vertreter*innen der untersuchten Gruppe anhand vorgegebener Fragen. In beiden Formaten wurde dabei das Verhältnis zur Polizei, das Selbstverständnis, die Sicht auf die Gesamtgesellschaft sowie die Sicht auf die Politik und die Medien abgefragt. Hinzu kamen Fragen nach dem soziodemografischen, aber auch politische n Hintergrund. Abgerundet wird das Ganze mit einer Zusammenfassung, bzw. Konklusion in der die Befunde eingeordnet werden.


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Was dabei raus kommt ist in Teilen zu erwarten gewesen , in  Teilen aber auch durchaus überraschend. So halten die Autor*innen beispielsweise fest, dass sich der Protest vielfach aus lange etablierten Strukturen speist, wobei sich die älteren Teilnehmer*innen hinsichtlich ihrer persönlichen Politisierung vor allem auf `68 beziehen bzw. auch auf das Leitbild des ‚Nie wieder!‘ als Lehre aus dem ‚Dritten Reich‘. Gleichzeitig zeigen viele Befragte ein zumindest unterschwelliges Gefühl der moralischen Überlegenheit, was jedoch nicht verwundert, da kaum jemand auf die Straße gehen würde, der nicht auch daran glaubt, das richtige zu tun. Viel interessanter ist die Erkenntnis, dass bei einer Großzahl der NoPEGIDA-Teilnehmer*innen nicht traditionell linke Einstellungen zu finden sind, sondern „frühliberale Leitideen und frühbürgerliche Identitäten“  festzustellen sind .

Ein immer wieder auftretender Leitgedanke ist die positive Bezugnahme auf Staatsbürgerschaft und eine daraus abgeleitete Verantwortung die Demokratie zu verteidigen und sich für das Gelingen der Gesellschaft zu engagieren. Typisch linke Positionen wie ein genuiner Antifaschismus sind demgegenüber zwar auch vertreten, aber in der Minderzahl und nur in Dresden dominant. Auch wird die relative Offenheit von NoPEGIDA hervorgehoben. So sei hier kein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken zu beobachten, sondern eher ein kritisches Abwägen. Diese generelle Position spiegelt sich auch wieder, wenn die Medien keinesfalls als „Lügenpresse“, sondern eher als kritisches Korrektiv wahrgenommen werden (wenngleich auch hier Kritik geübt wird, diese aber weitaus differenzierter als bei PEGIDA ausfällt), oder dem Job des Berufspolitikers durchaus Achtung entgegen gebracht wird.

Es bleibt also festzuhalten, dass diese Studie definitiv einen Mehrwert hat, indem sie ein klares Licht darauf wirft, wer sich an NoPEGIDA beteiligt und darüber hinaus, die sehr unterschiedlichen Dimensionen und Herangehensweisen der Akteur*innen in den Gesamtkontext der jeweiligen Stadt einbettet. Von der rein wissenschaftlichen Perspektive her, ist das Buch also vorbehaltlos zu empfehlen.

Es bleibt aber die Frage, ob man knapp zwanzig Euro für eine sozialwissenschaftliche Studie ausgeben möchte. Ich kann mir gut vorstellen, dass der ein oder andere enttäuscht ist, wenn er oder sie in der Erwartung einen journalistischen Text in Händen zu haben, ins Inhaltsverzeichnis schaut und die Strenge einer wissenschaftlichen Studie vorfindet. Ganz unabhängig von der Debatte um die Frage, ob wissenschaftliche Forschung nicht generell frei zugänglich sein sollte (Ja!), könnte der Transcript-Verlag zumindest darauf hinweisen, um keine falschen Erwartungen zu wecken.


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Ist das Buch also zu empfehlen? Ja, aber. Wer sich für Protest- und Bewegungsforschung interessiert bzw. am Phänomen der NoPEGIDA-Bewegung(en) Interesse hat und sich nicht vom nüchtern-wissenschaftlichen Ton abschrecken lässt, kann hier zugreifen. Der Preis von 19,99€ für das Paperback bzw. 17,99€ für das E-Book erscheint allerdings mindestens grenzwertig und wer über einen Zugang zu Universitätsbibliotheken hat, sollte wohl lieber diesen vorziehen. Es ist kein Buch, dass man sich unbedingt repräsentativ in den Schrank stellt, oder in dem man nach der Arbeit noch ein wenig schmökert, sondern ganz einfach Wissenschaft. Dafür aber gut gemachte – nachvollziehbar erarbeitet und interessant eingeordnet .


Wir danken dem transcript Verlag für die Überlassung eines E-Book-Rezensionsexemplars.

Unbenannt

Stine Marg, Katharina Trittel, Christopher Schmitz, Julia Kopp, Franz Walter: NoPEGIDA – Die helle Seite der Zivilgesellschaft?, erschienen Anfang April 2016 im Transcript-Verlag in der Reihe ‚X-Texte‘, 19,99€ (Paperback)/17,99€ (E-Book), 168 Seiten.

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