Mein gelobtes Land?!

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Anhand menschlicher Geschichten führt Ari Shavit uns die wechselvolle Entwicklung Israels vor, ohne die Schwierigkeiten, die dabei immer wieder auftauchten außer Acht zu lassen. Ein starkes Buch, das seine Schwächen nicht versteckt.

Eine Rezension von Sebastian Kunze

Die Sonne taucht das Land vor mir in ein seicht rötliches Licht. Die fünfstöckigen Gebäude strahlen in dieser Abendsonne und der Sand, die Hügel, die Felsen, die sich dahinter in die Weite strecken, haben etwas Anmutiges in diesem Licht. Der Horizont wird von einer Bergkette zerschnitten, doch den See erkenne ich gut. Er sieht so nah aus und doch entdecke ich auf der Landkarte keinen verzeichneten See. Später werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass es sich keineswegs um einen See handelt, sondern tatsächlich um das Tote Meer. In diesem Moment begriff ich: von Toten Meer zum Mittelmeer ist es nicht weit; Israel ist an der schmalsten Stelle nur knapp 13 Kilometer breit. Damit ging mir die Bedeutung der Debatte um die sogenannte strategische Tiefe so richtig auf. Obwohl ich oft durch das Land gereist bin, ging es mir erst hier an meinem Fenster in Jerusalem vollkommen auf.

Mit seinem Buch Mein gelobtes Land schafft es Ari Shavit ähnliche Effekte zu erzeugen. Der Haaretz-Journalist lässt die Zwiespältigkeit der Geschichte Israels plastisch und menschlich werden. 2015 erschien Shavits Buch im Bertelsmann Verlag und wurde noch im gleichen Jahr in den Katalog der Bundeszentrale für politische Bildung aufgenommen und damit auch dort erhältlich. In 16 Kapiteln führt uns Shavit durch die Geschichte Israels, wie er sie sieht; eine Einleitung hat er vorangestellt und das Kapitel Am Meer beschließt das Buch. In diesem letzten Kapitel ist der Autor auf den Spuren seines Vorfahr Herbert Bentwich unterwegs und reflektiert über die Situation und Entwicklung Israels.

Shavits Buch liest sich flüssig und angenehm, was vor allem an seinem journalistischen Stil liegt. Auf dieser Ebene ist das Buch leicht zugänglich. Leider ist es inhaltlich etwas voraussetzungsvoller, da Shavit zwar die Geschichte seines Landes pointiert erzählt, doch Menschen, die sich zum ersten Mal damit beschäftigen, dürften Probleme haben, alles sofort zu erfassen. Dazu bietet sich die Lektüre weiterer Bücher an. Shavits journalistischer Impetus hat allerdings einen Nachteil: besonders in den hinteren Kapiteln schlägt er zum Teil einen moralisierenden Ton an. Er richtet Appelle an die Lesenden, die so auch in Zeitungsartikeln stehen – meiner Meiner nach hätte er sie ruhig weglassen können.


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Doch diese eher negativen Punkte sollen nicht das Lob an seiner eingänglichen Sprache verringern; hinzu kommt das der Autor trotz seines chronologischen Vorgehens Themen aufgreift, die in anderen allgemeinen Einführungen wenig vorkommen. So führt er am Beispiel Ariyeh Deris die Entwicklung und Situation der Sfaradim, damit sind zumeist Juden oder ihre Nachfahren aus arabischen Ländern gemeint, in Israel vor – ein sehr gelungenes, spannendes und einfühlendes Kapitel.

Die ersten Kapitel stechen besonders hervor, da sie die Vor- und Frühgeschichte des Staates Israel veranschaulichen und erfahrbar machen. Shavits narrative Episoden tragen dazu positiv bei: er spricht über Menschen, über ihre Handlungen und das treibt das Buch voran. Dabei berücksichtigt er eine wichtige Regel von Historikern, denn er bleibt in der jeweiligen Zeit und schreibt nicht aus heutiger Perspektive.

Die hinteren Kapitel lassen leider etwas nach, obwohl hier auch von Menschen und ihrer Aktivität die Sprache ist. Man merkt, dass er hier öfter auf Vorlagen aus seiner journalistischen Tätigkeit zurückgreift, sie nähern sich oberflächlichen Reportagen und entfernen sich von den eindringlichen Portraits des Anfangs.

Ein Beispiel wäre das Kapitel Occupy Rothschild – schon die Überschrift verspricht etwas, was das Kapitel nicht wirklich einlöst. Die ersten 20 Seiten erzählt er die Geschichten von sehr erfolgreichen Unternehmern; einem aus dem produzierenden Gewerbe und einem aus der digitalen Wirtschaft. Erst in der Reflexion, die er zwei Wirtschaftswissenschaftler vornehmen lässt, kritisiert einer davon, die negativen Entwicklungen, die das israelische Wirtschaftswachstum mit sich brachte: zu wenige profitierten davon. In diesem Zusammenhang bleibt die Zahl von knapp 20% der Bevölkerung, gut 1,7 Millionen Menschen, darunter 776.000 Kinder, die unterhalb der Armutsgrenze lebt leider unerwähnt. Diese Zahlen, die in den letzten Jahren in der israelischen Diskussion immer wieder präsent waren, hätte dem kritischen Teil der Geschichte gut getan. Occupy Rothschild ist die Bewegung, die 2011/12 gegen die sozialen Missstände in Israel demonstrierte und die größte Demonstration in der Geschichte Israels auf die Straße brachte (in Tel Aviv nahmen bis zu 400.000 daran teil). Dieser, für das Kapitel namensgebende, Protest nahm darin 3 Seiten ein und ist vor allem eine Geschichte über einen der Köpfe der Proteste.

Wieso die Proteste so schnell wieder verebbten und sich auch wenig in politischer Hinsicht tat, wird leider nicht angesprochen.


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Die sonst abstrakt gehaltene Geschichte von der Gründung des Staates beschreibt Shavit allerdings hervorragend. Am Beispiel der Siedlung Ben Shemen, die später ein Kibbuz wurde, und der nahegelegenen Stadt Lydda (heute Lod) zeigt Shavit das jüdisch-arabische Leben vor und während der Staatsgründung. Nach anfänglich guten Beziehungen verschlechtern sie sich von beiden Seiten immer mehr. Während des 1947 einsetzenden Bürgerkrieges im britischen Mandatsgebiet Palästina, werden die Übergriffe immer brutaler. Aus den Perspektiven von jüdischen Siedlern, Haganah Mitgliedern und späteren Soldaten der israelischen Armee, wie auch aus der Sicht von damaligen arabischen Bewohnern der Stadt, werden die dramatischen Ereignisse in Lydda von 1948 erzählt. Dabei spielt nicht nur das Massaker an 200 Zivilsten und die anschließende mehr indirekte als direkte Vertreibung der Bewohner eine Rolle, sondern auch, die Erfahrungen der Soldaten; Shavit versucht in Interviews, ihr Innenleben zu ergründen. Er versucht zu verstehen, was in Lydda passiert ist und warum – entschuldigen will er allerdings ebenfalls nichts. So schafft es Shavit die palästinensische Nakba zu thematisieren und stellt gleichzeitig den Widerspruch dar, dass es diese wohl hat geben müssen, um den Staat Israel, den jüdischen Staat gründen zu können. Damit beschreibt Shavit einen Widerspruch, der jedem Nationalstaat inhärent ist: er wurde mit Gewalt geschaffen. In Deutschland und vielen anderen Ländern ist der Gewaltakt und das Töten verdrängt worden, oder es ist nicht klar, dass der Nationalstaatsprozess nur mit Gewalt einhergehen kann. In Israel und Palästina ist es hingegen Dauerthema. Ohne zu moralisieren legt Shavit den Finger in die Wunde und weiß selbst nicht, was genau zu tun ist; es könnte symbolisch für den israelisch-palästinensischen Konflikt verstanden werden.

Ari Shavit nimmt uns mit auf eine Reise durch Zeit und Raum. Eine Reise durch die Geschichte des Staates Israels und er schafft es, sie feinfühlig und lebendig zu gestalten. Wir treffen sehr unterschiedliche Menschen und sie alle haben uns etwas über die Geschichte dieses kleinen Landes im Nahen Osten zu erzählen. Diese reflektierte und aufgeklärte Reise stellt uns nebenbei die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in Israel und ihre Situation vor, wobei Shavit nicht zu kritisch gegenüber seiner eigenen Gesellschaft wird. Dennoch stimmt es, was schon viele über dieses Buch geschrieben haben: es ist ein gutes Buch, ein lesenswertes Buch, es sollte aber nicht das einzige sein, was Sie über Israel lesen.

Mein gelobtes Land von Ari Shavit
Ari Shavit: Mein gelobtes Land © Bertelsmann Verlag

Ari Shavit – Mein gelobtes Land. Triumph und Tragödie Israels. 591 Seiten. Bonn, 2015 (Lizenzausgabe der BpB): 4,50€. (Link zur BpB)

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