Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm das will: Ende Gelände und die Lausitz

3

Keinen Post mehr verpassen? Folge uns auf Facebook oder Twitter!

Die Frontlinie zwischen Kohlebefürworter*innen und –gegner*innen verläuft dieser Tage durch die Lausitz, wo das Aktionsbündnis ‚Ende Gelände’ einen Tagebau besetzt und so die Arbeiten dort zum Erliegen gebracht hat. Aus Sicht des Autors ist das ein Fehler – genauso wie die Pro-Kohle-Haltung der Brandenburger Landesregierung.

Ein Kommentar von Jan Schaller

Im letzten Jahr noch eher mäßig verlaufen und schnell von der Polizei beendet, feiert das Bündnis ‚Ende Gelände’ dieser Tage in ihren Augen spektakuläre Erfolge. Tagebau gestürmt, Bagger besetzt, Nachschub abgeschnitten, Kraftwerksleistung reduziert – mehr geht nicht. Begleitet wird das Spektakel dabei von allen großen Medien. Dass das kleine Welzow mal so viel Aufmerksamkeit erfährt, hätte es wohl nicht für möglich gehalten.

Ende Gelände ist dabei laut eigener Aussage (Homepage) ein Zusammenschluss von Umweltaktivist*innen mit diversen Hintergründen, beispielsweise dem Anti-Atom-Protest, umweltpolitischen Graswurzelinitiativen und natürlich der Anti-Kohle-Bewegung.

Das Anliegen des Bündnisses ist klar und deutlich: Schluss mit Kohleverstromung und den daraus resultierenden Umweltschäden. Dass das eine wichtige Forderung ist, teile ich in jedem Fall. Braunkohle ist ein äußerst dreckiger Energieträger und ihr Abbau bringt noch ganz andere Problematiken mit sich.

Ich bin selbst gebürtiger Lausitzer, kenne die Thematik also von Kindesbeinen an, noch dazu da meine Familie zum Teil für Kohlekonzerne arbeitet oder gearbeitet hat. Tagebaue sind für mich Alltag und auch die Umsiedlung ganzer Dörfer, die für den Bergbau weichen mussten, kenne ich aus nächster Nähe.

Kohle war und ist in der Lausitz omnipräsent. Vattenfall ist der mit Abstand größte und wichtigste Arbeitgeber der Region, die sonst nicht allzu viele gut bezahlte Jobs zu bieten hat. Hinzu kommen die Stellen, die indirekt an der Kohle hängen. Dass der Kohleabbau vor Ort also primär positiv gesehen wird, hat vor allem finanzielle Gründe. Vattenfall hat sich da auch nicht lumpen lassen: hier mal eine neue Sporthalle für den Dorfverein, dort ein Bürgerzentrum und natürlich das langjährige Sponsoring für den lokalen Fußballverein Energie Cottbus. Dass der Abbau von fossilen Brennstoffen mit all seinen Begleiterscheinungen (z.B. der Verschmutzung des Grundwassers) und der (wenn auch mit finanziellen Entschädigungen verbundenen) Zwangsumsiedlung ganzer Dörfer keine Zukunft haben kann bzw. sollte, scheint auf der Hand zu liegen. Dass es ernsthafte Überlegungen gibt, die Braunkohleförderung bis mindestens 2050 zu verlängern, erscheint grotesk – und ist doch die Linie der Brandenburger SPD, als auch eine durchaus weit verbreitete Meinung untern den Brandenburger*innen.


Keinen Post mehr verpassen? Folge uns auf Facebook und Twitter!


In meinen Augen sollte man die Energie, die man für den Erhalt der Kohle aufwendet, lieber in einen Strukturwandel stecken, um den die Lausitz früher oder später sowieso nicht umhinkommt. Die Energiewende böte eine riesige Chance, sich als Vorreiter auf diesem Gebiet zu etablieren. Die Technische Universität in Cottbus ist renommiert genug, um als Technologieschmiede aufzufallen, dazu kommt die jahrzehntelange Erfahrung mit Energiegewinnung und nicht zuletzt die sehr dünne Besiedlung, die Brandenburg geradezu wie geschaffen macht für große Wind- und Solarparks.

Dass man das nicht sehen möchte, sondern permanent rückwärtsgewandt agiert ist schade und könnte der Region in einigen Jahren noch schmerzhaft auf die Füße fallen.

Dass ‚Ende Gelände’ diesen Protest inszeniert ist also im Grunde absolut richtig. Allein die Form halte ich für einen Fehler. Der Protest ist auf Spektakel ausgerichtet, auf Medienwirksamkeit und starke Bilder. Natürlich wird man Vattenfall einen nicht unerheblichen Schaden einbrocken, aber wird das nachhaltig etwas ändern? Ich denke kaum. Die Antiatombewegung ist dabei ein schlechter Vergleich, da vom Atomstrom nicht der Arbeitsplatz tausender Menschen abhing und auch die Gefährdungslage völlig anders war sowie die Kosten für Transport und (End)Lagerung entfallen. Die ‚Ende Gelände’-Aktivist*innen verfolgen das richtige Ziel, schlagen aber einen falschen Weg ein. Sie vergessen schlichtweg die Komponente der sozialen Gerechtigkeit. Soll man den Menschen, die bei Vattenfall und Co. arbeiten, kündigen und von heut auf morgen die Kraftwerke zumachen? Das geht natürlich nicht. Gleichzeitig steht der Protest von ‚Ende Gelände’ für einen unschönen Paternalismus. Man meint es besser zu wissen, als die lokale Bevölkerung. Und klar, oft bedarf es einer Perspektive von außen, um gesellschaftliche Missstände zu benennen und zu bekämpfen. Der Kampf gegen Rechts ist hier das beste Beispiel.

Hier ist das Problem jedoch anders gelagert. Man könnte sich auch mit lokalen Initiativen zusammenschließen, denn die gibt es.

Man könnte diese Initiativen unterstützen und hinsichtlich der Kampagnenarbeit beraten. Man könnte sich auf diese Weise lokal und nachhaltig für einen gelingenden (und notwendigen!) Strukturwandel einsetzen, der neben der umweltpolitischen auch die soziale Dimension einschließt.

Das wäre wohl die sinnvollere Lösung. Aber eben auch die, ohne beeindruckende Bilder für die eigene Facebook-Seite oder überregionale Medien.


Keinen Post mehr verpassen? Folge uns auf Facebook und Twitter!


3 KOMMENTARE

  1. deinen Blog habe ich jetzt erst durch diesen Kommentar neu kennengelernt und bedanke mich schonmal für das Betreiben dieses kritischen Blogs!
    Deine Gedanken kann ich durchaus sehr gut nachvollziehen.
    Ich denke aber, dass diese Vernetzungsarbeit für einen echten Strukturwandel von unten nicht durch Aktionen, sondern eben durch Kontakte im laufenden Alltag entstehen muss. So ein Networking ist wichtig und ich finde, dass du damit auch einen nötigen Schritt zu echter Veränderung die langfristig sein kann, ansprichst.

    Damit allerdings lässt sich schwerlich eine Klimabewegung anzetteln – und erst recht keine internationale. Deshalb denke ich, dass es richtig war – gerade in Bezug auf die Entscheidung der schwedischen Regierung – für eine solche Bewegung den startenden Aufruf zu verfassen. Aus der nun bei „Ende Gelände“ gezeigten Energie kann sich die Pro-Wandel eingestellte Bevölkerung mit neuer Kraft in der Region engagieren und weiß, dass sie auf breite Ungerstützung bauen kann. Denn der Bewegung geht es ja gerade um (Klima-)Gerechtigkeit für ALLE und da schließe ich die Lausitzer Bevölkerung mit ein.
    Wenn jetzt noch Menschen aus der Graswurzelbewegung die Leute vor Ort in ihren Kämpfen unterstützend beraten und vielleicht sogar mit ihnen Konzepte für die Befreiung von der Kohle mitentwickeln würden, könnte der Schwung dieses Pfingstwochenendes genutzt werden, um genau das voranzutreiben, was du zurecht als (noch) fehlend bemängelst.

    Ich glaube allerdings, dass sich zur Beratung evtl. auch eher andere Menschen aus den Bewegungen selbst anbieten würden als diejenigen, die nun gerade mit viel Engagement „Ende Gelände“ auf die Beine gestellt haben. Denn dieses Orga-Team hat diese Aktionsform gewählt und – gemessen an meinem Erleben und dem medialen Interesse – durchaus Erfolg damit gehabt.

    Auf der Betonpyramide der einen Gleisblockade auf den Schienen stand geschrieben: „Ihr wollt uns begraben, doch ihr wisst nicht,
    dass wir SAMEN sind!“
    Vielleicht kann Ende Gelände eine Art Samen sein, aus dem genau die Energie für einen ganzheitlichen Strukturwandel gezogen werden kann. Ich solidarisiere mich mit allen in der Lausitz lebenden Menschen und hoffe, dass es den langfristig Denkenden und Weltoffenen unter ihnen gelingen wird, sich zusammenzuschließen, sich (weiter) selbst zu organisieren und sich die Unterstützung zu verschaffen, die sie aus den Bewegungen, von Einzelpersonen oder Organisationen benötigen.
    Ihr seid nicht allein! Soziale Probleme sind Probleme des gesellschaftlichen Miteinanders und wir werden es gemeinsam schaffen, uns unabhängig von kapitalstarken Konzernen wie Vattenfall zu machen.
    Eine andere Welt ist möglich!

    Auf dass der Samen aufgehe und die Pflanze des Wandels wachsen möge…

    -> die Monatszeitung für Selbstorganisation „contraste“ kann ich übrigens sehr empfehlen: http://www.contraste.org

    • Hallo und vielen Dank für den interessanten und ausführlichen Kommentar sowie den Hinweis! Ich kann deine Argumentation gut nachvollziehen und denke auch, dass wir da gar nicht so weit auseinander liegen. Mir ging es ja v.a. um das (komplexe) Gesamtbild und die in meinen Augen unterkomplexe Antwort von Ende Gelände, gleichzeitig aber auch um die, wiederum in meinen Augen, falschen Antworten, die gerade auf politischer Ebene in Brandenburg/der Lausitz gegeben werden. Ich glaub schon,d ass Aktionen wie diese, hilfreich sein können und ihre Berechtigung haben – sofern sie von anderen Aktionsformen begleitet werden.

      Danke auch für den Hinweis auf die Monatszeitung, ich werde mir das mal anschauen. Ansonsten freut es mich, dass du den Weg zu uns gefunden hast und hoffe, dich bald wieder als Leser*in/Kommentator*in begrüßen zu können.

Kommentar verfassen