Geschichtsschreibung in Trümmern

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‚Mythos Trümmerfrauen’ wirbelt Staub auf. Es hinterfragt weitverbreitete und liebgewonnene Bilder von Frauen als alleinigen und selbstlosen Trümmerräumerinnen und Aufbauhelferinnen in der deutschen Nachkriegszeit. Alles nur eine große Lüge? Oder bleibt etwas vom Bild der Trümmerfrau, das zu einem der Kernmotive der bundesdeutschen Erinnerungslandschaft gehört?

Eine Rezension von Jan Schaller

Wo wäre Deutschland nur ohne die Trümmerfrauen? Hätte es den Neustart nach `45 je gegeben? Das westdeutsche Wirtschaftswunder? Den Wiederaufstieg zu einer der weltweit führenden Nationen? Wenn man den gängigen Erzählungen glaubt – nein. Die Trümmerfrauen waren es, die Deutschland wieder aufbauten, denn Männer gab`s ja keine mehr. Nur durch ihre unermüdliche und selbstlose Arbeit konnte Deutschland zu dem werden, was es heute ist.

Aber stimmt das? Folgt man Leonie Treber, Historikern an der Uni Darmstadt, stimmt es nicht. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen gut aufgebauten Mythos. So heißt dann auch die von ihr vorgelegte Monografie – „Mythos Trümmerfrauen – Von der Trümmerbeseitigung in der Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes“. Ihre These macht sie dabei sehr schnell, sehr deutlich: Es gab keine Trümmerfrauen, die überall im Land und im Alleingang den Weg in eine goldene Zukunft freigeräumt hätten. Viel eher waren Trümmerfrauen ein regionales Phänomen und auch dann nur eine von mehreren Gruppen, die am großen Aufräumen beteiligt waren. Alles andere ist das Produkt einer in Ost und West sehr unterschiedlich verlaufenen Erinnerungsproduktion, die letztendlich im heute verbreiteten Bild mündete.


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Die knapp 200 Seiten stellen dabei eine gekürzte Form ihrer Dissertation dar und sind mit vielen eindrücklichen Bildern und einem ausführlichen Quellenverzeichnis angereichert. Treber gliedert ihr Buch in fünf Kapitel, wobei inhaltlich eher eine Dreiteilung wahrzunehmen ist. Die kontroversesten Aussagen packt sie dabei gleich ins erste Kapitel, in dem sie ohne große Umschweife Zahlen und Statistiken liefert, die nachweisen sollen, dass Trümmerfrauen kein flächendeckendes Phänomen waren. Dafür zieht sie die Ergebnisse ihrer Archivforschungen für die Städte Berlin, Dresden, Magdeburg, Frankfurt (Oder), Kiel, Duisburg, Jülich, Saarbrücken, Freiburg, Nürnberg und Frankfurt (Main) heran und belegt anhand von Aktenvermerken, Bildern und Archivmaterial, dass sehr unterschiedliche Gruppen beim Enttrümmern beteiligt waren. Insbesondere hebt sie hervor, dass frühzeitig Bauunternehmen und damit technisches Gerät zur Räumung eingesetzt wurden. Wenn Frauen tatsächlich die Aufgabe übernahmen, handelte es sich wiederum nicht um die freudestrahlenden, selbstlosen Frauen, die auf den Bildern zu sehen sind, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Stattdessen handelte es sich oftmals um ehemalige NSDAP-Mitglieder, die zur Strafe Steine klopfen mussten oder um Frauen, die sich Lebensmittelkarten erhofften und nur deshalb dieser schweren Arbeit nachgingen. Einzig für Berlin gesteht Treber zu, dass die Lage tatsächlich von Frauen dominiert wurde.

Im zweiten, sehr kurzen Abschnitt geht Treber dann auf die direkte Nachkriegszeit ein. Sie legt dar, wie die rhetorische Figur der Trümmerfrau vor allem in der Sowjetischen Besatzungszone und der daraus hervorgehenden DDR als Musterbeispiel für die sozialistische Frau konstruiert wurde. In den westlichen Zonen hingegen fristete sie eher ein Nischendasein.

Der letzte Abschnitt des Buches, der sich aus drei Kapiteln zusammensetzt, erörtert dann ausführlich die verschiedenen Erinnerungslinien in Ost und West sowie die Frage, wie die scheinbar vergessene Trümmerfrau auch im Westen zu einem festen Bestandteil des Erinnerungskanons werden konnte. Dass dies nicht von Anfang an geschah, schreibt die Autorin vor allem zwei Tatsachen zu: dem deutlich geringeren Umfang, in dem Frauen tatsächlich an der Trümmerräumung beteiligt waren und am Frauenbild in der Bundesrepublik, welches stolz darauf verwies, dass im guten Westen die Frauen nicht so hart arbeiten müssten, wie ihre armen Schwestern in ‚der Zone‘. Dass die DDR diese Zuschreibung umdrehte und stolz auf die unabhängigen, emanzipierten Frauen verwies, ist dabei eine andere Geschichte.

Treber identifiziert für die Bundesrepublik die in den 1980er Jahren aufkeimende feministische Geschichtsforschung, sowie die politische Auseinandersetzung über Rentenbezüge als die zwei Faktoren für eine Wiedererweckung der ‚Trümmerfrau‘ im kollektiven Gedächtnis. Die feministische Forschung soll die Trümmerfrauen wieder aus der intellektuellen Versenkung geholt haben; die Rentendebatte für eine breite Rezeption in der Öffentlichkeit gesorgt haben.

So sei in den späten 80er und frühen 90er Jahren ein gesamtdeutscher Erinnerungsort entstanden, wie es die Autorin im Untertitel nennt, der durch öffentlichkeitswirksame Reden von u.a. Helmut Kohl weiter verfestigt wurde.

Das Buch stellt dabei eine hochinteressante und – liest man beispielsweise die Rezensionen auf Amazon – äußerst kontroverse Einordnung eines historischen Phänomens dar. Natürlich kann ich hier nicht die Forschung als solche bewerten, da ich kein Historiker bin, die vollständige Dissertation nicht kenne und auch bei der Wiedergabe der Quellen auf die Autorin vertrauen muss. Allerdings erscheint es mir als eine sehr gut recherchierte und fundierte Arbeit, die an allen Ecken und Enden von Aktenmaterial, Archiveinträgen und Zeitungsartikeln unterstützt wird. Ebenso erscheint der grundlegende Zweifel an der Alleinverantwortlichkeit von Frauen für die Trümmerräumung als sehr plausibel. Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass die Beseitigung von zig Milliarden Kubikmetern Schutt nur von Hand, nicht aber durch Großgerät geschah? Und dann auch noch freudestrahlend und aus freien Stücken heraus, wie es uns die offizielle Erinnerungspolitik glauben machen soll? Hinzu kommt Trebers Hinweis, dass das Frauenbild des Nachkriegsdeutschlands nicht gerade emanzipativ war und es deshalb in dieser Logik eigentlich viel mehr Sinn macht, wenn Frauen von öffentlicher Arbeit ferngehalten werden.

Etwas holpriger wird ihre Argumentation, wenn es um den Wiedereinzug in die öffentliche Debatte geht. Gerade ihr Punkt zur feministischen Geschichtsschreibung erscheint nicht schlüssig. Beispielsweise spricht Treber von 9000 Exemplaren, die vom einflussreichsten Buch aus dieser Bewegung verkauft wurden. Wenn man nun bedenkt, dass davon ein beträchtlicher Teil innerhalb der feministischen Szene gelandet sein dürfte, halte ich es für unwahrscheinlich, dass diese Bücher einen gesellschaftsweiten Einfluss hatten. Hier würde ich mir eine tiefergehende Forschung wünschen und man meint zu merken, dass der Fokus der Forschung auf den (tatsächlichen) Umständen der Trümmerräumung lag.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es der Autorin gelingt ein relevantes Forschungsthema so aufzubereiten, dass auch Leser*innen ohne Studium der Geschichtswissenschaften einen spannenden Einblick zu erhalten. Bettlektüre ist das Buch deswegen natürlich nicht, stellt es doch nach wie vor eine, wenngleich bearbeitete, Dissertation dar. Gerade der erste Teil liest sich mühsam und ist von vielen Einzelstatistiken und -fällen geprägt, damit ein umfassendes Bild gezeichnet werden kann.

Hat man sich aber erst einmal durch diesen ersten Teil gekämpft, wartet dahinter ein Lehrstück für das Schreiben von Geschichte sowie die vielen diskursiven Prozesse und Ebenen, die dazu beitragen, ob ein Phänomen in der kollektiven Erinnerung verbleibt, verschwindet oder eben konstruiert wird.

Leonie Treber, Mythos Trümmerfrauen – Von der Trümmerbeseitigung in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes, 2015, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 190 Seiten, 4,50€.


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